"Kindergartenfrei? ... ich kann Ihnen da Erziehungsberatung empfehlen"

Was ist eigentlich los mit der Gesellschaft, dass man sofort ein dickes fettes Schild über sich schweben hat, sobald man nicht alles genauso macht wie der Mainstream? Ich musste mir ein ziemlich krasses Telefonat geben und wundere mich jetzt nur noch, wieso mir als Mutter jegliche Kompetenz abgesprochen wird. (Und dabei geht es gar nicht um eine allgemeine Wahrheit, sondern um eine individuelle Entscheidung.)
 
 
 
 
 

"Was, wieso ist die Große nicht im Kindergarten?"

Ich habe letztens mit einer Hebamme und Pädagogin in Ausbildung telefoniert zwecks einer Spielgruppe für meine kleine Tochter. Ganz schnell schoss sie sich auf das Thema kindergartenfrei bei der Älteren ein, wieso denn, wenn sie fragen dürfe. Wie ist das passiert, wo war ich denn, wie hat das Kind reagiert. Irritiert und ein wenig überrumpelt erzählte ich ihr ganz grob die Kurzfassung - eigentlich hatte ich das nur erwähnt, weil sie genervt war, dass ich die Große zum Kurs der Kleinen mitnehmen wollte. Hey, ich kann sie auch zur Oma stecken, aber muss ich mich da rechtfertigen? Offenbar schon, denn das Gespräch bekam dann ganz schnell eine ungute Dynamik. Sie hatte die wissende, interpretierende Rolle, ich steckte mit dem Rücken zur Wand.
 
Wenn mir die pädagogische Haltung der Erzieher nicht gefallen habe, dann seien das vermutlich überzogene Ansprüche gewesen, dem könnte man ja wohl im Setting Kindergarten nicht nachgehen. Wenn mich das Kind nicht habe gehen lassen wollen, dann liege das entweder an mir oder bei dem Kind stimme was nicht. Sie könne mir auch eine Beobachtungsstunde anbieten um herauszufinden, wo das Problem liege. Und ansonsten sei doch Erziehungsberatung sicher in meinem Interesse, da könne man sich ruhig hintrauen, auch schon bevor es richtig schlimm sei. Ach so, ich sei selbst Pädagogin - dann halte sie sich natürlich zurück. Aber ob ich nicht doch die Beratung in Anspruch nehmen wolle... das arme Kind sei doch so allein...
 
 

Jeder weiß es besser als die Mutter

So, und jetzt mal ganz tief Luft holen. Ich schreibe diesen Beitrag vor allem, um zu zeigen, wie krass schnell man in eine Ecke gedrängt wird. Diese Frau wusste überhaupt nicht, was bei uns los war, zog gar nicht erst in Erwägung, dass da die Institution Kindergarten versagt haben könnte. Automatisch war ich die Schuldige - oder das Kind muss irgendeine Störung haben. Oder beides. Dabei geht es mir jetzt nicht mal um unseren Fall, sondern die Frage, wie krass es die Gesellschaft offenbar empfindet, wenn man nicht alles Mainstream macht. Oder ist das wieder der Thematik Mütterbashing zuzuordnen? Jeder weiß es besser als die Mutter? 
 
Also ganz abgesehen davon, dass es eine Frechheit ist, unter dem Deckmantel der Hilfsbereitschaft grob zu verurteilen, ohne die Familie und die ganze Geschichte zu kennen, würde ich mir doch sehr wünschen, dass diese antiquierten Einstellungen vonwegen "Kinder müssen abgehärtet werden" und "Profis wissen es am besten" ein wenig mehr den neusten Erkenntnissen weichen. Die Bindungsforschung zum Beispiel hat bewiesen, dass Kinder, die selbst entscheiden dürfen, wann sie so weit sind, sich von den Bezugspersonen zu trennen, ein größeres Selbstbewusstsein haben. Dass Kinder, denen man vorlebt, dass auch sie wertvoll sind und eine Meinung haben dürfen, später empathischere und sozialere Wesen sind als die, die gleich lernen, dass sie nichts zu melden haben. 
 
 

Pro Bauchgefühl

Dieser Beitrag soll auch nicht allen Eltern, die pro Kindergarten sind, sagen, dass sie es falsch machen. Darum geht es nicht. Jedes Kind, jeder Mensch, ist ein Individuum und ich kann genauso wenig wie alle anderen eine allgemeingültige Wahrheit aufstellen, die auf alle zutrifft. Für mein Kind war es das Richtige, es nicht gegen seinen Willen in den Kindergarten zu stecken - das kann ich als Mutter und Person, die es am besten von allen kennt, in der aktuellen Situation entscheiden. Vielleicht ändert sich das, vielleicht auch nicht. Ich bleibe weiter dran, herauszufinden, was sie braucht.
 
Ich kann mir kaum vorstellen, wie es anderen Eltern geht, die vielleicht nicht das Selbstvertrauen haben, zu sagen, ich weiß genug von Pädagogik, dass ich mir nicht von jedem reinreden lasse. Dabei muss man sich nur trauen, auf das eigene Bauchgefühl zu hören. Und das kann auch sagen, dass das Kind gut aufgehoben ist in der Fremdbetreuung, das möchte ich keinem absprechen. Aber ich möchte mich dagegen aussprechen, dafür verurteilt zu werden, nur weil ich mich nicht der sogenannten Obrigkeit gebeugt habe, sondern auf mein Bauchgefühl gehört habe.
Wenn Arbeitgeber nur so tun als ob...
Sehr cool: das Action Event von AMIGO Spiele im Ma...

Ähnliche Beiträge

 

Copyright © 2015-2017 2KINDCHAOS - ELTERN BLOGAZIN Alle Rechte vorbehalten.
Powered by Hilkert Consulting