Mein Cousin ist mein Vorbild und transsexuell.

Mein Cousin Jamie wurde mit einem "männlichen Gehirn" und weiblichen Sexualorganen geboren. Das machte ihm sein ganzes Leben zur Hölle. Eine kleine Geschichte über Mut, Anpassung und das Annehmen...

 

 

Mit Jamie, der 8 Jahre älter ist als ich, bin ich aufgewachsen. Wir waren zusammen im Urlaub, er hat mich gesittet, hat mir die Haare gehalten wenn ich brechen musste... Ich fühle mich ihm wirklich sehr verbunden obwohl unser Kontakt mit Einsetzen der Pubertät natürlich weniger wurde.

Schon immer sah er aus wie ein Junge und benahm sich auch so. Bis er den Mund aufmachte... Er hatte eine glockenhelle piepsige Stimme. Er konnte auf keine öffentliche Toilette gehen weil man ihn immer von der Damentoilette gescheucht hat. 

Mit Einsetzen der Pubertät wurde er lesbisch, was sein Vater nicht akzeptierte. Seine Mutter nähte ihm ein Korsett, damit er seine Brüste verstecken konnte. Er konnte noch nicht mal in der U-Bahn sitzen ohne das er angepöbelt wurde, weil er "so komisch" aussah. Er hat sein Leben lang darunter gelitten.

 

Geschlechtsangleichung

Mit Ende 20 hat er sich endlich getraut. Eine Geschlechtsangleichung! (Das ist ein unschönes und langwieriges Verfahren auf das ich hier nicht näher eingehen will, weil ich von den Details keine Ahnung habe.)

Als ich ihn das erste Mal sah, als er in der Hormontherapie war, mit erstem Bartwuchs und eine Stimme wie im Stimmbruch, hätte ich heulen können vor Glück. Endlich passte alles zusammen! Ein normales Leben war in greifbarer Nähe! Er machte die Angleichung mitten im Studium. Eingeschrieben hatte er sich als Frau, den Abschluss machte er als Mann. Wie mutig!

Später im Job verliebte er sich in eine Frau. Er war zu schüchtern um ihr die Wahrheit zu sagen. Er schrieb ihr einen Brief. Er dachte das wäre das Ende der Beziehung. Daraufhin heirateten sie. Das war die schönste Hochzeit, die ich je besucht habe. Man spürte diese besondere Liebe und sah es in den Augen aller Gäste. Jeder gönnte es ihm von Herzen endlich sein Glück gefunden zu haben. Ihre Eltern durften es leider nicht wissen und niemand durfte sich verplappern, dass ihr Bräutigam als Frau geboren worden war. Aber es klappte. Sogar sein betrunkener Vater benahm sich.

Letztes Jahr konnte er sich mit seinem Vater versöhnen. Leider hat er erst auf dem Sterbebett "Ich bin so stolz auf dich" über die Lippen gebracht. Aber besser spät als nie… Ich bin gespannt wie es weitergeht in Jamies Leben und ich bin froh daran teilhaben zu können. 

 

Warum ein Vorbild?

Jamie ist ein sogenannter Taugenichts (zumindest wird er so in meiner Familie genannt). Er studiert immer etwas anderes und arbeitet immer etwas anderes. Vom Comic-Zeichner zur Flug-Stewart-Ausbildung hat er alles durch. Trotz Ehe hat er sich nicht niedergelassen und „findet“ sich noch immer. Beide haben sich sogar ein Aussteiger Jahr auf Sri Lanka gegönnt. Darüber wird die Nase gerümpft und gelästert. Immerhin werde er bald 40 und ist immer noch nicht angekommen.

Die „unsichtbare Arbeit“ die er in seinem Leben geleistet hat und immer leisten wird, sieht natürlich niemand. Das ist schade, denn es ist so spannend, sich mit jemandem zu unterhalten, der mehr zu erzählen hat als der Durchschnitt. Die Kraft, das Durchhaltevermögen und der Mut stünde anderen Leuten auch mal ganz gut. Ich jedenfalls gehe gerne zu unseren oberflächlichen Familientreffen, wenn er auch kommt. „Endlich normale Leute!“ wie na, ihr wisst schon, sagen würde…

Ich bin froh, dass ich diese positive Geschichte erzählen kann, wann immer mir intolerante Arschlöcher begegnen. Oder betroffene Menschen. Oder Angehörige. Diese Geschichte ist für alle Menschen.

Auch für mich, deren Sohn gerne ein Kleid tragen würde. Was würde ich meinem Sohn antun wenn ich ihn nicht annehmen würde wie er ist? Was würde das aus ihm machen, wenn er gezwungen wäre gegen die eigene Familie, gegen die gesamte Gesellschaft zu kämpfen? Ich kann nicht erahnen was das für einen Menschen bedeutet. Aber Jamies Beispiel hat mich was gelehrt. Lasst die Leute doch einfach mal in Ruhe! Auch wenn sie anders sind als Ihr!

Jeder Mensch der sich ein wenig mit (seiner) Schwangerschaft beschäftigt hat, weiß genau: In der Entwicklung des Embryos sind die Unterschiede zwischen den Geschlechtern am Anfang minimal. Kennt ihr die WDR Reihe „Ein Mensch entsteht“? Hier wird es wunderbar erklärt! Eigentlich ist es erstaunlich, dass Intersexualität nicht viel häufiger vorkommt. 

Man WIRD also nicht irgendwie "transsexuell" oder intersexuell, man kommt so zur Welt! Es ist ganz natürlich und normal!!!

Zum Abschluss noch ein wunderschönes Lied zum Thema von einer meiner Lieblingsbands Früchte des Zorns (Hier habe ich die Version von Revolte Springen gewählt, weil Live einfach immer geiler ist)

Egal ob Mann, Frau oder nichts davon oder alles. Bitte seid so, wie ihr sein wollt! 

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