Baby Led Weaning (BLW) - Essen in seiner schönsten Form

Achtung, ich sage es gleich vorweg. Dieser Beitrag könnte bei manchen so ankommen, als wollte ich von meinem Weg der Säuglingsnahrung überzeugen. Ich muss sagen, ich bin inzwischen etwas verunsichert, wie doll ich eigentlich noch meine Meinung vertreten darf, denn in Bezug auf Babys, Kinder und Erziehung deuten das manche schnell als Einmischung, Beeinflussungsversuch, Bekehrungswunsch oder gar Mütterbashing gegenüber solchen, die es anders machen. Nichts liegt mir ferner. Aber ich möchte (und bin darum gebeten worden), etwas über Baby-led-weaning schreiben, also der Methode, dem Kind übers Selberessen Zeitpunkt und Tempo des Abstillens zu überlassen. Und ich schreibe mit Begeisterung.

 

 

 

Unsere Erfahrung mit Brei

 

Liebe Mütter, ich habe nichts gegen irgendeine von Euch (auch nicht gegen Väter), die Brei füttern, sich an Pläne halten und die Sicherheit, die das bedeutet, mögen. Wir haben es bei unserer ersten Tochter auch so gemacht. Und es war furchtbar. Für uns, in unserer Situation. Meine Tochter schrie nur, Grund waren extreme Bauchprobleme, und irgendwann waren wir so weichgekocht, dass wir einfach alles versuchten. Schlimmer konnte es schließlich nicht mehr werden. Abstillen (was mit der Beikost beginnt) war für mich die allerletzte Option. Ich klammerte mich wie sonst was ans Stillen, waren es doch die einzigen Minuten, in denen das Baby nicht schrie, in denen ich Liebe tanken konnte und in denen sich unser Baby entspannte.

 

Ihr könnt Euch also vorstellen, was Beikoststart für mich bedeutete: Kapitulation, das Ergeben in die offenbar unabänderliche Schmerzsituation unseres Babys, das Aufgeben der Hoffnung, dass irgendwas Anderes noch helfen könnte, und wir hatten zu dem Zeitpunkt schon etwa 40 Maßnahmen und Mittel versucht. Vielleicht waren es auch 80, keine Ahnung. Es tut mir leid, dass ich so aushole, aber alles, was ich schreibe, kann ich nur vor dem Hintergrund meiner Erfahrung schreiben, und so ist das auch einzuordnen. 

 

Als wir uns also entschlossen, mit der Beikost zu starten (im Urlaub, weil dann sicher alles entspannter ist, haha), war ich weit entfernt davon, bereit dafür zu sein. Und mein Baby, damals 5 ½ Monate alt, genauso wenig. Sie bekam zu dem Zeitpunkt einige Medikamente, und ich bin mir sicher, als der erste Löffel Möhrenbrei ihren Mund erreichte, dachte sie nur, das sei noch ein weiteres Medikament, bevor sie endlich an die Brust durfte. Ohne zu übertreiben: Wir mussten den vor Schreien offenen Mund nutzen, um den Löffel reinzustecken. Sie schrie um ihr Leben, wand sich. Es war offensichtlich. Sie wollte das nicht. Und mir brach fast das Herz dabei. Irgendwie haben wir uns durchgekämpft, haben es geschafft, irgendwann war der Brei normal, und sie aß ihn auch. Wir ließen nach Plan alle vier Wochen eine Stillmahlzeit mehr weg und ersetzen sie mit dem für die Tageszeit vorgesehenen Brei, bis es geschafft war.

 

 

Zum Vergleich: Selbstbestimmt und verliebt in Essen

 

Ich kannte Baby-led-weaning gar nicht. Ich las es irgendwann in einem Twitter-Kommentar bei Esther Uiuiui. Ich googelte und wusste sofort: Das ist das Gegenteil von dem, was wir bei unserer ersten Tochter gemacht haben. Ich stillte und stille immer noch, mit 10 Monaten, mit großer Hingabe. Bei Frida bin ich mit Langzeitstillen in Kontakt gekommen. Als ich das erste Mal sah, wie sie ihre knapp zweijährige Tochter auf dem Spielplatz stillte, war ich zutiefst gerührt. Vielleicht berührte es etwas in mir, was ich entbehrt hatte. So lange etwas zu tun, wie beide es wollen. Maple, damals zweieinhalb, war total fasziniert. Sie wollte sofort auch aus meiner Brust trinken, und ich erlaubte es mit dem größten Vergnügen. Sie konnte zwar nicht mehr richtig saugen, sagte aber, es komme Apfelschorle aus der Brust. 

 

Wieso eigentlich nicht Langzeitstillen? Ich nahm mir vor, mein zweites Kind so lange und ausgiebigst zu stillen, solange uns danach war. Ehrlicherweise dachte ich dabei allerdings mehr so an mich. Denn Coco kam als unbeschriebenes Blatt zur Welt und zeigte recht früh, mit vier oder fünf Monaten, äußerstes Interesse an unserem Essen und Hantieren mit Besteck. Sie verfolgte alles millimetergenau, mit offenem Mund. Wie ein Actionfilm. Ich hätte Filme darüber drehen können, so rührend war das. Ok, ich wollte zwar noch lange nicht beifüttern, aber mein Baby fand richtiges, festes Essen offenbar sehr anziehend. Warum ich dem nachgegeben habe, liegt auch mit daran, dass mein Baby auch höchst genussvoll aus der Brust trank (mühsam erkämpft). Ihr Interesse richtete sich also nicht gegens Stillen.

 

Ich erkannte mich selbst nicht wieder, als ich mit der Beikost sehr spontan begann: Ich saß mit Coco in einem meiner Lieblings-Ess-Cafés, Slowfood, ganz tolle Gerichte, mit Herz. Ich hatte da so eine Rote-Bete-Quiche und dachte nicht groß drüber nach, als ich Coco einen Krümel in meiner Hand anbot. Und noch einen. Und noch einen. In diesem Moment breitete sich eine Welle von Freiheit in mir aus, die mich vor Freude fast zum Weinen brachte. Dieses Gefühl: Alles ist erlaubt. Alles, was wir uns wünschen und uns guttut, ist erlaubt. Niemand schreibt uns vor, wann was in welchem Brei drin sein muss. Das Baby darf diese leckere und sicher gesunde Quiche essen statt fiesen Brei, der nach nichts schmeckt. Es war wie ein Befreiungsschlag und das Gegenteil von dem, was wir mit Maple erlebt hatten.

 

Dieses Breikochen, dieses Abfüllen, Einfrieren und Auftauen, auch diese tausenden gekauften Gläschen – schön war das nicht. Schön ist, das Baby vor freudiger Erwartung mit den Beinen strampelnd im Hochstuhl sitzen zu sehen, dieses fordernde Kreischen zu hören, bis die erste pommesgroße Kartoffel auf ihrem Tisch liegt. Wie sie sie sich mit höchster Konzentration schnappt und triumphierend in der Faust hält. Dieser Stolz. Unübersehbar. Wie Weihnachten und Geburtstag zusammen. Wie sie die Kartoffelpommes in den Mund steckt, abbeißt, kaut,und, wenn aufgegessen, fordernd mit der Hand auf den Tisch haut.

 

 

Womit man rechnen muss

 

Geschenkt: Für Sauberkeitsfanatiker ist baby-led-weaning nichts. (Aber denen würde ich auch keine Kinder empfehlen.) In großzügigem Radius kann man dann größere Mengen Essen vom Boden wischen, aus dem Hochstuhl kratzen und das Kind umziehen. Es macht ja auch großen Spaß zu erforschen, was eigentlich passiert, wenn man die Zucchini-Pommes über den Rand des Hochstuhls hält und dann die Hand öffnet. Der interessierte Blick folgt dem fallenden Essen. Ebenso interessant, was eigentlich passiert, wenn man das Essen direkt auf die Kleidung schmiert (Lätzchen kann man ja schließlich hochheben).

 

Überhaupt ist es höchst interessant, selbst zu erforschen, was mit Dingen wie Essen so machbar ist, statt einen Löffel in den Mund gesteckt zu bekommen und passiv zu empfangen. Meine Eltern fänden diese unnötige Schweinerei sicher ganz furchtbar. Noch ein Grund mehr, meinem Baby dabei voller Genuss zuzusehen. 

 

 

Unnötige Schweinerei?

 

Ich hatte zum Beikoststart eine IBCLC-zertifizierte Stillberaterin hier. Das sind Menschen (oft Hebammen) mit medizinischem Hintergrund und mindestens, wenn ich mich nicht täusche, 500 Stunden Erfahrung in der Stillberatung. Die Hebamme, die mich besuchte, hörte sich Maples Bauchgeschichte an (die ja keine Lactose, sprich insbesondere auch keine Muttermilch vertrug), auch Coco bekam längst Lactase, das Enzym, das Lactose spaltet. Sie hatte nämlich dieselben Symptome, und es wurde prompt besser. Ich wollte einfach etwas medizinischen Background, weil ich bezüglich baby-led-weaning prinzipiell unbedarft und ahnungslos war. Die Hebamme unterstützte meine gefühlsmäßig getroffene Entscheidung total: Nach heutigem Stand unterstützen wir alle Methoden, die dem Kind überlassen, selbst zu reifen:

 

Wir machen kein Töpfchentraining mehr, weil es nichts bringt, wenn das Kind nicht physisch und entwicklungspsychologisch reif dafür ist. Und dann will es selbst trocken werden. Wir erzwingen kein Alleine-einschlafen, wenn das Kind das nicht möchte. Nur beim Thema Essen wissen wir Eltern besser, wann das Kind essen will und wie viel? Wir übernehmen die Fütterung. Das Kind kann dann schlucken oder nicht.

 

Baby-led-weaning folgt der heute inzwischen unumstrittenen These, dass vieles dafür spricht, dem Kind selbst das Tempo seiner Entwicklung zu überlassen. Und das fand ich total überzeugend. Gleichzeitig wächst es in den Familienalltag hinein, nimmt an allen Mahlzeiten teil. Man kocht nicht separat fürs Baby, sondern gibt dem Baby von dem, was alle essen. Deshalb gibt es Rezepte für Gerichte, die allen schmecken und die auch für Babys geeignet sind. Der einzige Unterschied: Man kocht mit zurückhaltender Würzung und würzt dann am Tisch nach.

 

Natürlich gibt es weder ein Fütter- noch ein Breiverbot. Es ist ja keine Religion. Das Prinzip ist eben, dass das Baby selbst aussuchen kann, was es isst und wie viel. Das wird nicht durchbrochen, wenn es ab und an mal anders ist.

 

 

Und die Bauchprobleme?

 

Wenn man bedenkt, dass Muttermilch komplette Flüssignahrung ist mit, wenn ich mich nicht täusche, 30 Prozent Fettanteil oder so, ist der Schritt zu fester Nahrung natürlich groß. Aber erstens gibt es ja immer noch Milch (wann immer das Kind möchte – Coco z. B. hat weder was gegen einen Nachtisch einzuwenden noch gegen eine Vorspeise). Und zweitens kann man darauf achten, dass man ordentlich Fett und Flüssigkeit zuführt. Coco bekam natürlich prompt Verstopfungen. So hart, dass sie den Stuhl nicht mehr selbst herausbringen konnte. Ich möchte aber lieber dafür sorgen, dass das besser wird, als auf Brei umzustellen. Das hieß für uns: Alles wird in Rapsöl geschwenkt, alles. Auch Obststücke, auch Hirsekringel, alles. Und zu jedem festen Essen gibt es etwas zu trinken (Wasser aus einem kleinen Becher), damit die „Komplettmahlzeit“ mehr Flüssigkeitsanteil enthält. 

 

Manche warnen während der Stillzeit vor der Gabe von Wasser oder Tee. Das Argument kenne ich und finde es nachvollziehbar: Das Kind soll ja nicht seinen Durst an Wasser stillen und dann weniger Muttermilch trinken. Aber wirklich nur zu den festen Mahlzeiten finde ich das absolut überzeugend. Es isst ja auch. Also braucht es auch für diese Menge an Essen Flüssigkeit. Das bedeutet, dass das Baby nicht den ganzen Tag ein Fläschchen hat, sondern eben nur zum Essen Wasser nach Bedarf. Wir merken am Stuhl sofort, wenn wir mit Öl schludern (unterwegs halt die Hirsekringel pur, im Restaurant die Salzkartoffel pur, zu viel Möhre …). Wir helfen dann ein bisschen nach und am nächsten Tag sind wir wieder konsequent. Fett hilft viel. 

 

Es ist einfach schön, kein Gläschen dabeihaben zu müssen. Dass das Baby mitessen kann, erleichtert vieles. Ich hab neulich im Restaurant drei Salzkartoffeln bestellt. Irgendwas geht immer. Brötchenstücke tunken wir in eine Mischung aus Obstgläschen und Öl ein. Dann hat das Kind auch Marmelade drauf, und Obst ist ja auch gut für nicht zu harten Stuhl.

 

 

Schöner Nebeneffekt

 

Maple schmilzt genauso wie wir, wenn Coco isst. „Guck mal, sie hat abgebissen!!!“ „Ach Coco. Aber doch nicht immer runterschmeißen.“ „Guck mal, du hast doch noch was in der Hand!“ „Darf ich ihr ein Stück Apfel geben?“ Und am schönsten ist es, dass wir zusammen für uns alle kochen. Maple beteiligt sich so begeistert daran, vielleicht weil ich ihr immer deutlich sage, was sie schon alles essen darf, Coco aber noch nicht. Sie fragt dann immer: „Darf Coco das schon essen?“ und ist stolz wie Oskar, wenn sie Cocos ersten Kuchen backen kann. Muffins aus Banane, geriebenem Apfel und Mehl. Zucchini-Muffins mit Parmesan und Pesto im Teig. So vieles mehr. 

 

Wir sind ja hardcore im Nehmen und geben dem Kind auch z. B. Risotto. Das kann man dann gut mit der ganzen Hand aufnehmen und sich ins Gesicht schmieren bzw. die Faust vor dem Mund öffnen. Ganz ehrlich, wir sind alle große Genießer (Maple erstaunlicherweise auch – bei all dem, was sie so lange nicht essen durfte), aber ich habe noch nie einen Menschen das Essen so genießen sehen wie Coco. Und das. Kann. Nicht. Falsch. Sein.

 

 

Und hier noch ein paar Tipps aus unserer Erfahrung:

 

  • Reisgerichte erst mal trocknen lassen, dann kann man sie gut zusammenfegen. Sonst klebt und verteilt sich die Stärke überall.
  • Manche legen ein Stück Baumarkt-Plane oder Ähnliches auf den Boden.
  • Für den Anfang keine Möhre. Die stopft ja noch mehr, zusätzlich zum eh schon festen Essen.
  • Vorsicht mit ungekochtem Obst. Dürfen Babys zwar entgegen meiner Vermutung schon früh, aber bei Coco wurde der Po megawund. Man kann aber eigentlich alles in pommesgroße Stücke schneiden und kochen.
  • Mein Lieblingskochbuch, enthält auch eine Einführung zu baby-led-weaning und Infos zu Lebensmitteln, die man geben darf oder lieber noch nicht: Das breifrei-Kochbuch. (not sponsored)
 
Führt eine (zu) liebevolle Erziehung zu Arschlochk...
Mama mach doch mal Sport mit den Kindern!? Guter W...

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