Mein Kind ist schüchtern und ängstlich?! Warum auch ängstlichere Kinder "normal" sind

Es gibt auch ängstlichere Kinder - das heißt nicht automatisch, dass sie nicht normal sind. Da ich ja öfters über meine Erfahrungen mit meinem ängstlicheren Kind schreibe, bekomme ich auch hin und wieder Mails und Nachrichten mit Erzählungen und der besorgten Frage, ob das Verhalten sich irgendwann geben würde oder wie es meiner Tochter aktuell geht. Ich nehme diese Fragen mal zum Anlass, ein wenig darüber zu schreiben, wie es sich so bei uns entwickelt hat und was ich über dieses Verhalten denke.
 
 
 
 
 

Zurückhaltendes Kind? Eine Frage des Temperaments

Meine Tochter war ja schon immer ein High Need Kind und sie war auch schon immer sehr zurückhaltend anderen gegenüber - auch sehr zum Leidwesen der Verwandten und Bekannten, die gern eine enge Beziehung zu ihr aufbauen wollten und dann manches Mal gekränkt waren, wenn Peanut Angst vor ihnen hatte und sich nur in meinen Armen verkroch. Einige kamen damit natürlich auch besser klar, ließen ihr ihren Freiraum und wurden dann damit belohnt, dass sie irgendwann freiwillig ankam, spielte und auch mal auf dem Schoß sitzen wollte. Letzteres ist aber eine absolute Auszeichnung und sollte auch als solche gesehen werden. Ja, selbst ich als Mama und Bezugsperson Nummer 1 darf nicht so oft kuscheln, aber ich halte das auch gut aus und kann auch anders mit ihr Beziehung aufbauen, schließlich mag ich es auch nur in den seltensten Fällen, wenn mir jemand nahe kommt. Apfel und Stamm, i guess. 
 
 

Wenn der Kopf auf Angstmodus schaltet

Ja und dann war da noch die Sache mit der sozialen Angst. Also nicht nur die Zurückhaltung, sondern Angst bis Panik. Phasenweise hatte sie so eine Angst vor fremden Menschen, dass sie auch bei vielen Metern Entfernung schreiend auf mich zu rannte und sich an mein Bein klammerte, panisch schrie und kaum logisch ansprechbar war. Es erinnerte mich manchmal sogar an eine Panikattacke. Die schlimmste Angstphase war zwischen 2 und 2,5. Dann wurde sie durch das Kindergartentrauma wieder ausgelöst, zwischen 3 und 3,5. Dadurch hatte sie eine lange Zeit wieder eine kleinkindähnliche Regressionsphase, in der sie vor Angst schrie, wenn ich mal auf die Toilette wollte. "Lass mich nicht allein, Mama!" Ganz schlimm für sie und auch für mich. Es schnürt einen nicht nur sehr ein, sondern man macht sich auch selbst viele Gedanken - ob das je aufhört, was man falsch macht (gut in meinem Fall war die Ursache klar).
 
Aber, und das ist der Punkt - meiner Meinung nach ist das in den meisten Fällen eine Phase, ausgelöst durch ein traumatisches Ereignis (und das kann für Kinder auch mal etwas sein, das wir Großen gar nicht so schlimm beurteilen würden) oder durch einen Entwicklungsschub. Mittlerweile kann meine Tochter ganz gut beschreiben, wie sie sich fühlt und wovor sie sich fürchtet. Sie hat zum Beispiel nicht einfach vor fremden Kindern per se Angst, sondern sie sieht, wie jemand laut schreiend in ihre Richtung rennt mit einem Stock in der Hand und dann stellt sie sich vor, dass das Kind sie schlagen möchte. In ihrem Kopf geht eine ganze Menge ab, sie hat viel Fantasie und ihr fehlt die Erfahrung - wenn ich mir vorstelle, ich wäre in einem fremden Land und ich erlebe Menschen, die sich ganz laut, wild und total anders verhalten, als ich es gewohnt bin, würde ich auch erst mal Angst haben. Macht doch evolutionär total Sinn, oder? Angst rettet Leben - die Angst versetzt dem Körper einen Adrenalinstoß und lässt ihn schnell reagieren. Vor der angreifenden Meute könnte man so schneller davon rennen - oder sich zum starken Beschützer (Mama) flüchten. 
 
 

Wenn introvertierte Kinder groß werden

Ist es nun so wichtig, zu eruieren, wieso manche Kinder ängstlicher sind als andere? Haben da vielleicht sogar die Eltern versagt? Oder, Schockschwerenot, handelt es sich hier vielleicht auch schlicht um ein angeborenes Temperament? Manche Menschen sind introvertierter, schüchterner, fühlen sich in Menschenmengen nicht wohl. Ich war zum Beispiel so ein Kind. Glaubt mir heute kaum noch jemand, aber es stimmt. Ich war das Kind, das immer gesagt bekam, ich solle den Leuten in die Augen schauen, mal den Mund aufmachen, nicht so böse gucken. Ich wurde jahrelang gemobbt, weil ich mich nicht wehren konnte. Ich habe aus eigener Kraft heraus an mir gearbeitet und viele harte Lektionen gelernt, bis ich auf andere den Eindruck einer selbstbewussten, extrovertieren Frau machen konnte. Ich bin tatsächlich viel weniger ängstlich geworden, viele Sachen sind mir auch echt scheißegal (das ist der Vorteil, wenn man immer anders war), aber einige Dinge sind mir immer noch unangenehm, ich kann sie nur besser unterdrücken. Ich mag es nicht, wenn es zu laut ist, oder wenn zu viele Menschen um mich herum sind. Ich habe gelernt, einen Schalter umzulegen, diese Gefühle zu dissoziieren, aber eigentlich würde ich am Liebsten schreien und mich irgendwo in die Natur retten.
 
Das war jetzt der kleine Exkurs zu meiner Person. Was ich damit sagen will: man kann damit leben, man kann sich ändern, man kann sich anpassen, aber so ganz weggehen wird es wohl nie, dass man eigentlich einen introvertierten Charakter hat. Ist aber auch nicht so schlimm, oder? Ich fände es für mein Kind schön, wenn es nicht denselben harten Weg gehen müsste, deshalb versuche ich, es zu stärken, wo ich nur kann. Und da ich selbst wie gesagt den harten Weg kenne, weiß ich, dass er nicht der beste ist. Es macht einen nicht stark, wenn man ohne Hilfe ins kalte Wasser geschmissen wird. (Man wird erst zerstört, leidet, baut sich mühsam auf. Etwas, das man auch von Anfang an hätte haben können. Und es bleibt immer etwas Negatives in einem zurück.) Es macht einen stark, wenn man die Erfahrung macht, dass man geliebt wird, egal wie man ist, dass man gut so ist, wie man ist. Und natürlich, dass man weiß, dass man alles schaffen kann, weil man im Notfall Unterstützung bekommt von den Menschen, die einem wichtig sind. 
 
 

Kindergarten - eine wahre Prüfung für ängstliche Kinder

Nehmen wir mal das Beispiel Kindergarteneingewöhnung. Wenn ein ängstlicheres Kind überfordert ist von der Lautstärke, von den vielen vielen lauten und wilden kleinen Menschen um es herum (von denen es nicht weiß, ob sie ihm vielleicht gleich die Rübe einschlagen), macht es da Sinn, das Kind all diesem Stress auszusetzen ohne eine Person, die es liebevoll begleitet? Es ist schon für Erwachsene happig, diesen Dauerstreß auszuhalten, das bestätigen sicherlich alle ErzieherInnen dieser Welt. Auch für Kinder ist das Stress pur. Und wenn man dabei noch Angst hat, braucht es eine feste Bezugsperson, die Halt und Stärke und Schutz gibt. Eine Bezugsperson muss aber erst zu einer solchen werden. Nur, weil Mama oder Papa sagen, diese Person passt auf einen auf, fühlt das Kind es noch lange nicht. Vertrauen, gerade das eines ängstlicheren Kindes, muss erst verdient werden. Etwas, für das die meisten ErzieherInnen weder Zeit noch Verständnis haben. (Zumindest habe ich das so erfahren und auch gehört. Es gibt sie sicher auch, die guten da draußen. Auch von ihnen habe ich gehört.) 
 
Also - ist das so schwierig zu begreifen? So seltsam und so unnatürlich? Ich denke nicht. Immer, wenn ich Bücher und Artikel zum Thema Evolutionsbiologie lese, wird eines immer ganz deutlich: die Natur hat viele verschiedene Charakterzüge und Verhaltensweisen implementiert, um das Überleben der Spezies zu sichern. Jedes Temperament hat seine Berechtigung. Das wilde Kind ist genauso normal und wichtig wie das zurückhaltende, denn nur die bunte Vielfalt lässt den Clan überleben. Und ich bin mir auch ganz sicher, dass sich unsere ängstlichen Kinder gut weiter entwickeln, wenn wir ihnen genug Zeit geben und genug Verständnis und Liebe, dass sie ihren Weg schon gehen werden. Manchmal ist es nicht so einfach, das auszuhalten, weil es die elterliche Freiheit einschränkt, aber es ist ein Wachstumsprozess, der einen ganz stabilen und in sich gefestigten Menschen hervorbringen wird. Davon bin ich fest überzeugt. Nicht die Kinder sind falsch, sondern das System, das nur eine Gußform zulässt.
 
Love & Peace,
 
eure Frida
 
 
 
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