Extreme Wutausbrüche - wenn das Kind durchknallt, liegt es vielleicht an den Eltern

Dieser Text kommt mal wieder direkt aus meinem Herzen - und das blutet heute, das kann ich euch sagen. Denn ich komme in diesem Blogpost nicht gut weg... ich schreibe diesen Text aus genau zwei Gründen: um mir meine Erkenntnis noch klarer vor Augen zu halten und um vielleicht dem ein oder anderen von euch zu helfen, denn vielleicht geht es euch ähnlich... unsere Tochter brachte uns mit ihren Wutausbrüchen an den Rand des Wahnsinns, bis mir durch Umdenken plötzlich klar wurde, was gerade schief läuft.

 

 

Kleinkind außer Rand und Band 

"Was ist denn nur mit ihr los?" Diese Frage schwebte die letzten Tage permanent über unserer Familie, denn wir standen hilflos vor unserer großen Tochter. Die brüllte und brüllte und brüllte. Immer wieder, über den Tag verteilt. Mal kürzer, mal länger. Im längsten Fall hält sie das auch eine Stunde und mehr durch. Meist geht es schon morgens los, weil sie zu früh aufwacht (sie geht ja bekanntermaßen extrem spät ins Bett) und dann will sie nichts essen, was dazu führt, dass sie vor Hunger noch schlechtere Laune bekommt. Ihr Spezialgebiet sind auch scheinbar absurde Handlungen - es gab mal eine Phase, da trug sie nur ein einziges Tütü, das wir immer wieder auswaschen und föhnen mussten. Seither ist viel passiert - es muss zwar die Farbpalette rosa sein, aber ansonsten ist sie etwas offener geworden: Kleid mit Hose oder Kleid mit Unterrock. Yay. Mittlerweile gehen nur noch Kleider mit Anna & Elsa.

Tja und der neuste Clou: sie will sich permanent die Haare nass machen, weil sie sich nicht sauber fühlt. Aber wenn sie schon brüllt, dass sie in die Wanne will, brüllt sie in der Wanne direkt weiter - es hilft also nichts, ihre Handlung zu unterstützen. Und mittlerweile gibt es Tage, da wünsche ich mir nur, sie mal loszuwerden, wenigstens für eine Stunde, damit ich nicht das permanente Gebrüll im Ohr habe. Ich reagiere natürlich nicht besonders toll, muss ich zugeben. Anfangs versuche ich noch, darauf einzugehen, aber da einfach nichts hilft, kommt der Gamer in mir zum Vorschein, und nach Trial & Error Prinzip mache ich einfach alles, was mir einfällt, in der Hoffnung, es möge sie stoppen.

Und wenn ich es gar nicht mehr aushalte, gehe ich auch mal aus dem Raum und sage ihr, sie soll allein bleiben - ganz schlimm eigentlich, aber ich bin echt verzweifelt. Keine Ahnung, was Jesper Juul tun würde, aber in dieser Situation hilft wirklich nichts. Irgendwann, wenn viele Tränen geweint und die Stimmbänder heiser gebrüllt sind, frage ich, ob ich sie kuscheln darf - und dann drückt sie sich ganz fest an mich und ich merke, dass es das war, was sie eigentlich wollte...

 

"Was ist nur mit ihr los?" versus "Was ist anders?"

Die ganze Zeit habe ich mir den Kopf zerbrochen - was ist denn mit ihr los? Man muss auch dazu sagen, ich kenne mich mit psychiatrischen Erkrankungen ein wenig aus, ganz schlecht eigentlich. Ich sehe dann: selbstinduziertes Erbrechen, selbstverletzendes Verhalten, Ängste und Zwänge... GRAAAAH! Dabei ist sie doch noch ein kleines Kind. Übrigens, bei Kindern sind Ängste und Zwänge normal (hab ich auch mal gelernt) und ich würde auch erst zu einem Therapeuten gehen, wenn die Familie im Gesamtverhalten darunter leidet, zum Beispiel nicht mehr aus dem Haus kommt weil sich alle anpassen müssen oder so. Aber jedes Kind hat seine "Macken", ich hatte zum Beispiel den Zwang, Treppen zu zählen und auch diverse Zwangsgedanken die ich "zu Ende denken" musste. Heute bin ich extrem zwanglos, eher zu wenig als zu viel. Auf jeden Fall haben viele Kinder ihre Routinen und für Außenstehende sonderbare Handlungen, die für sie aber total wichtig sind und Sinn ergeben. Bei meiner Tochter sehr ausgeprägt, und bislang sind sie auch immer wieder besser geworden oder ganz verschwunden, egal, wie kirre mich einige Leute machen wollten.

Aber, jetzt kommt der Clou! Die eigentlich wichtigste Frage lautet: was ist im System anders? System, das ist zum einen die Familie, aber auch das Umfeld. Alles eben. Wir neigen dazu, ich hab es ja auch getan, das Kind anzuschauen und das dominante Problem zu sehen und zu fragen, "what the fuck is wrong with you"?! Aber als ich meinen Blick davon weg lenkte (scheiß auf das Problem, was ist denn anders) da erkannte ich: alles ist anders für sie!

Seit Monaten waren wir in der Kindergarten Eingewöhnung, was bei uns beiden für extremen Frust gesorgt hat. Wir brachen das Experiment ab, was an sich für Spannungsabbau sorgte, andererseits aber eine neue Routine bedeutete. Ganz schlecht für high need Kinder. Außerdem ist bei mir das Elterngeld weggefallen und ich hatte mich entschieden, erstmal keinen Job zu suchen, sondern mit Schreiben Geld zu verdienen. Das klingt immer so toll - alles im Homeoffice und so. Aber ich habe ja nie Me Time! Also mussten die Wochenenden herhalten - kaum noch Zeit für sie, der Papa war viel zuständig und gefrustet, ich war gefrustet weil ich nichts mehr für mich machen kann und die Familienunternehmungen wurden auch immer kürzer. Scheiße. Von allen Seiten schlechte Stimmung, und da wundert man sich, dass uns das Kind den Spiegel volle Kanne ins Gesicht donnert?

 

Das Kind als Symptomträger - wer das erkennt dem ist direkt geholfen

Kinder sind ja seltenst von alleine völlig durchgeknallt. Da sind so gut wie immer andere Umstände dran schuld, und in unserem Fall ist es sehr eindeutig. Und glücklicherweise auch zu beheben. Unser Kind ist sehr empathisch, sehr high need, und wenn es Probleme im System Familie gibt, dann spiegelt sie uns das sehr extrem. Einerseits hat sie dann ihre kuriosen Zwänge, die eine Art beruhigende Wirkung auf sie haben, andererseits mit Gebrüll erhöht sie so richtig den Druck auf uns alle. Sie brüllt uns entgegen "Mir geht es beschissen! Seht wie ich leide! Ändert was!" Und das ist doch genau genommen wirklich großartig von ihr!

Scheiße natürlich, dass wir so tief in unseren Problemen stecken, dass wir den Job nicht selber übernehmen können, aber immerhin sind wir in der Lage, zu reflektieren und unsere Konsequenzen daraus zu ziehen. Meine erste Amtshandlung war, meine Mutter zu bitten, unter der Woche ein, zwei Mal zur Unterstützung zu kommen, damit ich etwas arbeiten kann und nicht alles am Wochenende machen muss. Ganz wichtig finde ich, dass sowohl der Papa als auch ich jeweils etwas Schönes mit ihr alleine machen, und zwar regelmäßig. Das muss kein tolles Event sein, aber einfach Zeit mit ihr exklusiv verbringen und auch wirklich für sie da sein. Denn sobald wir das machen, ist sie das allerliebste und kooperativste Mädchen, das ich mir vorstellen kann.

 

Ich schreibe diesen Text also mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Mich schmerzt, dass wir alle so leiden müssen, dass mein Kind so leiden muss, bis ich es schaffe, das Offensichtliche zu sehen. Aber ich freue mich, dass der Groschen endlich (scheppernd) gefallen ist. Und wieder drängt sich mir dieser Satz aus der lösungsorientierten Kurzzeittherapie auf, der mir schon oft weiter geholfen hat:

"Wenn etwas nicht funktioniert, versuche etwas anderes."

 
Über Respekt, Ironie und Höflichkeit
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