Wenn Mama und Kind hochsensibel sind. Fluch oder Segen?

Ich selbst bin hochsensibel und meine erste Tochter Maple (3) definitiv auch. Bei Coco (6 Monate) bin ich mir nicht sicher, es sieht aber danach aus. Da Maple viel mitgemacht hat, ist es manchmal schwer zu trennen, was Ergebnisse von Erfahrungen sind und was auf ihre Hochsensibilität zurückgeht. Hat sie so viel durchgemacht, weil sie hochsensibel ist und daher das Erlebte noch viel intensiver erfahren musste? Oder hat sie das Erlebte erst hochsensibel gemacht? Ich weiß es nicht, aber die Tatsache, dass auch ich hochsensibel bin, legt die Vermutung nahe, dass sie zumindest eine Veranlagung dafür schon mit zur Welt brachte.

 

"Manchmal hilft nur Daumenlutschen" - Bildrechte: 2KindChaos

 

„Zu sehr“

Die Hochsensibilität äußert sich bei mir und auch bei meiner Tochter als ein Phänomen des „zu sehr“. Man könnte auch sagen: ein Mangel an Toleranz bei Empfindungen. Wobei ich ein „zu sehr“ nicht einfach doof finde, sondern es setzt mir so zu, dass ich nur noch aus der Situation fliehen möchte. Beispiele:

 

  • Mir ist schnell zu kalt oder zu warm.
  • Chaos stört mich so sehr, dass ich mich darin nicht wohlfühlen und enstpannen kann.
  • Dinge, die ich bei anderen beobachte, gehen mir ewig nach.
  • Horror, Psychothriller oder Ähnliches in Filmen kann ich überhaupt nicht sehen; ich muss mich, obwohl ich weiß, dass das alles ausgedacht ist, so stark in die Personen und ihr Leid reinversetzen, dass ich von ihrem fiktiven Erleben Alpträume bekomme.
  • Ich habe als Kind mal einen  Filmausschnitt gesehen, aus Versehen, vergleichsweise harmlos sicher, der mir bis heute durch den Kopf geht, ich kann den Dialog ganz genau rezitieren und sehe die Mimik vor mir, nach 30 Jahren.
  • Multitasking finde ich extrem anstrengend. Ich bekomme zwar alles mit, was gleichzeitig gefordert wird und kann auch darauf reagieren, aber es belastet mich ungemein. Mein Mann beispielsweise hat hingegen eine Art Schutzfunktion: Wenn er ausgelastet ist, bekommt er weitere parallele Anforderungen gar nicht mehr mit.

Rückzugsorte

Da wir uns derzeit viel in Familiencafés aufhalten (ich muss auch mal auftanken), ist es bei Maple ähnlich gut zu beobachten. Unser Lieblingscafé hat einen Snoezelen-Raum, der ganz ruhig, abgedunkelt und zum Runterkommen gemacht ist, man spürt es sofort, sobald man ihn betritt. Es geht einem das Herz auf.

Alle anderen Familiencafés, die ich kenne, haben das nicht. Das in unserer Stadt zum Beispiel war am Wochenende sehr voll. Es war laut, es war wild (Kinder halt), und zum Teil machte meine Tochter auch gern mit, wobei sie da eher Tendenzen zum Klammern hat. Nach einer Zeit Spielen kam aus dem Bällebad aber immer wieder nur noch Weinen oder Schreien, ohne erkennbaren Grund. Was ist denn los?, fragte ich sie, und sie weinte/schrie, es sei ein anderes Kind ins Bällebad gekommen. Sie wollte darin offenbar allein sein. Nirgendwo konnte man es ihr Recht machen. Sie liebt das Café eigentlich, ist dort erstmals aufs Laufrad gestiegen (wovor sie vorher immer Angst hatte), klingelt ausgiebig an dem Spielhaus rum, verkauft unermüdlich stundenlang Eis und und und …

Am Wochenende aber kam sie mit ihren Schutzstrategien an die Grenzen. Einmal zwischendurch beobachtete ich sie, wie sie sich in die hinterletzte Ecke verkrochen hatte und sich selbst ein Buch „vorlas“.

Aber ab dem Bällebad-Geheule war klar: Raus hier. Wir waren leider verabredet, und was Achtjährige im Kleinkindcafé zu suchen haben, deren Eltern sich auch nicht daran stören, wenn sie mit Bällen die Lampen bis zum Erlischen bewerfen und der hölzerne Spielbogen für Babys zerlegt ist, weiß ich auch nicht. Jedenfalls ging ich zu ihr und fragte: „Sollen wir mal runter zu den Toiletten gehen, wo es ruhig ist?“ Und sie antwortete mit unüberhörbarer, verzweifelter Erleichterung: „Ja...“

Individuelle Strategien

Im normalen Alltag hat sie so ihre Strategien, um sich zu beruhigen, insbesondere durch Füße kuscheln. Das geht so: Irgendwo hinlegen, Socken aus, nuckeln und mit der anderen Hand die Fußsohlen streicheln. Ich weiß nicht, ob sie das vielleicht erdet. Sie hat es sich selbst angeeignet und macht das nun seit gut einem Jahr. Dieses Verhalten hat sie auch durch die chronischen Schmerzen begleitet. Ich finde es sehr kompetent von ihr, dass sie Wege findet, sich selbst zu helfen, sich zurückzuziehen. Denn bisher hieß das in aller Regel: Mama Arm!

Sie wäre sicher auch eine Kandidatin gewesen fürs Langzeitstillen, und ich Hochsensible darf gar nicht darüber nachdenken (was ich natürlich trotzdem tue), was das damalige Verbot von bedarfsgerechtem Stillen, das vorzeitige Abstillen und die neun Monate dauernden Horrorschmerzen im Babyalter mit diesem Kind gemacht haben.

Empathie

Letzten Sommer beobachteten wir eine Szene, wie ein Junge vom Laufrad gefallen ist und weinend zu seiner Mutter lief und sie ihn nur ausschimpfte, er solle besser aufpassen. Sie war vollbepackt mit Einkäufen, sichtlich genervt und ließ ihn einfach links liegen. Der Junge weinte und bekam keinen Trost. Meine Tochter stand wie angewurzelt und konnte den Blick nicht von der Szene wenden. Mir selbst fiel es auch schwer. Sie floh natürlich sofort auf meinen Arm, und wir sprachen darüber, und dann versuchte ich sie möglichst schnell mit was Anderem abzulenken, etwas, das wir gerade vorhatten und worauf sie sich sehr gefreut hatte. Sie ging halbherzig darauf ein, wir gingen weiter, auf der anderen Straßenseite, aber sie schaute sich immer wieder zu dem Jungen um.

Fünf Wochen, nachdem wir aus dem Urlaub zurück waren, fragte sie unvermittelt eines Abends beim Abendessen: „Mama, weiß du noch, wie der Junge sich im Urlaub wehgetan hat mit dem Fahrrad?“

Andere Sache. Wir sind Mitglieder in einer Kirchengemeinde, wo es einen ganz tollen Pfarrer gibt, selbst Vater einer kleinen Tochter. Es ist eine sehr kleine Kirche, meine Tochter fühlt sich dort wohl; sie hat dort Treppensteigen gelernt, entspannt sich dort jedes Mal so sehr, dass der Klops in der Windel nicht lange auf sich warten lässt, rennt im Gottesdienst die ganze Zeit völlig gelöst und selbstsicher durch die Gegend und liebt die Tochter des Pfarrers, ebenso ihn selbst und seine Frau. Nun ist er in eine andere Stadt gewechselt. Wir sind dann da hin gefahren, und abgesehen von dem weiteren Weg ist es für meine Tochter eigentlich schöner, denn dort gibt es ganz viele Kinder in ihrem Alter. Aber zu unserer Überraschung mag sie es da irgendwie nicht. Trotz des Pfarrers und seiner Tochter, auf die sich im Vorfeld immer freut.

Ein paar Wochen nach einem Besuch dort sagt sie plötzlich aus dem Nichts beim Frühstück: „Die gucken mich alle so an in der Kirche.“

Trauma

Oder, mein Highlight an Verbrechen: Auf der Suche nach den chronischen Schmerzen in den Gelenken waren wir in einer Kinder-Rheumaklinik. Dort wurde sie standardmäßig gewogen. Später nahm man ihr in einem Akt von Brutalität gefühlt eine halbe Stunde lang Blut ab. Ohne Vorwarnung, ohne Erklärung, ohne dass sie auf meinen Schoß durfte. Sie schrie und wehrte sich so sehr, dass sie mit mehreren Leuten festgehalten werden musste. Seitdem steigt sie auf keine Waage mehr. Zum Verrecken nicht. Auch nicht in dem absolut tollen Kinderkrankenhaus, wo man ihre Schmerzstörung erkannte, wo es den Snoezelen-Raum gibt und wo sie ein Stück zu einem anderen Menschen wurde, wo sie heute noch jauchzend ruft: „Jaaaa! Ins Kinderkrankenhaus fahren!!!“ Sie steht wie angewurzelt vor der Waage und geht nicht drauf. Man kann sich auf den Kopf stellen, man kann es vormachen und zeigen, dass da nichts passiert, man kann sie belohnen und ermutigen, egal: Sie. Steigt. Nicht. Drauf.

Ich bin übrigens als Kind auch mal beim Blutabnehmen mit vier Leuten festgehalten worden. Von da an hab ich mir nie mehr Blut abnehmen lassen. Und als ich 25 Jahre später schwanger werden wollte und wusste: Da geht es nicht mehr anders, musste ich eine Therapie machen, um das ganz langsam wieder zulassen zu können und die Angst davor zu überwinden.

Meine Tochter liebt es, Fußball zu schauen, egal ob im Fernsehen oder bei Jungs auf dem Spielplatz. Sie kommentiert munter jedes Tor und jeden Ballwechsel, aber am eindrücklichsten ist für sie, wenn einer hingefallen ist (was ja zumindest im Fernsehen ständig vorkommt). Dann heißt es erst mal 20- bis 30-Mal: Der hat sich wehgetan.

Glück

Ich setze darauf, dass sie aber auch – genauso wie ich – Glück, auch die kleinen Momente, in derselben Intensität empfindet. Das erste Mal auf einem Wasserspielplatz. Die schnellen Rutschen im Indoorspielplatz. Die Aussicht, ins Kindercafé zu fahren. Der Besuch von Puni. Der Genuss von Oliven. Alles. Alles ist intensiv. Ein anstrengendes, ein teils erschütternd trauriges, aber unterm Strich ein unfassbar schönes Leben.

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