Missbraucht: Einmal Opfer, immer Opfer?

Triggerwarnung: sexuelle Gewalt

In den Medien geistern aktuell diese absurden „Sextreffen zum Vergewaltigen“ umher. Was eine absonderliche Nachricht. Was für ein widerlicher Gedanke. Sexuelle Gewalt spielt trotz Aufklärung und Anlaufstellen immer noch eine große Rolle bei Kindern. VOR ALLEM in Familien, da Fälle innerhalb von Familien oft nicht angezeigt werden oder zur Sprache kommen. Als ich auf diesem Blog von der roten Zora und der sexuellen Gewalt in ihrer Kindheit gelesen hatte, wurde ich in meine eigene zurückversetzt.

 

Bildrechte: anonym

 

Auch mir wurde Gewalt angetan, wenngleich vielleicht nicht in dem Ausmaß wie bei Zora. Aber es hat definitiv Spuren hinterlassen und ein Gefühl von Scham erzeugt. Als Kind wurde ich leider nicht nur einmal Opfer von sexueller Nötigung und Vergewaltigung. Nein. Irgendwie schien ich einen Opferstempel auf die Stirn gedruckt bekommen zu haben. Denn immer wieder haben sich Männer an meinem Körper gütlich getan. Leider bleib auch die Seele nicht unberührt….

 

Und plötzlich lag der Mann meiner Mutter über mir

Es fing schon sehr früh an. Ich erinnere mich noch, dass es ein eher grauer Tag war. Meine Mum kam von einer langen Autofahrt nach Hause – sie brachte wohl irgendeinen Bekannten weg und war die Nacht über unterwegs. Sie schlief im Nebenzimmer. Ihr damaliger Mann war aber verantwortlich für mich. Er legte die „Hillibillies“ auf. So eine Countryband, die wirklich coole Musik gespielt hatten. Wir waren sogar mal auf einem Konzert von ihnen. Er trank Bier. Ich erinnere mich, dass er eine Flasche in der Hand hielt, als „Fishing in the Night“ aus den Boxen dröhnte. Wir sangen, tanzten und lachten zu dem Song. Es war mein Lieblingssong. Er nahm eine Landesflagge und schwenkte sie wild umher. Ich fand das lustig.

Er jagte mich und ich rannte euphorisch in mein Zimmer. Auf das Bett, um mich unter der Decke zu verstecken. Fischi – Ein Fischstofftier, damals so groß wie ich, sollte mich beschützen. Spielerisch versteht sich. Es war alles ein Spiel. Doch plötzlich kam er mir näher als gedacht. Er zerrte an meiner Hose, warf sich über mich, ich war bewegungsunfähig. Dann nahm er seinen Finger und spielte an mir herum, steckte ihn mir in den Po. Erst war ich entsetzt, dann ratlos und dann packte mich einfach die pure Panik und ich schrie. Laut genug, dass meine Mum aua dem Zimmer gerannt kam, die Szene kurz wahrgenommen hatte und mich aus der Situation befreite. Zunächst hat sie ihn im Wohnzimmer zur Rede gestellt. Ich erinnere mich, wie ich plötzlich ganz ruhig wurde, an den Küchenschrank ging und den Nagellack hervorholte, den meine Mum zuvor dort versteckt hatte. Ich durfte noch keinen Nagellack nutzen, denn ich war gerade mal 6 Jahre alt.

Mit dem Nagellack saß ich am Tisch und schirmte alles von mir ab. Während meine Mum mit ihrem Mann stritt (es war ihr zweiter Mann und nicht mein Vater), habe ich in aller Seelenruhe die Nägel lackiert und mich innerlich total abgeschottet. Den Gang zur Polizei, die Befragung und Untersuchungen habe ich nur noch nebulös in Erinnerung. Ich erinnere mich klar an die roten Nägel und das Ticken der Wanduhr, die meine Mum wohl mal zur Hochzeit geschenkt bekam. An mehr nicht. Ich habe auch jegliche Erinnerungen an diesen Mann verloren, als wäre er nie da gewesen. Bis auf diese eine Nacht. Sie haben sich scheiden lassen. Ohne Wenn und Aber. Ich erinnere mich nicht, ihn seit der Nacht je wieder gesehen zu haben. Wohl aber, dass er nach einer Nacht U-Haft halbwegs ungeschoren davonkam. Es war einfach zu wenig passiert. Äußerlich. Dass in dem Moment die Seele eines kleinen Mädchens ein Stück weit einriss, das interessiert niemanden. Das kann man ja nicht protokollieren. Ich weiß nicht, ob der Mann je eine gerechte Strafe bekam, ob er jemals wieder ein Kind unsittlich berührte. Ich weiß nur, dass ich schon in dem Moment den glauben an die Polizei verloren hatte...

 

Kein Vertrauensverhältnis zur Mutter

Meine Mum und ich haben nie darüber gesprochen, wie über so vieles nicht. Leider. Wir konnten uns noch nie wirklich alles sagen. Das Vertrauensverhältnis war eher mau. Lag es an den Schlägen in der Kindheit? Der Prügel mit dem Schuh, dem Kochlöffel, dem Gürtel? Oder der Tritte, als ich schon am Boden lag? Ich weiß es nicht. Oder vielleicht daran, dass ich nie ein Gefühl von Herzenswärme kennengelernt hatte. Dafür war kein Platz bei einer überforderten, alleinerziehenden Mutter. Bin ich ihr böse? Nein. Nicht mehr. Mittlerweile habe ich selbst ein Kind und kenne die Grenzen, die abverlangt werden. Ich würde mein Kind zwar nie schlagen, aber gewiss würde ich es nicht schaffen, zwei Kinder allein groß zu ziehen. Egal.

Dennoch, zwischen uns gab es nie ein Mutter-Tochter-Band. Daher habe ich ihr auch nie erzählt, was bei Tommy (Name geändert) passiert ist. Er war der Lebensgefährte meiner Oma. Sie verstarb leider viel zu früh und zu plötzlich an Herzversagen. Sie war gerade mal 50 Jahre alt. Tommy hatte es schwer mitgenommen, dennoch durften wir ihn als Kinder weiter besuchen. Auch an dem Wochenende waren wir wieder bei ihm, mein Bruder und ich. Und auch seine Tochter. Wir haben wild miteinander gespielt und getobt. Abends sollten wir zunächst alle in einem Zimmer schlafen. Aber wer bekommt schon drei Kinder im Alter zwischen 6 und 11 zum Schlafen?

Wir haben getobt, dabei habe ich mir wohl den Fuß verstaucht. Weinend bin ich zu ihm und er bot an, in seinem Bett schlafen zu können, damit ich Ruhe habe. Ich war um die 8 oder 9 Jahre alt. Genau, weiß ich es nicht mehr. Ich bejahte und freute mich. Nachts dann, da fing er an zu flüstern. Es war ein kehliges, sehniges Flüstern, wie ich es heute beschreiben würde. Damals grußelte es mich nur. Er fing an mich zu berühren und auch da mein Höschen wieder herabzuziehen. Kurz war ich wie erstarrt. Als mein Höschen ausgezogen worden war, konnte ich mich wieder sammelt und verließ fluchtartig das Bett. Ich floh zu den anderen Kindern ins Zimmer und versuchte irgendwie zur Ruhe zu kommen. Tags drauf erlitt Tommy einen Nervenzusammenbruch, war nicht mehr ansprechbar. Er verkraftete den Tod meiner Oma nicht. Ich rief meine Tante an, berichtete von dem Vorfall. Als sie vor Ort war berichtete ich auch, von den Geschehnissen der Nacht. Sie sah mich kurz ungläubig an und verbot mir dann ihr Lügen zu erzählen. Tommy tut sowas nicht. Und man erzählt sowas nicht. Ich verstummte und sprach nie wieder darüber…

 

„Hast du sowas Geiles schon mal in der Hand gehalten?“

Ein paar Jahre später, ich war mittlerweile 11 oder 12 hatten wir einen Hund. Damit wurden wir abwechselnd Gassi geschickt. Das war kein Problem, denn wir hatten nur eine Straße weiter einen Weg, der ins offene Feld führte. Wie immer schnappte ich mir Wuffy an diesem Tag und lief eine Runde, ehe ich ihn von der Leine ließ und wir beide wild herumtollten. Es kam ein Mann mit Schäferhunden. Kleinen Babyhunden. Zuckersüß. Unsere Hunde spielten fröhlich miteinander. Wir standen an einem dieser Schrebergärten, hinter einer Hütte und betrachteten eine Weile das Spiel der Hunde. Er begann Stöckchen zu werfen, seine Hunde brachten es zurück. Auch ich wollte mein Glück versuchen, doch schon bei den Bundesjugendspielen war klar: aus meinem Arm wird kein Wurfarm.

Das Stöckchen flog keine zwei Meter weit und fiel ziemlich demotiviert zu Boden. Der Mann, er hatte einen roten Bart, ein aufgequollenes Gesicht, eine ziemlich große Nase, eine Halbglatze und einen kugeligen Bauch grinste mich frech an. Dann griff er meine Hand. Ich dachte, er will mir zeigen, wie man richtig wirft. Ich ließ es bereitwillig zu. Dann sagte er: „Hattest du sowas Geiles schon mal in der Hand?“. Er führte meine Hand zu seiner Hose. Irgendwann zuvor muss er seinen Penis herausgeholt haben – das habe ich nicht mitbekommen. Er lag meine Hand um seinen Schaft und drückte zu, sodass ich erst nicht weglaufen konnte. Ich war entsetzt, völlig entrückt. Sein Grinsen wurde breiter, er Penis war voll erregt. Irgendwie riss ich mich los, rief panisch nach meinem Hund und lief los.

Er lachte nur. Lachte inbrünstig und sah mir beim Weglaufen zu. Mein Hund, der sonst nie hörte, muss den Schrecken in meiner Stimme vernommen haben, denn er rannte mir nach. Ich rannte den Feldweg entlang, zurück in die Wohngegend. Meine Freundin wohnte direkt in der Nähe des Weges, darum rannte ich zu ihr. Ich berichtete ihren Eltern von dem Vorfall und sie meinten nur trocken: Ja, den Mann kennen wir. Der wohnt da in der Straße. Aber der ist total lieb. Hat sogar eigene Kinder. Der tut sowas nicht. Mir wurde nicht geglaubt. Wieder einmal. Ich habe mir den Hund geschnappt und nie wieder darüber gesprochen.

Auch hier weiß ich nicht, ob ich sein einziges Opfer war. Oder, ob er noch mehr Kinder unsittlich berührt hat. Schlimmeres getan hat. Und ich schäme mich. Ich schäme mich, weil ich nichts getan habe, das zu verhindern. Weil ich unzählige Kinderseelen auf dem Gewissen haben könnte, weil ich nichts getan habe…

 

Bin ich schuld an Leid anderer?

Jetzt, Jahre später, frage ich mich, warum mir das alles passiert ist. Warum hat man mir den Opferstempel auf die Stirn gedrückt. War ich sogar selber schuld? Lag es an meinen zu großen Brüsten, die bereits mit 12 voll ausgeprägt waren? Hätte ich mich mehr wehren müssen? Wie hätte ich mich wehren können? Hätte die Polizei mir geglaubt? Und wie viele Kinder mussten das Gleiche durchmachen? Haben die Männer jemals eine Strafe erhalten? Die Fragen quälen mich. Und ich möchte wirklich jeden dazu ermahnen, der sowas erlebt hat, darüber zu sprechen. Etwas zu tun. Vershcließt die Augen nicht davor und schließt solche Erlebnisse nicht in euer Herz ein. Jetzt noch, 21 Jahre nach dem ersten Vorfall nagt es an mir. Hat scheinbar mein gesamtes Leben bestimmt. Ich sagte einmal „Wirklich positiv war ich nie“. Und ja, das stimmt. Es erschreckt mich. Aber ich hatte nie wirkliche Lebensfreude gefühlt. Es gab bessere Momente, bessere Zeiten. Niemals aber Lebensfreude. Schon sehr früh plagten mich Ängste und Gedanken: Warum soll ich weitermachen? Was geschieht, würde ich jetzt einfach vor diesen Zug springen? Wer würde wohl um mich trauern. Ich litt an Wochenbettdepressionen.

Doch mittlerweile frage ich mich, ob die Depressionen nicht schon sehr viel früher da waren. Ob sie nicht mein gesamtes Leben und Tun bestimmt haben. Es brach immer wieder aus mir heraus, die Phase des Zweifels. Die Phase, in der ich alles hinter mir lassen wollte. Doch immer fühlte ich mich jemandem verantwortlich. Hielt mich daran geklammert, dass ich für jemanden da sein muss. So wie jetzt. Für meine Tochter. Was passiert, wenn ich diese Verantwortung nicht mehr habe? Und warum verdammt nochmal fühle ich mich so, als sei mein eigenes Leben alleinstehend nichts wert? Ich glaube, ja ich glaube wirklich, die Wurzel liegt früh in meiner Kindheit. Also bitte. BITTE – schützt eure Kinder. Wenn sowas in der Familie vorkommt habt ein offenes Ohr. Und führt jedem Mann (oder Frau) egal wie nahe er euch steht, seiner gerechten Strafe zu. Eine Kinderseele ist zerbrechlich und Gewalt kann ihr gesamtes Leben zeichnen und beeinflussen.

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