Realität in Mamablogs? Ich interessiere mich dafür

Zur Zeit gibt es in der Elternblase wieder einen angeregten Dialog über Inszenierung von Perfektion in Mütterblogs. Ich finde diesen Dialog in vielerlei Hinsicht aufschlussreich. Allerdings möchte ich grade nicht auf den konkreten Diskurs in der Folge des Artikels im Missymagazin Stellung nehmen, sondern den subversiven Gegenwind betrachten, den "realistische" Mamablogs oft erfahren.
 
 
 
 

Ich pointiere hier mal die Argumente:

- Kritik an den schönen Familienbildern ist unfair.
- So erklärte eine Bloggerin z.B. wie sehr sie durch Fotos von schön gedeckten Esstischen inspiriert wird ihre eigene Esstisch Präsentation zu verbessern.
- Und dann der allseits beliebte Slogan: Soll doch jede/r bloggen und angucken, was er/sie/es möchte.
 

 

Dazu passend wurde auf Twitter mal wieder die Frage diskutiert, wer überhaupt mehr Realität sehen möchte?

Wer möchte Fotos von Dreckwäschebergen anschauen? Diese Fragen werden immer wieder gestellt. WER möchte SOWAS sehen/lesen?

Ich fragte mich, warum sie sich das fragen? Und sie sind ja nicht die einzigen, die diese Frage stellen: Wer möchte sich allen Ernstes dreckige Küchen und überschwemmte Badezimmer anschauen? Dreckwäsche? Schmutzige Fußböden? 

Ich frage zurück: Warum möchtet Ihr wissen, wer das angucken möchte? Ich dachte jede/r so wie er mag. Warum ist es dann interessant, wer jetzt etwas angucken mag, was Ihr nicht sehen wollt?

Und ich antworte: Ich! Ich mag gerne Fotos diese Fotos anschauen, ich interessiere mich für sie. Warum fragt Ihr Euch?


Ich sage Euch zuerst warum nicht:

1. Nicht weil ich mich freue, dass es bei anderen genauso schlimm oder schlimmer aussieht, wie bei mir.
2. Nicht aus einem Interesse für das Schreckliche, wie so eine schaulustige Passantin, die zu einem Autounfall fährt, um das Elend live mitzuverfolgen.
3. Nicht weil die Fotos von den schönen Wohnungen mich unter Druck setzen, denn das tun sie nicht die Bohne.

Ich interessiere mich dafür, weil ich so etwas zu sehen bekomme, was ich sonst nicht sehe. Je mehr die Fotos von Blogger/innen an die Ästhetik herankommen, die ich schon tausende Male in Katalogen, Zeitschriften, der Werbung oder in Fernsehsendungen gesehen habe, desto weniger Erkenntnis und neue Informationen bietet sie mir. Sie erweitern meinen Horizont null. Sie bieten nichts, was ich nicht schon viele Male gesehen habe.

Besagte Bloggerin von oben riet dazu auf die Details zu achten. Ich nenne das: graduelle Unterschiede. Da muss ich wirklich auf die kleinen Details achten, um da die Individualität zu erkennen. Joa. Die gibt es sicher. Aber die Details unterscheiden sich auch in professionellen Inszenierungen. Da sind Profis am Werk und etliche beherrschen ihren Beruf wirklich gut. Die haben es teilweise echt drauf mit liebevollen Details. (Ich nenne nur ein Beispiel: Die fabelhafte Welt der Amelie.)

Aber ich möchte eben Bilder sehen, die nicht so ähnlich schon tausende Male professionell reproduziert wurden und ganz klare Merkmale bestimmter geschmacksdominierender Milieus wiederspiegeln.

Die echten Küchen und die Wäscheberge erzählen dagegen Geschichten, die weniger dominant sind in unserer Kultur. Geschichten, von denen ich nicht sowieso dauerberieselt werde. Deshalb mag ich sie. Weil sie mir neue Erfahrungen vermitteln. Weil sich auch in Schmutzwäschebergen die Details unterscheiden. Und bei schmutzigen Fußböden.

Für mich sind die schönen Fotos eben nur vermeintlich schön. Sie sind vor allem maximal sozial angepasst und wenig überraschend.


Und genauso geht es mir mit den Ratschlägen der Hochleistungsmütter: Sie bringen mir keinen Erkenntnisgewinn.

Wenn Mutti einen mega stressigen Tag hat und völlig fertig ist und dann das Kind aus Grund xy brachial nervt, was soll sie dann tun? Einfach mal wieder über sich selbst hinauswachsen, sich vergegenwärtigen, dass das Kind noch nicht oder grade nicht so weit ist, weil *füge hier irgendwas mit Gehirn oder Neuro ein*. Joa.

Bei mir scheitert es schon daran, dass Schönheit für mich eine Fähigkeit ist: Die Fähigkeit das Besondere und Einzigartige und Kreative und Neue zu sehen.

Und es scheitert daran, dass ich Perfektion für eine ziemlich nervige Illusion halte. Der perfekte Umgang mit einem Kind. Perfekte Beziehung zum Kind. Klingt für mich n bissi gruselig. Sagt ja keine, erwiedert Ihr jetzt vielleicht.

Aber oft gesagt wird: Mutti muss nicht immer perfekt sein. Danke, wirklich danke. Nicht immer. Also nur fast immer? Oder reicht 50/50? Und was muss ich sonst erreichen? 70 % Perfektion?

Ich habe für mich entschieden: Meine Beziehung zu meinem Kind ist ein lebenslanger Prozess. Die wirklich gute Beziehung wird ganz entscheidend durch meine Haltung bestimmt und nicht durch meine vermeintlich perfekte emotionale Contenance. (Diese Contenance habe ich mir übrigens erarbeitet, weil meine Eltern sie mir abverlangt haben, als ich Kind war. Tja. Jetzt lerne ich sie abzulegen. Weil ich die ewige Contenance nicht vorleben möchte, vor allem dann nicht, wenn sie vornehmlich der Bequemlichkeit statushöherer Personen dient.)

Eine sichere Bindung erreiche ich auch nicht unbedingt durch das Einhalten von bestimmten Punkten:
- Stillen nach Bedarf ✅
- Tragen statt Schieben ✅
- Reboarder Autositz ✅
- ständig liebevoll säuseln, egal wie sauer man grade ist ✅
- immer nur darüber reden wie toll und supi erfüllend es mit Kindern ist, von kleinen Durchhängern mal abgesehen, aber so im Groben und Ganzen. Ich meine es bringt doch auch nix sich auf das Negative zu konzentrieren. Unter den Teppich damit, wo es hingehört! ✅

Deshalb hier mein Plädoyer für die Vielfalt und auch das echte Interesse für Menschen, Phänomene, Orte, Dinge, Episoden und Situationen, die wir nicht als Ideal oder Norm schon drölfzig Mal jeden Tag serviert bekommen. Ein Plädoyer für die Suche nach Schönheit in dem, was wir sonst gern tabuisieren.

Und ja selbstverständlich dürfen alle weiterhin auch das Angepasste, konventionell Schöne präsentieren und lesen. Kein Ding.

Aber das Verständnis für die andere Seite, die Seite, die gern ein größeres Spektrum in der Repräsentation hätte, es wäre echt richtig schön - so von innen und außen - wenn das nicht nur ein Lippenbekenntnis bliebe.

Hier schreibe ich. Die, die sich wirklich die Dreckwäscheberge von anderen Menschen anschauen mag. Eigentlich gibt es mich gar nicht. Weil wer sollte sowas schon mögen? Wo ist der Teppich? Reicht mir jemand den Kehrer? Puh! Ein Glück. Jetzt isse nicht mehr zu sehen. Da wahrt sich die Contenance gleich viel leichter.

Nichts für ungut. Ich hatte mal wieder den fiesen Clown zum Frühstück. Gehet in die Welt und leset was Euch gut tut. Und manchmal vielleicht das, wovon Ihr glaubt, es täte Euch nicht gut. Weil: Vielleicht ja doch?
 
Eure Esme
Wenn die ganze Familie krank ist
Herzlich Willkommen zurück im Mama A-Karten Club.

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