Vom Tütü, das auszog, um die Welt eines kleinen Mädchens zu retten

Schon seit einigen Wochen ist meine Tochter stolze Besitzerin eines Tütüs. Es ist rosa, es ist ein wenig zu eng und es ist auch so ein Billigteil, das nach drei Mal waschen einfach nur gruselig aussieht. Sie wollte es unbedingt haben und bekam es. Seitdem zog sie es gerne und oft an. Und dann kam das Baby - und mit ihm der Tütü Terror. Jeden (!) Tag musste das Tütü angezogen werden. Und auch jede (!) Nacht. Ich habe diese traumatische Erfahrung in einem kleinen bekloppten Märchen verarbeitet...

 

 

Es war einmal ein kleines Tütü,

... das wurde von einem kleinen Mädchen sehr geliebt. Es war sehr rosa und sehr eng, und der Rock glitzerte. Naja, ein wenig zumindest. Angeblich. Behauptete das kleine Mädchen. Schnell waren sie die dicksten Freunde, und das Mädchen bestand darauf, das Tütü jeden Tag und jede Nacht anzuziehen. Wenn das Wetter schön warm war, dann zog es nur das Tütü an, nichts darunter. Wenn das Wetter ziemlich kalt war, dann zog es ebenfalls nur das Tütü an, nichts darunter. Manchmal hustete es oder nieste, aber wirklich krank wurde das kleine Mädchen nie. Vermutlich lag das an dem Zauber, der das Tütü umgab und der das kleine Mädchen vor dem Zorn der Natur zu schützen vermochte. Wenn die Eltern des Mädchens zornig oder verzweifelt darum baten, das Tütü gegen ein anderes viel zu mädchenhaftes Kleid auszutauschen oder gar etwas wie eine Hose, ward es sehr garstig und schrie und weinte um sein Leben. 

 

Eines Tages geschah etwas Unerwartetes 

... das Mädchen musste sich mit einem gar schlimmen Erlebnis auseinandersetzen, und das gleich mehrfach am Tag. Weil es nämlich die Windel verweigerte, um noch mehr von seinem geliebten Tütü am Körper zu fühlen, ergoss sich in unregelmäßigen Abständen ein goldgelber Schwall auf den Boden und alles, was sich zwischen Blase und Boden befand. Mal waren es nur lapidare und zu vernachlässigende Gegenstände wie Stühle, Sofas und Teppiche, dann aber auch die mütterlichen Beine, das elterliche Bett und einfach alles, worauf es ging und stand. Am Schlimmsten aber war, dass das geliebte Tütü nass wurde, und das Mädchen weinte bitterlich und in sirenenhaftem Klang, sodass Mutter und Vater sich nicht anders zu helfen wussten, als es mit der Hand auszuwaschen und in mühevoller Kleinstarbeit trocken zu föhnen. Am Tag und in der Nacht. Viele, viele Tage und Nächte lang.

 

Schlimm war es auch für das kleine Mädchen

... wenn es sich zur Nahrungsaufnahme an den elterlichen Tisch begeben musste, denn es wusste ganz genau, welche schwere Prüfung dann auf es zukam. Seine größten Feinde hießen Nutella, Schokopudding und Tomatensauce, denn es kam, wie es kommen musste: das Tütü bekam einen Fleck. Manchmal war der Fleck auch nur ganz klein und kaum mit bloßem Auge zu erkennen, doch auch hier weinte es bitterlich - und wieder wussten Mutter und Vater sich nicht anders zu helfen, als es händisch zu reinigen und zu föhnen. Komme was wolle. Am Tag und in der Nacht. Viele, viele Tage und Nächte lang.

 

Eines Tages aber, da ward dem kleinen Mädchen ein Geschwisterchen geboren

... das mit einer ebenfalls sirenenartigen Stimme ausgestattet ward und das Mutter und Vater stark beanspruchte, vor allem aber die Mutter. Immer, wenn das Mädchen Trost suchen wollte oder seinen Ärger loswerden, da war das Geschwisterchen schon in Mutters Armen, und die Mutter schickte es weg, um beim Vater Trost zu suchen. Der Vater hatte Mitleid mit dem Mädchen, und so wusch und föhnte er das Tütü, als ginge es um sein Leben. Und das tat es auch. Denn war er nicht schnell genug, dann war des Mädchens Unglück gar groß und von allumfassender, hörbarer Trauer. Auch des Nachts schreckte das kleine Mädchen oft hoch, und wehe, man hatte ihm im abendlichen Delirium das Tütü entwendet, weil es angeblich zu dreckig war, um es anzubehalten. Oder wenn die Mutter keine Zeit hatte, um sich des Mädchens Kummer zuzuwenden. Dann wusch und föhnte der Vater das Tütü, schlaftrunken und voller Verzweiflung. Viele, viele Nächte lang.

 

Irgendwann begannen Mutter und Vater, sich zu fragen, ob es wohl keine andere Möglichkeit gebe

... als das Tütü für den Rest ihres kargen Daseins zu waschen und zu föhnen, Tag und Nacht. Die anderen Dorfbewohner lachten sie aus oder schimpften mit ihnen und warnten sie vor dem Affentanz, den sie mit dem kleinen Mädchen veranstalteten. Doch klammheimlich vertrauten Mutter und Vater der magischen Kraft des Tütüs, und ihre Treue sollte belohnt werden. Die Liebe des kleinen Mädchens zum Tütü ward irgendwann so groß, dass es immer mehr Tütüs bekam, und so konnte es jeden Tag ein anderes tragen und sich im Glanze des rosa Scheins sonnen. Und so wurden auch die Tränen alsbald getrocknet und Mutter und Vater wuschen und föhnten immer weniger, bis sie es vermissten. Ein wenig. Oder auch gar nicht. 

Und das Mädchen und das Tütü waren glücklich bis ans Ende ihrer gemeinsamen Tage und darüber hinaus.

 

… dann geb’ ich dir Grund zum Heulen!
Einschlafterror, Familienbett und Duracell Kinder

Ähnliche Beiträge

 

Copyright © 2015-2017 2KINDCHAOS - ELTERN BLOGAZIN Alle Rechte vorbehalten.
Powered by Hilkert Consulting