Die Vereinbarkeitslüge - Das sagen Blogger über Gleichberechtigung, Karriere und Emanzipation

Das Thema Mama vs. Papa ist ein Dauerbrenner und mich interessiert ganz besonders die Frage nach der Verantwortlichkeit. Sind die Kinder erstmal da, sind es meist die Mütter, die zurückstecken, während die Väter ihre maximal 2 Monate Elternzeit nehmen und dafür schon auf der Arbeit gemobbt werden und vom Umfeld in den Himmel gelobt. Die Mamas übernehmen den Großteil der Erziehung, sind für alles Negative verantwortlich (in den Augen der Gesellschaft). Und auf der Paarebene gibt es oft das Thema, wer es nun schwerer hat, bis hin zu einem krassen Ungleichgewicht in der Beziehung - der Mann als Alleinverdiener hat mehr zu sagen, schließlich sichert er ja das Überleben der Familie. Und zack, das war es mit der Emanzipation. Ich habe ein paar meiner Lieblingsblogger zu dem Thema befragt und spannende Antworten erhalten!

 

 

Vereinbarkeit VS. Gleichberechtigung - Das sagen die Blogger

Was bedeutet eine gleichberechtigte Elternbeziehung für dich, wie lebst du / ihr sie? Gibt es Bereiche deines Elternlebens, wo du dich benachteiligt fühlst, durch den Partner (wie auch immer vorhanden) oder die Gesellschaft? Wo siehst du dringenden Verbesserungsbedarf?

 

Nina Massek 

Nina bloggt sehr erfolgreich auf ihrem Blog Frau Mutter und für mich ist sie ein absolutes Vorbild. Immer cool, souverän, witzig und dabei sieht sie auch noch gut aus. Nina ist verheiratet und hat zwei Kinder.

Eine gleichberechtigte Partnerschaft bedeutet, dass beide Partner gleiche Rechte und Pflichten haben und diese gleich aufteilen. (Unbezahlte) Arbeit zu Hause und Arbeit außerhalb des Hauses muss in einer Partnerschaft gleichwertig sein. Es kann nicht sein, dass die Frau alles macht und Jahre dafür finanziell zurückstecken muss. Mein Mann arbeitet mehr als Vollzeit, kann diese aber auch mal nach Hause verlegen. Ich arbeite mittlerweile auch nahezu Vollzeit und jetzt kommen wir an unsere Grenzen. Ich fühle mich aber nicht benachteiligt, sondern erfahre vollste Unterstützung von meinem Partner. Die Milch wird dann halt mal von ihm abends um 20 Uhr gekauft. Diese Vereinbarkeitsorganisiererei liegt schon immer noch an den Frauen, das ist ja auch immer total viel Arbeit. Ich sage dann aber auch mittlerweile: Okay, dann haben wir jetzt eben keine Milch. Ich habe gearbeitet, die Kinder betreut, dabei gearbeitet und tausend andere Dinge gemacht. Das nervt mich schon auch, dass man sich so verzettelt während eines Arbeitstages. 

Ich erwarte schon von der Gesellschaft, dass zumindest diese "Die Muttis sollen mal nicht so rumheulen-Artikel" aufhören, bedingt auch durch diese mehr oder weniger  latente Familien-Kinder-Mütterunfreundlichkeit. Der Gesetzgeber hat ja schon einiges geleistet, aber die Leute sind noch nicht ganz so weit. Auch müssen Mütter in der Wahrnehmung nicht mehr für alles zuständig sein müssen, dann fällt auch Druck von uns, das wäre gut. Und wenn uns etwas stört, dann sagen wir das auch. Punkt.

Bildrechte: Nina Massek

 

 

Lisa Harmann

Lisa ist erfolgreiche Journalistin, Autorin, Bloggerin, verheiratet und außerdem Mama von drei Kindern. Den Blog Stadt-Land-Mama kennt eigentlich jede/r, der sich im Eltern Kosmos bewegt und das absolut zu Recht, denn seit Jahren brillieren Lisa und ihre Mitautorin Katharina mit einer Mischung aus Humor und Themen, die ans Herz gehen.

Erstmal: Toll, dass Ihr dieses Thema aufgreift, denn es ist tatsächlich eines, von dem wohl alle jungen Eltern betroffen sind: Wie organisieren wir uns so, dass alle gut mit der neuen Situation klar kommen?! Das geht oft nicht ohne Reibung, das weiß ich aus meinen vielen Jahren der eigenen Elternschaft und der Arbeit als Familien-Redakteurin. Und die Frage bleibt auch immer bestehen, denn die Kinder verändern sich, vielleicht die Jobs, die Bedürfnisse der einzelnen Familienmitglieder. Also heißt es: Nicht festfahren, sondern immer im Gespräch bleiben und ausloten, wie die beste Lösung aussehen kann.

Auch für mich war das am Anfang ein ganz schön krasses Gefühl, plötzlich zu Hause bei den Kindern (drei Kinder in zwei Jahren) zu sein und nicht zu wissen, wie es für mich beruflich weitergehen kann. Mein Vertrag war pünktlich zur ersten Schwangerschaft ausgelaufen und wurde – oh Wunder – nach Bekanntwerden meiner Umstände nicht verlängert. Mir machte das aber erstmal überhaupt keine Sorge. Wird schon, dachte ich, auch wenn sich manchmal ein kleines Fragezeichen in meinen Kopf schlich. Aber: Ich hatte das Glück eines fest angestellten Mannes, so dass mir auch nicht die Sorge um die finanzielle Situation die Luft abdrückte.

Für mich stellte sich diese Offenheit der beruflichen Zukunft aber im Nachhinein als tolle Chance heraus. Ich begann, als freie Journalistin zu arbeiten. Ich schrieb mich für ein ganz neues Studium ein, als mein jüngstes Kind zwei wurde. Ich bloggte und durfte bald ein erstes eigenes Buch schreiben. Nie im Leben wäre es dazu gekommen, wenn ich weiter fest angestellt für irgendein x-beliebiges Unternehmen gearbeitet hätte. Es macht vielleicht nicht reich an Geld, wohl aber an Zufriedenheit. Ich hatte meine wirklich tolle Familie UND tolle Projekte. Insofern sehe ich es mittlerweile nicht mehr so oft als „Zurückstecken der Frau“ an. Natürlich habe ich die meiste Hausarbeit, wenn ich den halben Tag mit den Kindern verbringe, dafür hab ich aber eben auch die Zeit mit ihnen. Kann mit ihnen auf dem Sofa kuscheln, mit ihre Schoten anhören, sie auf dem Fußballplatz anfeuern. Zurückstecken müsste ich, wenn ich das nicht mehr dürfte. ich mag es, Zeit mit ihnen zu verbringen.

Wie wir uns aufteilen? Als unser erstes Kind geboren wurde, gab es noch kein Elterngeld. Trotzdem nahm mein Mann drei Monate unbezahlten Urlaub. Wir verbrachten diese drei Monate mit unserer Tochter in Namibia, ich ging die ersten zwei Monate dort Vollzeit arbeiten, mein Mann schob die Tochter jeden Tag um 13h zum Mittagsschlaf um dieselbe Palme. Sie lernte im afrikanischen Sand laufen. Diese Zeit hat uns allen gut getan. Ein Perspektivwechsel kann wirklich erhellend sein, um gegenseitiges Verständnis voranzubringen. Ich erfuhr, wie anstrengend es ist, Vollzeit aufmerksam zu sein, wenn die Nacht zuvor nicht gut war. Er wusste plötzlich, wie erlösend es sich anfühlen kann, wenn abends der arbeitende Partner von außen den Schlüssel ins Schloss der Wohnung steckt. Puh, Feierabend.

Als dann zwei weitere Kinder kamen und ich begann, noch einmal zu studieren (berufsbegleitend), ging das auch nur, weil er sich seine freien Tage so legte, dass ich zu meinen Vorlesungen gehen konnte (alle zwei Wochen zwei Tage lang).

Mein Studium hatte ich nach vier Jahren bestanden, das Buch war geschrieben. Mittlerweile arbeite ich 20 Stunden pro Woche in der Redaktion und weitere von zu Hause aus dem Home Office. Ich verdiene mein eigenes Geld und habe trotzdem noch den halben Tag, um ihn mit den Kindern zu verbringen. Das ist ab und zu anstrengend (Hausarbeit, Kindergeburtstage, Hobbys, Termine, Frusttrösten, Auftraggeber besänftigen), aber meistens einfach nur super (Zeit mit den Kinder, erfüllender Job, herrliches Landleben). Für mich. Für uns. Jede Familie muss da ihren eigenen Weg finden, der passt und alle halbwegs glücklich macht.

Bildrechte: Lisa Harmann

 

Jochen König

Jochen ist Autor und Blogger auf seinem gleichnamigen Blog Jochen König. Jochen ist alleinerziehender Papa und zu seinen zwei Mädchen gibt es drei Mütter. Ein regenbogenbuntes Familienleben mit einem saucoolen Papa also - und außerdem ist Jochen sowas wie die Galionsfigur des männlichen Feminismus.

Eine Mehrheit der Väter würde gern mehr Zeit mit den eigenen Kindern verbringen. Wie ernst ist jedoch ein solcher Wunsch zu nehmen, wenn er dann doch keine Konsequenzen nach sich zieht? Für ein Kind zu sorgen funktioniert nicht ohne berufliche und finanzielle Abstriche. Vätern fallen immer wieder neue Ausreden ein, warum sie nicht zurückstecken, bestimmte Aufgaben nicht übernehmen, den Chef zu keiner längeren Elternzeit überreden und den besonders wichtigen Termin aufgrund des kranken Kindes nicht absagen können. Für gleichberechtigtere Elternbeziehungen müssten Väter endlich lernen, ihren Teil der Verantwortung zu übernehmen. Ansonsten bedeutet ein Kind für Mütter weiterhin eines der größten Armutsrisiken. Und Väter werden am Ende ihres Lebens auch in Zukunft mehrheitlich bereuen, nicht mehr Zeit mit den eigenen Kindern verbracht zu haben.

Bildrechte: Jochen König

 

Sevérine Bonini

Sevérine ist besser bekannt als Mama On The Rocks und sie ist eine echte Working Mum - eine, die gerne arbeitet und das bewundernswerterweise auch noch im Home Office. Sevérine hat einen knalligen Humor und auch ihre Kinder scheinen davon eine ordentliche Portion abbekommen zu haben.

In der Schweiz gibt es keine Elternzeit. Als Mutter geht man entweder drei Monate nach der Geburt wieder arbeiten – oder man bleibt unbezahlt zuhause. Da ist also per se ein Gleichberechtigungsgraben vorhanden, der sich nicht überbrücken lässt: Der Mann arbeitet, die Frau schaut zum Kind. Bei uns ist es so, dass immer ich diejenige mit beruflichen Ambitionen war, nicht mein Mann. Er möchte aber nicht zuhause bleiben, obwohl er sich stark in die Erziehung der Kinder einbringt und seine Kids liebt. Ich denke, dass hier die Gesellschaft schuld ist: Ein echter Mann arbeitet eben, der bleibt nicht zuhause – obwohl ich die Familie bei einem 100% Arbeitspensum durchaus alleine ernähren könnte. Es fehlt an Vorbildern. Als mein Mann vor kurzem einen Kinderarzttermin mit unserem Sohn alleine absolvieren musste, ist er total ausgeflippt, weil es „so schlimm“ war. Dass ich das sonst die ganze Zeit mache und neben meiner Selbständigkeit im Homeoffice die ganze Familie mit allen Terminen manage, ist nebensächlich. „Ich möchte definitiv nicht 80% arbeiten“, war danach sein Fazit, obwohl ich mir das von ihm gewünscht hatte. Das hat mich wütend gemacht: „Ah, aber bei mir ist es normal, dass ich statt zu arbeiten in der Gegend herumrenne für die Kids. Warum darf ICH nicht 100% arbeiten?!“ Keine Lösung in Sicht.   

Bildrechte: Sevérine Bonini

 

Johnny

Johnny bloggt auf Weddingerberg über sein Familienleben mit Freundin und Tochter. Johnny interessiert sich für Familienpolitik und setzt auch gern klare Statements für gleichberechtigte Beziehungen, außerdem hat er einen gnadenlos geilen Humor.

Meine Freundin und ich teilen uns zu gleichen Teilen Kind und Haushalt. Wie man das eben so macht, wenn man sich in einer Beziehung gegenseitig auf Augenhöhe begegnet. Als Vater im Angestelltenverhältnis war die Frage nach Vereinbarkeit von Familie und Beruf schlicht nicht zu beantworten. Vereinbarkeit existiert nicht - hier ist eine neue Familienpolitik und vor allem: Unternehmenskultur gefragt. Bereut habe ich diesen Sprung nie, auch wenn ich früher dreimal so viel verdient habe wie heute.

Als Vater stören mich derzeit zwei Dinge besonders. Zum einen, wie Väter medial wahrgenommen werden und zum anderen, wie sie sich selbst teils in die Tasche lügen.

1. Medien wie Gesellschaft klopfen Vätern auf die Schulter und zwar für Dinge, die für Mütter selbstverständlich sind. Moderne Väter, die sich in aktiv und langfristig einbringen, brauchen kein Lob!

2. Wenn Väter von Teilzeit sprechen, dann meinen sie damit in den allermeisten Fällen eine 30 bis 36 Stundenwoche. Wenn Frauen in Teilzeit gehen, dann sprechen wir häufig von einem Wochenstundenumfang von 20 bis 25 Stunden. 

Es klingt natürlich modern und fortschrittlich, wenn man als Vater sagen kann, man arbeite wegen des Kindes nur noch in Teilzeit. Wenn diese aber 30 Stunden pro Woche umfasst, sollte man vielleicht besser von reduzierter Vollzeit sprechen, anstatt sich mit einem verlängerten Wochenende in die eigene Tasche zu lügen. Die Care-Arbeit leistet zum größten Teil dann schließlich immer noch die Mutter.

Bildrechte: Johnny

 

Yahneena

Yahneena bloggt auf Die Perlenmama anonym über ihr Leben als Alleinerziehende Mama einer Tochter. Ihre Ehrlichkeit und ihre klare Art, über tiefe Gefühle zu schreiben, schätze ich ganz besonders an Yahneena - eine starke Frau, die ihren Weg geht.

Ich habe mich noch nie so alleine gefühlt wie in dem Moment, in dem ich herausfand, dass ich (ungeplant) schwanger war. Der eigentlich schönste Moment meines Lebens wurde gefressen von der unerschütterlichen Erkenntnis, dass ich allein war. Dass ich alle Entscheidungen, alle Konsequenzen, alles erstmal alleine tragen musste. Das machte mir in dem Moment sehr große Angst und diese schlug in Wellen über mich herein. Egal wie involviert der Perlenpapa mittlerweile ist, ganz am Anfang und ganz am Ende stehe immer noch ich, alleine, die im Fall eines Falles alles trägt, alles auffängt. Und das ist ein großer Fehler im System. 

Bildrechte: Yahneena

 

Vereinbarkeitslüge?! Das Fazit

Ich danke allen Interview Partnern an dieser Stelle! Ich habe gezielt Männer und Frauen aus ganz unterschiedlichen Lebenssituationen gefragt, um ein spannendes, möglichst rundes Bild zu erhalten. Das Thema Vereinbarkeit ist seit Jahren ein Dauerbrenner, und das wirklich Tragische für mich ist, dass die Familienpolitik eher nur hin und her eiert, anstatt sich wirklich dafür einzusetzen, dass es gerade für Mütter einfacher gestaltet wird. Denn im Prinzip ist es doch so: die meisten müssen sich entscheiden zwischen Familie und Karriere. Väter haben es da deutlich einfacher oder werden zumindest in die Rolle des Hauptverdieners gedrängt; Ausnahmen wie Jochen König bestätigen die Regel. 

Wichtig ist vor allem, dass weiterhin über das Thema geredet wird und adäquate Lösungen gefunden werden müssen - wenn die Politik es uns nicht so einfach macht, dann müssen wir uns selbst dafür stark machen. Eine tolle Aktion war die Kampagne unter dem #Muttertagswunsch von Mutterseelesonnig und Mama arbeitet - das Ergebnis steht noch aus. Unsere privaten Blogs sind kleine Stimmen, aber wenn es immer mehr werden, dann kann vielleicht doch etwas erreicht werden. Für unsere Familien, für die vielen Eltern, die nachkommen, aber vor allem für uns selbst!

Mein #WiB: Natur pur und Mittelalter deluxe
Ein Muss für jede Schwangere: "Das Geburtsbuch" vo...

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