WochenbettAMBULANZ - der Praxistest im Rückblick

Ok, Wochenbettambulanz. Ich gebe zu, ich habe Schwierigkeiten, mir vorzustellen, wie das im tatsächlichen Leben aussehen könnte. Also nicht auf dem Papier, nicht in einem Konzept. Sondern im Leben. In meinem zum Beispiel. Irgendwie fehlt mir die Phantasie. Vielleicht muss ich mich erst mal wieder in die Zeit hineindenken. Dann mein Urteil.
 
 
Glück gehabt: Wenn Hebammen ganz nah dran sind
 
 

Kind 1: Maple.

 
Situation: Hinter mir liegen eine Hyperemesis-Schwangerschaft, eine Sturzgeburt und vier Tage auf der Wöchnerinnen-Station, auf der ich von meinem Baby getrennt bin. Stillen ist eine Katastrophe.
 
Zu Hause. Das Kind brüllt die ganze erste Nacht durch (damals hatte das mit dem Bauchweh noch nicht angefangen, das kam erst nach 3 Wochen), Stillen klappt gar nicht. Tut höllisch (ich konkretisiere: HÖLLISCH) weh. Ich schlafe irgendwann gegen 8 Uhr morgens endlich ein. Um 10 Uhr kommt meine Hebamme Maya. Ich öffne ihr, und sie sieht gleich, was Sache ist: Ich gehe auf dem Zahnfleisch, Maple brüllt. Wir probieren alle Stillpositionen. Selbst mit Hebamme gelingt es nur echt schwer, dass Maple überhaupt mal kurz trinken kann (die ganze Nacht hatte sie vermutlich vor Hunger gebrüllt). Maple sitzt dabei aufrecht auf meinem Schoß, mir frontal gegenüber, abgestützt durch ein gefaltetes Handtuch zwischen ihrem und meinem Bauch. 
 
Die Stunde mit Maya vergeht wie im Flug, ich habe so viele Fragen, alles ist neu. Ich wünsche mir, dass die Hebamme (die neben Karl auch als einzige die Geburt begleitet hat) ständig da ist. Denn in ein paar Stunden wird Maple wieder Hunger haben. Und dann? Dann muss ich EINEN TAG warten, bis Maya wieder kommt.
 
 

Oberarzt verlässt sich auf Hebamme

 
An Tag 2 ist Maple für den Geschmack meiner erfahrenen Hebamme etwas zu gelb. Wir sollen sie, wenn sie im Stubenwagen schläft, ans Fenster ins Licht stellen und einmal täglich ins 30 Minuten entfernte Krankenhaus, in dem ich Maple auch zur Welt gebracht habe, fahren, um den Billicheck-Wert testen zu lassen. Eine gute Entscheidung, wie sich heraus stellt. Um ein Haar müssen wir da bleiben, zur Sicherheit. Für mich die Horrorvorstellung. Schon in der absolut geborgenen, maximal unterstützenden Umgebung zu Hause hängt das fragile System Stillen am seidenen Faden. Der Oberarzt sagt: „Wer ist ihre Hebamme?“ Ich nenne ihm Vor- und Zuname. Oberarzt: „Sie kommt doch jeden Tag?“ Ich: „Ja, natürlich!“ Oberarzt: „Gut, wenn Maya Ihre Hebamme ist, können Sie nach Hause gehen. Ihr vertraue ich hundertprozentig.“ Da sind wir schon zwei. 
 
Nach fünf Tagen hat es sich mit der Neugeborenen-Gelbsucht erledigt. Das Stillen aber bleibt eine schmerzhafte Katastrophe. Vor jedem Stillen habe ich solch schreckliche Angst, Angst vor den immensen Schmerzen. 
 
Tag 2 bis 14 unterscheiden sich nicht wesentlich. Wir versuchen es jeden Tag, etwa achtmal täglich stille ich Maple. Nach gut einer Woche zu Hause und damit etwa rund hundert Horrortrips beim Stillen ist es so weit: Trotz allergrößter Liebe zu diesem Kind kann ich die Schmerzen nicht mehr ertragen. Es ist Stillzeit, Maple weint vor Hunger, und ich kämpfe mit allem, was ich habe, gegen diese Angst und Gewissheit, welche Schmerzen gleich folgen werden, damit ich mein Kind ernähren kann. Ich schaffe es fast nicht, sie an die Brust zu nehmen. Ein paar Zentimeter Entfernung noch, sie öffnet bereits den Mund, aber ich kann nicht. Ich weine und weine und sage: „Ich will Stillhütchen. Wenn das nicht geht, war's das. Dann gehst Du Milchpulver kaufen, Karl.“ Danach stille ich Maple, so gut es eben geht, wie immer unter Tränen und mit maximal zusammengebissenen Zähnen, so fest, dass da kein Zahn mehr knirschen kann. 
 
Ich bekomme noch vor der nächsten Stillmahlzeit Stillhütchen von einer Freundin (die sie nicht braucht) und das Schmerzlevel sinkt augenblicklich von 10 auf 4. Rausch. Ich weiß um das Stichwort „Saugverwirrung“. Nur deshalb habe ich 13 Tage gezögert und mich immer und immer wieder zusammen gerissen, dann kann ich nicht mehr. Jede Saugverwirrung ist mir egal. 
 
Mit meiner anderen Hebamme stehe ich im täglichen SMS-Kontakt (was sie ehrenamtlich macht). Auch sie ist sehr erfahren (wenn auch 30 Jahre jünger als Maya, hat aber dafür in Uganda gearbeitet und unter Bedingungen mit sehr wenig medizinischer Unterstützung Frauen begleitet und Kinder durchgebracht) und hat vor allem ein unfassbar gutes Gespür und einen unendlichen Glauben an die Mütter, überhaupt an die Eltern. Sie kennt mich schon etwas besser als Maya aus der Vorsorge. Maya war eigentlich die Zweithebamme, die deshalb die Geburt begleitete, weil Maple zu früh kam und die erste Hebamme, nennen wir sie Steffi, noch nicht aus dem Urlaub zurück war. 
 
 

Meine Hebamme, mein Strohhalm

 
Steffi wird immer und immer wichtiger, ihr täglicher Besuch ist mein Strohhalm. Maya und Steffi sind ein Hebammenteam, und keine ist beleidigt, wenn wir abwechseln. Maya hat mehr medizinische Erfahrung, Steffi ist mir ähnlicher, versteht mich blind. Es tut so gut, dass sie da ist, mitten im Leben. Dass sie dort ist, wo gerade alles stattfindet und nichts funktioniert. Steffi ist vom Typ „Das wird alles, Du wirst sehen“. Sie ist voller Vertrauen in die Frauen, die Babys und die Natur. Aber sie bekommt das Stilldrama jeden Tag mit, und ich weiß nicht mehr, nach welcher Zeit, sagt sie: „Mir lässt das mit dem Stillen keine Ruhe, dass das in keiner Position wirklich funktioniert. Mir ist noch was eingefallen. Vielleicht geht ihr mit Maple mal zum Osteopathen. Manchmal haben die noch einen Ansatzpunkt, etwas, das ganz woanders liegt, und plötzlich macht es Klick.“ Ich war so dankbar für diese Idee. Gut, am besten sofort. Gott sei Dank weiß Steffi auch gleich zwei Adressen, bei denen man mit Baby richtig ist. Eine ist sogar in unserer Stadt. Ein Anruf, und wir bekommen trotz langer Wartelisten einen kurzfristigen Termin. 
 
Es stellt sich heraus, dass bei Maple alles verschoben ist. Was man auch an der extrem nach links gepressten Nase sehen könnte, aber von den Ärzten und Krankenschwestern kam leider niemand drauf. Weil, Stillen läuft schon, ne? Sonst Kohlblätter. Und wenn's nicht geht, dann halt Flasche. Und die Nase richtet sich schon auf.
 
Was das Stillen so schwierig macht: Der Gaumen ist ebenso schief: Auf der einen Seite ist er ganz flach, ohne Wölbung, auf der anderen Seite passt ein Teelöffel rein. Aus dem Grund konnte Maple immer nur ein paar Millimeter Brustwarze im Mund halten. Diejenigen von Euch, die stillen oder gestillt haben, können sich ausmalen, wie sich das anfühlt. Und wie viel Milch auf diese Weise da wohl so raus kommt. Schon nach der ersten Behandlung der Osteopathin war eine Besserung spürbar, nach drei Behandlungen war das Problem behoben. Weg. Stillen war schön.
 
 

Leider das einzig Schöne.

 
Denn zu der Zeit, nach 4 Wochen, war der Bauchweh-Horror bereits in vollem Gang, und meine Hebamme Steffi war, obwohl sie selbst außer der üblichen Mittelchen auch nichts wusste, immer an meiner Seite, bestärkte und stützte mich, glaubte an uns und richtete uns immer und immer wieder und in jeder Hinsicht auf, während meine Eltern sich beschwerten, wir kämen sie nicht besuchen, die zig Ärzte ratlos bis herablassend waren und auch Krankenhausaufenthalte erfolglos blieben. Steffi war der Fels in der Brandung, neun Monate lang. Sie fühlte mit, hörte zu und machte ihre Hebammenberatung laufend neben mir, während ich im Stechschritt, tanzend oder auf dem Hüpfball versuchte, Maple Linderung zu verschaffen gegen die Hektoliter Fäulnisgase in dem winzigen Bauch. Denn etwas anderes als Stechschritt, wild tanzen und springen mit Maple auf dem Arm oder eben, wenn es nicht ganz so schlimm war, Pezziball, ging halt nicht.
 
 
Ein Geschenk der Hebamme
 
 

Kind 2. Coco.

 
Situation: Hinter mir lag eine Schwangerschaft mit dank Agyrax kleingehaltener Hyperemesis, dafür mit einer ständig unter Schmerzen leidenden 2,5-jährigen Maple. Und eine 4 Wochen zu frühe, gut verlaufene Geburt, wiederum ausschließlich mit Mayas Unterstützung.
 
Coco kam zur Welt, ein paar Tage füher als Maple, mit fast identischen Werten, aber das Krankenhaus wollte sie auf der nicht ausgelasteten Intensivstation sehen. Begründung: „SSW 36+X“. Mit Kabeln und Monitor, denn (Achtung komplizierte fachliche Begründung): „Das ist hier so.“ Leider handelte es sich um eine Intensivstation, die alles andere als artgerecht, geborgen oder liebevoll war. Es war dort auch kein Platz für mich, die nicht noch einmal bereit war, sich nach der Geburt von ihrem Neugeborenen trennen zu lassen. Und so kämpfte ich selbst unter starken Nachwehen darum, bei ihr zu sein, in dem Gartenstuhl neben ihrem Glasbett gegenüber vom Untersuchungstisch der Station. Ich wollte Geborgenheit, Frieden und nach Hause und durfte nicht. Ich litt unter dieser Ohnmacht. Es war meine Hebamme Maya, die mich auf der Intensivstation besuchte, sich neben meinen Gartenstuhl setzte und das Stillen mit mir und der schwachen Coco versuchte, wo sonst alle nur auf Melkmaschine und Fläschchen verwiesen. Die sich die Horrorgeschichten anhörte, wie mich die rabiaten Schwestern lächerlich machten und versuchten, mich von der Station zu bekommen. Sie hörte sich mein Heimweh an und sie hatte eine Schulter zum Ausweinen, als ich Angst hatte, bei Coco könnte alles so werden wie bei Maple (was großteils tatsächlich so kam).
 
Sie war da. Sie war dort in feindlicher Umgebung mein Anker, meine Heimat, mein Zuhause. Ich weiß nicht, was sonst geworden wäre. Denn Karl war beschäftigt mit 1.) immer noch mal kurz zur Arbeit (30 km entfernt) zu fahren, um provisorische Übergaben zu machen, denn seine 2-monatige Elternzeit begann ja eigentlich erst vier Wochen später zum errechneten Geburtstermin, 2.) zu Hause (30 Minuten weit weg) das nötigste vorzubereiten wie Babybett aufbauen, Stubenwagen beim Ebay-Verkäufer abholen, Nestchen und Bettzeug waschen, Babysachen vom Dachboden holen, Windeln einkaufen usw. usw. und 3.) als das Wichtigste: für die ab Tag 1 völlig entthrohnte kleine Maple da zu sein, die sich mit 2,5 Jahren abends im Familienzimmer der Wöchnerinnenstation (in dem ich ja selten war) in Karls Armen in der Wiege wie ein Baby vor Verzweiflung und Trauer in den Schlaf zu brüllen.
 
 

Zu Hause mit Baby und dauerhaft sehr krankem Kleinkind

 
Nach einer endlosen Woche kamen wir nach Hause. Coco bekam längst abgepumpte Muttermilch aus der Flasche, und als es bei ihr mit demselben schlimmen Bauchweh losging wie bei Maple, zögerte ich nicht lange und gab ihr vor dem Stillen in Wasser und Lefax aufgelöste Lactase. Das Bauchweh-Problem hatten wir also dank dieses einzigen Forumseintrags von 2008, den ich leider für Maple zu spät fand, einigermaßen im Griff.
 
Nur leider litt Maple massiv unter der Entthrohnung, und das verhängnisvolle war, dass ihre (von ärztlicher Ahnungslosigkeit, Überheblichkeit und Untätigkeit verursachte) Schmerzstörung massiv auf den psychischen Stress ansprang und somit ständig tatsächliche körperliche Schmerzen produzierte. Sie wälzte sich stundenlang schreiend (nicht vor Wut, sondern vor Schmerzen!!!1elf!!!) durchs Kinderzimmer, während ich versuchte, bei ihr zu sein, ihr seelischen (und damit körperlichen) Schmerz zu nehmen (was natürlich nicht möglich war:„Ich hab die Mama verloren“ - „Ach, Kind, das ist nur Deine kleine Schwester, warte, in ein paar Jahren spielt ihr zusammen!“ So läuft das ja nicht. Tja, also Maple war ständig im Ausnahmezustand (Schmerzmittel helfen bei Schmerzstörung übrigens nicht), und die neugeborene Coco hatte ich ja auch noch.
 
So, jetzt weiß ich wieder, wie das war. Jetzt überlege ich die Variante mit Wochenbettambulanzen. So mit Termin, hinfahren und so. 
 
Tut mir leid, es gelingt mir einfach nicht. Es ist absurd. Mir fehlt die Phantasie. 
 
Eure Mo
 
 
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