Papa sein und Karriere machen? Ein Drama in fünf Akten

Mein Arbeitgeber will familienfreundlich sein. Ich glaube ihm sogar, dass er das will.Aber ich will auch sportlich und schlank sein und habe gemerkt: Wollen allein reicht nicht. Und selbst das Wollen ist begrenzt, das musste ich bei der Arbeit feststellen. Das Drama in fünf Akten (und Nachspiel)...

 

"Als Vater hin und her gerissen zwischen den Prioritäten Job und Familie" - Bildrechte: 2KindChaos

 

1. Akt: Ohne Kinder

Mein Job ist eigentlich ein guter. Ich darf kreativ sein, er ist vielseitig, das, wofür ich arbeite, macht Sinn. Mit entsprechend viel Engagement und Vorfreude habe ich ihn begonnen. Und es hat auch wirklich Spaß gemacht. Die neuen Ideen, die ich einbringen durfte. Die ersten Erfolge. Die Auslandsreisen mit den unglaublichen Erfahrungen. Natürlich gab es auch Wermutstropfen: Ein Team, das fachfremd, demotiviert und überfordert ist, das alles Neue extrem misstrauisch betrachtet. Zu viel Arbeit, sodass immer was liegenbleibt. Die Auslandsreisen, die mich für mehrere Wochen von meiner Frau trennten. Aber es war irgendwie zu schaffen. Und auf meine Arbeit habe ich positives Feedback bekommen.

 

2. Akt: Das erste Kind kündigt sich an

Maple ist ein Wunschkind. Wir wollten Kinder, und auch der Zeitpunkt passte: Wir beide im Job angekommen, die Pärchenzeit genossen, gerade noch bei einem Seminar einige psychische Blockaden aufgebrochen: Alles bereit. Aber schon der Anfang hatte es in sich, und zwar nicht positiv. Freitag positiver Schwangerschaftstest, Samstag Abflug zur dreiwöchigen Dienstreise nach Afrika. Meiner Frau ging es übelkeitsmäßig äußerst bescheiden, und ich war nicht da. Da bekamen wir den ersten Vorgeschmack darauf, wie sehr Familienleben und Job aufeinanderknallen können. Es war leider erst der Anfang.

Meiner Frau ging es leider acht von neun Monaten der Schwangerschaft schlecht – so schlecht, dass sie teilweise Infusionen bekommen musste, weil sie keine Nahrung mehr zu sich nehmen konnte. Ich war so gut es geht für Sie da, was aber hieß, dass ich früher von der Arbeit nach Hause ging oder sie morgens zum Arzt begleitete und das abends nachholte. Die ersten komischen Blicke bei der Arbeit ließen natürlich nicht lange auf sich warten – in meinen Team tummeln sich außer mir nur kinderlose Frauen, alle älter als ich. Und auch von der Leitung des Hauses spürte ich, dass sie darauf hofften, dass die Schwangerschaft und die für direkt danach angekündigten zwei Monate Elternzeit bald vorbei wären und ich endlich voll wieder da und mit den Gedanken nicht mehr zu Hause. War das naiv...

 

3. Akt: Maple ist da

Und dann war sie da, unser erstes Wunder, Maple. Wir liebten sie so sehr, vom ersten Moment an. Aber leider war sie nicht gesund. Mit drei Wochen fing sie zu schreien an, wir dachten natürlich erst an nichts Böses, aber sie schrie und schrie und schrie vor Schmerzen. Und dann hatte sie auch noch eine sehr ausgeprägte Hüft-Dysplasie, sodass sie gegen jeden Bewegungsdrang in ein enges Geschirr eingesperrt wurde. Natürlich ging ich nach den zwei Monaten wieder arbeiten, so war er ja ausgemacht, aber ebenso natürlich war es utopisch, dass ich meinem Arbeitgeber mit voller Arbeitskraft zur Verfügung gestanden hätte.

Wir schliefen in den Nächten vielleicht drei Stunden, wenn wir uns abwechselten, und dazu die immense körperliche Anspannung, das Nichtexistieren von Pausen, der nervliche Stress, dass sie auch tagsüber nur schrie und schrie und schrie. Ich ging mit extremer Anspannung zur Arbeit und jeden zweiten Tag brach ich sie ab, weil meine Frau –  kurz vor dem Zusammenbruch – mich anflehte, nach Hause zu kommen. Mein Arbeitgeber reagierte äußerst verständnisvoll, ich war überrascht. „Familie geht vor“, sagte mein Chef wortwörtlich. Ich war sehr, sehr dankbar dafür.  Dabei ist es doch eigentlich eine Selbstverständlichkeit.

Die Situation blieb noch mehr als ein halbes Jahr unverändert, sie spitzte sich sogar so zu, dass ich nach acht Monaten ein solches nervliches Wrack war, dass ich acht Wochen krankgeschrieben wurde. Dann geschah das Wunder: Maple ging es besser. Meiner Frau ging es besser. Und mir ging es auch besser. Ich fing wieder an zu arbeiten und war schon nach wenigen Wochen wieder auf dem alten Leistungslevel. Allerdings – so war es geplant für Maples zweites Lebensjahr – wechselte ich wenig später auf eine halbe Stelle. Der Arbeitgeber hatte vor Maples Geburt zugestimmt.

Mir ging es gut mit der halben Stelle. Meinem Team nicht. Keiner außer mir war fähig, Entscheidungen zu treffen, und so habe ich an meinen zwei freien Tagen abends wieder am Computer gesessen und E-Mails geschrieben. Immerhin: Es lief. Aber, so sollte ich merken, das vorgesehene Pensum an Familienfreundlichkeit bei der Arbeit war so langsam aufgebraucht. Daran änderte auch nichts, dass ich bei einer Notsituation einen Monat lang Vollzeit bei halbem Gehalt gearbeitet habe. Das wurde als selbstverständlich hingenommen. Mein Chef aber sagte mir ins Gesicht: „Ich kann mich ja gar nicht auf Dich verlassen.“ Und mein Personalchef: „Jetzt muss aber auch mal Dein Job Vorrang haben.“

 

4. Akt: Coco kündigt sich an

Ja, es war schon abenteuerlich, das Thema zweites Kind anzugehen, wo doch der Start mit Maple so schwierig war. Aber es ging ihr ja gut mittlerweile, und wir hatten noch mehr Liebe zu verschenken. Und außerdem: Wie groß war die Wahrscheinlichkeit, dass der Start mit einem zweiten Kind noch mal so schwierig werden würde? Bei der Arbeit waren sie weniger enthusiastisch. „Na, Ihr seid aber mutig“, sagte mein Personalchef. „Sind Sie dann wieder weg?“, fragte mein Team. Ich spürte, dass ihnen schon mit den Erfahrungen nach dem ersten Kind gründlich die Lust vergangen war. Klar, sie haben auch viel der Arbeitsbelastung tragen müssen, weil die Leitung nur unzureichend für Ersatz gesorgt hatte. Meine Schuld war das allerdings nicht. Und auch meine Leistung hatte ich in der Zwischenzeit wieder voll erbracht.

Aber dann ging es Maple auch leider wieder schlechter, so, dass wir sechs Wochen vor dem errechneten Geburtstermin von Coco noch mal für zwei Wochen in die Klinik mussten. Ich musste mit, denn meine Frau, hochschwanger mit Vorwehen, hätte Maple dort nicht alleine versorgen können. Meinem Arbeitgeber schmeckte das natürlich gar nicht. Er konnte da nicht verhindern, aber der Unmut wurde immer deutlicher. So hatten sie sich das mit Familienverantwortung nicht vorgestellt. Bei allen anderen Leute mit Personalverantwortung schmiss doch die Frau zu Hause alleine die Familie ...

 

5. Akt: Coco ist da

Aus dem Krankenhausaufenthalt kam ich gar nicht mehr zur Arbeit zurück, denn mittendrin wurde Coco, vier Wochen zu früh, geboren. Die Folge: Eine Woche Intensivstation, und gleich ein Rückschlag für die Hoffnungen auf einen unbeschwerten Beginn. Und dann, nach einigen Wochen, auch bei ihr das gleiche Schreien wie bei Maple. Und bei uns die Anspannung, ob wir auch das Gleiche noch einmal durchleben müssten. Es kam, wie es wohl kommen musste, aber nicht kommen durfte. Ich hatte gerade wieder angefangen, nach den zwei Monaten Elternzeit zu arbeiten, da streckten mich Rückenschmerzen nieder, wie ich sie noch nie erlebt hatte. Ich weinte nachts vor Schmerzen – entzündetes Gelenk im Rücken, knapp an einem Bandscheibenvorfall vorbei. Zwei Wochen Zwangspause. Danach unter Schmerzen wieder zur Arbeit geschleppt. Mein Chef bat mich zum Gespräch: Er habe kein Vertrauen mehr in mich, ich müsse nun die ganzen Fehlzeiten wieder gut machen, er wolle nicht in die Lage kommen, mich nur noch aus arbeitsrechtlichen Gründen zu beschäftigen. Ich sei Leitungskraft, und da erwarte er anderes von mir. Von „Familie geht vor“ keine Rede mehr.

 

Nachspiel: Arbeiten auf Bewährung

Was meinem Chef anscheinend nicht bewusst ist: Ich habe mir diese Situation auch nicht ausgesucht. Ich hätte auch gerne zwei gesunde Kinder, keine Rückenschmerzen und könnte unbeschwert meine Arbeitstage angehen. Mich deswegen unter Druck zu setzen, bringt insofern nichts, als dass es die Situation zu Hause nicht ändert. Außerdem muss ich nichts wieder gut machen, weil ich mir nichts zu Schulden habe kommen lassen. Natürlich war das keine lustige Situation für meinen Arbeitgeber, das weiß ich auch. Aber ich habe ja weder unentschuldigt noch wegen fadenscheiniger Gründe gefehlt, sondern entweder weil es meinen Kindern so schlecht ging, dass sie stationär behandelt werden mussten, oder weil ich selbst vor Schmerzen weder laufen noch stehen noch sitzen konnte.

Und noch eins hat er wohl nicht bedacht. Wie demotivierend sind denn solche Aussagen? Werde ich  wohl noch einmal einen Monat lang voll für ein halbes Gehalt arbeiten? Wohl kaum. Gehe ich so motiviert an neue Projekte? Eher nicht. Das Gegenteil ist der Fall. Das Arbeiten auf Bewährung ist mehr Qual als Lust, vor allem, weil von mir erwartet wird, dass zu Hause nichts mehr passiert, was in irgendeiner Weise meine Arbeit negativ beeinflusst. Aber das ist unrealistisch. Eine solche Erwartung kann ich nicht dauerhaft erfüllen, und ich will es nicht.

Natürlich bringe ich noch meine Leistung. Aber ich sehe mich nun nach einem anderen Job um, vielleicht ohne Leitungsverantwortung und die dazugehörigen unbezahlten Überstunden, nach einem, bei dem ich Familie und Job unter einen Hut bringen kann, auch wenn das Familienleben mich mehr fordert als andere Väter. Ob es woanders besser wird? Ich weiß es nicht. Familienfreundlichkeit beim Arbeitgeber gilt womöglich nur für Vorzeigefamilien. Und nicht für Männer. Und schon gar nicht in leitender Funktion.

Manchmal würde ich lieber ein erfolgreiches, kleines Familienunternehmen führen. 

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Bald sind wir zu viert. Von der Nestbaupanik

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