Einschulung mit 5 Jahren - mein Kind will lesen und rechnen lernen

"Eiiiiinnn-faaahrrrt frrrreeiiiii-haaal-teeen… freihalten… EINFAHRT FREIHALTEN!"

Sie liest, und sie liest alles, was auch nur ansatzweise beschriftet ist: Verkehrsschilder, Kinderbücher, Werbeplakate, Milchtüten. Manchmal kitzle ich sie dann und behaupte, dass das Lesen beim Einkaufen/ am Frühstückstisch/ im Wald generell und überhaupt total verboten sei. Dann quietscht sie, lacht sich weg und erklärt "Nein Mama. Lesen ist immer erlaubt. Überall. Alles, was Buchstaben hat, muss gelesen werden. Und ich lese von jetzt an nur noch."

 
 
 
 

Das wäre alles kein Problem - wenn sie nicht gerade erst fünf Jahre alt wäre.

(Einschub: es ist kein Problem für sie und auch keines für uns; aber offenbar für viele andere um uns herum. Dazu gleich mehr. Einschub Ende)

Die meisten Kinder, die ich kenne, stürzen sich mit Begeisterung auf wechselnde Themen, wollen alles darüber wissen, sprechen oft darüber und haben Spaß daran: Maik saugt buchstäblich alles in sich auf, was mit dem Thema Feuerwehr in Zusammenhang steht. Nicole hat gerade eine Zeit, in der sie alles über den menschlichen Körper erfahren möchte. Bei Simon ist es Fußball, bei Anna Pferde. Und bei meiner Tochter sind es Zahlen und Buchstaben, konsequent seit gut zwei Jahren. Für viele Menschen hört hier der Spaß auf, denn das ist nicht "kindlich" genug, nicht "altersentsprechend" - eben nicht "normal". Und weil es dafür nur einen einzigen Grund geben kann - nämlich mich - werde ich als über-engagierte Mutter wahrgenommen, die ihr Kleinkind an langen, dunklen Nachmittagen an den Küchentisch zwingt und ihm das Alphabet in den Kopf hämmert. Wobei mir völlig schleierhaft ist, wie ich das bewerkstelligen sollte - habt ihr schon einmal versucht, mit einem Kind in dem Alter etwas gegen seinen Willen zu machen?

Zu Anfang, ich war ja selbst verunsichert irgendwie, gab ich noch bereitwillig Auskunft (inzwischen tue ich das nicht mehr) - dass sie uns dauernd nach Buchstaben fragt, immerzu schreiben will und sich Wörter von uns buchstabieren lässt. Und dass wir auf jede ihrer Fragen eingehen wollen. Ganz egal, welche Fragen das sind und wo sie gestellt werden. 

"Hast du sie denn mal testen lassen in Sachen Hochbegabung?"

Diese Nachfrage kommt regelmäßig. Und um es vorweg zu nehmen: nein, haben wir nicht und werden wir auch nicht. IQ-Tests lehne ich generell ab, das wäre vermutlich Stoff für einen eigenen Artikel. Was gewinne ich - und weitaus wichtiger noch, was gewinnt sie - wenn man ihr solch ein Flag anheftet? Eine hochoffiziell festgestellte und schriftlich fixierte Abweichung vom einem willkürlich festgesetzten Durchschnitt, hurra. Diese Norm interessiert mich aber nicht. Ich möchte meine Tochter an der Stelle abholen, an der sie jetzt gerade und in diesem Moment steht, und sie dann so unterstützen, wie sie es braucht. Was macht es da für einen Unterschied, ob ihr IQ nun 20 oder 200, sie nun hoch- oder minderbegabt ist?

Doch der Umwelt würde es offenbar sehr viel leichter fallen, diese Abweichung von der Norm hinnehmen zu können, wenn ich ihr einen Namen geben könnte. "Sie ist halt hochbegabt!" - weises Nicken, verständnisvoller Blick - ah, alles klar, ja dann... Nein! Ich als ihre Mama will ihr nicht einmal ansatzweise vermitteln, dass Abweichungen von Normen seltsam und feststellungsbedürftig wären - unsere Umwelt wird das noch früh genug versuchen…

Das Alphabet beherrschte sie vor ihrem vierten Geburtstag, und bis zum fünften übte sie sich im Schreiben: wir buchstabierten, sie schrieb Einkaufszettel. Sehr schnell musste sie bei regelmäßig wiederkehrenden Artikeln nicht mehr nachfragen, begann, ohne unseren Support zu schreiben. Mit Beginn des neuen Kindergartenjahres im vergangenen Herbst nahm auch der "SchuKi-Club" seine Arbeit wieder auf - die angehenden Schulkinder treffen sich wöchentlich, besuchen ab und zu das Grundschulgebäude, werden auf den Schulkind-Alltag vorbereitet. Das Tochterkind setzte sich ganz selbstverständlich dazu, denn für sie war ihre Einschulung 2017 keine Frage, sondern eine Tatsache, ohne dass wir bis dahin darüber gesprochen hätten. Sie freute sich wahnsinnig darauf. Da war sie vier.

Der Kindergarten sah es kritisch - weil sie, wie sie sagen, vorgezogene Einschulungen "immer kritisch sehen und nie befürworten". Wo bleibt da der Blick für jedes einzelne Kind? Während meine Maus der Oma begeistert einen Absatz in einem Buch vorlas, ballte diese das Gesicht zur Faust und fragte mich allen Ernstes "Macht sie das gerade freiwillig, oder hast du sie dazu aufgefordert?". Gegenwind aus der direkten, der allernächsten Familie; von denen, die uns kennen, die es besser wissen müssten. Ich war sehr enttäuscht, ich bin es noch.

Wir mussten uns nun also ganz aktiv und ganz alleine mit dem Thema der "vorgezogenen Einschulung" auseinandersetzen. Eine Menge Rennerei - wir wurden ja nicht angeschrieben und zu Terminen eingeladen, sondern mussten uns alle Informationen selbst zusammensuchen. Was gar nicht so trivial war - die Webseiten der Stadt könnten echt mal ein Update vertragen - und ein Rest Zweifel blieb: würde sie es auch sozial schaffen? Emotional? Waren wir auf dem richtigen Weg, oder hatten alle anderen doch recht?

In den Prozess der Schulanmeldungen banden wir unser Mädchen aktiv ein, und es gab ihr einen regelrechten Schub und eine neue Art von Selbstbewusstsein. Innerhalb weniger Monate machte sie so unfassbar viele Fortschritte, dass ich bisweilen sprachlos vor ihr sitze. Im Januar wurde mir in einem Gespräch mit der Kindergartenleitung mitgeteilt, dass sie den Kindergarten sozusagen durchgespielt habe - was sich vollkommen mit der morgendlichen Diskussion "Ich geh da nicht mehr hin, dort ist mir langweilig." deckt. Mit meinem Einverständnis und in Zusammenarbeit mit der benachbarten und zukünftigen Grundschule werden ihr seither Grundschulmaterialien angeboten: sie lernt viel über Wortarten und Satzbau, addiert und subtrahiert in einem immer größer werdenden Zahlenraum, bastelt sich eigene »Taschenrechner« - stellt sie euch wie ziemlich auffällige Spickzettel vor ;) Und manchmal liest sie den Kindern ihrer Gruppe eine Geschichte vor.

Ja, auch die Einrichtung befürwortet nun ihre Einschulung im Alter von fünf Jahren und ja, das ist früh. Weiß ich selber. Ihr kommt entgegen, dass sie so groß ist - ebenfalls eine deutliche Normabweichung, die wir ärztlich abklären lassen mussten, um Schlimmeres auszuschließen. Doch sie ist nicht krank, sie ist groß; und sie entspricht offenbar in ziemlich vielen Punkten einer wie auch immer gearteten Norm eben nicht. Sei's drum.

Manchmal würde ich mich gerne darüber austauschen, denn manchmal tue ich mich schwer damit. Meine zweite Schwangerschaft endete 10 Wochen vorm eigentlichen Termin, und das war schlimm - weil ich irgendwie das Gefühl hatte, noch nicht bereit zu sein, etwas verpasst zu haben, vom Lauf der Dinge überrannt zu werden. So ähnlich fühlt es sich hier auch an. Manchmal bin ich überfordert von meiner Fünfjährigen, diesem so selbständigen und erwachsenen Wesen, die abends mit einem Buch in ihrem Bett verschwindet.

 

Andere Eltern fassen das bisweilen als Affront auf, deshalb rede ich nicht mehr darüber. Aber vielleicht finde ich ja auf diesem Wege hier etwas wohlgesinnten Austausch. Das wäre toll <3 Denn die Unsicherheit bleibt. Das kennt wohl jede Mama.

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