Fernsehkritik: Alleinerziehend bei RTL II. Wie Mütter zu Asozialen degradiert werden

Schon im Vorfeld bin ich auf die schlechte Presse des neuen RTL II Formats aufmerksam geworden: "Alleinerziehend ist das neue asozial" betitelte Die Welt die neue Serie. Die Kommentare unter dem Artikel, die teilweise wirklich asozial waren, ließen darauf schließen, dass die Serie richtig reinknallen wird - genügend Vorurteile gibt es also. Ich habe mir also rein aus blogtechnischen Gründen die gestrige Folge mal angesehen (is klar ne?!) und hier kommen meine Eindrücke...

 

"Screenshot Alleinerziehend" - Bildrechte: RTL II

 

Supernanny für überforderte White Trash Mamas?

In der ersten Folge ging es um Sarah, 30, Mama von zwei Kindern (4 und 5), die sie von zwei Männern hat. Einer zahlt Unterhalt und besucht sein Kind unregelmäßig, der andere beteiligt sich überhaupt nicht. Sarah ist zudem arbeitslos und lebt in einer 3 - Zimmer - Wohnung von Hartz IV, ist vollkommen überfordert mit der Erziehung (immerhin nicht mit dem Haushalt, der offenbar penibel erledigt wird - oder doch nur für's Kamera Team?) und wird in den "Video Tagebuch" Ausschnitten so dargestellt, als schreie sie ihre Kinder zu 99% des Tages an und stoße sie immer dann von sich, wenn sie mit Mama schmusen wollen.

Die aufgesetzt wirkende Familientherapeutin Sarah Sophie Koch hat es sich zur Aufgabe gemacht, Sarah nicht nur ein Umstyling und Bewerbungsfotos zu verpassen, sondern ihr auch anhand eines Videos von Mama's Best of - Kinder - Anschreien eine kleine Schocktherapie zu verpassen und dabei gefühlvoll zu säuseln, dass sie psychische Gewalt anwenden würde. Welche Mutter würde da nicht vollständig zerfließen vor Scham und Schuldgefühlen? Blöd nur, dass Sarah sich auch noch selbst für das Format angemeldet hat - sicher nicht in dem Wissen, als "White Trash Mama" dargestellt zu werden, die einfach nur einen kleinen Schubs (oder einen größeren) braucht, um wenigstens wieder zur Randschicht der tolerablen Bevölkerung zu zählen.

RTL II, ist das echt euer Ernst?

Wenn man auch nur einen Hauch lang nachdenkt, ist einem klar, dass die öffentlich gescholtene Mama Sarah gar nicht so asozial sein kann, wie sie dargestellt wird. Oder dass jede Mutter ähnliche Situationen kennt: überfordert zu sein mit zwei Kindern im Alltag, vor allem, wenn sie alles allein meistern muss, 24 Stunden am Tag, 7 Tage die Woche. Anstatt diesen Aspekt zu betonen, wird versucht, immer das Beste Schlechteste herauszuholen aus dieser doch ganz aufgeräumt und intelligent wirkenden Mutter und die Fehltritte, die sie sich wie jeder andere Mensch auch leistet, werden theatralisch zusammengeschnitten und mit bedröppelten Kommentaren unterlegt, die einem vor Fremdschämen fast die Fußnägel hochrollen lassen. Ganz ehrlich, da könnte man doch jeden so richtig anschmieren, oder? Der Spruch mit dem Glashaus und so. 

Gut, man könnte natürlich auch sagen, wer sich von RTL II für solch ein Format casten lässt, hätte wissen können, worauf er sich da eingelassen hat. Schlimmer jedenfalls finde ich ja die Art und Weise der Familientherapeutin, von der man fast erwartet, sie packe gleich ihr Sagrotantüchlein aus, um sich die manikürten Finger abzuwischen. Während man bei der ursprünglichen Supernanny Authentizität und emotionale Wärme erkennen konnte, fragt man sich bei Frau Koch ständig, ob sie wohl einen Schauspielkurs gemeistert hat und wieso sie viel zu viel Haarspray benutzt. Auch die Botschaft, die so an die Zuschauer gesendet wird, ist meiner Meinung nach fatal: mal hier und mal da ein paar kleine Eingriffe von außen und schon ist die (asoziale) Welt wieder halbwegs in ordentlichen Bahnen. 

Stehen Alleinerziehende im Ansehen der Gesellschaft wirklich so schlecht da?

Unter dem anfangs erwähnten Artikel in der Welt sammeln sich 77 meist fiese Kommentare, die so oder so ähnlich lauten:

Was soll diese Lobhudelei auf Frauen, die sich den falschen Beschäler ausgesucht haben? Ist doch deren Problem der falschen Auswahl. Dafür sollen die Frauen geradestehen, nicht die Gesellschaft. (90 Grad)

Viele Frauen legen es auch darauf an, hat man Kinder, muss man nicht arbeiten gehen, denn, bezahlen muss der Steuerzahler! Und dafür noch einen Orden?? Was ist mit den Frauen, die Familie haben und teilweise noch Vollzeit arbeiten? Denen gehört ein Ordnen! Es wundert nicht, dass solche Alleinerziehende, wie oben geschildert, als asozial angesehen werden! (na ja)

Ich verstehe den Artikel auch nicht: Zu einer Familie mit Kindern gehört auch ein Vater. Habe ich in Biologie etwas verschlafen? Der Staat (teilw. auch die Gesellschaft und die Medien) unterstützt also die "alleinerziehende Mutter" und entzweit damit die Familie?

Diese egoistischen Zicken brauchen auch keine Kinder groß ziehen, die ebenso eigensinnig nicht in unsere Gesellschaft passen. Denn das Leben ist ein "Geben und Nehmen"!

Sogar in Kindergärten ist man aufgewacht: Man braucht männliche Erzieher, weil unsere vereinsamten Mütter den Teil nicht ersetzen können? (Grausamer Lästerer)

Natürlich sollte man sich beim Lesen vor Augen halten, welche Sorte Mensch solche Kommentare schreibt: sicher kein reflektierter Weltbürger, der sich darum bemüht, eine faire und differenzierte Aussage von sich zu geben. Aber sind diese Kommentare nicht doch ein stückweit repräsentativ für unsere Gesellschaft? Mich würde interessieren, wie sich die meisten Alleinerziehenden fühlen, welche Haltung ihnen entgegengebracht wird und was sie sich so anhören müssen - denn dieses Stammtischgelaber kennt wohl jeder: Tratschereien unter Nachbarn, öffentliches Bild im Fernsehen und so weiter. 

Vollkommen vergessen wird die menschliche Seite, die hinter diesen Müttern steckt. Natürlich sind es genauso wenig nur die Väter, die immer Schuld sind - aber man fragt sich doch, wieso scheinbar die meisten Männer kaum oder wenig Interesse am eigenen Nachwuchs haben (so er denn irgendwann mal geplant war und oder Mann davon wusste). Wieso werden Frauen mit ihren Kindern zurückgelassen (im Sinne von: kaum oder keine Unterstützung) und wenn sie dann logischerweise oder sollte ich sagen, automatisch überfordert sind mit der Situation, von allen Seiten mit harscher Kritik rechnen dürfen...

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