Wem schulde ich meine Dankbarkeit? Teil 4

Diese 4 teilige Reihe dreht sich um das Thema "Über das Verhältnis von kindlichen Bedürfnissen und Eltern-Bedürfnissen" und beinhaltet sowohl eigene Erfahrungen als auch theoretische Überlegungen zu Elternschaft, Erziehung, High Need Kindern und Konfliktlösungsstrategien. 

 

 

Es gibt aber noch einen Punkt in der ganzen Diskussion, der nicht unter den Tisch fallen darf. Einen Punkt, der in Teilen Argumente von Mamis Blog aufgreift. Aber ich möchte diesen Punkt in einen anderen Zusammenhang stellen, um zu zeigen, was für eine ungute Dynamik zuweilen dahinter stecken kann. Denn der Satz „Da hast du aber Glück gehabt mit deinem Kind.“ kann in gewissen Zusammenhängen ebenfalls äußerst problematisch sein. Ich möchte wieder einmal eine Geschichte aus meinem eigenen Leben über meine äußerst liebenswerten Eltern dazu heran ziehen.

 

Ich möchte berichten, warum ich meinen Eltern nicht gern davon erzähle, wie es mit meinem Kind grade läuft

1.     Erzähle ich meinen Eltern von den aktuellen Problemen und Herausforderungen, die ich grade mit meinem Kind durchmache, dann erhalte ich von ihnen sofort eine Reihe von Ratschlägen. Sie erzählen mir, was ich falsch gemacht habe und was ich ändern muss, damit diese Probleme mit meinem Kind aus der Welt geschafft werden. Tenor: Die Probleme, die ich mit meinem Kind habe, die habe ich allein durch mein Verhalten verursacht. ICH BIN SCHULD. Das entspricht etwa der Situation, in der sich Eltern von high need Kindern befinden, wenn sie von ihren Schwierigkeiten berichten.

Das fühlt sich echt überhaupt nicht gut an, es hilft nicht und die Ratschläge sind nicht nur unerwünscht, sondern in den meisten Fällen so oberflächlich, dass sie mehrere Millionen Lichtjahre von einer möglichen Lösung oder Hilfestellung entfernt sind. Statt mich mit halbgaren Ratschlägen zu beschwallern, die ihnen einfallen, nachdem sie ca. 0,01 Millisekunde über mein Problem nachgedacht haben, könnten sie mir mehr helfen, indem sie mir richtig zuhören und mir ihr Mitgefühl aussprechen oder mir eventuell sogar ihre konkrete Mithilfe anbieten. Sowas wie „Oh je, das hört sich echt heftig an. Meine arme Maus. Soll ich Dir einen Topf Suppe vorbei bringen?“ wäre schon super. Aber nein, lieber ein paar dumme Tipps aus der Hüfte schießen. Danke. Für nichts.

2.     Also habe ich meinen Eltern nicht mehr erzählt, was für Probleme und Herausforderungen ich mit meinem Kind grade meistere. Ich erzählte ihnen dann nur noch, wie toll sich das Kind entwickelt, wie lieb es ist und wie pflegeleicht und kooperativ und was für schöne Dinge wir zusammen erleben. Und was kommt dann? „Da hast du aber Glück gehabt, dass du so ein liebes Kind hast. Nicht viele Eltern haben so ein verständiges und rücksichtsvolles Kind. Da musst du wirklich dankbar sein.“ Ganz ehrlich: WTF?!? Wenn ich Probleme mit meinem Kind habe, dann ist es zu 100 % meine Schuld und ich muss was ändern und wenn alles super läuft, dann habe ich Glück gehabt und muss dankbar sein, denn es kann wohl kaum daran liegen, dass ich irgendwann mal irgendwas gut gemacht habe?

 

Und meine Eltern stehen hier ja nur beispielhaft für eine Haltung, die sich vor allem in den einflussreichen Medien ständig wiederfindet: 

Wenn irgendwas mit den Kindern nicht gut läuft, dann wird immer mit viel Schwung und teilweise auch Schadenfreude auf die Mütter eingeprügelt. Wenn es aber mit den Kindern gut läuft, dann können wir  Mütter froh sein, wenn man uns bloß sagt: „Das ist doch das absolut selbstverständliche Minimum.“ Gern wird im öffentlichen Diskurs dieser Haltung noch die Krone aufgesetzt, indem uns Müttern, die wir eh kaum Anerkennung für unsere Mühen bekommen, auch noch gesagt wird, dass wir bitte schön bescheiden und dankbar zu sein haben, wenn es gut läuft. Denn offenbar haben wir es wohl nie wirklich verdient.

Und ja: Ich spreche hier absichtlich nur von Müttern, denn Väter werden in der öffentlichen Meinung sehr oft anders wahrgenommen. Ihre Liebe, Mühe und Zuwendung den Kindern gegenüber wird weit weniger als selbstverständlich angesehen. Sie bekommen oft für sehr überschaubare Aktivitäten in der Kindererziehung und -pflege schon jede Menge Kekse in den großen Medien. Und wenn es Probleme mit Kindern gibt, wird selten gefragt, was Väter dagegen tun könnten.

Deshalb kann ich es durchaus verstehen, wenn Mütter, die sehr viel Energie und Kapazitäten darauf verwenden ihren Kindern einen optimalen Start ins Leben zu ermöglichen, verärgert sind weil ihnen ständig suggeriert wird sie müssten dankbar sein. Dankbar wofür eigentlich? Für die viele Anerkennung, die sie für ihre Mühe erhalten? Dankbar dafür, dass sie hier in einem Wohlfahrtsstaat leben?

Ich finde es richtig und wichtig, dass sich jeder einzelne Mensch, der in Wohlstand und Zufriedenheit leben kann, der Erfolg hat und dem es gut geht, immer wieder fragt: Welche Faktoren haben dieses gute Leben ermöglicht? Auf wessen Rücken wurde und wird dieser Wohlstand aufgebaut? Was kann ich tun, damit es anderen Menschen, die nicht so viel Glück hatten, besser geht? Diese Reflexion ist für unseren gesellschaftlichen Fortschritt zu einem besseren Leben für alle sehr wichtig. Aber es darf nicht zu einem Totschlagarument werden, um Menschen, die einen unfairen Mangel an Anerkennung erleiden, das Einfordern dieser Anerkennung einfach abzusprechen. Und Menschen die ihr Leben dem Erledigen von care-Aufgaben widmen, erleiden einen fundamentalen Mangel an Anerkennung und schulden vor allem der Gesellschaft keine Dankbarkeit dafür, dass es ihnen nicht schlechter geht. Denn Dankbarkeit schuldet man nur Menschen, die tatsächlich etwas für einen tun oder meinethalben Gott oder dem Universum. Aber nicht irgendeinem dahergelaufenen Dankbarkeitseinforderer, dem es auch nicht schlechter geht.

 

Was aber alle Menschen, denen es besser geht als anderen, denen schulden, denen es schlechter geht: Sensibilität und die Sorge darum, nicht dazu beizutragen, dass es ihnen noch schlechter geht

Im besten Falle sollten wir dafür sorgen, dass es ihnen besser geht. Aber nicht schlimmer machen ist definitiv das Minimum! Es ist wirklich die denkbar beschissenste Wendung dieser Diskussion zum Thema Aufopferung, wenn Eltern von high need Kindern und Eltern von pflegeleichten Kindern in einen Kampf um Anerkennung geraten. Denn dann sind wir an einem Punkt, an dem sich die Mächtigen dieser Gesellschaft, die in barer Münze von den vielen Gratisleistungen der Mütter (und auch Väter) für diese Gesellschaft profitieren, wirklich die fiesen Hände reiben können.

Denn statt dass wir uns gemeinsam umdrehen und alle mögliche Anerkennung und Unterstützung von ihnen fordern, streiten wir uns untereinander. Das ist sehr praktisch für all jene, die keinesfalls die Mittel und Ressourcen für die Familienpolitik aufstocken wollen. Denn unsere Diskussions-Kapazitäten werden dadurch so wunderbar gebunden.

Ich plädiere hier nicht für ein Ende der Mommy Wars. Das überlasse ich anderen. Aber ich finde das wirklich Traurige an dieser Diskussion ist, dass wir eigentlich alle auf der gleichen Seite stehen, denn wir finden es richtig und wichtig unseren Kindern eine bindungsorientierte Erziehung angedeihen zu lassen. Und wir finden es wichtig, dass es mehr Anerkennung und Unterstützung gibt für Familien. Und mit ein wenig mehr Sensibilität können wir solche Missverständnisse vielleicht in Zukunft vermeiden und stattdessen handfeste Forderungen entwickeln, die uns allen helfen: Kinder mit höheren Bedürfnissen und ihren Eltern, diskriminierten und stigmatisierten Kindern und Eltern, allen Kindern und Eltern mit speziellen Bedürfnissen und schließlich auch den Eltern und Kindern, die in einer vergleichsweise unkomplizierten Situation leben.

 

Alle Teile dieser Reihe

Teil 1: Ernten Eltern tatsächlich immer das, was sie säen?

Teil 2: Sind die pflegeleichten Kinder fair verteilt auf Eltern, die sich Mühe geben?

Teil 3: Bindungsorientierte Erziehung und die besonderen Herausforderungen von high need Kindern

Teil 4: Wem schulde ich meine Dankbarkeit?

Geht gar nicht!? Zwei kranke Kinder und eine Mama ...
Diese Top 10 Songs sind der ideale Soundtrack für ...

Ähnliche Beiträge

 

Copyright © 2015-2017 2KINDCHAOS - ELTERN BLOGAZIN Alle Rechte vorbehalten.
Powered by Hilkert Consulting