Rezension "Die Rotzlöffel Republik" von Tanja Leitsch und Susanne Schnieder

Rezensionsexemplar
Was macht die Frida eigentlich mit einem Buch über Kindergärten? Na, es hat mich einfach interessiert! Ich bin Sozialpädagogin und habe auch schon in einem Kindergarten gearbeitet, außerdem habe ich mit meiner Tochter zwei "erfolglose" Eingewöhnungen mitgemacht. Und "Die Rotzlöffel-Republik"  wurde als Praxisbuch deklariert, von Erzieherinnen geschrieben, und soll aufzeigen, was da in Kindergärten wirklich abgeht. An der Stelle ein dickes fettes PUH! Ich habe es nämlich nicht zu Ende lesen können...
 
 

 

Darum geht es

Tanja Leitsch ist Diplom-Pädagogin und Systemischer Coach, Susanne Schneider ist KiTa Leiterin mit diversen Weiterbildungen. Beide haben viele Jahre Praxiserfahrung und haben aus der Not heraus die "Rotzlöffel-Republik" geschrieben. Unterstützt wurden sie von Co-Autor Carsten Tergast, Ghostwriter von Michael Winterhoff ("Warum unsere Kinder Tyrannen werden"). Spätestens ab diesem Namen ist klar, wohin die pädagogische Strömung fließt. Jedenfalls nicht in Richtung bindungs- und beziehungsorientiert.
 
Trotzdem war ich neugierig, denn etwas Vergleichbares gibt es nicht auf dem Markt: die Autorinnen erzählen "wahre Geschichten" mitten aus dem KiTa Leben, teils mit Kindern, teils mit Eltern, aber auch innerhalb des Systems. Ziel des Buches ist, aufzudecken, wie schwierig bis unmöglich gute Arbeit in heutigen Kindertagesstätten wirklich ist, die Gesellschaft wachzurütteln und endlich eine Veränderung zu schaffen. Prinzipiell ja eine begrüßenswerte Intention.
 
 

So liest es sich

In 10 Kapiteln mit klangvollen Titeln wie "Idealismus versus Realität", "Schwere Fälle" und "Der Tanz ums goldene Kind" hatte ich den Eindruck, eine lang überfällige Abrechnung von zwei sehr frustrierten Menschen zu lesen. Ja, I get it, der Alltag ist hart und es macht einen fertig und das System ist krank. Stimmt ja alles. Aber irgendwie hatte ich mit einem sachlicheren Tonfall gerechnet. Stattdessen war ich teilweise gebackflashed in eine Art muntere Lästerrunde.
 
Direkt das erste Kapitel hatte mich direkt so abgefuckt, dass ich schon gar nicht mehr weiterlesen wollte. Der Einstieg begann nämlich mit der Eingewöhnungssituation - und einer Mutter, die sich nicht an die Anweisungen der Erzieherin halten wollte und etwas länger dabei blieb. Und die auch noch ständig nervige Fragen stellte. Und dann auch im Elterngespräch völlig uneinsichtig war. (Meine Güte, schreiben die etwa über mich? Haha.) Ja, ich fühlte mich direkt persönlich angesprochen. So, dachte ich mir, haben die Erzieherinnen aus unserer Einrichtung sich sicher auch gefühlt. Diese nervige Mutter, die einfach nicht weiß, wer hier das Sagen hat.
 
 
 
 
Eltern werden als "beratungsresistent" und "nur bedingt erziehungsfähig" bezeichnet. Es muss wirklich schlimm sein mit den Eltern heutzutage, da es kaum noch diejenigen gibt, die sich nicht daneben benehmen. (Hier wieder ein Hinweis auf die Werke von Winterhoff.) Das Wort "Tyrann" fällt tatsächlich noch des Öfteren im Buch, denn durch das allgemeine Versagen der heutigen Eltern, die sich nicht mehr durchsetzen können, entstehen lauter kindliche Tyrannen, mit denen sich die Erzieherinnen rumschlagen müssen - und natürlich mit Eltern, die überzogene Forderungen haben.
 
Sicherlich wird es diese Eltern geben, aber die Vermutung liegt eben doch nahe, dass hier auch alle grob bindungsorientierten Eltern, die ansatzweise in Richtung Attachment Parenting tendieren, gemeint sind. Besonders schlimm fand ich das Kapitel "Wenn sich jeder nur noch individuell entwickelt, ist 'Gesellschaft' nicht mehr möglich". Dort wird erstmal über Individualpädagogik hergezogen (Ja, anders kann man es nicht nennen) und wie wenig der Nutzen für die Gesellschaft und natürlich für die Erzieherinnen selbst ist, wenn Kinder sich aussuchen dürfen, was und wie lange sie etwas tun. Klar, stelle ich mir auch schwierig vor, mit ein bis zwei Erzieherinnen auf 25 Kinder. Aber die Grundbotschaft ist wieder das Eingrenzen, Erziehen, Gleichmachen.
 
 

Mein Fazit

Also generell finde ich es sehr wichtig, dass sich etwas für ErzieherInnen in Einrichtungen ändert. Dieses System ist krank, und es macht krank. Diese Botschaft ist auch eindeutig rüber gekommen. Dass so keiner wirklich gute pädagogische Arbeit leisten kann, oder es zumindest verdammt schwierig ist. Dass willentlich kalkuliert wird, dass sich die Pädagogen dort krank arbeiten. Für unsere Zukunft, unsere Kinder, würde ich mir das auch viel schöner wünschen. Es muss sich etwas ändern! Diese Botschaft muss gehört werden.
 
Aber dieses Buch propagiert eine Erziehungseinstellung, die so ziemlich konträr zu dem läuft, was mir wichtig ist. Von daher hat es mir logischerweise nicht so gut gefallen. Ich konnte auch den nörgelnden Tonfall irgendwann nicht mehr gut lesen und fühlte mich in das Schwesternzimmer eines Krankenhauses zurückversetzt, wo es immer hoch her ging mit Lästereien. Ich kann grob verstehen, dass es frustrierend sein muss, gegen Eltern zu kämpfen, aber vielleicht sollte man dann auch einfach nicht mit der Klientengruppe Kind arbeiten, wenn man deren Eltern so gräßlich findet. Eine wertschätzende Haltung spürt man beim Lesen des Buches jedenfalls nicht. Vielleicht soll es aber auch genau so sein. Provokation erzeugt ja bekanntlich Reaktion. 
 
 

Hard facts

"Die Rotzlöffel Republik. Vom alltäglichen Wahnsinn in unseren Kindergärten" von Tanja Leitsch und Susanne Schnieder
232 Seiten
ISBN-13 9783711001337
Hardcover mit Schutzumschlag
20,00€ (D) / E-Book 14,99€
Erschienen am 20.4.2017
Die müde Mutterrolle
Von braven und bösen Kindern

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