Brüllanfall, unstressig. Unglaublich, aber wahr!

So, Leute, genug gelobhudelt – was hat sich wirklich verändert, seitdem ich dieses Buch vom Wunschkind-Blog gelesen habe? Ich war schon immer, auch in der Schule, der Typ Schülerin, der lange brauchte, um etwas zu verstehen, es dann aber auch wirklich raus hatte. Und ich war angewiesen auf GUTE Lehrkräfte, die ich glücklicherweise größtenteils hatte. Schulzeit ist vorbei, ich lerne jetzt als Mama. An meinen Kindern. Deshalb heute ein Beispiel aus meinem Leben.
 
 
Ballons fliegen in den Himmel
Loslassen ist schwer.
 
 
Jedes Kind hat ja so was, was das Größte für es ist. Für die einen ist es ein glitzerndes Filly-Pferd, für andere die tollsten Fußballschuhe oder was weiß ich. Für Maple ist es ein heliumgefüllter Luftballon.
 
Ich hatte einmal einen von einem Fest mitgebracht. Maple und Coco spielten stundenlang damit. Ich hab sie selten so überschäumend vor Glück gesehen. Am nächsten Tag war der Luftballon auf den Boden gesunken – davon hat Maple sich den ganzen Tag nicht erholt.
 

 

Setting: Luftballon weg

Als wir neulich unterwegs waren, gab es wieder einen heliumgefüllten Werbeballon. Ich knotete ihn um Maples Handgelenk. Ich wusste, würde er wegfliegen, wäre die Hölle los. Irgendwann später hielt Karl ihn, während Maple auf dem Spielplatz spielte. Ich war mit Coco abseits. Karl kam kurz zu mir und bemerkte kurz darauf, dass der Ballon weg war. Die Schnur hatte er noch in der Hand. Der Knoten, mit dem der Ballon am Band festgemacht war, hatte sich gelöst. Karl kam zurück zu Maple, ich war nicht dabei, aber ihre Reaktion hörte man vermutlich bis nach Hintertupfingen. Sie hatte die ganze Zeit auf den Ballon, ihren größten Schatz, aufgepasst, ihn dem Papa anvertraut, und dann ging er verloren.
 
Ja, es ist nur ein Luftballon.
Ja, man kann ihn sicher irgendwo und irgendwann ersetzen.
Karl konnte nichts dafür.
Eines der anderen Kinder, mit denen wir unterwegs waren, hatte seinen sogar absichtlich und ohne irgendwelche Verlustprobleme freudig in den Himmel steigen lassen.
 
All diese Erwachsenenargumente und das dringende Bedürfnis, dieses wütende Kind zur Beruhigung zu bekommen. All das kam mir in diesem Moment nicht in den Sinn.
 

 

Enttäuschung und Wut

Stattdessen sah ich das vor Enttäuschung fast schmerzverzerrte Gesicht meiner Tochter, die gerade gefühlt alles verloren hatte. Karl nahm sie hoch auf den Arm (ich war ja noch im Anmarsch) und sagte überrascht: „Och, Mäuschen, Du bist ja ganz nass!“
 
Maples Stimme überschlug sich, und sie kreischte: „AAAAAHHHHH! DAS MACHT MICH NOCH WÜTENDER!!!“ Und sie schaffte es, dieser Steigerung auch akustisch noch Ausdruck zu verleihen. Ich muss dazu sagen, dass Maple nach 14-monatigem Prozess endlich seit wenigen Wochen wirklich trocken geworden war und zuverlässig selbst entschied, rechtzeitig Pipi machen zu gehen.
 
Zu der Enttäuschung über den Verlust kam also auch noch die Wut über das eigene Versagen bei einer neuen Errungenschaft, auf die sie sehr stolz war, hinzu. Das konnte ich so gut nachfühlen.
 

 

Raus mit den Gefühlen

Ich ging zu ihr, hockte mich hin, nahm das wütende, brüllende Kind in die Arme, streichelte ihren Rücken und sagte: „Oh Gott, wie schrecklich, der Ballon ist weg. Jetzt bist Du total traurig und wütend, oder? Ich versteh Dich so gut.“ Dann sagte ich, schon ärgerlicher: „Das kann ja wohl nicht wahr sein. Können die den nicht vernünftig festbinden?!“ Sie schrie und weinte, ich konnte ihren Schmerz richtig spüren. Es war wirklich sehr laut. Ich nahm die Lautstärke wahr, aber ich dachte nicht: „Was sollen denn die Leute denken? Das Kind muss sofort zum Schweigen gebracht werden.“ Ich dachte: Dieses Kind ist sehr, sehr laut, weil es sehr, sehr traurig ist. Ich dachte: Es ist jetzt so. Ich lass das jetzt so. Ich muss das nicht abwürgen. Ich wusste, es ist gut, wenn sie ihren Schmerz rausschreit. Es ist wichtig, dass der Schmerz, die Wut, diese ungeheure Energie jetzt irgendwo hin kann.
 

 

Grenzen der Freiheit

Da wir allerdings mit einer anderen Familie da waren, die ein zweijähriges Kind und ein (schon recht selbständiges) Baby dabei hatte, überlegte ich kurz, dass es auch für die beiden anderen Kinder eine Zumutung an Stress und Lautstärke war. Interessanterweise machte ich mir keine Gedanken um Coco. Sie kennt solche lauten Situationen, wir besprechen das, sie weiß um die Wut und dass Wut auch raus darf. Sie kennt es ja selbst auch. Außerdem war Karl für sie da. Maples Bedürfnis danach, ihrem Schmerz Ausdruck zu verleihen, wog schwerer als Cocos Bedürfnis nach Ruhe und Friedlichkeit.
 
Anders stand es um die beiden anderen Kinder. Da stand es mir nicht zu zu urteilen, und ich geriet kurz ins Schwanken. „Deine Freiheit ist da zu Ende, wo meine beginnt“, ging es mir durch den Kopf, aber dieser zehntelsekundenlange Abwägungsprozess wurde schnell abgeschnitten von dem sicheren Wissen, dass es nur umso länger, lauter und schlimmer werden würde, wenn ich absichtsvoll versuchen würde, Maple zur Beruhigung zu bewegen.
 
Denn, und das ist eine zutiefst grundlegende Wahrheit, die ich mal in einem Theatercafé in riesigen Buchstaben an der Wand gelesen habe:
 
Beruhige Dich! - Das ist das Schlimmste, was Du jemandem sagen kannst, der die Ruhe verloren hat.“
 
Ich hockte also vor ihr, hielt sie in den Armen und sagte dann: „Komm, ich zieh dir schnell was Trockenes an, dann kann ich Dich auch auf den Arm nehmen. Sonst werde ich auch noch ganz nass.“ Maple willigte sofort ein, und wir gingen Hand in Hand zum unmittelbar anliegenden Café mit Toilette. Ich sagte nochmal: „Das kann doch echt nicht sein. Sind die eigentlich bescheuert? Können die die Ballons nicht vernünftig festknoten? Da passt ein Kind so gut drauf auf, und dann geht der Ballon einfach ab.“ Wir sahen den Ballon weit oben im Baum. Ich rechnete angesichts der Konfrontation mit einem Neuaufleben des Brüllens, aber es kam gar nicht. Maple sagte: „Ja! Sind die eigentlich bescheuert? Die sind ja bekloppt. Können die den nicht festknoten?“ Und ich: „Ja, echt. Das glaub ich nicht.“ Und ich sagte ihr, dass das Pipi bestimmt aus Versehen beim dollen Schreien rausgekommen sei, vor lauter Anstrengung.
 

 

Ehrliche Anteilnahme

Es mag sein, dass das jetzt affektiert klingt. Aber es war nicht aufgesetzt. Ich fand das wirklich auch sehr ärgerlich mit dem Ballon. Man stelle sich vor, man kauft ein neues Auto, fährt eine Runde und das Lenkrad fällt ab. Selbst wenn es keinen Unfall gibt, ist das einfach ärgerlich. Nur, es ist halt in unserer Erwachsenenwelt ärgerlich. Während der ca. 50 Kinderschritte von Spielplatz zu Cafétür ging mir durch den Kopf, dass der unverschuldete Verlust des Ballons für Maple ungefähr eine ähnliche Dimension haben musste wie für mich beispielsweise der Verlust eines Sommerurlaubs. Mit gepackten Koffern vorm Auto stehen, Anruf: Urlaub fällt leider aus, Sie müssen arbeiten. Ganz ehrlich, ich hätte mich von dieser Enttäuschung und vom Verlust der Vorfreude nicht so schnell erholt wie Maple, die schon nach meiner Umarmung in der Hocke aufgehört hatte zu schreien. Was würden wir sagen, nachdem wir aufgelegt hätten? „Spinnt der total? Der hat ja wohl nicht alle Tassen im Schrank! Der kann mich doch nicht vom Urlaub abhalten! Kann der sich das nicht vorher überlegen? Altes Arschloch!“
 

 

Wie es weiter ging

Auf dem Weg zum Café sagte ich noch: „Vielleicht finden wir ja noch einen Stand, wo wir einen neuen Ballon bekommen können. Sollen wir gleich mal gucken?“ Und Maple antwortete: Ja, aber es müsse unbedingt ein pinker oder roter oder orangefarbener oder türkiser Ballon sein. Statt zu sagen: „Na ja, überhaupt einen wäre schon gut“ dachte ich, dass eine Relativierung ihrer Vorstellung gleich die nächste Enttäuschung gewesen wäre. Ich nahm sie also erst mal so hin und dachte: Wenn wir einen anderen sehen, können wir immer noch weiter überlegen. Wir regten uns noch ein bisschen auf. Ich zog Maple auf der Toilette um. Alles ohne irgendwelchen Protest. Sie brauchte und genoss zwar die Hilfe, aber das war auch völlig in Ordnung. Wenn ich gerade eine herbe Enttäuschung eingesteckt habe, mag ich auch lieber angeflauscht und unterstützt werden als noch extra tough sein zu müssen.
 

 

Kein pinker Ballon, aber eine pinke Hose

Ich hatte zwar noch Unterhose und Strumpfhose dabei, aber keine Ersatzhose, und es war feucht-kalt. In der Stadt mussten wir also auch noch eine Hose kaufen. Einen Stand mit fliegenden Werbeballons sahen wir natürlich nicht. Allerdings einen Stand mit diesen festeren, glänzenden bunten Heliumballons, worauf Maple natürlich glücklich ansprang. Auch hier machte ich nicht den Fehler, von vornherein zu bestimmen, dass ich so einen ganz sicher nicht kaufen würde, sondern fragte, was die Ballons kosten sollten. Das tat ich nicht pro Forma. Für einen akzeptablen Preis hätte ich einen gekauft. Aber er war echt überteuert, und das erklärte ich Maple. Begeistert war sie natürlich nicht, aber es gab keinen Ausraster. Kurz darauf im Laden scannte ich das Hosenangebot auf „ohne Knopf und Reißverschluss“ und „möglichst generell zu gebrauchen“ und hatte eine festere Jeans im Auge. Maple aber suchte sich eine pinke Sweathose mit pinken Glitzerpunkten aus, und ja, es musste genau die sein. Auch hier kein Theater. Sie schaute sich meinen Favoriten und noch eine weitere bereitwillig an, erklärte mir aber, nein, sie möchte gern die pinke haben und ab jetzt seien pink und Glitzer ihre Lieblingsfarben.
 
Ich habe nie eine pinkfarbene Glitzerhose lieber gekauft.
(Na gut, ich habe noch nie eine gekauft.)
 
Ich war an diesem Tag sehr stolz auf Maple.
Und ein bisschen auch auf mich.
Weil ich echt was kapiert hatte.*
Weil mich dieser Wutanfall nicht im Geringsten belastete. (Ok, ich musste mich nicht parallel um Coco kümmern.)
Weil wirklich nichts Schlimmes daran war.
 
*Kapiert habe ich, dass ich nicht deeskalieren muss. Ich muss nicht für gute Laune sorgen oder für einen Grund, der Maple wieder gute Laune macht. Ich muss eigentlich nichts tun. Außer mitfühlen, ernst nehmen und lieben. Womit überhaupt über Erziehung (im Sinne von: Zusammenleben mit Kind) aus meiner Sicht das Wichtigste gesagt wäre.
 
Eure Mo
Schnelle Tomatensauce wie im Glas (vegan und glute...
"Ich gehe mit meiner Laterne..." Ach Mist, die mus...

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