Sind die pflegeleichten Kinder fair verteilt auf Eltern, die sich Mühe geben? Teil 2

Diese 4 teilige Reihe dreht sich um das Thema "Über das Verhältnis von kindlichen Bedürfnissen und Eltern-Bedürfnissen" und beinhaltet sowohl eigene Erfahrungen als auch theoretische Überlegungen zu Elternschaft, Erziehung, High Need Kindern und Konfliktlösungsstrategien. 

 

 

Im letzten Teil beschrieb ich meine Kindheit und dass meine Eltern, die einen nicht besonders bemühten und liebevollen Umgang mit mir pflegten. Dennoch hatten sie mit mir ein wunderbares Kind, um das sie viele andere Eltern beneidet haben: Ich war kooperativ, ich war lieb und ich gab mir alle Mühe den Anforderungen meiner Eltern gerecht zu werden. Diese Erfolge schrieben sie ihrer erzieherischen Leistung zu. Alles was nicht so gut lief in meinem Leben, war mein persönliches Versagen und wurde von meinen Eltern stets ausführlich kritisiert. Wenn jetzt also jemand schreibt, dass man in der Erziehung erntet, was man säht, dann denke ich an meine Kindheit zurück und denke: „Nein, nicht unbedingt.“ Denn meine Erfahrung ist kein Einzelfall, ich kenne viele andere Menschen, die toxische Eltern hatten und ihnen dennoch nie ernsthafte Sorgen bereitet haben.

 

Offenbar steht die Mühe der Eltern mit der Kooperationsbereitschaft/ der Pflegeleichtigkeit der Kinder nicht in einem direkten Ursache-Wirkungs-Verhältnis:

·       Es gibt Eltern, die geben sich Mühe und haben kooperative und pflegeleichte Kinder.

·       Es gibt Eltern, die geben sich eher wenig Mühe und haben pflegeleichte und kooperative Kinder.

·       Es gibt Eltern, die geben sich Mühe bis zu absoluten Selbstaufgabe, bis zur vollkommen Erschöpfung und sie haben Kinder, deren Bedürfnisse trotzdem nicht vollkommen erfüllt werden. Sie haben high need Kinder.

·       Und es gibt selbstverständlich auch Eltern, die sich wenig Mühe geben und sie haben high need Kinder. Auch solche Familien kenne ich. Hier ist es für die Eltern auch anstrengend, aber für die Kinder ist es furchtbar.

Offenbar ist das Leben eben nicht so fair, dass die Eltern, die sich Mühe geben automatisch mit pflegeleichten und kooperativen Kindern belohnt werden. Und Eltern die sich keine Mühe geben und vielleicht teilweise sogar gemein zu ihren Kindern sind, werden dennoch nicht selten mit liebenswürdigen, kooperativen und pflegeleichten Kindern beschenkt. Über die sie sogar noch pausenlos meckern. Nein. Das ist echt ganz schön unfair. Und es ist eine bittere Pille für alle Eltern, die sich Arme und Beine ausreißen für Ihre Kinder.

 

Aber: wir Eltern, die wir uns Mühe geben, wir tun das doch aus Respekt vor unseren Mitmenschen und unseren Kindern als gleichwertigen Mitmenschen, die wir lieben.

Wir tun das nicht, weil wir uns davon erhoffen, dass unsere Kinder wegen unserer „Aufopferung“ mal besser funktionieren werden. Und wenn wir uns nur Mühe geben, weil wir dafür später Kooperation als Gegenleistung erwarten, dann sind wir eben nicht respektvoll. Dann geht es am Ende doch wieder nur um uns und unsere Investition ins Kind. Und das ist auch der Grund, warum ich von meinem Kind erwarte meine Bedürfnisse zu respektieren, sobald es dazu physisch und psychisch in der Lage ist. Weil: Wenn alle Menschen gleich viel wert sind, dann bin ich auch genauso viel wert, wie mein Kind. Und wenn ich ihm nicht entwicklungsgemäß beibringe mich zu respektieren, wie soll es das dann lernen? Ich kenne genügend Erwachsene, die wirklich aufopfernde, liebevolle Mütter hatten und die nie gelernt haben auch die Menschen, die ihren nahe stehen, mit Respekt zu behandeln. Was sie haben gelernt haben ist folgendes:

„Menschen, die mich lieben, opfern sich für mich auf, egal wie ich mich verhalte. Das ist doch selbstverständlich!“

 

Respektvolles Verhalten gegenüber seinen Mitmenschen und besonders gegenüber seinen Liebsten entsteht nämlich nicht automatisch dadurch, dass die Eltern die Bedürfnisse ihrer Kinder respektieren.

Nein, sehr oft muss man das den Kindern zeigen und auch von Ihnen einfordern, sobald sie die entsprechenden geistigen und körperlichen Fähigkeiten dafür entwickelt haben. Ich möchte meinem Kind auch ein Vorbild sein und vorleben, wie ich selbst darauf achte, dass meine Grenzen respektiert werden. Denn so lernt mein Kind, dass es sich nicht alles gefallen lassen muss und wie es sich gegen Grenzüberschreitungen angemessen zur Wehr setzte kann. Und dazu gehören eben auch Grenzüberschreitungen von den Liebsten, auch Grenzüberschreitungen die das Kind selbst mir gegenüber macht. Respekt ist ein Verhalten, das niemals eine Einbahnstraße sein darf.

Im nächsten Teil werde ich mir Gedanken darüber machen über die besondere Position von Kindern in unserer Gesellschaft und auch darüber, was meine bisherigen Überlegungen für Eltern von high need Kindern bedeuten.

Die Würde ist unantastbar, aber das gilt nicht für...
Brief an eine Mama, die ihr Kind ferbert und schre...

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