Man soll seine Kinder nicht loben? Kurzreflexion zum Wunschkind-Buch, Teil 1

Derzeit beschäftigt mich das Buch über gewünschteste Wunschkinder in Trotzphasen sehr. Ich ziehe unglaublich viel Inspiration, Vertrauen und Rückenwind daraus. An einzelnen Punkten bleibe ich aber hängen. Das soll nicht heißen, dass ich da Widerspruch anmelden möchte. Nur, dass ich da einen Moment einhaken möchte.
 
 
Blüten
Begeisterung für Selbstverständliches

 

 
Diesmal geht’s um das Anliegen der Autorinnen, kooperatives Verhalten, dass Kinder viel häufiger an den Tag legen, als wir es mitbekommen, anzuerkennen. Dabei ist es ihnen wichtig, zwischen aufmerksamer Wahrnehmung und Lob zu unterscheiden. Während das Kind gerne mitbekommen soll, dass wir sein kooperatives Verhalten bemerken und zu schätzen wissen, sollen wir es aber nicht dafür loben.

 

Nix zu erwarten?

Die Erklärung dafür leuchtet mir wesentlich besser ein als das Argument, dass Lob extrinsisch motiviere und daher erwünschtes Verhalten bloß konditioniere (was eine Abhängigkeit von externer Bestätigung für das entsprechende Verhalten nach sich ziehen könne). Die Autorinnen erklären, wenn ich mein Kind für ein Verhalten lobe, zeige ich ihm implizit, dass ich dieses (positive) Verhalten nicht erwartet, sprich: meinem Kind nicht zugetraut habe. Eine solche Botschaft wäre in der Tat sehr kränkend.
 
Meine Frage ist: Warum bedeutet meine übertroffene Erwartung, dass ich dem Kind wenig zutraue? Ich habe in mich hineingehorcht und mich an kürzliche Situationen erinnert, als ich Maple (4,5 Jahre) gelobt habe. Da war zum Beispiel ein DIN-A-4-Blatt, mehrfach immer wieder auf die Hälfte gefaltet, ein „Kunstwerk“ für mich aus dem Kindergarten. Ich: „Hast Du das gemacht? Alleine?“ (Botschaft: Das übertrifft meine Erwartungen.) Maple bejaht stolz. Ich: „Saucool. Das ist ja total akurat gefaltet! Das hätte ich nicht besser gekonnt.“ Was ich meinte, war nicht: Du bist ja ein tolles Kind, aber zum Falten wirklich zu doof. Jetzt hast Du mich aber überrascht, Du bist ja doch nicht zu doof. Sondern ich meinte: Ich bin baff, dass Kinder, speziell meins, das mit 4 schon kann. Ich hätte gedacht, so was kann man erst in der Schule. Meine Überraschung bezog sich also nicht auf die spezielle Unfähigkeit meines Kindes, sondern auf einen viel später gedachten Entwicklungsschritt.
 
Überhaupt bin ich oft geflasht, was meine Kinder wieder Neues gelernt haben. Coco (gerade 2) zum Beispiel fädelte ihre Schnürsenkel durch die Löcher in den Schuhen. Ich kommentiere so was nicht als bewusst konditionierend, sondern wirklich impulsiv, weil ich mich so freue: „Das kannst Du schon? Das ist ja toll! Super, Maus!“
 
An anderer Stelle im Buch kommt immer mal wieder zur Sprache, dass Kinder unser Inneres ganz gut intuitiv entschlüsseln können und dass wir ihnen so leicht nichts vormachen. Warum sollten dann meine Kinder meine ehrliche Begeisterung über Dinge, die sie können, als eigentliche Botschaft von geringem Zutrauen in sie missdeuten?

 

Erwartungen übertroffen

Anderes Beispiel. Ich komme nach Hause von der Arbeit, und Karl empfängt mich mit dem Standardsatz „Tut mir leid, dass ich nichts geschafft habe ...“ Das ist so eine Art liebevolles Ritual zwischen uns. Es ist nicht so ganz ernst gemeint, weil wir beide wissen, dass es sehr leicht sein kann, dass man tatsächlich nichts schafft, wenn man die Kinder betreut, je nachdem wie brauchig sie sind. Karl wirft mir dann das, was er doch geschafft hat, mit bescheidenem Stolz so bröckchenweise hin: „Hab nur die Spülmaschine ausgeräumt. Und Wäsche aufgehängt. Und durchgesaugt.“ Wenn ich dann sage: „Bitte?! Wie hast Du das denn geschafft? Du bist so toll.“, dann meine ich doch nicht: „Deiner persönlichen Inkompetenz hätte ich das nicht zugetraut, deshalb bin ich jetzt positiv überrascht. Sondern ich meine: Die Dinge sind, objektiv und unabhängig von Dir als Person, doch kaum zu schaffen. Niemand kann voll zugewandt mit den Kindern spielen und dabei gleichzeitig Wäsche aufhängen und saugen. Es übersteigt meine Erwartungen, weil ich die Dinge generell für unmöglich halte, nicht weil ich meinen Mann im Konkreten zu wenig dazu in der Lage sehe. Und dann kann doch mit meinem Lob niemals eine Abwertung verbunden sein.
 
Zurück zur Kooperation, denn darum ging es ja eigentlich: die Kooperationsbereitschaft und -bemühungen des Kindes anzuerkennen. Warum dafür loben, wenn doch schlicht davon auszugehen ist, dass Kooperation ein natürliches Verhalten ist? Vielleicht, weil es deswegen – gerade in der Autonomiephase – nicht weniger schwerfällt. Nämlich weil es bedeutet, von der Maximalforderung abzurücken und einen gemeinsamen Weg zu finden. Was spricht dagegen zu sagen: „Das haben wir jetzt gut zusammen hingekriegt, oder“?
 
Natürlich lässt sich argumentieren, dass Kinder auch Entwicklungsschritte naturgegeben durchlaufen und dass daran nichts Besonderes ist, ja, dass deshalb auch jedes tolle neue Verhalten absolut erwartbar und nichts Besonderes ist. Und trotzdem ist man als Elternteil doch immer wieder überrascht und platzt vor Stolz und Freude. Wenn ich das nicht mitteilen darf, dann muss ich mich verstellen, und das ist kein Verhalten, dass ich meinen Kindern vorleben möchte. Wenn ich das nicht mitteilen darf, dann ist das für mich strategisch-berechnend. Nämlich um jemanden klein zu halten.
 
Was mir aus meiner Kindheit sehr bekannt vorkommt. Aber dazu mehr in der nächsten Kurzreflexion.
 
Eure Mo
Meine 4 Phasen, bis ich es mit Kleinkind vor die T...
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