Wenn Eltern lügen. Wann sind Notlügen (noch) ok?

Vor kurzem stellte sich mir die Frage, die garantiert allen Eltern früher oder später mal in den Kopf kommt: " Darf ich mein Kind anlügen?" Oder besser noch, WANN darf ich mein Kind anlügen? Wo ist der Unterschied zwischen Lüge und Flunkerei?

 

 

Ein paar Fakten

Lügen ist menschlich, wir alle lügen, manchmal bewusst, manchmal unbewusst, mal um jemanden nicht zu verletzten, mal um die eigene Haut zu retten. Der amerikanische Psychologe John Frazer behauptet, das wir bis zu 200 Mal pro Tag lügen. Das britische Mütterportal Netmoms fand heraus, dass Mütter häufiger lügen als andere Frauen.  Warum, fragt ihr euch? Um das Supermom-Image zu wahren und um ihren Nachwuchs zu schützen oder größere Streitigkeiten zu vermeiden.

 

Zur Situation

Meine Mädchen, mittlerweile 3,5 und 1,5 Jahre alt, stehen wie die meisten Kinder in ihrem Alter total auf Eis. Verständlich, wie ich finde. An einem sehr heißen Tag habe ich ihnen versprochen, dass sie sich mittags ein Eis kaufen dürfen, wenn sie jetzt beim Einkaufen im Einkaufswagen sitzen bleiben .

Der Tag war aber komplett zugetaktet - an sich nehme ich mir immer die Zeit, dass sie nicht zu kurz kommen, aber an diesem Tag ging es einfach nicht -, also sagte ich ihnen, dass wir ein Eis essen gehen, wenn wir abends heim kommen. „Eis, Mama!“, „Mama, Eis!“, „Maaamaaaa, wann gehen wir Eis essen?“, „Maaaaamaaa, Eis, Eis, wir wollen Eiiiisssss“ - das hörte ich den ganzen Tag, sie taten mir schrecklich leid, und als der Tag rum war und ich auf die Uhr schaute war es schon 19.30 Uhr, also eindeutig zu spät für ein Eis.

Mann, was hatte ich ein schlechtes Gewissen. Ich bot ihnen ein Eis aus dem Tiefkühler an, aber dies wurde mit einem heftigen „Nein“ abgelehnt. Sie wollten ihr Bällchen Joghurteis von der Eisdiele. Mist. Also erzählte ich ihnen, zugegeben ohne groß darüber nachzudenken, das die Eisdiele schon zu hat und sie heute leider kein Eis mehr essen können.

Natürlich hatte sie nicht zu, aber es war schon Schlafenszeit, die Kleine mega knatschig, und ich hatte es halt total verbockt. Shame on me. Es tat mir echt leid. Das große Mädchen blickte mich mit großen Augen an, und in diesem Moment schämte ich mich total. Wer weiss, ob sie es verstanden hat, aber meistens verstehen die Kleinen ja mehr als wir denken.Iich hätte auch einfach zu ihr sagen können: „Schatz, die Mama hat die Zeit vergessen, es tut mir leid.“ Das tat ich aber nicht, sondern ich sagte die Unwahrheit zu ihr - zugegeben, um es mir leichter zu machen. Ich habe ein tolles Kind, sie nickte, und ich hatte den Eindruck, es war okay für sie, sie hatte es verstanden.

 

Sind Notlügen erlaubt?

Ich denke, es kommt wirklich auf die Situation an. Bei der oben genannten habe ich eindeutig falsch reagiert, wie ich finde. Gut, der Kleinen mit 1,5 Jahren war es wohl echt egal, aber meiner Großen gegenüber war das ein echter Fehltritt. Ich finde, das hat auch etwas mit Vorbildfunktion zu tun, und sie bekommt schon soviel mit in ihrem Alter. Ich möchte ihr keinesfalls vorleben, dass es in Ordnung wäre, andere anzulügen. Eine Lüge, um das Kind nicht zu verletzen oder zu schützen, das ist, denke ich, nach Abwägung des Wenn und Abers manchmal  angebracht, aber nur dass man als Mama besser da steht, das ist nicht okay. Versprechen sollte man einlösen oder erst gar nicht Versprechungen machen, das zumindest habe ich an diesem Tag gelernt.

Lügen um mein Kind zu schützen, zum Beispiel vor großen Enttäuschungen, wie geht man damit um? Gehört es nicht auch dazu, dass ein Kind lernt, mit Enttäuschungen umzugehen? Ist die Wahrheit nicht manchmal besser und erträglicher als eine vermeintlich gut gemeinte Notlüge? Eine Notlüge, die im schlechtesten Fall noch eine weitere Lüge nach sich zieht.

Eltern sollten doch echt, authentisch und vor allem ehrlich wirken. Kein Kind bringt es um, wenn man mal eine kleine Notlüge anwendet, aber ob es wirklich nötig ist, das ist eine andere Sache. Die Kleinen sind meist aufgeklärter und stärker, als wir denken.

Fazit: Bevor ich zukünftig meinem Kind einen Bären aufbinde, werde ich dreimal überlegen, ob das wirklich nötig ist oder ob es die Wahrheit nicht genauso tut.

 

Alltagslügen

Wer kennt sie nicht?

- „Wenn Du nicht lieb bist, dann dreht der Bus um und wir fahren wieder heim.“ (Lüge und Drohung in einem)
- „Wenn Du deinen Salat aufisst, dann wirst Du groß und stark.“ (Mal ehrlich, das haben selbst wir nie geglaubt.)
- „Schatz, heute können wir kein Karussell mehr fahren, das Karussell schläft jetzt.“ (Ehrlich, das glaubt kein zweijähriges Kind mehr, vielleicht doch einfach ehrlich sagen, dass es für heute einfach genug ist)
- „Wenn Du deinen Teller nicht aufisst, dann gibt es morgen schlechtes Wetter,“ (jaja)

Natürlich bringen solche Floskeln / Lügen niemanden um, dennoch stellt sich mir die Frage: Muss das wirklich sein? Mal davon abgesehen, dass sie uns so was ab einem gewissen Alter sowieso nicht mehr glauben, und dann genau wissen, dass wir sie angeflunkert haben, ist es doch unsinnig. Kein Bus wird umdrehen, kein Salat wird einen Popeye kreieren, kein Karussell der Welt wird müde, und kein aufgegessener Teller der Welt bewirkt schönes Wetter, also warum erzählen wir unseren Kindern bloß so was? Für mich ergibt das keinen Sinn.

Manches hat sich wohl über Generationen hinweg so eingebürgert, und keiner empfindet zum Beispiel den Teller-Spruch als Lüge, aber die Wahrheit ist es eben auch nicht. Habt ihr nicht auch Angst, dass genau so was irgendwann mal eure Glaubwürdigkeit auf die Probe stellt? „Mama, ich habe alles aufgegessen, warum scheint die Sonne nicht?" Habt ihr eine Antwort? Ich auch nicht.

 

Die Welt ist nicht immer gut, manchmal macht eine Lüge die Welt einfach nur erträglicher.

Eine gute Freundin ist alleinerziehend. Ihr Kind bekommt (leider) oft zu hören: „Schatz, dem Papa tut es sehr leid, dass er nicht gekommen ist“. Natürlich tut es dem Vater nicht leid, er hat es einfach mal wieder vergessen, sein eigenes Kind. Eine Lüge zum Schutz des Seelenheils eines 3-jährigen Kindes, das unterstütze ich. Wenn das Kind älter ist, dann wird die Mutter diesen treulosen Vater nicht mehr verteidigen und ihn als Vaterfigur gut da stehen lassen, aber solange das Kind alles, was mit dem Nichterscheinen des Vater zu tun hat, auf sich und sein Ich projiziert, wird seine Mutter weiterhin lügen, um das Kind vor zu viel Trauer, Wut, Enttäuschung und Selbstzweifeln zu bewahren. Ziehe ich den Umkehrschluss daraus, muss die besagte Mutter vielleicht Angst haben, dass ihr dies später vorgeworfen wird, aber sie handelt zum jetzigen Zeitpunkt nach bestem Wissen und Gewissen.

 

Der Tod und die Wahrheit

„Mein Schatz, der Hasi ist jetzt im Himmel und spielt mit anderen Tieren.“ Eine Lüge ebenfalls zum Schutz und vielleicht auch der puren Erklärungsnot gegenüber dem Thema Tod wegen. Ist sowas in Ordnung? Doch, ich denke schon, wir sollten unseren Kindern die Welt auf ihre Art und Weise näher bringen und sie nicht erschrecken, erst recht nicht bei einem solchen Thema wie Krankheit oder Tod. Es ist schwierig, wie ich finde, eine klare Grenze zwischen Lüge, Notlüge oder Flunkerei zu finden, aber solche Themen wie der Tod oder etwas, was das Kind wirklich verletzen würde, das sollten Eltern mit einer Lüge leichter verständlich machen. Meine Tochter jedenfalls könnte mit ihren 3,5 Jahren noch nicht fassen, was der Tod bedeutet. Und ich muss gestehen: Ich bin froh, dass wir dieses Thema bisher noch umgehen konnten.

 

Und nun? Lügen Ja oder Nein? Wo die Grenze ziehen?

Generell, würde ich sagen, ist jede Lüge individuell zu überdenken, und wir sollten keine beiläufigen Lügen verwenden, nur damit das Kind besser isst, sich besser benimmt oder unbeliebtes Verhalten lässt.

Sind wir Eltern nicht auch diejenigen, die immer predigen, dass man ehrlich sein muss und die Wahrheit sagen soll? Im Gegenzug ist es doch nur fair, wenn unsere Kinder dies auch von uns erwarten dürfen, oder? Erzählt euren Kindern ruhig manchmal die Unwahrheit, das ist schon okay, ich tue das auch, aber überdenken sollten wir trotzdem manche Flunkerei. Ich zumindest werde ab jetzt kurz innehalten, bevor ich irgendeine Weisheit wie „Wenn Du heute nicht deine Zähne putzt, werden sie alle ausfallen" von mir gebe (habe ich noch nie gesagt). Sowas ist fies, von einmal nicht putzen fallen sie ja nicht gleich aus. Eine vernünftige Erklärung bringt da sicher viel mehr als solch eine unwahre Aussage. Oder?

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