Bindungsorientierte Erziehung und die besonderen Herausforderungen von high need Kindern Teil 3

Diese 4 teilige Reihe dreht sich um das Thema "Über das Verhältnis von kindlichen Bedürfnissen und Eltern-Bedürfnissen" und beinhaltet sowohl eigene Erfahrungen als auch theoretische Überlegungen zu Elternschaft, Erziehung, High Need Kindern und Konfliktlösungsstrategien. 

 

 

Kinder sind durch die Natur der Dinge und durch ihre spezielle Position in unserer Gesellschaft eine benachteiligte Gruppe. Eine bindungsorientierte Erziehung berücksichtigt diese Tatsache insbesondere und das finde ich sehr gut und wichtig. Aber ich empfinde es so, dass man von Frauen und Müttern in unserer Gesellschaft sehr häufig fordert, ihre persönlichen Grenzen zurück zu stellen oder ganz aufzugeben, damit es anderen Gruppen besser geht oder sie sich wohler fühlen. Und es ist möglich, die Grundsätze der bindungsorientierten Erziehung argumentativ zu missbrauchen, um Frauen in einer Position festzunageln, in der ihre persönlichen Grenzen nichts mehr wert sind. Das ist nicht okay und die Bindungsforschung stützt diese Ansichten auch überhaupt nicht.

 

Was bedeutet alles, was ich in Teil 1 und 2 geschrieben habe in der Konsequenz für high need Kinder und ihren Eltern?

Offensichtlich gibt es high need Kinder. Wir wissen bei manchen, warum sie so sind und bei andren nicht. Die Eltern dieser Kinder geben oft alles und es ist dennoch nicht genug. Irgendwann sind sie völlig erschöpft und ausgebrannt. Aber das Problem an dieser Situation sind nicht die Eltern. Das Problem sind auch nicht die Babys oder kleinen Kinder mit hohen Bedürfnissen. Das Problem ist eine Gesellschaft, die solche Eltern – eigentlich alle Eltern aber solche ganz besonders – völlig allein lässt. Nein, sie ist noch schädlicher für diese Eltern und auch ihre Kinder, weil sie oft genug den immensen Druck auf die Eltern sogar noch erhöht.

Ich versuche mal mich in diese Lage zu versetzen: Ich habe ein Kind, das ganz offensichtlich unhintergehbare Bedürfnisse hat, die ich nur im Ansatz befriedigen kann, wenn ich mich selbst absolut aufgebe. Mein Kind zum Beispiel ist zwar relativ pflegeleicht, aber es braucht sehr viel Unterstützung von mir, um gut zu schlafen. Im normalen Alltag kann ich diese Bedürfnisse so halbwegs befriedigen. Aber sobald mein Kind krank wird, muss ich mich weit über meine Grenzen hinweg verausgaben und werde in der Folge meist noch viel kränker, als es mein Kind war und brauche viele Wochen, um wieder komplett zu regenerieren. Und wenn ich mir jetzt vorstelle, dass dieser Zustand mit 10 multipliziert wird und mein Kind zusätzlich am Tag auch noch total fordernd wäre und das über Monate und Jahre hinweg… Puh! Ich weiß wirklich nicht, ob ich das geschafft hätte.

Aber diese Eltern bekommen ständig von allen möglichen Seiten ungefragt Ratschläge aufgedrückt. Sie werden nicht selten verurteilt für ihre Erschöpfung oder auch ihre Wut. Wenn sie es wagen zum Beispiel mal über den Neid zu schreiben, den sie gegenüber anderen Eltern empfinden – ein völlig nachvollziehbares Gefühl – dann bekommen sie schnell gesagt, sie sollten solche Gedanken für sich behalten und hier keinen Mommy War anzetteln. Wie kann man nur so unsensibel sein? Lernen wir nicht alle, dass man Menschen, die am Boden liegen, nicht tritt?

Ich weiß nicht genau was wir gesamtgesellschaftlich für Eltern mit high need Kindern tun könnten. Darüber wurde bisher nur wenig nachgedacht und ich denke ein breiter Diskurs ist nötig darüber, wie unsere Gesellschaft Eltern, vor allem Müttern mehr Unterstützung geben kann und wie diese Unterstützung allen möglichen Eltern und Kindern mit unterschiedlichen Voraussetzungen und Bedürfnissen gerecht werden kann. Das würde uns allen weiterhelfen: Eltern mit unkomplizierten Kindern haben das zwar wahrscheinlich am wenigsten nötig, aber zumindest viel mehr Anerkennung dafür, dass sie sich oft genug immer noch den Arsch aufreißen, würde ihnen sicher gut tun. Und Eltern von behinderten, kranken, benachteiligten oder eben high need Kindern bräuchten eine ganze Menge Unterstützung, damit sie endlich nicht mehr tagtäglich gegen das drohende Burn-Out ankämpfen müssen. Und gegen all die Vorbehalte, Stigmatisierung und teilweise auch Diskriminierung, die sie dazu auch noch schultern müssen.

Aber eins ist klar: Wir alle mit pflegeleichten und kooperativen Kindern sollten uns auf die Zunge beißen, bevor wir Eltern von high need Kindern ungefragt Ratschläge erteilen oder sie in der Öffentlichkeit verurteilen. Wir sollten alles tun, um wenigstens nicht noch mehr Druck aufzubauen. Das ist wirklich das Mindeste. Und im Zweifel heißt das eben auch: Einfach mal nichts sagen, obwohl man grade so gern darauf verweisen möchte, was man selbst für eine tolle Leistung hingelegt hat, die (vielleicht und vielleicht auch nicht) dazu geführt hat pflegeleichte und kooperative Kinder zu haben.

Es ist wunderbar wenn wir uns für unsere Kinder bemühen. Das allein ist eine Leistung, die Anerkennung verdient. Ganz unabhängig davon, wie leicht oder schwer wir es dabei mit unseren Kindern haben. Und wenn wir es verhältnismäßig leicht haben, dann können wir dankbar sein. Auch wenn wir zusätzlich noch eine tolle Leistung als Eltern erbringen, auf die wir wirklich zu Recht stolz sind.

 

Ich fordere: Mehr Anerkennung für die liebevolle Pflege und das gewissenhafte Erziehen von Kindern!

Und an alle Eltern, die sich für ihre high need Kinder oder ihre behinderten Kinder oder ihre kranken Kinder oder ihre anders benachteiligten Kinder wirklich den Arsch aufreißen: Ihr verdient die höchste Anerkennung, die allerhöchste:

·       Für das Durchstehen einer sehr harten und auslaugenden Situation

·       Dafür die Hoffnung nicht aufzugeben

·       Dafür unter erschwerten Bedingungen das zu leisten, was schon unter gewöhnlichen Bedingungen anstrengend genug ist

Im nächsten und letzten Teil möchte ich abschließend doch noch eine Lanze brechen für die Mütter, die sich ärgern, wenn ihnen gesagt wird, dass sie doch bitteschön dankbar sein sollen, für ihre pflegeleichten Kinder. Denn auch an dem Argument gibt es in bestimmten Zusammenhängen durchaus etwas auszusetzen.

Eine gute Hausfrau
Jede dritte Frau wird Opfer sexualisierter Gewalt....

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