"Geb dem Kind doch mal Fleisch". Vom veganen und vegetarischen Familienleben

Meistens ist das Thema nicht so präsent auf dem Blog, einfach weil ich mir die Ernährungsthematik nicht so auf die Flagge schreiben möchte. Ich bin keine Hardlinerin und habe viel negative Erfahrungen gemacht mit allen möglichen Menschen, was Ernährung angeht. (Ähnlich wie bei Religion geht da schnell der Humor verloren.) Und jetzt kommt meine Große so langsam in das Alter, wo sie versteht, dass sie etwas nicht essen soll, das die meisten anderen essen... Gedanken zum Thema Ernährung, Aufklärung und Anpassung an die Gesellschaft.
 
 
 

 

Willst du alle Menschen zum Explodieren bringen? Dann sei schwanger / gerade Mama geworden und ernähre dich vegan

Ich bin seit meinen early Twenties mehr oder weniger streng vegan. Phasenweise mach ich das 100% true, dann werde ich öfters wieder mal schwach (bei Süßigkeiten, shame on me!). Wenn man vegan wird, dann bekommt man erst mal massiven Gegenwind vom Umfeld, alle fühlen sich persönlich angegriffen und plötzlich steht man da, mit dem Rücken zur Wand. Jedes gemeinsame Dinner wird zum Bürgerkrieg. Außerdem ist man meist auch noch ziemlich geschockt, was man so herausgefunden hat, wie die Tiere behandelt werden und was in tierischen Lebensmitteln so drinsteckt, und möchte gern die Umwelt eines besseren belehren. Ganz, ganz schlechte Kombination.
 
Dann gibt es auch die "richtigen Veganer", die sich militant im Tierschutz engagieren und für die Attila Hildmann ein rotes Tuch ist, weil er die falschen Sitze im Auto hat. Ich sehe das Ganze mittlerweile pragmatischer - ich bin bei anderen froh um jede Mahlzeit, die möglichst wenig Tier beinhaltet, aber ich sage auch meine Meinung nicht mehr, außer ich werde darum gebeten. Ich könnte oft weinen, innerlich daran zerbrechen, wenn ich daran denke, wie Tiere mißhandelt werden, muss es aber verdrängen. Genauso wie die vielen aktuellen Meldungen der Nachrichten. Ich versuche, bestmöglich zu leben und verzeihe mir auch mal einen Ausrutscher. Soll heißen, eigentlich ist für mich das Thema Ernährung Privatsache und muss nicht ausdiskutiert werden.
 
Eigentlich. Denn kaum, dass ich schwanger wurde, gingen bei allen Umstehenden erst mal die Alarmglocken los. Ich wurde von allen Seiten zugeballert mit ungefragter Meinung und Halbwissen. Zeitungsartikel wurden mir gemailt und geschickt, Bücher ausgeliehen. Horrorgeschichten erzählt. Es hatte teilweise was von Loriot. Nie vergessen werde ich die Bekannte, die ihren Busen aus dem Pulli holte, um mir zu demonstrieren, dass sie, immer gut Fleisch - Essende, nicht nur das eigene Kind, sondern auch den Nachbarsjungen mit ihrer Milch durchgebracht habe, während ein Veganerkind fast gestorben wäre (das wurde nämlich mit Wasser - Haferbrei ernährt). Holy fucking shit! Denkste dir nicht aus! Ich wette, ich habe genauso viel Wirbel verursacht, wie wenn ich gesagt hätte, dass ich das Kind der Church of Satan widmen wolle.
 
Es gibt kaum ein Vorurteil, das ich nicht gehört habe. Dass mein Kind sicherlich kleinwüchsig wäre, mangelernährt, nicht gedeihen würde. Und als das Baby dann da war, bedrohte mich der Kinderarzt, dass mein Kind neurologische Schäden haben würde wegen meiner minderwertigen Milch. Permanente Bluttests würden wir da schon machen müssen, und am Besten ab dem vierten Monat püriertes Fleisch reindrücken. Ja, die Sache mit dem Fleisch. Noch bevor das Kind geboren war, wurde ich damit konfrontiert, dass das Kind im Kindergarten ja sicher Fleisch bekäme und ich das nicht verhindern könne. Ob ich mir darüber schon Gedanken gemacht hätte? Ähm... STOP!!! 
 
 

Zeitsprung: das Kind ist im besten Vorschulalter und interessiert sich für Fleisch, tote Tiere und gesellschaftliche Normen

Ich kann allen beunruhigten Carnivoren versichern: das Kind, die Kinder, sind beide bestens gediehen. Hab ja mittlerweile zwei davon. (Beim zweiten kaum noch Wirbel, da das erste ja offensichtlich ganz gut überlebt hat.) Die Große war übrigens ein sehr forderndes Stillkind und hat kaum etwas gegessen, sodass ich irgendwann alles durchprobierte, auch vegetarische Produkte. Mittlerweile isst sie öfters Joghurt und ab und zu ein Ei. Außerdem bekommt sie Vitamin B12 supplementiert, die Archillesverse aller Veganer. Allerdings kann ich mich überhaupt nicht damit anfreunden, ihr irgendwann mal Fleisch zu geben. Das ist etwas, das mir fast körperliche Schmerzen verursacht. Als Peanut frisch im Kindergarten war, sagte ich den Erzieherinnen immer wieder, dass es mir wichtig ist, dass sie keine Wurst isst - und was war, sie saß neben der grinsenden Erzieherin und mümmelte ihre erste Scheibe Fleischwurst. Danke. 
 
Versteht mich nicht falsch. Mir geht es in diesem Artikel nicht darum, zu sagen, dass ich es besser wüsste als irgendwer oder dass ich meine Ernährung gern von anderen be/verurteilt bekommen möchte. (Es gibt jetzt bestimmt einige Veganer, die das richtig scheiße finden, was ich schreibe. #sorrynotsorry Siehe letzter Abschnitt.) Es geht eher darum, dass ich Überlegungen anstelle, wie ehrlich man sein sollte und wann es besser ist, seine Meinung hinter dem Berg zu halten. Das finde ich nämlich nicht so einfach.
 

 

Wieviel Realität verträgt ein Kind?

"Mama, wieso essen wir kein Fleisch?" Diese Thematik habe ich spätestens ab der Scheibe Fleischwurst im Kindergarten auf dem Schirm. Ich habe Gespräche geführt, warum - vegan - Bücher für Kinder angeschaut, und bin oft daran verzweifelt, dass Peanut es einfach noch nicht verstehen konnte. Also habe ich dann den Mama Hammer rausgeholt und gesagt, dass ich das einfach nicht möchte. Punkt. Natürlich gab es da scharenweise Leute, die hämisch gekichert haben und meinten, jetzt sei es doch so weit, ich solle es ihr doch einfach geben. Sie will es doch. Ach, ehrlich? Ein Kind mit 3 Jahren kann nicht wissen, nicht wirklich verstehen, dass Tiere in Massentierhaltung gehalten, mißhandelt und getötet werden für die leckere Wurst. Die es übrigens auch in der veganen Variante gibt. 
 
Ich habe mir vorgenommen, dass ich es ihr erst "erlauben" werde, wenn sie halbwegs in der Lage ist, über die Thematik eine bewusste Entscheidung zu treffen. Dazu werde ich ihr natürlich keine Dokumentation vorführen, aber ich denke, ab der Grundschule kann sie es schon eher nachvollziehen. Irgendwann wird nämlich die Phase kommen, wo sie alles wie die anderen machen will, oder zumindest das essen, was ich ihr verboten habe. Das weiß ich, und deshalb bin ich auch jetzt nicht so streng, was vegetarische Dinge angeht. Ich hoffe einfach, dass eine lockere Haltung dazu führt, dass sie die Ernährung irgendwann freiwillig annimmt, oder mich zumindest später nicht total diktatorisch empfindet.
 
Übrigens bin ich eines der Kinder, die das früh verstanden haben, was sie da auf dem Tisch haben, und ich fand es schrecklich. Ich wollte das nicht essen, aber meine Eltern haben das nicht unterstützt. Ich musste meinen Teller aufessen, so war das damals. 
 
Meine Tochter jedenfalls interessiert sich sehr für die Thematik. Nicht von mir induziert - ihre beste Freundin isst Fleisch, sie bekommt mit, dass sie eine vegane Alternative am Geburtstagstisch serviert bekommt. Warum sind wir anders, wieso ist mir das wichtig, wieso ist es anderen egal, dass Tiere getötet werden? Es will nicht in ihren Kopf hinein, dass es so etwas Schlimmes geben kann, und gleichzeitig geht sie im Supermarkt freiwillig an die Fleischtheke, kommentiert die blutigen Plastikschachteln, fragt nach den gefrorenen ganzen Hähnchen, will wissen, welches Tier da geschnetzelt wurde. Es ist faszinierend und abstoßend gleichzeitig. Wie alle Kinder liebt sie Tiere und kann sich nicht vorstellen, dass man es töten und essen soll. Und doch fragt sie sich, wie kann es falsch sein, wenn es die Mehrheit tut.
 
Meine Tochter sucht sich also ihren eigenen kleinen Horrorfilm. Wobei, Horrorfilm - das ist ja die Realität. Es ist absurd, wenn man es sich überlegt, aber wie viele tote Tierkörper kleingehäckselt in Plastikboxen um uns herum aufgereiht sind. Das sind Lebewesen. Dieselben Menschen, die ein Tränchen verdrücken, wenn bei Punkt 12 eine Oma ein Eichhörnchen vor dem Erfrieren gerettet hat, kloppen sich die Wurststulle rein und lachen sich über die besserwisserischen Veganer kaputt. Wie soll ich diese Welt meinem Kind erklären? Und wie soll ich ihr erklären, dass die Joghurts aus Kuh - Muttermilch eigentlich einem Kalb gehört, das vermutlich direkt nach der Geburt getötet wurde? Oder wie die Hühnerbabys geschreddert werden? Wie verwahrlost eigentlich die Hühner sind, die diese Eier gelegt haben? 
 
 

... und jetzt?

So, und jetzt sitze ich da und weiß auch nicht mehr weiter. Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich jetzt Shitstorms von allen Fleischessern UND von allen Veganern bekomme. Das Thema ist scheiße. Genau wie Religion. Am besten sagt man seine Meinung gar nicht, und wenn, sollte man wenigstens moralisch unangreifbar sein. Bin ich ja nicht. Ich mache bewusst Fehler, und kann sie nicht mal vor mir selbst rechtfertigen. Ich schreibe den Artikel, um mir selbst darüber klar zu werden, wie es weiter geht. Wieder richtiger, bewusster leben, nicht mehr fürs Kind vegetarische Produkte kaufen. Vielleicht von euch Tipps bekommen, wie ihr das macht, wenn die Kinder fragen. Hoffentlich damit leben können, wenn ganz viele mit Tomaten schmeißen. Und ganz vielleicht den ein oder andren zum Nachdenken bringen, ob das so super ist mit der Wurst. Aber nur vielleicht.
 
Love & Peace,
eure Frida
Blogbeiträge planen mit einem super easy Blogplane...
Wasserspaß mit Little Tikes Funkelfontäne und Funk...

Ähnliche Beiträge

 

Copyright © 2015-2017 2KINDCHAOS - ELTERN BLOGAZIN Alle Rechte vorbehalten.
Powered by Hilkert Consulting