Liebe Erzieherin, die du unbefristet streiken wirst, ...

... ich werde dir jetzt ein wenig aus meinem Leben erzählen; aus meinem Leben, das ich ohnehin als relativ anstrengend empfinde, und das sich durch dein Handeln gerade massiv verkompliziert. Ich gehe nicht davon aus, dass dich das interessiert. Ich erzähle es dir dennoch.

 

Streik in der Kita

"Aktueller Aushang in der KiTa" - Bildrechte: 2KindChaos

 

Der Träger der Einrichtung, in der du arbeitest, ist die Landeshauptstadt, und für Einrichtungen wie diese gibt es eine Satzung. Absatz 5 (Öffnungszeiten, Schließzeiten, Betreuungszeiten) entnehme ich, dass ich die Dienste der Einrichtung an “[...] 3 pädagogischen Tagen, 2 Tagen Freizeitausgleich und 1 Tag Betriebsausflug sowie in den Betriebsferien im Sommer (mindestens drei Wochen in den großen Ferien)” nicht in Anspruch nehmen kann. Darüber hinaus ist “[...] die Einrichtung außerdem zwischen dem Heiligen Abend und Neujahr, an Rosenmontag ganztägig und am Tage der einmal jährlich stattfindenden Personalversammlung nachmittags geschlossen[...]”.

Im Großen und Ganzen entspricht das meinem Jahresurlaub. Doch ich sollte nicht vergessen, dass “[...] die Tageseinrichtung auch aus wichtigem Grund (ansteckende Krankheiten, Krankheiten des Personals, Renovierungen etc.) geschlossen werden kann [...]”. Auch in den Genuss dieser “wichtigen Gründe” sind wir in diesem Jahr schon gekommen. Hinzu kommt, liebe Erzieherin, dass sich unsere Definitionen von “frühzeitiger Information der Erziehungsberechtigten” offenbar nicht wirklich decken.

Und nun streikt ihr also. Hier einen Tag, da einen Tag. Demnächst “könnte es eventuell ernst werden, d.h. es könnte zu einem längeren Streik kommen”, so informiert ihr mit einem lapidaren A4-Zettel am schwarzen Brett. Ernst werden. Wie das klingt.

Bist du nicht verbeamtet, so gehört die Möglichkeit zu streiken zu deinen Grundrechten. Davon machst du nun Gebrauch. Du willst auf dich aufmerksam machen. Du willst mehr Geld, mehr Anerkennung, mehr Gegenwert zu deiner Arbeit. Und wenn du streikst, so denkst du, tut das richtig weh. Dann müssen die mal nachdenken. Dann muss sich etwas ändern.

Und du hast recht: dein Streik tut richtig weh - bloß nicht denen, denen er weh tun sollte. Nicht an der Stelle, wo er etwas bewirken könnte. Dein Streik trifft zum Beispiel den Essenszulieferer, der üblicherweise etwa 80 Mahlzeiten täglich anliefert, nun aber nicht bestellt wird.

In erster Linie trifft dein Streik deine Schützlinge, die Kinder, die du betreust - die aus ihrem Rhythmus geworfen werden, die sich vielleicht mit dem langweiligen zu-Hause-Bleiben schwer tun oder, schlimmer noch, die es genießen und schließlich, wenn dein Streik beendet ist, mühsam neu eingewöhnt werden müssen. Ich erinnere dich an dieser Stelle gerne an Absatz 5.4. deiner Satzung: “Die Kindertageseinrichtung kann ihre Bildungs- und Erziehungsaufgabe nur dann sachgerecht erfüllen, wenn das Kind die Einrichtung regelmäßig besucht. Die tägliche Betreuungszeit von Kindergartenkindern sollte mindestens 4 Stunden umfassen. Die Eltern / Personensorgeberechtigten sind aufgefordert, im Interesse ihres Kindes für einen regelmäßigen Besuch der Tageseinrichtung Sorge zu tragen.” Das gilt wohl nur in eine Richtung, wie?

Dein Streik trifft aber auch die Eltern deiner Schützlinge: die, die durch die regulären Schließzeiten der Einrichtung im Prinzip schon keinen Urlaub mehr übrig haben und sich nun vor einem enormen Problem sehen. Die keinen gemeinsamen Urlaub mit ihren Kindern mehr planen können. Die ihre vollständige Jahresurlaubsplanung von dir abhängig machen dürfen. Und mal ganz davon abgesehen, dass es dich absolut nichts angeht und deine Kommentare an dieser Stelle ganz schön übergriffig waren: nicht jeder kann auf die Dienste von Verwandten, Bekannten und Freunden zurückgreifen; nicht jeder Arbeitgeber kann und will unbezahlten Urlaub gewähren, und beim besten Willen nicht jeder Arbeitnehmer kann sich unbezahlten unbefristeten Urlaub auch nur ansatzweise leisten; nicht jeder kann Kleinkinder mit zur Arbeit nehmen, und nicht jedes Kind lässt sich problemlos an wechselnden Orten von wechselnden Menschen fremdbetreuen.

Und selbst, wenn es mal möglich ist: tagelang? Immer wieder?

Einen weiteren Verlierer gibt es: meinen Arbeitgeber. Der zieht bei gleicher Qualifikation nämlich männliche Mitbewerber vor, er sagt, dass Frauen mit kleinen Kindern unzuverlässiger seien, nicht gut eingeplant werden können. Ich kann ihm nicht einmal verübeln, dass er so denkt - mein Arbeitgeber sieht die Arbeit, die ich nicht erledige, weil ich entweder schlagartig gar nicht anwesend bin oder aber ein kreischendes Kleinkind am Hosenbein unterm Schreibtisch hängen habe, das Büroklammern in Mehrfachsteckdosen stopft, sich mit einem Edding tätowiert und die stylischen Glaswände mit einem Mund voll Banane anniest. Und im Nacken sitzt mir die Tatsache, dass mein eigener Vertrag ein Zeitvertrag ist, ich um jede Verlängerung bange und ich die verlorene Zeit irgendwie aufarbeiten muss...

… im Zweifelsfalle nachts. Dein Streik wirft unseren mühsam eingespielten Alltag vollständig über den Haufen, weisst du. Da ich keinen Urlaub mehr habe und nicht einfach unbezahlt frei machen kann, nur weil du streikst, erledige ich meine Arbeit also, nachdem die Kinder zu Bett gebracht worden sind. Während du gemütlich auf der Couch fernsiehst oder gar schon schläfst. Das geht zu Lasten meiner Nachtruhe, meiner Gesundheit und meiner Empathie. Hier ist niemand der Gewinner. Du hast einen unbefristeten Vertrag, richtig?

Ich zahle den vollen Beitragssatz von derzeit etwa 180EUR (ohne Essensgeld) auch “[...] in den Monaten mit Schließzeiten in voller Höhe [...]”, so will es Absatz 10.1 (Elternbeitrag) der Satzung. In dem Zuge wird auch direkt festgestellt: “[...] Angebotsreduzierungen infolge von nicht absehbaren betrieblichen Störfällen oder nicht von der Landeshauptstadt zu verantwortenden Ursachen schließen Rückerstattungsansprüche bzw. Beitragsminderungen aus.[...]”

Fassen wir also zusammen: ich zahle den vollen Beitrag, ohne eine Leistung dafür zu erhalten. (Die Eltern von Kindern unter drei Jahren verlieren außerdem den Anspruch auf Betreuungsgeld, da die Kinder ja in eine Kita gehen.) Darüber hinaus investiere ich Zeit und Geld, um die Betreuung meiner Kinder entweder selbst zu übernehmen oder alternativ zu organisieren. Setzt du deine Gehaltsforderungen durch, werden auch diese auf mich umgelegt, ich zahle dann also wieder drauf. Niemand garantiert mir, dass du nächstes Jahr nicht wieder streiken wirst. Zeitgleich erhältst du, während du streikst, keinen Lohn, sondern Geld aus der Streikkasse, die Landeshauptstadt verzeichnet also ein fettes Plus an Einnahmen - an jedem einzelnen Streiktag. Und hierfür forderst du wieder und wieder mein Verständnis?

Ich revidiere meine oben getroffene Aussage: es gibt doch einen Gewinner des Streiks, nämlich die Landeshauptstadt. Die, denen es weh tun sollte.

Und du wunderst dich, dass sich nichts bewegt.

Du erwartest von mir, dass ich - wo ich ja gerade ohnehin nichts besseres zu tun habe - dich bei deinem emotionslosen Schwenken von Spruchbannern vor dem Rathaus unterstütze. Du verzeihst, dass mir hierfür die Kraft fehlt. Du hast es nahezu persönlich genommen, als ich die Dienste der Not-Kita in Anspruch nehmen wollte - sogar bei der Leiterin der Einrichtung musste ich darlegen, wieso es sich bei uns um einen “Härtefall” handele. Ich war müde und erschöpft und habe im Auto geheult, nachdem ich grußlos aus dem Büro entlassen worden war.

Ich will dir deine Forderungen gar nicht absprechen: die sind berechtigt. Es geht nicht um das Was. Es geht um das Wie. Während es der Landeshauptstadt völlig egal ist, was du da abziehst, gerate ich immer mehr unter Druck und bange um meinen Job. Während du deine Banner bemalst, würde ich dich am liebsten anschreien: “Richte deinen Protest endlich gegen den richtigen Adressaten, verdammt.” Ich brauche meine Kraft, um mich parallel zu meinem Job um meine Kinder zu kümmern, während ich für deren nicht existente Betreuung einen Haufen Geld bezahlen muss. Die Angaben deiner Gewerkschaft sind für mich völlig intransparent, und es entzieht sich meiner Wahrnehmung, weshalb alle Angebote als "nicht verhandlungsfähig" erachtet und verworfen wurden. Es scheint mir hier sehr ums Prinzip zu gehen, ums Kräftemessen - ausgetragen auf meinem Rücken.

Du verstehst, dass ich dich in deinem sinnlosen Tun nicht auch noch bestärken und dir motivierend auf die Schulter klopfen kann. Dafür hast du sicherlich Verständnis.

So wie ich immer.

 
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