Dahin gehen wo es wehtut

Kennt Ihr den Film „Alles steht Kopf“? Ich kann ihn empfehlen, denn meiner Tochter Tiffy und mir hilft er mit meinem Vater besser zurecht zu kommen. Mein Vater hasst nämlich Kummer und das ist... ziemlich unpraktisch, wenn man es mit einem kleinen Kind zu tun hat.
[Ich spreche eine milde Spoiler Warnung aus. Meiner Ansicht nach verrate ich nicht mehr über den Film, als man damals bei Kinostart in den Film-Magazinen und Trailern schon erfahren konnte.]

 

Eine kurze Erklärung, für alle die nichts über den Film wissen:

Es geht um die elfjährige Riley, die ein glückliches Leben führt und dann umzieht mit ihren Eltern nach San Fransisco. In ihrem Kopf wird ihr emotionales Zentrum als eine Steuerzentrale dargestellt, in der die Emotionen Freude, Kummer, Angst, Ekel und Wut als personifizierte Figuren auftreten. Freude ist die Anführerinnen des Gefühlsteams und stolz darauf, dass Riley hauptsächlich fröhliche Erinnerungen hat. Alle anderen Gefühle respektieren ihre Führungsposition und bis auf Kummer, bei der Freude nicht erkennen kann was für einen Sinn ihre Existenz hat, dürfen die anderen Gefühle aber auch gelegentlich die Steuerung übernehmen.

Nach dem Umzug überkommt Riley schweres Heimweh, aber Freude will das nicht zulassen und verursacht deshalb einen Unfall, bei dem sie mit Kummer zusammen ins Langzeitgedächtnis katapultiert wird. Angst, Ekel und Wut versuchen die emotionale Steuerung im Sinne von Freude zu übernehmen, scheitern aber daran. Freude und Kummer versuchen wieder zurück in die Emotionszentrale zu gelangen und Freude erkennt auf diesem Road Trip, dass Kummer durchaus auch ein sinnvolles Gefühl ist. Einen Trailer findet Ihr hier.

Ich finde den Film ziemlich genial, selbstverständlich hat er auch seine Schwächen, ich will hier aber keine Filmrezension schreiben. Die Kernaussage des Films halte ich jedoch für sehr wichtig, denn ich denke es ein ernstzunehmendes Problem unserer Gesellschaft, dass eine Art Zwang zum Optimismus und „think positive“ besteht, der unserer psychischen und auch sozialen Gesundheit nicht unbedingt zuträglich ist.

 

Bestes Beispiel: Mein Vater

Ich finde mein Vater ist ein besonders plastisches Beispiel dafür, wie fatal eine „Diktatur der Freude“ sein kann. Für ihn ist Freude bzw. Fröhlichkeit die einzige Stimmung, die Menschen zeigen dürfen. Er selbst hält sich für einen ausgesprochen positiven Menschen, der immer gute Laune hat. Menschen, die ihn nur oberflächlich kennen, bestätigen das in aller Regel.

Aber tatsächlich strauchelt er jeden Tag an seinem eigenen Anspruch, weil es eben viele Anlässe im Alltag und im Leben gibt, die nicht fröhlich stimmen. Er kehrt konsequent jede andere Emotion unter den Teppich, was zuweilen sehr mühevoll ist und ihn im Alltag unter Druck setzt und stresst. Kummer und Traurigkeit versteht er, genau wie die Figur Freude im Film, so ganz und gar nicht und hält sie für absolut sinnlos und falsch. Wer Kummer oder Traurigkeit zeigt, der hat für meinen Vater definitiv was falsch gemacht.

Dann kommen die Spiegelneuronen ins Spiel. Ich will hier in dieses Thema nicht tiefgreifend einsteigen, kurz gesagt möchte ich damit folgendes Phänomen beschreiben: Wenn man jemand anderen beobachtet und diese Person heftige Gefühle erlebt und man dann diese Empfindungen auch in sich spürt.

Beispiele:

1.       Ich beobachte, wie jemandem eine dicke Fliege ins Auge zischt und das Auge sofort rot wird und anschwillt. Unwillkürlich juckt es auch in meinem Auge und es beginnt zu tränen.

2.       Ich gucke einen traurigen Film, in dem das Kind der Hauptfigur stirbt und alle deshalb verständlicher Weise sehr traurig sind. Ich werde dann auch sehr traurig und muss vielleicht (ok: höchstwahrscheinlich) sogar weinen.

3.       Meine Kollegin telefoniert und am anderen Ende der Leitung wird offenbar ein super Witz erzählt. Meine Kollegin lacht sich krumm. Ich weiß zwar nicht, was so lustig ist, aber das Lachen meiner Kollegin ist trotzdem ansteckend und ich fange auch an zu lachen.

 

 

Zurück zu meinem Vater: Er hat schon genug Mühe damit seine eigenen negativen Emotionen zu unterdrücken. Aber dann wird er wegen der scheußlichen Spiegelneuronen auch noch mit den negativen Emotionen von anderen konfrontiert! Das übersteigt seine Kapazitäten. Die Folge: Er wird wütend und ist genervt. Leider wird in unserer Kultur traditionell ein Leitbild präferiert, demzufolge für Männer Wut das einzige akzeptable negative Gefühl ist. So nimmt es seinen Lauf: Stört man die mühsam aufrecht erhaltene Fröhlichkeit meines Vaters, gibt es sofort Stunk.

Die Folge für unsere Familie war und ist es bis heute, dass mein Vater sofort genervt und auch oft gemein reagiert, sobald man auch nur den Anschein von Kummer, Angst oder Wut zeigt. Und weinen geht gar nicht! Weinen ist für ihn gleichbedeutend mit übelster Manipulation. Weinen ist in seiner Welt nur akzeptabel, wenn wirklich was gaaaanz gaaaaanz Schlimmes passiert.

 

Beispiel:

Wenn seine Mutter einen Schlaganfall erleidet oder seiner Frau Krebs diagnostiziert wird, dann ist es in den Augen meines Vaters dennoch inakzeptabel, dass deshalb geweint wird. Nicht einmal den Betroffenen wird es zugestanden angesichts dieser Situation zu weinen. Ich möchte hier nur mal kurz festhalten, dass diese Einstellung meines Vaters ungeheuer destruktiv ist, ganz besonders wenn es um kleine Kinder geht, die nun einmal alle Nase lang weinen.

 

Wenn man negative Gefühle nicht ertragen kann, dann ist ein weinendes Kind ein Problem. Das Weinen muss sofort abstellt werden. Nicht fürs Kind, sondern damit es einem selbst besser geht.

 

Tiffy – der Gegenpol

Gelegentlich beschreibt mein Chef bestimmte Menschen mit den Worten, dass sie „auch dahin gehen, wo es weh tut“. Er sagte es zum Beispiel über eine Bekannte, die eine Totgeburt erlitten hatte und sich seit dem für Sternenkinder und das Recht darauf sie auf Friedhöfen zu bestatten, engagiert. Diese Totgeburt ist schon lange her, sie hat danach noch ein gesundes Kind bekommen und es bereits groß gezogen, aber sie beschäftigte sich immer noch mit dem Thema. Oder er beschrieb mit diesen Worten einen Kollegen, der im Job Konflikten und unangenehmen Gesprächen nie aus dem Weg geht. Für ihn ist es eine Charaktereigenschaft, ein Teil der Persönlichkeit und nichts Erlerntes.

Meine Tochter Tiffy ist so. Sie geht auch dahin, wo es weh tut. Sie fragt zum Beispiel nach dem Tod und setzt sich mit der Frage auseinander, was passieren würde, wenn ihr Vater oder ich sterben würden. Als sie erfuhr, dass heute noch gelegentlich und früher häufiger Frauen und ihre Babys bei der Geburt starben, da ließ sie dieses Thema nicht los. Warum sterben sie? Was passiert da genau? Wie geht es dann weiter mit den Hinterbliebenen?

Tiffy betrachtet negative Themen durchaus nicht nüchtern, so als würde es sie gar nicht berühren. Sie weint, weil schlimme Sachen passieren und ist wütend wegen Ungerechtigkeiten, sie hat Angst, wenn es spannend ist. Aber für sie ist das kein Grund sich mit diesen schlimmen Sachen deshalb nicht zu beschäftigen und ihnen aus dem Weg zu gehen.

Tiffy kennt ihre eigenen Gefühle sehr genau und kann auch andere Menschen präzise beobachten und deren Gefühle erkennen. Und sie zieht ihr Ding durch mit einer Konsequenz, die ihresgleichen sucht, denn sie kann eben beherzt auch dahin gehen, wo es weh tut. Konflikte schrecken sie nicht ab, obgleich es ihr im Rahmen ihrer kindlichen Entwicklung absolut nicht egal ist, wie andere Menschen sich fühlen. Und auch starke und intensive Gefühle schrecken sie nicht ab und sie erkennt keinen Sinn darin negative Gefühle per se zu vermeiden. Für Menschen, die gern im harmonischen Gleichklang der oberflächlichen Fröhlichkeit leben, ist eine Person wie Tiffy eine Herausforderung.

 

Gefühlsmanagement, das: Manipulation von Gefühlen (eigener und fremder), um sie in sozial erwünschter Weise zu erleben und auszudrücken.

 

Gefühlsmanagement: Aufgabe der Erwachsenen?!?

Meine Kindheit war geprägt von Eltern, die das Management ihrer Gefühle gern auf mir abgeladen haben. Wenn ich wollte, dass es mir einigermaßen gut geht, dann musste ich dafür sorgen, dass meine Eltern sich wohl fühlen.

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass hinter dem Anspruch Kinder sollen „brav“ sein eigentlich genau diese Forderung steht: Die Kinder sollen dafür sorgen, dass die Erwachsenen sich wohl fühlen. Dies entspricht der gesellschaftlichen Struktur hier bei uns, in der die statusniedrigeren Personen dafür zuständig sind, dass die statushöheren Personen eine angenehme Zeit verbringen. Und Kinder haben besonders in der traditionellen Vorstellung von Familie einen niedrigen Status inne.

Wenn wir nun ein Erziehungsideal verfolgen, in dem Kindern auf Augenhöhe begegnet und anerkannt wird, dass Kinder entwicklungsbedingt bestimmte Fähigkeiten noch nicht haben, und dazu gehören eben auch Fähigkeiten der Gefühlsregulation, dann verlangen wir in der Konsequenz eben nicht von ihnen, dass sie selbstverantwortlich das Wohlgefühl der Erwachsenen befördern. Wir gestatten ihnen ihre Gefühle zu zeigen und helfen ihnen dabei mit diesen Gefühlen umzugehen. Wir zeigen ihnen, wie man die Gefühle anderer Menschen erkennt und warum es wichtig ist, diese Gefühle zu respektieren, selbst wenn sie im Widerspruch zu ihren eigenen Gefühlen stehen. Aber all das müssen Kinder erst noch lernen und wir als Erwachsene sind deshalb gefordert Rücksicht zu zeigen und nicht umgekehrt.

 

Wenn Kinder dafür zuständig sind, dass Erwachsene sich wohlfühlen, dann tragen Kinder Verantwortung und Erwachsene nicht.Die Kinder müssen dann das Gefühlsmanagement leisten.

 

Mein Vater und Tiffy = explosive Mischung

Entwicklungsangemessene Erziehung funktioniert mit meinem Vater selbstverständlich nicht. Wenn Tiffy traurig ist, dann weint sie. Mein Vater ist genervt. Wenn Tiffy hungrig ist, wird sie wütend und zeigt das auch deutlich, dann ist mein Vater genervt. Tiffy interessiert es aber einen Dreck, ob mein Vater deshalb genervt ist. Mein Vater sagt, sie will nur ihren Willen durchdrücken. Dass er dagegen erwartet, dass sein Wille wie selbstverständlich der Leitfaden für alle anderen Anwesenden ist, nimmt er überhaupt nicht wahr.

Wenn man ihn fragt: „Warum sollen wir es denn jetzt so machen, wie du es willst?“ dann kommt immer die gleiche Argumentationsfigur: Was er will, das ist vernünftig, das ist logisch, was Tiffy will ist irrational und unlogisch. Wie absurd das ist, möchte ich Euch an folgendem Beispiel demonstrieren:

Wir sind zusammen in der Stadt unterwegs. Tiffy möchte ein Eis essen, da ist mein Vater nie abgeneigt. Tiffy möchte sich sehr gern vor die Eisdiele setzten und einen Eisbecher bestellen. Da mein Geburtstag ist, könnte man diesen Wunsch ja zumindest in Erwägung ziehen. Aber mein Vater findet, dass die Eisbecher total überteuert sind, er kauft sich IMMER nur eine Waffel mit einer Kugel und isst sie unterwegs. Für Tiffy mit ihren vier Jahren ist es noch sehr schwer so Eis zu essen. Aber er setzt sich durch. Ich bestelle für Tiffy einen Löffel mit, weil sie das Eis mit dem Löffel besser essen kann, als es direkt aus der Waffel zu lutschen.

Tiffy hat gar keine Lust das Eis im Laufen zu essen. Sie besteht darauf dass wir uns einen Sitzplatz in der Sonne suchen. Wir finden schließlich einen solchen Sitzplatz auf einer Mauer vor einer Kirche. Mein Vater bleibt stehen und hat seine Eiswaffel bereits aufgefuttert. Tiffy und ich wollen in Ruhe unser Eis essen. Mein Vater macht Druck: Er will weiter gehen, obwohl wir keinerlei Termine haben.

Tiffy bleibt sitzen und isst in aller Seelenruhe ihr Eis. Mein Vater meckert deshalb unentwegt an ihr herum:

„Du isst so langsam, gleich ist das Eis schon flüssig….
Komm, gib mal das Eis, du isst das doch eh nicht mehr auf….
Ah, endlich hast du das Eis aufgegessen, gib mal die Waffel, die magst du doch eh nicht…
Gut, dann behalte die Waffel, aber während du die Waffel isst, können wir ja schon mal weiter gehen….“

Tiffy bleibt hart wie ein Stein und isst auf der Mauer sitzend ihr Eis und ihre Waffel bis zum letzten Krümel auf, da kann der Opa meckern, bis er ganz rot im Gesicht ist. Im Gegensatz zu mir trübt Opas Motzerei ihre Stimmung nicht im Geringsten. Häufig, wenn die beiden einen Konflikt haben, hält sie ihm entgegen:

„Du bist ein alter Oppa und motzt immer nur!“, „Du bist ein böser alter Mann!“

Mein Vater ist dann immer ganz geschockt. Er ist doch der Ausbund an guter Laune! Wie kann das Kind sowas behaupten?

Ich habe „Alles steht Kopf“ mit Tiffy geguckt. Erst war ich unsicher, ob das eine gute Idee ist, denn das Konzept des Films ist meiner Ansicht nach zu kompliziert für ein vierjähriges Kind. Tiffy hat auch nicht verstanden, dass die fünf Figuren in Rileys Kopf sind. Für Tiffy sind es zwei parallele Geschichten, aber sie versteht, dass die Figuren für Gefühle stehen. Wenn sie jetzt zum Beispiel Essen kleckert und Opa ist nicht da, sagt sie:

„Opa würde jetzt schon wieder der Kopf brennen.“ (Weil ja der Figur Wut der Kopf brennt, wenn er so richtig wütend wird.)

Interessanter Weise findet Tiffy Freude als Figur ziemlich uninteressant. Für Tiffy ist Kummer die Hauptfigur des Films und sie nennt den Film auch so: „Mama, sollen wir nochmal Kummer gucken?“ Ihre liebsten Figuren sind aber Ekel und Wut. Am allertollsten findet sie die Szene, in der Ekel Wut so lange reizt, bis sein Kopf brennt und dann schmilzt Ekel mit ihm die Scheibe auf.  Und genau so geht Tiffy auch mit ihrem Opa um. Für sie ist Opas Wut kein Problem. Der Anspruch, dass Opas Wut verhindert werden müsste, existiert in ihrer Welt nicht. Und Opas Freude bedeutet ihr nichts, denn eine Zwangsfreude ist eben keine echte Freude. Warum sollte sie also irgendetwas tun, um seine sogenannte „gute Laune“ aufrecht zu erhalten? Vor allem wenn Opas Kopf doch so schön brennen kann.

Unser Autorenteam wächst um einen royalen Löwenpap...
Schweinehund geh weg! Ich versuch's mal mit Abnehm...

Ähnliche Beiträge

 

Copyright © 2015-2017 2KINDCHAOS - ELTERN BLOGAZIN Alle Rechte vorbehalten.
Powered by Hilkert Consulting