Frühkindliche Essstörung? Das steckte bei unserer Tochter dahinter

Es ist schon einige Monate her, da schrieb ich über mein großes Mädchen, mein Kind, das ein unsagbar großes Problem hat mit dem Essen. Schon immer, schon seit jeher. Seit sie auf der Welt ist, war es bei uns Thema. Aber eigentlich habe ich mich davon nie beeindrucken lassen, schließlich aß sie ja, wenn auch nicht viel. Doch irgendwann kam ein Einbruch, und als sie es dann tatsächlich schaffte, die Nahrungsaufnahme komplett für mehr als 48 Stunden zu verweigern, da war uns klar, dass es so nicht weitergehen konnte.
 
 

 

Ich beschrieb damals schon, was wir testeten und probierten.

Irgendwann steht man einfach nur noch ratlos und hilflos da und weiß gar nichts mehr. Wir gingen also zum Arzt, dort wurde alles getestet, das Blut, ob eine Stoffwechselerkrankung vorliegt, der Mund- und Rachenraum, Bauch, Darm… - alles! Aber uns war unterbewusst schon klar, dass sie nichts Körperliches hatte. Als Mama weiß man das einfach, und dennoch, so hilflos wir uns fühlten, klammerten wir uns an jeden Strohhalm.
 
Irgendwann sagte man uns, es wäre nun vielleicht angebracht, sie stationär aufzunehmen für einige Wochen. Und das war das Letzte, was wir wollten. Unser Kind, ein Kind, das so sensibel ist, im Krankenhaus einzusperren – nein, das wäre niemals in Frage gekommen. Aber der Arzt wusste einfach nicht mehr weiter, und ich verdenke ihm das nicht.
 

 

Das Einzige, was ich wollte, war Hilfe

Also setzte ich mich hin, telefonierte mit Beratungsstellen, Therapeuten, rief in einer Klinik an mit Programmen für Kinder mit Essstörungen. Frühkindliche Anorexie stand mit 3 Jahren im Raum, ich hatte Angst, und das Einzige, was ich wollte, war endlich Hilfe für mein Kind. Zu dieser Zeit nahm sie viel ab, war kraftlos und immer mies drauf. Es war einfach so belastend. Das Kind fügt sich im Grunde selber Schaden zu, und als Eltern sitzt man daneben und kann nicht helfen.
 
Dann endlich erhielten wir (auf solche Plätze muss man ewig warten, taten wir auch, gut fünf!! Monate) einen Gesprächstermin bei einem Kinder- und Jugendtherapeuten. Und ab da änderte sich alles. Er hörte uns an, wir brachten Videoaufnahmen unseres Kindes, er besuchte sie im Kindergarten, und gemeinsam entschieden wir, was zu tun war. Unser Kind ist nicht krank, weder physisch noch psychisch. Es ist kerngesund. Niemals wären wir auf das gekommen, auf das der Therapeut kam. Niemals.
 
 

Vieles zu viel

Schon immer war unsere Tochter sehr sensibel, hoch- oder übersensibel würde ich jetzt nicht sagen, sie war ein Schreikind, war ein sehr forderndes Kleinkind, und schon immer war ihr vieles zu viel, was für andere Kinder normal war. Kinderturnen oder Krabbelgruppe, Feste oder ein überfüllter Spielplatz zum Beispiel. Eindrücke, Geräusche, Sinneswahrnehmungen: Sie kann solche Dinge bis heute nicht richtig filtern und verarbeiten. Das war der Schlüssel.
 
Wir sollten den Versuch starten, ihre Signale zu verstehen, und sie sofort ohne Wenn und Aber einer Situation zu entziehen, die sie belasten könnte. Als Beispiel ein Spielenachmittag mit anderen Kindern, bei dem die Geräuschkulisse zu hoch ist. Es dauerte einige Wochen, wir fingen an, den Tag umzustrukturieren. Wir informierten den Kindergarten, dass sie uns anrufen sollten, um sie abzuholen, sollten sie das Gefühl haben oder ein Signal wahrnehmen, dass es ihr nicht gut geht.
 
Wir ließen sie entscheiden, ob sie sich heute bereit fühlt für den Trubel beim Turnen oder einen Kindergeburtstag. Es gab Tage, da ließen wir sie daheim, und es gab Tage, da klappte es gut mit Aktivitäten. Wir lernten schnell ihre Warnsignale, bevor eine Situation kippte, zu deuten und entsprechend zu handeln. Es geht nicht darum, sie zu schützen vor einem Sozialleben, sondern sie zu schützen vor Eindrücken, die sie nicht verarbeiten kann, schlicht weil es ihr zu viel ist, ihr der nötige Filter dafür fehlt.
 

 

Und plötzlich klappte es mit dem Essen

Es dauerte bestimmt sieben oder acht Wochen, bis sie plötzlich anfing, alleine zu sagen, sie wolle etwas essen. Sie fängt jetzt an, neue Sachen zu probieren und isst sogar manchmal ihren Teller leer. Sie wiegt nun endlich mit vier Jahren mehr als 12 Kilogramm, und sie sieht auch gesund aus. Das Essen beziehungsweise die Verweigerung der Nahrung war ihr Katalysator. Das konnte sie alleine bestimmen, und ihr alles zu viel wurde, griff sie zu diesem drastischen Mittel. Aber darauf muss man erst mal kommen, denn so vollgepackt und wild war unser Leben nicht. Dachten wir. Für sie aber schon.
 
Wir mussten lernen, sie entscheiden zu lassen, sie nicht in Situationen zu bringen, die sie überfordern, Indoorspielplatz oder ein Fest zählen dazu. Viele Menschen und Geräusche - das ist der Knackpunkt. Natürlich können wir so etwas mit ihr tun, aber eben nur eine begrenzte Zeit, es wird ihr alles schnell zu viel, und sie verfällt dann sofort in alte Muster: Weinen, Schreien und die Verweigerung von Nahrung.  Das passiert zwar nur noch sehr selten, aber es kommt schon ab und an mal vor.
 
Unser Leben ist unspektakulär, ganz ruhig und auf sie ausgerichtet. Im Dezember gab es wieder einen Einbruch, also fragten wir sie, was sie wolle und brauche. Sie sagte: Daheim bleiben, kein Kindergarten. Also blieb sie daheim, den kompletten Dezember. Im Januar war sie dann nicht mehr zu halten, und sie freute sich total, wieder hin zu können, aber diesen Cut brauchte sie, also bekam sie ihn.
 
 

Die Welt kontrollieren

Ich sitze manchmal da und beobachte sie, während sie ein Stück Schokolade isst oder ein Brot. So selbstverständlich und mit Genuss. Oft muss ich mich zusammenreißen, weil ich es nicht fassen kann, denn das ist noch nicht normal für uns, kein Alltag. Einem Kind, das über Monate hinweg, eigentlich schon immer, so Probleme hatte mit dem Essen, heute zusehen zu dürfen, wie es isst - für mich ist das so unendlich viel wert. Und all das nur, weil wir nun gelernt haben, ihr zu helfen, die Welt besser zu kontrollieren. Weil wir ihr die Macht gegeben haben zu entscheiden und weil wir gelernt haben, das manches, was wir gut meinen, ihr einfach zu viel ist.
 
Wir sind auf einem guten Weg. Sie isst noch immer sehr ausgewählt, scheut viele Konsistenzen, aber sie kann essen. Sie erbricht nicht mehr bei bestimmten Gerüchen und Nahrungsmitteln. Wir haben das Essen mit ihr neu erlernen müssen, und wir wissen, dass es viel Arbeit braucht, dass es so bleibt. Uns tat es gut, die Verantwortung ein Stück weit abzugeben, gesagt zu bekommen, woran es liegen könnte.
 
Und trotzdem gehe ich als Mama gestärkt hier heraus, denn ich wurde in all dem bestätigt, was ich schon immer instinktiv wusste und tat. Ich hatte schon immer den Eindruck, dass sie sich sehr schwer tut im Verarbeiten von Eindrücken und nicht recht wusste, wie sie umgehen soll damit. Jetzt habe ich gelernt ihr zu helfen.  Auch Mamas können nicht immer alles abfangen so gerne sie es sich wünschen!
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