Being human

Während ich diese Nacht am absoluten Limit schlaflos meine unruhige Tochter beruhige, geistern in meinem Kopf die Worte der Anderen. "Das musst du ihr endlich abgewöhnen!" Ich bin müde, aber nichts macht mich trauriger als dieser Satz. Er sagt so viel.

 

 

Kernkompetenzen: Schlafen können und ruhig sein 

Ständig bekomme ich von Fremden zu hören, was ich meiner Tochter doch bitte an -oder abgewöhnen soll. Der Schnuller stört, der Buggy stört und manchmal glaube ich, stören die sich einige Menschen daran, dass mein Kind sich wie ein Kind benehmen darf.  Aber der Dauerbrenner ist - wie sollte es auch anders sein - das Thema Schlaf. Alleine Ein- und Durchschlafen scheint der heilige Gral zu sein. Messlatte für den erzieherischen Erfolg unsererseits und der tollen Leistung meines Kindes.

 

Lieber Kaffee statt eine Bevormundung 

Wenn ich dann mal wieder müde, gerädert und am Ende meiner Kräfte stehe, könnte ich eher etwas Unterstützung gebrauchen. Jemand der mir sagt, dass wir das gut meistern. Jemand, der mich aufmuntert oder mir einfach mal eine Tasse Kaffee vor die Nase stellt

Stattdessen höre ich nur immer wieder:

"Das muss sie doch endlich mal lernen!"

Sie meinen das Durchschlafen, einschlafen, alleine sein, sich "benehmen", nicht stören. Angepasst sein.

 

Wie würdest du dich fühlen?

Ich versuche an die Empathie der Kritiker zu appellieren: wie würdest du dich fühlen, wenn du dieses kleine Wesen wärst? Kannst du es fühlen? Das ist natürlich sehr abstrakt. Schließlich kann ein kleines Kind die Situation nicht in diesem Ausmaß reflektieren, wie es ein Erwachsener hat. Es kann nicht mit einbeziehen, dass Mama und Papa auch müde sind.  Dinge erledigen müssen oder einfach nur ihre Ruhe brauchen.

Darum frage ich  (wie in meinem Text: jeder Mensch kann schlafen lernen): würdest du so behandelt werden wollen? Alleine gelassen mit Angst, Frustration, Langeweile, Hilflosigkeit oder Wut?

"Aber mir hat es ja auch nicht geschadet!" Sicher? Würdest du so handeln oder diese Ratschläge verteilen, wenn deine Bedürfnisse geachtet worden wären?

Kinder sind tatsächlich unterschiedlich! Was hätte das gedacht?

 

"Bei uns hat das aber von Anfang an funktioniert!"

"Bei und hat das aber von Anfang an funktioniert.  Wir haben das direkt dem Baby klar gemacht."

Ja, Kinder sind unterschiedlich! Das heißt aber nicht, dass du deine Erfahrung als Standard für alle ansetzten kannst. Für mich ist es ein Unterschied, ein zufriedenes Baby, dass sich ablegen lässt und das ohne Anzeichen von Stress in seinem Bettchen einschläft auch dort (eventuell auch im eigenen Zimmer) schlafen zu lassen. Sofern auf Rufen sofort reagiert wird, spricht da ja nichts gegen. Etwas anderes ist es aber, wenn sich ein Kind gar nicht ablegen lässt.  So wie meins. 

"Das muss sie lernen!"

"Die bleibt schon irgendwann in ihrem Bettchen, du musst es ihr nur erklären / sie anschreien / sie zwingen."

"Lass sie doch weinen / schreien, sie hört schon irgendwann auf!"

 

Was wäre die letzte Konsequenz?

Mein Kind möchte aber in unserem Arm einschlafen, neben uns liegen, nicht nach Stechuhr ins Bett gehen, wenn sie noch nicht müde ist. Außerdem kann sie sich schlecht selbst regulieren und wir wollen sie nicht sich selbst überlassen. Also machen wir es uns so angenehm wie möglich.  Mit Liebe, Nähe, Geduld und Verständnis. Und viel Kaffee am nächsten Morgen ;-)

Zum Unverständnis unserer Mitmenschen. 

 

Manchmal frage ich dann mein Gegenüber:

"Was soll ich denn machen? Was wären eure Methoden, welche Konsequenzen?

Mein Kind, das nicht (in seinem eigenen Bett) liegen möchte, ans Bett fesseln?

Das Kind, dass nicht in deinem Zimmer bleiben möchte, in seinem Zimmer einschließen?

Das schreiende Kind bis zum nächsten Morgen schreien lassen / im Wald aussetzen, damit es sich die Brüllerei  abgewöhnt?"

Meine Lieblingsantwort ist immer noch:

"Ich würde ja auch gerne früher ins Bett, aber sie muss am nächsten Morgen immer kotzen, wenn ich ihr abends einen Lappen mit Chloroform ins Gesicht drücke. "

 

Die Konsequenz eurer Worte ist Gewalt!

Fesseln, einschließen, ein Kind schreien lassen, mit Betäubungsmittel (habe schon die schlimmsten "Tipps" bekommen) ruhig stellen. Sträuben sich bei euch die Nackenhaare? Bei mir auch. 

Und natürlich heißt es immer:

"Ja, soooo habe ich das ja gar nicht gemeint! Aber.....(da muss doch mal was passieren!)"

Ja, verdammt: Zuwendung muss passieren!

 

Warum haben die Menschen Angst vor kindlichen Emotionen?

Kinder sind Menschen (für manche ist es eine echte Überraschung). Punkt. Und mit diesen geht man so um, wie man auch sich selbst oder seine Liebsten behandeln würde. Obwohl bedürfnisorientiertes Leben mittlerweile weit verbreitet ist, ist die Angst noch verbreiteter.

Die Angst, man könnte sich kleine Tyrannen heranzüchten, die Angst zu Versagen, wenn man nicht nach Lehrbuch handelt, die Angst, dass echte Menschen (Kinder) echte Gefühle haben, mit denen man sich auseinandersetzen muss.

Die Erkenntnis, dass kindliche Bedürfnisse dazu gehören  und diese  nicht nur Unannehmlichkeiten sind.

Das man als Mensch, der sensibel auf Gefühle und Bedürfnisse eingeht, verletzlicher wird.

Ich bin müde und verletzlich wie nie zuvor 

 

Meine Konsequenz: being human

Ich bin unendlich müde, erschöpft und würde am liebsten heulen, wenn es mit nicht soviel Kraft rauben würde. Aber niemals würde ich diesen Menschen zustimmen, meine Überzeugung über Bord werfen und meine Tochter schreiend in der Dunkelheit zurücklassen.

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