Ernten Eltern tatsächlich immer das, was sie säen? Teil 1

Diese 4 teilige Reihe dreht sich um das Thema "Über das Verhältnis von kindlichen Bedürfnissen und Eltern-Bedürfnissen" und beinhaltet sowohl eigene Erfahrungen als auch theoretische Überlegungen zu Elternschaft, Erziehung, High Need Kindern und Konfliktlösungsstrategien. 

 

 

Auf Twitter gab es eine Diskussion zum Thema Aufopferung der Eltern für Ihre Kinder, bzw. darüber wie das Verhältnis zwischen den kindlichen Bedürfnissen und den elterlichen Bedürfnissen sein sollte (bezüglich des Gastartikels von Desiree bei Mamis Blog). Ich schrieb dazu eine Reihe von Tweets, die vor allem auf die These Bezug nehmen, dass Eltern das ernten, was sie sähen. Genauer gesagt geht es um folgendes Argument:

„Wenn Eltern die Bedürfnisse ihres Säuglings und Kleinkindes über ihre eigenen Bedürfnisse stellen, dann wird das Kind später im Gegenzug auch Raum lassen für die Erfüllung der elterlichen Bedürfnisse.“

Mütter von verhältnismäßig kooperativen und pflegeleichten Kindern schrieben, ich pointiere das jetzt hier:

„Dass meine Kinder jetzt (im Kleinkindalter) so kooperativ und pflegeleicht sind, liegt daran, dass ich zuvor meine Bedürfnisse hinten angestellt habe und mich auf die Bedürfnisse meiner Kinder konzentrierte. Dass sie pflegeleicht und kooperativ sind, das ist doch kein reines Glück. Da habe ich schließlich einiges für getan.“

Eltern von anstrengenden oder „high need“ Kindern fühlen sich mit dieser Aussage oft sehr unwohl. Sie sagen (wieder pointiert dargestellt):

„Hey! Ich habe bis zur absoluten Erschöpfung meine Bedürfnisse in die Tonne getreten und die Bedürfnisse meines Kindes vollkommen priorisiert. Und dadurch sind die bis heute nicht pflegeleicht geworden. Der kausale Zusammenhang, den ihr da herstellt, der stimmt so nicht.“

Ich denke auch, dass diese Gleichung „Man erntet was man sät“ in der Erziehung zu kurz gedacht ist, denn die Situation ist komplizierter und einfache Kausalzusammenhänge werden dem nicht gerecht.

 

Um genauer zu erklären, warum mich diese Aussage richtig ärgert, muss ich meine eigene Geschichte erzählen.

Ich war selbst ein absolut pflegeleichtes und kooperatives Kind. Und meine Eltern haben mich zwar sicherlich geliebt, aber viel Mühe haben sie sich nicht gegeben und meine Bedürfnisse wurden nicht priorisiert. Mein Vater erzählt bis heute sehr oft und gern darüber, wie ich als Baby war und wie sie sich damals um mich gekümmert haben. Meine Mutter hat mir auch schon oft ihre Sicht der Dinge geschildert. Ich kenne die Geschichte meiner Baby- und Kleinkindzeit, der Zeit bevor meine eigene Erinnerung einsetzt, also schon sehr lange sehr gut:

Als sie mit mir aus dem Krankenhaus heim kamen, sollte ich erst im Stubenwagen neben dem Elternbett schlafen. Aber direkt in der ersten Nacht machte es meinen Vater fertig, meiner nicht absolut regelmäßigen Atmung zu lauschen. Wie das eben bei ganz jungen Säuglingen ist. Er konnte so nicht schlafen, denn er konzentrierte sich dann immer darauf, ob ich noch atme. Ich denke, das kennen viele junge Eltern. Mein Vater entschied deshalb: Der Stubenwagen muss ins Kinderzimmer. Meine Mutter war dagegen. Mein Vater setzte sich durch.

Als ich so zwischen 6 und 12 Wochen alt war, beschloss mein Vater, jetzt sei es Zeit, dass ich nachts allein zu Recht komme. Ich schrie nämlich, obwohl ich weder Hunger hatte, noch eine nasse Windel und mir auch nicht zu warm oder kalt war. Offenbar wollte ich nur Gesellschaft und so ging das nicht, befand mein Vater. Also wurde ich schreien gelassen. Ferbern wäre dagegen nett gewesen. Meine Mutter war wieder dagegen, mein Vater setzte sich wiederum durch. Ich lag beim ersten Mal über 30 Minuten in meinem Bett und schrie. Meine Mutter schloss sich im Bad ein, zog sich ein Kopfkissen über die Ohren und heulte. Mein Vater zog es durch, in dem festen Glauben diese Maßnahme sei zwar unangenehm, aber notwendig.

Es waren die 70er Jahre und die Mentalität war eine andere. Als meine Mutter nach der Geburt meines Kindes Remo Largos Buch „Babyjahre“ las, da kam alles hoch bei ihr und sie weinte stundenlang, weil sie nicht auf ihr Bauchgefühl gehört hatte damals. Schrecklich sei es gewesen. Aber alle Welt hatte gesagt, so müsse es nun einmal sein. Ich wurde älter und war wirklich ein absolutes Vorzeigekind. Etliche eigentlich kinderhassende Freunde meiner Eltern bekamen auch Kinder, weil ich so reizend und umgänglich war. Ich habe diese Geschichten auch von denen gehört: „Was warst Du für ein süßes und liebes Baby.“

Und auch als Kind ging es so weiter. Meine Eltern stellten meine Bedürfnisse oft hinten an. Es war normal, dass ich zurück stecken musste. Ich musste auch sehr viel mithelfen, schon im Grundschulalter hatte ich umfassende Pflichten. Und ich erfüllte sie. Natürlich machte ich auch gelegentlich Probleme: Ich war sehr klein und aß nach Meinung der Ärzte zu wenig. Meine Eltern machten sich große Sorgen und versuchten alles mich zu mästen. Ohne Erfolg. Heute würde man es einfach als zwar klein und zart aber normal ansehen und sich nicht groß sorgen. Damals haben ihnen Kinderärzte und Kinderhilfe die Hölle heiß gemacht.

Ich war später auch dann und wann nicht gut in der Schule. Doch alles erledigte sich im Laufe der Zeit und ich machte ein ansehnliches Abitur und studierte, brachte mein Studium zu Ende, etc. Ich war in jeder Hinsicht ein umgängliches, kooperatives, pflegeleichtes und liebevolles Kind. Und meine Eltern haben nicht nur meine Bedürfnisse nicht priorisiert, niemals, sondern sie waren auch regelmäßig ziemlich gemein zu mir. Sie haben mich beleidigt und herabgesetzt, wenn ich nicht so optimal funktionierte, wie sie es wünschten und auch einfach so, aus Spaß haben sie gemeine Dinge zu mir gesagt.

Wenn mir ein Fehler unterlief, wurde ich auch schon mal geschlagen. Und ich blieb kooperativ und pflegeleicht. Ich habe sie nie im Stich gelassen, wenn sie meine Hilfe brauchten. Auch nicht als Erwachsene. Und das wurde mir nie gedankt. Ich hätte ja immer noch mehr tun können, befanden sie. Ich hätte doch noch viel besser und viel erfolgreicher sein können, sagten sie mir. Es reichte einfach nie, was ich leistete. Ich war durchaus kein Einzelfall. Im Laufe meiner Schulzeit freundete ich mich immer wieder mit Kindern an, deren Eltern ich heute als „toxisch“ bezeichnen würde. Und die wenigsten dieser Kinder machten ihren Eltern Sorgen. Im Gegenteil, viele versuchten alles, um die Anerkennung ihrer Eltern zu gewinnen. Es ist ein Phänomen das in der therapeutischen Arbeit gut bekannt ist.

Mit diesem Päckchen Scheiße auf dem Rücken wurde ich groß. Ich wurde damit fertig und ich bin heute ein stabiler und umgänglicher Mensch und auch, wie ich finde, eine sehr passable Mutter, die ohne großen Support ihr Kind groß zieht. Und all die Erfolge in meinem Leben heften sich meine Eltern auf die Fahne. Schließlich erntet man ja was man sät, nicht wahr? Ich weiß nicht, warum man Scheiße säen und trotzdem eine gute Ernte einfahren kann in der Erziehung. Aber eins weiß ich: Die gute Ernte verdanken meine Eltern sicherlich nicht der ganzen Mühe, die sie in mich gesteckt haben. Menschen sind oft resilient. Sie werden trotz beschissener Situation zu recht zufriedenen und gesunden Erwachsenen. Ich hatte eben andere Menschen, die mich stark gemacht haben. Und: Dass meine Eltern meine Bedürfnisse nicht priorisiert haben, war echt mein kleinstes Problem. Die psychische und physische Gewalt war mein wirkliches Problem.

Im nächsten Teil werde ich darüber schreiben, welche Schlussfolgerungen ich aus meinen persönlichen Erfahrungen ziehe.

Gedanken über das neue Jahr: Sorgen über das Weltg...
Yeah - unsere neue Autorin Esme stellt sich vor

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