Mobbing in Kindheit und Jugend begleitet einen das ganze Leben lang

Wenn man mich heute trifft oder meine virtuelle Stimme liest, würde wohl kaum einer auf die Idee kommen, dass ich mal ein richtiger Nerd war. Ein Loser. Ein Mobbing Opfer. Einige Jahre lang war ich ein Untermensch und ich trug diese Rolle auch dann noch, als ich von den Tätern befreit war. Auch heute noch muss ich noch mit einigen Spätfolgen kämpfen. Ich schreibe diesen Beitrag, um heutigen Mobbing Opfern zu sagen, dass das Leben weiter geht.

 

 
Heute, 33. Es war ein sehr langer weg zu mir hin.

 

Vom sensiblen, introvertierten Kind zum unsicheren Teenager und Mobbing Opfer

Wie war ich so als Kind, frage ich meine Mutter manchmal, und sie beschreibt mich als unauffällig, angepasst, pflegeleicht. Klar hatte auch ich einige Eigenheiten, aber ich versuchte immer, mich anzupassen, wo es ging. Vom Kindergarten weiß ich nicht mehr viel, fand es aber nicht schlimm. Die Grundschule mochte ich echt gerne, ich hatte eine begeisternde Lehrerin und es war cool, gute Noten zu haben. Die anderen Mädchen und ich maßen uns in allen möglichen Bereichen und spornten uns gegenseitig an. Ich liebte damals schon Deutsch besonders, denn ich las viel und schrieb genauso gerne. Ich war eines dieser Mädchen, die immer einen dicken Roman in der Tasche hatten und auch auf lauten Festen immer allein dasaßen und völlig zufrieden lasen. Ich lebte zwar viel in meiner eigenen Welt, aber ich hatte auch Freunde, die meisten oberflächlich, eine beste Freundin. Ein Beziehungsmuster, das sich bei mir jahrelang wiederholte. 
 
 
 
Mit 7 oder 8 Jahren - absolut fotoscheu
 
 
Und dann kam das Gymnasium. Meine Klasse wurde auseinander gerissen, viele gingen auf andere Schulen. Plötzlich auf dieser riesigen Schule mit ganz vielen lauten Halbstarken. Das Recht des Stärkeren regierte, und wer keine große Klappe hatte, bekam eben auch mal einen ordentlichen Faustschlag auf den Arm verpasst. Eine Weile lang konnte ich unauffällig mitschwimmen, aber dann machte ich einen großen Fehler. Ich ließ mir die Haare abschneiden. Bäm! Wie lächerlich eigentlich, aber so war es. Ich hatte kurze Haare, ich sah einigermaßen geschlechtsneutral aus, ich trug gerne weite Klamotten. Plötzlich war ich von allen Seiten umringt von Beleidigungen. (Aus dieser Phase habe ich kein Foto aufgehoben...)
 
Besonders qualvoll empfand ich das Zugfahren - die Odenwaldbahn übrigens, mitten in die Sackgasse - sowohl auf dem Bahnhof als auch im Zug wurde ich von allen Seiten beschimpft und ausgelacht. Hey, bist du ein Junge oder ein Mädchen? Hey, guck mal, die oder der ist voll häßlich. Hahahaha. Auf dem Weg zur Schule liefen mir, die ich alleine laufen musste, rudelweise ältere Jungs hinterher, die mich bewarfen und beleidigten. In der Schule ging es dann innerhalb der Klasse weiter. Es gab mehrere Cliquen, ich gehörte leider zu keiner. Ein paar Jungs hackten natürlich auf dem Aussehen herum, auf den Klamotten. Als braves Strebermädchen saß ich in der ersten Reihe, den Kopf eingezogen, und oft setzten die Lehrer die bösen Jungs zur Strafe neben mich, was dann mit "Ieh gitt, nicht neben der, die stinkt nach Scheiße!" oder ähnliches kommentierten. 
 

 

Von Selbsthass und Veränderungen

So ging es dann ein paar Jahre. Ja, Jahre. Ich hatte jeden Morgen psychosomatische Beschwerden, aber so wirklich geholfen hat mir leider keiner. Zu meinem Leidwesen kamen auch noch eine Zahnspange hinzu und mit 13 eine Brille. Ich setzte sie nicht auf, weil ich jedes Mal ausgelacht wurde, und so dachten die Lehrer, dass ich extrem dumm war, da ich die Aufgaben an der Tafel nicht mehr live lösen konnte. Ein Lehrer begann sogar auch, mich zu mobben, ein anderer regierte mit Angst und Terror (natürlich ein Mathelehrer, who else). Vor den meisten Lehrern hatte ich also ebenfalls Angst. Ich begann, von meiner Freundin abzuschreiben, wenn Aufgaben von der Tafel gelöst werden mussten, und war deshalb natürlich noch langsamer, als ich es wegen der Ängste ohnehin war. Dann begann ich, zu Stottern. Das lag vor allem daran, dass jedes Mal, wenn ich aufgerufen wurde, zwei oder drei Jungs mich kommentierten, wenn ich etwas sagte, oder einfach nur lachten. Musste ich an die Tafel, diskutierten sie über meinen vermeintlich fetten Arsch. 
 
 
So sieht ein fetter, häßlicher Untermensch aus. Naja, den Hund hat es nicht gestört. Ich war da 14.
 
 
Natürlich gibt es viel schlimmere Mobbing Geschichten, zum Beispiel die von Yasmin und die von Dani. Aber für mich war es der Psychoterror schlechthin. Alles, was ich tat, wurde kommentiert, ausgelacht, schlecht geredet. Ich hielt mich für einen wertlosen Haufen Scheiße, der widerlich stinkt, beschissen aussieht, niemals eine richtige Frau werden kann, bodenlos dumm ist und nie, niemals nie irgendetwas richtig machen kann. 
 
Irgendwann begann ich dann, mich zu wehren. Erst verschaffte ich mir einen Schutzpanzer. Ich schminkte mich extrem dick, besorgte mir Kontaktlinsen, kleidete mich so, wie ich dachte, möglichst unangreifbar zu sein, färbte mir die Haare blond. Ich legte mir eine große Fresse zu, schnauzte irgendwann genauso prollig herum. Mit 15 hatte ich einige oberflächliche Freundschaften, die Mobbereien verteilten sich dann langsam auch auf die anderen. Trotzdem fühlte ich mich nie wohl und ich hatte damals starke Depressionen, die im Laufe meines Lebens immer mal wieder herauskommen sollten. Bis heute habe ich heftige psychosomatische Reaktionen, wenn es mir schlecht geht. Der Körper vergisst nicht.
 
Was mich damals rettete, war ein Umzug. Es war zwar abzusehen, dass ich nicht mehr Opfer Nummer 1 war, vielleicht hätte ich mich ins Mittelfeld hocharbeiten können, aber was wäre das für ein Leben gewesen, umgeben von diesen Arschlöchern. Kein Entfaltungsspielraum, keine Luft zum Atmen, gezwungen zum Anpassen oder Untergehen. Ich bin zu einem Menschen mutiert, den ich selbst erfunden hatte und den ich auch nicht wirklich leiden konnte. Der Umzug jedenfalls war wie ein Sprung ins kalte Wasser, ich erwartete regelrecht, mich permanent verteidigen und angreifen zu müssen, und war überrascht, als nicht sofort der nächste Krieg einsetzte. Ich schwamm sogar eine Weile lang im Mainstream mit, genoss die losen oberflächlichen Kontakte.
 
 
Je mehr Schminke, desto besser. HIer 17 Jahre. Fühlte mich leider immer noch zu dick, hier essgestört
 

 

Äußerlich cool, Innerlich vergiftet

Aber innen drin war ich infiziert, und egal, wie sehr ich äußerlich nach Barbie aussah, ich wusste, ich würde nie "normal" sein. Ich war depressiv, keiner merkte das. Nach einer ersten unglücklichen Liebe begann auch eine Essstörung, die zum Glück nicht allzu lange dauerte. Aber ein normales Verhältnis zu meinem Körper hatte ich nicht. Ich wog kaum 50 Kilo und sah aus wie eine Tussi, fühlte mich aber wie ein hässlicher fetter Bauarbeiter. Alles, was ich sagte oder tat, fühlte sich immer tausendmal schlechter an als das von anderen. Ich übertynchte meinen Selbsthass mit einer falschen Persönlichkeit. Ich erfand mich selbst immer wieder neu. Ich wurde zu einer Person, die eigentlich nicht zu meinem Wesen passte.
 
Halt fand ich dann einige Zeit später in der Gothic Szene, vor allem Musik und die düstere Kleidung gab mir das Gefühl, mich sicher zu fühlen. Ich wollte alles, was ich war, verändern, denn ich selbst war ja eigentlich von Grund auf widerlich. Und das gelang mir dann auch. Auch eine langjährige Beziehung hat mich aufgefangen, vor allem aus der Esstörung gerettet.
 
Meines Erachtens gibt es zwei Sorten von "Mobbing Überlebenden". Die einen sind zeitlebens Opfer, fühlen sich permanent angegriffen, lassen sich schnell provozieren, erwarten überall nur Böses, sind permanent auf Verteidigung bedacht. Das sind die, denen man es sofort ansieht, die immer und immer wieder Opfer werden. In dieser Gruppe war ich die ersten Jahre. Und dann gibt es die, die selbst zu Tätern werden, die auf anderen herumhacken, um von sich selbst abzulenken. Zu dieser Gruppe gehörte ich später. Wobei ich mir keine anderen Opfer aussuchte, sondern gegen den Mainstream kämpfte. Es dauerte einige Jahre, bis ich wieder halbwegs bei mir angekommen war.
 
Wahrscheinlich habe ich deshalb Sozialpädagogik studiert - ich interessierte mich dafür, wie Menschen ticken, wie man mit ihnen umgehen muss, vor allem die dunklen Seiten der Psyche faszinieren mich bis heute. Es dauerte viele qualvolle Jahre der Selbsterfahrung, bis ich wieder eigene Schwäche zulassen konnte. Vielleicht bin ich deshalb so verdammt ehrlich - ich beweise mir immer wieder aufs Neue, dass ich mich etwas traue.
 
 
Anfang 20. Schon etwas gemäßigterer Grufti, immerhin ohne Kalkschminke
 
Ich kann also sagen, dass mich das Mobbing stark gemacht hat. Oder besser gesagt, der sehr sehr sehr lange Weg des Fallens, Aufrichtens, An mir Selbst - Arbeitens. Vielleicht wäre ich nicht so stark geworden, nein - ganz bestimmt wäre ich nicht so stark geworden ohne das Mobbing. Aber ganz sicher wäre ich heute ein glücklicherer Mensch. Und würde nicht immer noch mit einem total falschen Selbstbild kämpfen. 
 
 
Dieser Artikel ist Teil der Blogparade #NoMobbing
 
 
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