Wutanfälle bei Kindern - Warum Kinder trotzdem kooperieren wollen

Meine Tochter ist 3,5 Jahre alt und sie hat so richtig krasse "Wutanfälle" - schon seit sie 1,5 Jahre alt war, ging das los. Manchmal kommt es mir vor wie regelrechte Kurzschlussreaktionen, und in ganz schlimmen Phasen explodiert sie alle halbe Stunde. Ich habe mittlerweile eine Strategie, wie ich damit umgehe - und ich finde es so absurd, dass manche sagen, Kinder testen nur ihre Grenzen...

 

 

Mama der Blitzableiter

Zu der Autonomiephase gehört es ja, dass Kinder brüllen, schreien und weinen, trotzen, sich auf den Boden werfen. Das ist normal und vor allem ist es gesund. Das hat meist etwas damit zu tun, dass Kinder anfangen, zu verstehen, dass die Welt eigene Regeln hat, die sie in den meisten Fällen nicht beeinflussen können. Sie sind frustriert und brüllen ihre Hilflosigkeit und Wut heraus. Vielleicht hat etwas nicht geklappt oder die Erwachsenen haben etwas (in Kinderaugen) Wichtiges übersehen und übergangen.

Kinder verstehen auch nicht, dass Mama jetzt die tolle Zeit auf dem Spielplatz abbrechen will, es ist doch gerade so schön. Zeitempfinden? Entwickelt sich noch. Rationales Verstehen? Rudimentär vorhanden, im Bestfall. Teilen zum Beispiel ist eine Entwicklungsaufgabe, die deutlich später ansteht, als es die "Großen" gern hätten. Wir erwarten von Kindern, zu verstehen, und geben uns oft wenig Mühe, uns in sie hinein zu versetzen. Und dann wissen sie sich mit ihren überwältigenden Gefühlen nicht anders zu helfen, als zu explodieren.

Oft ist es auch Streß und Überforderung, weshalb Kinder einen "Wutanfall" haben. Bei meiner Tochter beobachte ich das mittlerweile regelmäßig. Sie kooperiert lange, gibt sich viel Mühe, passt sich an, macht mit. Irgendwann kann sie nicht mehr, wird müde, ist überfordert. Und dann brüllt sie wegen irgendeiner Kleinigkeit, die total absurd oder zumindest nicht dem Gebrüll angemessen erscheint. Menschen mit Erziehungseinstellungen der "alten Schule" stempeln so etwas schnell ab im Sinne von "Die testet ihre Grenzen!" und fordern "Setz dich doch mal durch!" Aber wisst ihr was? Mit meiner Strategie bekomme ich meistens*, was ich will - nämlich ein kooperierendes Kind. Und das, ohne ihren Willen zu brechen.

*wenn ich selbst genügend Kraft habe, um die Situation objektiv zu überblicken. Oft genug schreie ich nämlich selbst oder lasse sie weinen - aber weil ich nicht mehr kann, nicht weil ich denke, es wäre das Richtige.

 

Meine Strategie: Abwarten, Akzeptieren und gemeinsam eine Lösung suchen

Letztens brüllte meine Tochter im Kindergarten (zur Info: wir sind noch in der Eingewöhnung, deshalb bin ich dabei gewesen), weil ihre Freundin einen schicken Sonnenhut dabei hatte und sie nicht. Sie steigerte sich richtig rein, lag strampelnd auf dem Boden und schlug und trat gegen helfende Hände. Ganz schlimm wurde es, als ich noch sagte, dass ich gehen möchte - dann brüllte sie auch noch, weil sie weiter spielen wollte. Auf der tieferen Ebene weinte sie aber, weil sie sich zwei Stunden richtig Mühe gegeben hatte, sich anzupassen an die Erzieherinnen, an die Situation, dass ich sie ständig wegschickte, und dann gab es auch noch einen Feueralarm (sie bekommt Panik bei lauten Geräuschen), bei dem sie mich nicht mehr gesehen hatte. Kurzum, sie brauchte einfach eine Streß - Entladung. Total falsch wäre es da, zu denken, sie wollte mich erpressen oder bräuchte mal eine Runde Grenzen aufgezeigt bekommen - mal ehrlich, wie kann man das bei genauerem Hinschauen ernsthaft behaupten?

Da sie nicht angefasst werden möchte, setze ich mich also neben sie, rede in ruhigem Tonfall mit ihr (manchmal komme ich mir vor wie der Pferdeflüsterer) und versuche, erst mal herauszufinden, wieso sie weint. Das mit dem Hut habe ich nämlich erst im Gespräch herausgefunden. (Ich hätte ja auch direkt davon ausgehen können, dass sie einfach bockig ist und sie stehen lassen können oder ähnliches.) Ihre Freundin stand auch dabei, und so konnte ich einen "Deal" aushandeln, mit dem beide einverstanden waren. (Ob der morgen überhaupt noch interessiert ist ja auch nicht so wichtig, aber im Moment war es die Lösung.) De facto war es ein "Bullshit Grund", aber es half ihr, sich ernst genommen zu fühlen und sie konnte ihren Streß loswerden. Tatsächlich beruhigte sie sich dann bald wieder und ging dann völlig normal gelaunt mit mir nach hause. 

 

Kinder wollen kooperieren - wenn man sie lässt

Tatsächlich ist es immer so, dass ich bei genauerem Nachdenken sehe, woran es gelegen hat. Sie brüllt nie einfach so, um mich zu testen. Natürlich benimmt sie sich oft daneben und probiert sich aus - aber vieles würde ich auch unter "mal schauen was passiert" ablegen. So richtig asozial und tyrannisch kann ich sie ganz sicher nicht sehen, und ich frage mich, was das für Menschen sind, die ihre (oder generell) Kinder so sehen. Wenn sie wirklich frech wird, dann liegt das zum Beispiel an Unterforderung, zu großem Druck sich anpassen zu müssen, Geschwister - Eifersüchteleien, wenn ich mich mit dem Papa streite oder andere Dinge. Wir neigen zu oft dazu, Kindern nicht zuzugestehen, dass sie ihre Umwelt wahrnehmen, und das ist ein großer Fehler. Kinder spüren und verstehen intuitiv viel mehr, als wir ahnen. Und Kinder wollen vor allem kooperieren und können auch dann explodieren, wenn wir das nie anerkennen und ihnen negative Intentionen unterstellen. 

Meine Tochter ist vielleicht ein besonders emotionaler und sensibler Mensch, der auch oft explodiert - aber ich lerne jeden Tag dazu, lerne, wie sie tickt - wenn ich mir genügend Mühe geben kann und die Kraft dazu habe, sehe ich in jedem Verhalten einen tiefergehenden Sinn. Und ich weigere mich, sie als hinterhältigen Tyrannen zu sehen. Ich sehe in ihr einen guten, liebevollen Menschen, und ich hoffe, sie kann mich trotz all meiner Fehler auch so sehen.

 

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