Die Butterblume

Mein Kind liebt Blumen. Kein Spaziergang durch den Garten, von dem sie mir nicht mindestens ein Gänseblümchen mitbringt, unser Löwenzahn wird sorgfältig gepflegt und jede einzelne Pusteblume zelebriert. Doch bei uns funktioniert das in beide Richtungen: finde ich unterwegs etwas Spannendes, pflücke ich es für sie oder hebe es auf: eine winzig kleine, stachelige und viel zu früh vom Baum gefallene Kastanie, beispielsweise, ein flaumiges Weidenkätzchen, einen würzigen Steinpilz. 

 


Oder eine Butterblume. 

Wir hatten den gesamten Tag bei herrlichstem Wetter in einem Park verbracht: die Kinder hatten sich mit Pommes Frites vollgestopft und sich auf einem Wasserspielplatz ausgetobt, wir waren Bähnchen gefahren und hatten kleine Steine ins Wasser geworfen, und am Ende des Tages hatten wir einen Zustand erreicht, der sich am besten mit "Frischluft-Overkill" beschreiben ließe und bei dem jeder kinderlose Mensch mit Verstand sich ein Glas Wein einschenkt, sich ein gemütliches Wannenbad gönnt - oder aber sich gleich ins Bett legt. Wir hingegen treten genau jetzt die 90minütige Heimfahrt an, und ich überreiche dem müden, doch ob der vielen Eindrücke leicht hyperaktiven Kind eine Butterblume, die ich am Wegesrand gepflückt hatte. Andächtig nimmt sie sie entgegen, betrachtet sie eingehend. 

"Die riecht gar nicht wie Butter." 
"Da hast du recht." 
"Und wie Butter aussehen tut sie auch nicht." 
"Nein." 
"Warum heißt die dann Butterblume?" 
"Ich hab keine Ahnung. Vielleicht können wir ja zu Hause mal nachschlagen." 

Wir steuern in Richtung Autobahn, und das Baby stopft sich einen Hirsekringel nach dem anderen ins Mündchen. Zufriedenes Schnurpseln von der Rückbank, Stille. 

"Ich weiss wirklich nicht, warum eine Blume Butterblume heisst, wenn sie nicht wie Butter riecht und nicht wie Butter aussieht." 
"Ich leider auch nicht." 
"Sie schmeckt auch nicht wie Butter." 
"Hast du sie etwa gegessen?!" 
"Nur dran geleckt." 

Meine Füße tun höllisch weh, und da ich nicht selbst fahre, werde ich immer müder. Mein Gehirn wäre jetzt bereit, sich abzuschalten und die Eindrücke des Tages sacken zu lassen. Das Trampolin, auf dem das Kind hüpfte, und wie lustig das Baby lachte, als die Ziege seine Hand ableckte. Und vor allem... 

"GUCK MAL!! Die Butterblume kann ein L!" 

Das Kind verbiegt den Stiel des Blümchens mit wachsender Begeisterung in Buchstabenform. Ich weise sie darauf hin, dass das Blümchen ein kleines und recht zartes Blümchen ist, werde jedoch - wen wundert's - gnadenlos ignoriert. 

"Es kann auch ein M." - *wurschtel* 
"Und auch ein J!" - *kicher* 
"Hahaha! Es kann sogar ein O-ooooOOOOOHHHH!" 

Die anschwellende Stimme lässt nichts Gutes ahnen: erwartungsgemäß ist Freundin Butterblume von den Yoga-Übungen, die sie dank einer Dreijährigen vollführen muss, nur mäßig begeistert und quittiert sie mit abgerissenem Stiel. Auch ihre Blütenblätter wirken ein wenig mitgenommen. Das Kind ist untröstlich. 

"Was machen wir jetzt?!" 
"Schatz, da kann man nicht viel machen. Ab ist ab, leider." 
"Die ist jetzt to-hot, buhuhuhuhu! Und auch ganz traurig!" 
"Sie merkt, dass sie bei dir ist und du sie ganz doll lieb hast, da ist sie bestimmt nicht traurig." 
"Sie hat Durst." 

Solcherart abrupte Themenwechsel verwirren mich immer wieder. 

"Haben wir was zu trinken für die Butterblume?" 
"Was trinken Butterblumen denn gerne?" 
"Kakao oder Saft." 
"Haben wir beides nicht da." 
"Dann Wasser." 

Das Kind versucht, Babys Trinkflasche zu angeln, um den Nuckel abzuschrauben und die Butterblume darin zu versenken. Das Baby quittiert den Verlust seiner geliebten Flasche mit Gebrüll und wirft mit Hirsekringeln. Ich verspreche dem Kind, den zermatschten Butterblumen-Rest in seiner kleinen Faust zu Hause in eine Vase zu setzen und ihr was zu trinken zu geben. Es kehrt Stille ein. Bis eine piepsige Stimme quäkend von der Rückbank ertönt. 

"Scheiße, hab ich ein Durst!" 
"Ey, ich möchte nicht, dass du 'scheiße' sagst!" 
Das Kind ist entrüstet. "Das war ich nicht, das war die Butterblume!" 
"Dann sag deiner Butterblume von mir, dass sie nicht 'scheiße' sagen soll." 
"Wie denn? Die hat doch keine Ohren." 

Dieser Art kindlicher Logik habe ich bedauerlicherweise nichts entgegenzusetzen, zumal ich mir, pädagogisch äußerst unwertvoll, das Lachen nur schwerlich verbeißen kann. Die Butterblume indes ist noch deutlich hartnäckiger als das Kind, sie singt auf die Melodie von Disneys Zwergen "Hab Durst!", sie tanzt auf ihrem abgebrochenen Stiel herum und versichert mir, nie wieder mein Freund zu sein - wenn sie nicht sofort etwas zu trinken bekäme. 

So weit kann und will ich es natürlich nicht kommen lassen; während der Mann mit 130 km/h durch die Dämmerung saust, gieße ich aus einer Wasserflasche genau vier Tropfen in den Verschluss selbiger, um dann die inzwischen doch recht lädiert wirkende Butterblume darin schwimmen zu lassen. Wir stellen die Behelfs-Blumenvase im ungenutzten Aschenbecher ab, und ich habe für den Rest der Fahrt eine offene Wasserflasche zwischen den Beinen. Kind und Butterblume sind jedoch sehr glücklich. 

Zu Hause angekommen ist die Blume welk, und das Kind hat sie bereits vergessen. Ich stelle den kleinen Verschluss dennoch auf meinen Schreibtisch. Und lächle. 

 

Kinder soll man nicht loben? Ich sage: Kein Lob – ...
Kinderrechte fangen schon im Kleinen an #wirsindal...

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