Nach der Entthronung ist vor dem Paradies

Ich hatte schon damit gerechnet, dass die Geburt unserer zweiten Tochter für die erste (teils unsicher gebundene, nicht abgelöste, schmerztraumatisierte und hochsensible) Tochter eine Grenzerfahrung wird. Aber dass es so schlimm wird, konnte ich mir vorher nicht ausmalen. Heute, neun Monate später, will ich Euch sagen: Alles wird gut.

 

 

Als Coco zur Welt kam, war Maple zweieinhalb und regredierte erwartungsgemäß heftig. Schrie sich auf dem Arm in den Schlaf, litt unübersehbare seelische Not und fasste diese auch in Worte, ständig. „Ich hab die Mama verloren.“ Die abgeschwächte Variante war „Ich vermiss die Mama so.“ Wobei ich dazu sagen muss, dass ich mich nahezu ausschließlich um sie gekümmert habe und fast gar nicht ums Baby. Ich konnte ihren Schmerz einfach nicht ertragen. Coco kam nur zum Stillen zu mir, wobei ich mich ihr nicht zuwenden durfte, danach wurde sie zum Papa gegeben, und als der nach zwei Monaten wieder arbeiten musste, zur Haushaltshilfe. 

 

Selbst alles ist zuwenig

Der wunderbare Entthronungs-Artikel vom Wunschkindblog hat mir viel erklärt. Sie brauchen Aufmerksamkeit im Alltag. Maple bekam von mir 99 Prozent Aufmerksamkeit, Coco nur 1 Prozent, aber es kam Maple wohl umgekehrt vor. Sie erlebte offenbar psychisch so etwas wie einen kalten Entzug. Mag übertrieben klingen, aber es war so. Ich hätte mich am liebsten zerrissen, geklont, von der unsterblichen Sehnsucht nach meinem Baby ganz zu schweigen! Aber meine Befindlichkeit stand hinten an. Ich hatte eine Tochter, deren Herz gerade gebrochen wurde. Wieder und wieder, hundertmal am Tag. Meine Hebamme und Frida warnten mich liebevoll, ich dürfe Coco nicht vernachlässigen, sonst hätte ich bald noch ein bindungsgestörtes Kind. Das stimmte. Aber was sollte ich tun?

Ich konnte nichts mehr tun als das, was Frida gerade durchmacht. Fast sterben vor Trauer und Verzweiflung, seinen Kindern nicht gerecht werden zu können, eines immer links liegen lassen zu müssen, obwohl es einen gerade extrem braucht. Es gab Momente, in denen ich nur noch an Flucht dachte. In denen ich die schreienden Kinder, beide mit existenziellen Bedürfnissen, im 30-Sekunden-Takt abwechselnd auf dem Arm hatte und fast durchgedreht wäre. Keines hörte zwischendurch  auf zu schreien.

 

Unübersehbarer Schmerz

Es wurde einfach nicht besser. Es vergingen Wochen, Monate. Ich erinnere mich an Tage, an denen ich meine stundenlang ununterbrochen untröstlich schreiende und weinende, sich tränenüberströmt durchs ganze Zimmer rollende Tochter versuchte liebevoll zu begleiten, ihr Nähe und Körperkontakt zu geben, sie zu wiegen, ihr zu erklären, wie sehr ich sie liebe, alles. Und wie meine Haushaltshilfe (die, die später mal so vor den Maxicosi trat, dass mein Baby mit dem Gesicht auf die Fliesen knallte) Coco, mein Neugeborenes, die ganze Zeit auf dem Arm hatte. Mein Neugeborenes, das doch in meinen Arm gehörte. Und dieses schmerzverzerrte Gesicht meiner Tochter (bei Maple löst psychischer Schmerz schnell körperlichen, chronischen Schmerz aus). 

 

Und plötzlich: klick

Vier Monate. Dann plötzlich machte es irgendwie klick bei Maple. Vielleicht hat so lange die Trauerphase gedauert. Mit dem unaussprechlichen Verlust klarzukommen. Oder was auch immer. Klar gab es noch aufgeweckte Äußerungen wie „Bald fahren wir in den Urlaub, Mama, Papa und ich. Und Coco bleibt zu Hause. Im Stubenwagen.“ Aber das war lustig und schön zu sehen, wie da jemand etwas verarbeitet und an einer wahnsinnigen Herausforderung wächst.

Und ich bin so heilfroh, wenn ich mein nun neunmonatiges Baby ansehe, dass es keinen Schaden an ihr angerichtet hat. Dass ich ihr Anker bin, dass sie so gelöst, fröhlich und selbstbewusst ist und so in sich ruht.

Es gab Situationen, die noch grenzwertig waren. Zum Beispiel, wenn Maple mit mir schlafen ging (das brauchte sie total, Papa ging gar nicht mehr), es Coco eine Zeit lang aber so schlecht ging (Bauchweh, vereinfacht gesagt), dass nur Mama ging. Maple weinte, protestierte und schrie, sah aber letztlich ein, dass es nicht anders ging. Mit „sah ein“ meine ich nicht Resignation, sondern langsame Reifung, vielleicht auch ein bisschen (weniger gute) Anpassung. Aber es ging schlicht nicht anders. Da war Coco dann dran, sie brauchte mich mehr. Einmal schlief Maple erschöpft alleine (!!!) ein, weil ich Coco nicht ablegen konnte und mein Mann nicht da war. Maple konnte es nicht, sie musste einfach mit mir schlafen gehen, sie hielt stundenlang durch, bis die Müdigkeit irgendwann einfach stärker war als sie. Ich hatte ihr die ganze Zeit versprochen, sobald Coco schlafe, komme ich zu ihr. Das hab ich auch gehalten, auch wenn Maple dann schon schlief. Es war mir wichtig. Vielleicht spürt sie auch im Schlaf, dass sie sich auf mich verlassen kann. Das hoffe ich. 

Inzwischen kommt es häufiger vor, dass mein Mann in unser Schlafengehritual hineinkommt und erklärt, es tue ihm leid, aber es gehe einfach nicht, Coco brauche die Mama. Ich sage Maple immer, dass ich gleich wiederkäme und dass Papa so lange bei ihr bleibe. Wenn sie dann noch nicht schläft, wechseln wir wieder. Das gehört für mich zur Verlässlichkeit dazu und auch dazu, sie ernstzunehmen. Sie nimmt die Situation ja schließlich auch ernst und macht mit, obwohl sie es nicht toll findet. Inzwischen klappt das ganz ohne Protest. Sie kennt das jetzt schon. Und sie fühlt mit Coco mit, auch wenn sie ein anderes Bedürfnis hat. Wenn Maple dann in der Zeit, die ich brauche, um Coco zu beruhigen, einschläft, ist es gut. Sobald sie durchs Babyfon „ruft“ oder weint, gehe ich hin, nicht mein Mann, damit sie sieht, ich bin wieder für sie da.

 

Maple wächst über sich hinaus

Und heute? Mir fehlen fast die Worte. Maple ist so unterstützend und positiv. Das klingt völlig banal. Aber damit meine ich: Sie verhält sich so liebevoll und fürsorglich Coco gegenüber, dass mir manchmal die Worte fehlen. Es ist verblüffend, wie genau sie meinen Tonfall, meine Worte, meine Floskeln, mein Verhalten imitiert. Anfangs hab ich mal, eher so aus dem Grund, sie abzulenken und zu beschäftigen, sie gebeten, auf Coco aufzupassen, damit sie nicht vom Bett fällt. Maple kniete sich neben Coco, legte ihr eine Hand auf den Bauch und sagte: „Ich pass auf dich auf, damit du nicht runterfällst. Du brauchst keine Angst zu haben. Ich bin ja da.“ Damit hatte ich definitiv nicht gerechnet. Und wenn Coco quakt („weint“ wäre zu übertrieben), reagiert Maple sofort: „Schsch schsch … ist ja gut, meine Maus. Die Mama kommt ja gleich.“

Inzwischen sind Liebesbekundungen von Maples Seite Coco gegenüber sehr häufig. Sie freut sich irre, sie zu sehen, sie ist stolz. Maple quietscht vor Vergnügen, fast vor elterlichem Stolz, wenn sie Cocos Fortschritte beobachtet: „Sie hat abgebissen!“, und ihre Stimme überschlägt sich fast dabei. Maple „kocht“ für Coco. Sie gibt ihr neue Zucchini-Spalten an, taucht sie in Öl. Sie hebt fünfhundertmal den Löffel auf, den Coco gerade (auch gern extra) fallen gelassen hat.

 

Die tollste Mama – jetzt schon

Sie kennt alles, sie weiß alles, sie spiegelt alles. Sie weiß, was Coco gut tut und was nicht. Sie erklärt, sie würde ihrem Baby beim Kacken helfen, holt ihr Fieberthermometer aus ihrem Arztkoffer, macht ihrem Baby Mut und animiert es, fest zu drücken, verspricht, dass es gleich geschafft sei und ihr fällt ein freudiger Stein vom Herzen, wenn die imaginäre Puppenbabykacke endlich rausgekommen ist. Sie stillt selbstverständlich ihr Puppenbaby, macht selbstverständlich ein Bäuerchen, das mal wieder nicht rauskommen will, klopft so lange sachte auf den Rücken ihres Babys (derzeit eine uralte Waschbär-Handpuppe), bis das Bäuerchen rausgekommen ist. Dann wird überaus liebevoll gelobt und über den Kopf gestreichelt. 

All das würde sie ohne zu zögern sofort auch mit Coco machen, und wir lassen es zu, soweit es geht. Ich könnte heulen, wenn ich sehe, was für eine phantastische und liebevolle große Schwester sie ist. Wenn Coco in der Federwiege geschlafen hat und wach wird, läuft Maple als erstes hin, guckt rein, strahlt Coco an, sagt „Hallo, guten Morgen, meine Maus! Hast Du gut geschlafen?“, ruft uns zu: „Schnips ist wach!“, knöpft die drei Knöpfe der Federwiege auf und versucht, Coco herauszuheben. 

Einer meiner liebsten (auch Trotz-) Sätze ist die Forderung: „Ich will aber bei Coco sein!“ Sie nimmt ihre Hand, sie streichelt ihr Gesicht so liebevoll, gibt ihr ein Küsschen, und wenn Coco dann vor Freude plappert, freut Maple sich: „Sie hat 'rö' gesagt!“

 

Stolz aufs Schwesterchen

Im Urlaub musste ich tatsächlich ermahnen: „Jetzt kloppt euch nicht um Coco. Das ist ihr zuviel!“, als Maple und der Gleichaltrige unserer Freunde die ganze Zeit mit Coco spielen wollten. Sie brachten ihr Spielzeuge (natürlich mit Ankündigung: „Ich hol Coco ein Spielzeug. Ich hol dir ein Spielzeug, Coco! – Schau mal, was ich dir mitgebracht habe! Möchtest Du das haben?“), sie kuschelten zusammen, alles.

Übrigens finde ich es wunderschön, dass Maple auch ein Anker für Coco ist. Beispiel: Coco schreit, ich bin aber gerade auf Toilette. Maple kommt sofort eigenständig angerannt, legt Coco eine Hand auf den Bauch und sagt: „Ich bin ja da, Coco. Alles ist gut. Die Mama kommt ja gleich, weißt du?“ Und Coco beruhigt sich sofort. Vielleicht nicht final, nicht wie auf Mamas Arm, aber doch merklich. Für Coco gehört Maple so selbstverständlich dazu wie mein Mann und ich. Und das ist das Glück des zweiten Kindes.

Übrigens hat Maple mit ihren drei Jahren beinahe ein besseres Einfühlungsvermögen, was Coco betrifft, als meine Schwiegermutter. Klar lernt sie noch dazu, aber trotzdem. Da ist eine ganz besondere Verbundenheit, eine solch innige Geschwisterliebe, wie ich sie mir nie vorgestellt hätte. 

 

All das macht mich so glücklich und froh, dass ich manchmal glaube, so schlimm die Entthronungszeit für uns alle war, es hat sich doch ausgezahlt, sich so zu zerreißen. Es ist nicht umsonst. Wir werden alle belohnt. Mit so viel Liebe, die anzusehen fast zu schön ist, um sie auszuhalten.

 
Offener Brief an alle, die NeuEltern nicht in Ruhe...
Deutschlands Kinderärzte - größtenteils ein mensch...

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