Elterncoaching vom Wunschkind-Blog oder: What the f***ck is my way?

So viele von Euch haben sich die Mühe gemacht, mit mir gemeinsam zu reflektieren, ihre Sicht der Dinge zu beschreiben und im Großen und Ganzen zu entwarnen, als ich in meinem letzten Blogbeitrag von meinen Problemen berichtete, in schwierigen Zeiten einen für mich gangbaren Weg mit den Kindern zu finden. Ich danke Euch sehr dafür.

 

 

Schon öfter hab ich mir gewünscht, natürlich nicht laut gesagt, denn was sollt Ihr dann von mir denken, dass ich gerne im Alltag einen Videomitschnitt von meinem Leben mit Kindern hätte und einen Knopf im Ohr, über den die Autorinnen vom Wunschkind-Blog mir mitteilen, was ich jetzt tun soll – so wie die Eltern in der früheren Dokuserie „Die Supernanny“, die es einfach nicht auf die Kette bekamen, obwohl es allen FernsehzuschauerInnen natürlich wie Schuppen von den Augen fiel, was richtig und was falsch war.

Der Anspruch und ich, ich weiß, dass das ein schwieriges Thema ist. Aber es ist nicht DAS Thema mit meinen Kindern. 

 

Augenhöhe & Selbstschutz

Das Thema ist, dass ich ihnen auf Augenhöhe begegnen möchte, wie Renate von mamisblog es für ihre Interaktion mit ihren Kindern beschreibt, die sie aber nicht als unerzogen bezeichnen würde. 

Das Thema ist, dass, wie Danielle vom Wunschkind-Blog unter meinem Text kommentierte, meine Grenzen dauernd überschritten werden und ich es zulasse. Das ist ein interessanter Punkt, den ich auch schon mal mit meiner Therapeutin besprochen habe. Ich sehe da zwei Möglichkeiten: entweder, wie Danielle vorschlägt, viel früher Stopp sagen. Das hätte aber zur Folge, dass ich meine Kinder quasi fesseln und knebeln müsste. Von dem, was sie sich wünschen, könnte ich ihnen dann nur noch… sagen wir zwei Prozent erlauben statt wie bisher vielleicht zehn. Das klingt so, als würde ich meinen Kindern alles verbieten.

Aber was kann ich dafür, wenn meine Kinder sich zu 90 Prozent Dinge wünschen, die nun mal nicht gehen? Maple will bei sperrangelweit offenem Fenster auf der Fensterbank umherlaufen. Tut mir leid, das will ich nicht. Zack, Kompromiss abverlangt. Nur stehen und wenn ich sie dabei von hinten umarme. Kind muss kooperieren. Coco will die komplette Milch ausschütten. Das will ich nicht. Lebensmittel haben für mich einen Wert, tierische erst recht. Zack, Kompromiss abverlangt: nein, nur mit Wasser. Kind muss kooperieren. So geht das den ganzen Tag. Was kann ich dafür, wenn meine Kinder nur so beknackte ausgefallene Dinge wollen? (Vielleicht verzogen? Haha) 

Ich lasse sie möglichst viel machen, weil ich ihnen sowieso schon so viele Kompromisse abverlange. Weil ich sowieso schon so viel verbieten muss. Einen minimalen Freiraum möchte ich meinen Kindern schon erlebbar machen. Aber ich habe im Zusammensein mit anderen (repräsentativen, ähnlich tickenden Eltern, also nicht autoritären) aber nie erlebt, dass da ständig ausdiskutiert werden muss, wie eine Lösung aussehen kann, die beiden Seiten gerecht wird. Mir kommt es so vor, als spielten die Kinder einfach andere Sachen. Sachen, die halt völlig unproblematisch sind. Wenn ich meine Grenzen vorher artikuliere (runter von der Fensterbank, Coco, du kannst stattdessen mit den Bauklötzen spielen), habe ich – rationale Konsequenz – von morgens bis abends NUR Konflikte und frustrierte Kinder und – emotionale Konsequenz – das sehr deutliche Bauchgefühl, dass sich meine Kinder bagatellisiert, nicht ernstgenommen und ständig zurückgestoßen fühlen. Und gegen mein Bauchgefühl geh ich nicht. 

Zweite Variante: Ich lasse so viel zu, wie es irgendwie geht, auf meine Kosten. Ich akzeptiere den Stress, der daraus für mich entsteht, die Mehrarbeit und so weiter. Bis ich irgendwann wirklich keinen Millimeter Spielraum mehr habe und deutlich, sehr deutlich, leider manchmal auch überdeutlich meine Grenze artikuliere. Konsequenz, rational: Kinder fühlen sich zurückgestoßen und erkennen: Ach du Scheiße, jetzt ist es ernst und jetzt braucht die Mama echt ne Pause, und wir sagen am besten gar nix mehr. Konsequenz, emotional: Es tut mir leid, dass ich es nicht friedlich geschafft habe, meine Grenze zu zeigen bzw. ich habe es versucht, ich habe es angekündigt, mehrfach, aber es wurde überhört.

Im Gespräch mit meiner Therapeutin habe ich mich dafür entschieden, dass letzterer Weg für uns der bessere ist. Die Kinder können sich mehr entfalten, müssen weniger funktionieren, es gibt weniger Grenzen, aber dafür sehr deutliche.

 

Kooperation? Fehlanzeige.

Aber Danielle hat Recht, es geht offenbar zu sehr auf meine Kosten. Das schreibt auch Mama notes in einem Twitter-Kommentar:„Gleichwürdig gilt für beide Seiten.“ Genau das ist das Problem. Ich komme meinen Kindern entgegen, sie mir nicht. Danielle schreibt, ich erwarte, dass die Kinder meine Kooperationsbemühungen wertschätzen, aber das könnten sie in dem Alter noch nicht. Ich erwarte nicht, dass sie meine Kooperationsbemühungen wertschätzen. Ich erwarte, dass sie kooperieren. Und das tun sie nicht. Unerzogene würden analysieren, dass sie deshalb nicht kooperieren können, weil sie die ganze Zeit schon kooperiert haben und jetzt einfach nur noch ihre Integrität wahren müssen, und das kann ich logisch verstehen. Ich ziehe daraus den Schluss, ihnen weniger Kooperation abzuverlangen, damit sie an entscheidenden Stellen eben kooperieren können – und genau DA entsteht in meinen Augen der Teufelskreis. 

Darauf hätte ich gerne eine Antwort. Ist es vielleicht zu spät dafür? Sind meine Kinder schon so gekränkt in ihrer Persönlichkeit, dass sie nicht mehr kooperieren, sondern nur noch ihre Integrität wahren können? Ist der Zug abgefahren? Ich kann es weder rational glauben (es ist doch nie zu spät, oder?) noch halte ich es für wahrscheinlich. Man kann mir vieles vorwerfen, aber nicht kindschädigendes Verhalten. Oder doch?

Danielle konstatiert in ihrem Kommentar, dass meine „Kinder sich ständig 'falsch' fühlen“, was für mich die Höchststrafe ist (weil mein eigenes Kindheitstrauma: „Du bist falsch“), und es erschließt sich mir auch nicht, woraus sie das schließt. 

 

Nur eine Phase?

Das Thema ist auch: Ich weiß, dass es eine Phase ist. Nicht umsonst leitete ich meinen Text ein mit „Hier ist seit einigen Tagen die Elternhölle ausgebrochen.“ Sprich, es war vorher nicht so, und Maple hat die Autonomiephase zwar nicht wie Coco mit anderthalb schon betreten, aber doch etwa mit 3, also vor anderthalb Jahren. Ich bin mir der  entwicklungspsychologischen Hintergründe absolut bewusst, dank Dr. Posth R.I.P., ich bin absolut bereit, sie anzunehmen, ich halte sie für sinnvoll und wichtig und habe kein Problem mit Kindern, die ihrer Wut Ausdruck verleihen. Ich begleite sie. Ich verstehe sie. Nur eine Erklärung dafür, dass seit meiner Rückkehr aus Oslo quasi ALLES ein Affront für meine Kinder ist, die habe ich nicht. Nur die Frühlingskindermama hat auf Twitter auf meine Schlussfrage des Posts beantwortet: Hat es damit zu tun, dass ich fünf Tage und vier Nächte am Stück nicht da war? Sie hält es für möglich. Ich auch.

Wenn es die Autonomiephase mit sich bringt, dass Kinder über ein für manche Eltern erträgliches Maß hinaus austicken, dann ist, da gebe ich Danielle Recht, die Anhäufung von krassen Situationen kein Erziehungsversagen. Wenn bei den Kindern aber dabei die Botschaft ankommt: „Du bist falsch“, dann ist es das in meinen Augen ganz eindeutig. Und da brauche ich Hilfe. Inwiefern würde das empfohlene frühere, sprich häufigere Grenzensetzen meinerseits ihnen das Gefühl vermitteln, richtig zu sein?

 

Unerzogen – zu hoch für mich?

Ein weiteres Thema bringt Snowqueen, die andere Autorin vom Wunschkind-Blog, auf den Punkt, und da musste ich erst einmal ganz schön schlucken. Ich überspitze, um zu verdeutlichen (sie hat es wesentlich einfühlsamer geschrieben, wofür ich ihr sehr dankbar bin): Vielleicht ist die unerzogene Lebensweise zu anspruchsvoll für mich. Ein ideales Ideal, das aber einfach unerreichbar weit weg für mich ist. Vielleicht bin ich beim autoritativen Erziehungsstil besser aufgehoben. Boooooooooom, was bei mir erst mal ankam, war: Du bist einfach nicht gut genug. Du gehörst nicht zur Creme de la Creme der wirklich guten Mütter. Mach es halt, so gut Du es kannst, und wer zu doof ist für die Kunstakademie, sollte, statt immer wieder durch die Aufnahmeprüfung zu fallen, lieber einen VHS-Kurs „Malen nach Zahlen“ belegen, das macht unterm Strich glücklicher. Denn auch Kinder haben keinen Bock auf ständig frustrierte und überforderte Eltern. Was daran so schmerzt, ist die Erkenntnis, dass es wahr ist.

Nun weiß ich inzwischen, dass autoritative Erziehung nicht dasselbe ist wie autoritäre Erziehung (was ich zunächst vermutet hatte, und deshalb meine krasse Reaktion). Dass Attachment Parenting eine Unterform der autoritativen Erziehung ist, tut mir gut zu lesen. Anders als bei Unerzogenen bleibt bei der autoritativen Erziehung allerdings das Machtgefälle zwischen Eltern und Kindern bestehen. Das klingt sehr böse. Ich brauche Zeit, um mich damit auseinanderzusetzen. Denn Macht ist häufig verbunden mit Machtmissbrauch (das vermeintliche Recht des Stärkeren). Das liegt mir fern. 

 

Liebevoll leitend

Ich hätte es lieber so, wie es bei uns im Kindergarten ist: Natürlich gehen die Kinder davon aus, dass im Zweifelsfall die Erzieherinnen sagen, was geht und was nicht, aber es steht überhaupt nicht im Vordergrund. Es spielt keine Rolle. Alles, was ich da spüre, und ich bilde mir ein, für so was gute Antennen zu haben, ist Wertschätzung, Respekt, Integrität auf allen Seiten, Empathie hoch zehn und absolut liebevoller Umgang. Aber es gibt auch das Machtgefälle.

Beispiel: Die Kinder im letzten Kindergartenjahr dürfen, wann immer sie Lust haben, alleine hinunter gehen in den Garten. Es gibt nur eine Regel: Nicht an die Kletterwand. Prompt haben die damals frisch gebackenen „Ältesten“ das bei erster Gelegenheit doch gemacht – daraufhin mussten sie wieder reinkommen. Ich habe das mitbekommen. Die Erzieherin hat das so wertschätzend, Integrität wahrend und klar gehandelt, dass ich richtig geflasht war. Sie brauchte nicht viele Worte. Sie hat die Kinder mit ihrem entwaffnenden Lächeln, das immer von Herzen kommt, angeguckt und gefragt: „Habt Ihr selbst gemerkt, ne? Wir hatten ja ne Abmachung.“ Wieder dieses Lächeln, aus dem man unmissverständlich liest: „Ich mag Euch sehr, Ihr bedeutet mir etwas, und ich nehme Euch ernst.“ Grinsen bei den betroffenen Kindern. „Kommt Ihr bitte wieder rauf?“ Da musste kein Kompromiss gefunden werden. Sie kamen einfach.

 

Anpassungsstörung

Gestern noch habe ich einen Blogbeitrag der Ökohippirabenmutter gelesen, in dem es darum ging, dass sich mit Kind(ern) einfach ALLES verändert. Sie schrieb das, und aus jeder Zeile sprach ihr Einverständnis dazu. Sie hat es angenommen. Sie hatte es sich ganz anders vorgestellt, und ihr erster Sohn stellte ihr Leben auf den Kopf. Und heute ist sie glücklich. Sie hat ihr nun sehr anderes Leben angenommen und ist glücklich damit. Ich bin über doppelt so lange Mama wie sie und hab es noch immer nicht zu dieser radikalen Akzeptanz geschafft. (Immer hilfreich: Vergleichen!)

Ich hingegen bin die gelebte Anpassungsstörung. Ich bin nicht mit meinem Leben zufrieden, ich kann den Totalverlust von Selbstbestimmung noch immer nicht verschmerzen, geschweige denn annehmen. Und dennoch bin ich glücklich. Ja, sehr glücklich sogar. Aber ich hätte auch gern dieses Gefühl von: Es ist gut so. Ja, klar, was alles war. Was ich als Kind erlebt habe, was wir mit Maple mitmachen mussten und so weiter. Aber irgendwann ist doch auch mal gut. Immerhin ist Maple nun (fast) gesund. 

Also, es ist klar: Ich muss etwas ändern. (Das sieht Karl übrigens anders.) Will ich mich von hohen Ansprüchen verabschieden, von dem Anspruch eine Mutter zu sein, wie sie in meinen Augen sein sollte? 

JedeR hat das Recht, seinen Weg zu suchen, zu finden und zu gehen. Aber es ist ein Unterschied, ob man sagt: „Unerzogen, das überzeugt mich nicht, das ist nichts für mich“ oder ob man dafür zu unzulänglich ist und daran scheitert. Scheitern fühlt sich halt immer doof an. Gelinde gesagt.

 

Gute Mutter sucht ihren Weg

Zur guten Mutter: Erstens, ich glaube, dass ich eine bin. Auch wenn ich manchmal austicke, um meine Integrität ringe. Natürlich ist das für die Kinder nicht toll. Aber, wie meine Therapeutin (die auch und vor allem Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin ist) sagt: Entscheidend ist die Basis. Und da ist Liebe, Liebe, Liebe.

Zweitens würde ich gern noch mal meine Therapeutin zitieren, sozusagen als meine Anwältin. Gestern schrieb sie mir:

„Ich habe es auch so empfunden, dass Ihnen die Termine immer wichtig waren und so habe auch ich es als Hinweis auf eine Besserung bei Ihnen gewertet, dass Sie den Termin vergessen haben. Das erlebe ich bei anderen Patienten, wenn der 'emotionale Druck' insgesamt nachlässt und sie psychisch stabiler werden. Das heißt natürlich nicht, dass immer alle Probleme gelöst sind oder es nicht belastende Momente oder Zeiten gibt. Aber das ist ja normal.“

Ich wüsste gerne, was mein Weg ist. Ich würde gerne Extremsituationen einordnen können und denken: Das gehört dazu. Ich möchte mich nicht von der Wertschätzung und zumindest gefühlter Gleichwürdigkeit und Gleichwertigkeit mit meinen Kindern (also dass sie nicht weniger wert sind) verabschieden. Und ich möchte eine Handlungsweise finden, die dem Rechnung trägt, ohne dass ich im Ergebnis der Handlungen, was meine Bedürfnisse angeht, weniger wert bin als meine Kinder.

 

Pest oder Cholera oder Typhus

Es ist mir ein Bedürfnis, etwas für mich zu tun, etwas, das mir gut tut. Mal nähen, mal abends weg gehen, mal zum Sport. Coco geht nicht vor halb 11, 11 schlafen. (Ja, alles ausprobiert. Scheint ihr Biorhythmus zu sein.) Coco kann nicht, wenn ich da bin, nur mit Karl spielen. Beide Kinder fordern mich ein. Also nicht nur nach dem Motto „wäre schön“, sondern, zumindest bei Coco (bei Maple war es auch so, aber sie ist nun alt genug, dass sie es versteht) mit herzzerreißendem Weinen und Schreien, wenn ich mich ihr vorenthalte. Ablenkungsmanöver durchschaut sie inzwischen.

Mir kommt vor, das ist für sie noch schmerzhafter, weil sie inzwischen weiß, dass es eine Strategie ist. Da kann ich ihr noch besser sagen: Ich brauche jetzt mal Zeit für mich, der Papa ist für Dich da. Aber auch dann ist sie maßlos traurig. Und das kann doch nicht der Weg sein. Da denke ich, dass ihre Bedürfnisse existenzieller sind als meine. Cocktailtrinken wiegt Mamabrauchen einfach nicht auf. Denn darum geht’s. Das ist etwas, das aus der schlimmsten Zeit mit Maple hängengeblieben ist, sich auf ewig eingebrannt hat: Es kann nicht sein, dass existenzielle Bedürfnisse missachtet werden. Das. Ist. Keine. Option.

Da verzichte ich lieber aufs Nähen, aufs Ausgehen, aufs Lesen, aufs Bloggen bzw. tu das auf Kosten von eigentlich notwendigem Schlaf. Ich weiß und bekomme zu spüren, wie falsch das ist. Aber das andere ist auch falsch. Oder ich muss auf die letzte Selbstbestimmung verzichten, auf Dinge, die mir Kraft geben, mich auftanken lassen (neben den Momenten mit den Kindern, die mich ebenfalls auftanken lassen, versteht sich!).

Der beste Weg zum Ziel verläuft selten gerade. Muss er ja nicht. Aber es wäre schön, wenn ich ihn besser sehen könnte.

Und dann ist da immer noch die Stimme im Off: Tja, hättest ja keine Kinder bekommen müssen. Jetzt ist es halt so. Akzeptiere es! Aber diese Stimme hilft mir am wenigsten.

 

Eure Mo

 

Als Mama darf man sich nicht für seine Kinder schä...
Das zweite Kind im Geiste

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