Mobbing unter Kindern

Da ich nun hier in diesem wunderbaren Blog bereits sein einiger Zeit veröffentliche, möchte ich unbedingt ein Thema ansprechen, das mir sehr am Herzen liegt und bei dem es mir wichtig ist, dass mehr Menschen darüber Bescheid wissen. Es geht um Mobbing unter Kindern.

 

Stop Bullying

 

Das Gestrüpp muss weg! Gesprächsnotizen

Vor einiger Zeit saß ich beim Elternstammtisch unserer Kita und lauschte einem Gespräch von zwei Müttern, die bereits jeweils zwei ihrer Kinder in der Grundschule unseres Stadtteils haben. Das Gespräch verlief ungefähr so, als ich dazu stieß:

Mutter 1: „Ich bin wirklich dafür, dass die Bepflanzung komplett vom Schulhof entfernt wird.“

Mutter 2: „Um Gottes Willen. Das wäre nun wirklich traurig und damit würde man das Problem auch nicht in den Griff bekommen.“

Ich: „Entschuldigung, das klingt sehr interessant. Könnt ihr mir erklären worum es geht?“

Mutter 2: „Ja. An unserer Grundschule haben zwei Drittklässler in der Pause eine Erstklässlerin ins Gebüsch gezerrt, ihr die Hose runter gerissen und ihre Vagina betatscht.“

Ich: O_O „WTF!?!“

Mutter 1: „Wir wollen, dass sowas nicht mehr passieren kann. Aber die Schulleiterin sagt, sie kann nicht mehr Personal für die Pausenaufsicht abstellen und die haben pro Pause nur eine Aufsichtsperson. Die kann das ganze Unterholz nicht im Blick behalten. Deshalb fordern wir, dass es weg kommt. Damit die Aufsicht von oben alles im Blick hat.“

Mutter 2: „Ja gut. Aber was ist mit den Randzeiten? Vor und nach der Schule? Dann ist auch keine Aufsicht da.“

Ich: „Meine Güte! Wie geht es der Schülerin?“

Mutter 2: „Ich kenne sie ganz gut. Es ist eine Freundin meiner Tochter und zum Glück ist sie sehr stabil und selbstbewusst. Es geht ihr ganz gut. Sie wird damit fertig.“

Mutter 1: „Wenn das meiner Tochter passiert wäre! Die würde das keinesfalls einfach so weg stecken. Egal was Sie sagt. Sowas hinterlässt Spuren. Die Büsche müssen weg. Die Sicherheit der Kinder geht vor. Natur hin oder her.“

Ich: „Was gibt es denn an der Schule für Strategien gegen Mobbing und Gewalt?“

Mutter 2: „Die Schulleiterin sagt, Grundschulkinder sind dafür noch zu klein. Da gibt es keine Möglichkeiten was gegen Mobbing zu tun.“

Ich: O_O „Bitte?“

Mutter 2: „Was soll man bei so kleinen Kindern denn auch machen. Da hat sie ja Recht.“

Ich: „Nun zum Beispiel mal ein Fachbuch zum Thema zur Hand nehmen und sich weiterbilden. Sich für in den neusten Forschungsstand einarbeiten. Einen Spezialisten zum Thema konsultieren. Jedenfalls sollte sie auf gar keinen Fall NICHTS tun.“

Mutter 2: „Da gibt es Forschung zu?“

Ich: „Ja selbstverständlich.“

Mutter 2: „Woher weißt du das?“

Ich: „Ich hatte mal eine Arbeitskollegin, die war auf Mobbing an Schulen spezialisiert. Soll ich mal schauen, ob ich Literatur dazu finde für Euch?“

Mutter 2: „Nein danke. Ich glaube unserer Schulleiterin, dass die Kinder da noch zu klein für sind. Das wären doch alles nur kosmetische Maßnahmen.“

Ich versuchte dann zu erklären, was ich hier auch kurz beschreiben möchte, aber die Mütter blieben skeptisch und offenbar war ihnen auch nicht klar, welche einschneidenden Folgen Mobbing unter Kindern haben kann. Was ich damals noch nicht hatte, ist dieser wahnsinnig tolle Vortrag über Mobbing unter Kindern von Prof. Dieter Wolke: http://dradiowissen.de/beitrag/mobbing-auch-im-erwachsenenalter-nicht-vergessen Klare Hörempfehlung. Für alle die keine Zeit haben oder zu erschöpft sind, um sich einen längeren wissenschaftlichen Vortrag anzuhören, fasse ich hier mal die wichtigsten Punkte zusammen.

 

Kurz gefasst: Vortrag von Prof. Wolke

  • Wolke spricht nicht von Mobbing sondern von bullying. Ich denke jeder weiß inzwischen was unter Mobbing zu verstehen ist: Es handelt sich kurz gesagt um „wiederholtes aggressives Verhalten durch einen oder mehrere Gleichaltrige gegenüber dem Opfer.“[1]
  • Er unterscheidet zwischen reinen Opfern/ Victims, Opfern die sich wehren oder auch selbst mobben/ Bully-Victims und reinen Tätern/Bullys.
  • Reine Opfer und Bully-Victims leiden lebenslang unter maßgeblichen physischen und psychischen Folgen. Die gesundheitlichen Konsequenzen sind immens. Die Ergebnisse seiner Forschung sind sehr fundiert. Er betont, dass die Opfer nicht selbst schuld sind, an dem was ihnen angetan wird. Ursache sind stets die Bullys.
  • Reine Bullys haben meist keinerlei gesundheitlichen Nachteile. Im Gegenteil: Sie leiden weniger unter Stress als alle anderen Kinder. Sie sind oft sogar beliebt und bringen gute Leistungen in der Schule.[2]
  • Mobbing unter Geschwistern ist ein riesen Thema: Kinder lernen oft Zuhause in der Familie an ihren Geschwistern zu mobben und sind dann häufig auch in der Schule Bullys. Kinder, die von ihren Geschwistern gemobbt werden, sind in besonders großer Gefahr auch von anderen Kindern gemobbt zu werden.[3]

 

Mögliche Maßnahmen gegen Mobbing

Deshalb will ich hier kurz ein paar Maßnahmen schildern, wie man in der Schule und auch Zuhause gegen Mobbing aktiv werden kann:

Konservative Stimmen plädieren dafür, dass die Schulleitung Verhaltensregeln festlegt, die für alle Schülerinnen und Schüler und Lehrerinnen und Lehrer verbindlich sind und Mobbing aktiv vorbeugen und verhindern sollen.

Ich gehe weiter und fordere: In jeder Schule sollte es einmal im Jahr eine Projektwoche geben, in der SchülerInnen, LehrerInnen und Eltern gemeinsam an einer bzw. später der „Schul-Verfassung“ arbeiten, die einen respektvollen Umgang aller unter- und miteinander ermöglichen soll. Die besonderen Schwierigkeiten, die diskriminierte und stigmatisierte Gruppen dabei haben, sollten hier explizit Berücksichtigung finden und das bedeutet vor allem, dass die Betroffenen selbst zu Wort kommen.

Sehr wichtig ist weiterhin die Einrichtung einer Vertrauensperson, die von Mobbing, Diskriminierung oder Stigmatisierung betroffenen Kinder oder deren Eltern vertraulich ansprechen können. Es kann sinnvoll sein nicht nur aus dem Lehrpersonal und den Eltern Vertrauenspersonen zu wählen, sondern auch aus den SchülerInnen. Die Vorfälle sollten sorgfältig dokumentiert werden.

Weiterhin sollten die Vorfälle untersucht werden OHNE dass die Identität der Opfer offen gelegt wird. Denn wenn ihre Identität nicht geschützt wird, führt das sehr oft zu einer sekundären Victimisierung. Das bedeutet: es wird noch schlimmer für die Opfer. Stehen die TäterInnen letztlich fest, sollten die Konsequenzen klar und deutlich sein. Mobbing ist nicht okay! Wir tolerieren dieses Verhalten nicht! Welche Konsequenzen im Detail folgen, kann in der Schul-Verfassung festgelegt werden. 

Ich denke weiterhin ist es sinnvoll solche Grundregeln des respektvollen Miteinanders auch in der Familie festzulegen, an die sich alle, auch Eltern, Großeltern, Freundinnen und Freunde und auch Großonkel Walter aus Travemünde halten müssen. Sind die Kinder reif dafür, sollten Sie durchaus an der konkreten Gestaltung dieser Grundregeln beteiligt werden.

Die Grundprinzipien der Demokratie kann man durchaus schon im Grundschulalter vermitteln.[4] Ich habe kürzlich eine Kita besichtigt, in der bereits ein Kinderparlament etabliert ist und die Kinder dürfen darin gewisse Entscheidungen selbst treffen. Das zeigt: Wenn wir Erwachsenen es zulassen, können Kinder sogar in Institutionen schon sehr früh an gemeinschaftlichen Entscheidungen beteiligt werden!

Und: Lasst es als Eltern niemals zu, dass eines oder mehrere Eure Kinder von den eigenen Geschwistern gemobbt werden! Ich weiß, das kann echt scheiß schwierig sein. Aber es ist sehr wichtig. Viel wichtiger als viele andere Dinge, für die wir uns täglich den Arsch  aufreißen.

 

Was wir uns persönlich in diesem Zusammenhang überlegen können

  • Was ist in unserer Familie ein Konflikt und wie tragen wir Konflikte vornehmlich aus? (In einem Konflikt sind die beteiligten Parteien zumindest annähernd gleich stark. Ist eine Partei meist unterlegen, dann ist das ein klares Warnzeichen für Mobbing.)
  • Welche Streitkultur leben wir als Erwachsene unseren Kindern vor?
  • Ab wann ist das Ärgern von Geschwistern für mich kein Einzelvorfall mehr? Wann ist Ärgern nicht mehr im Rahmen des liebevollen Neckens, das in Familien meistens vorkommt und unschädlich ist, sondern wirklich gemein?
  • Welche Konsequenzen werde ich ergreifen, wenn ich merke, dass eines meiner Kinder andere Kinder/ seine Geschwister mobbt?
  • Wie werde ich mit meinen Kindern umgehen, wenn ich merke/ befürchte, dass sie gemobbt werden?
 

[1] http://www.welt.de/wissenschaft/article140339444/Mobbing-schadet-der-Seele-mehr-als-Pruegel-zu-Hause.html Dem zufolge kann ich natürlich nicht sagen, ob der der von den Müttern berichtete Vorfall bereits als Mobbing zu bezeichnen ist, da mir nur dieser einzelne Vorfall bekannt ist. Allerdings war dieser Vorfall eine derart drastische Form von Gewalt unter Kindern, dass wirklich alle Alarmglocken schellen sollten.

[2] Mobbing kommt in stark wettbewerbsorientierten und hierarchischen Gesellschaften weit häufiger vor, als in Gesellschaften, die egalitärer sind. Wolke spricht im Vortrag auch interessante Punkte an, zum Beispiel dass in Zukunft noch zu prüfen sei, wie viele bullys später Führungskräfte in unserer Gesellschaft werden und dass wir an der Differenzierung zwischen bullying und leadership arbeiten müssen.

[3] Hierzu auch dieser Artikel: http://www.sueddeutsche.de/leben/studie-zu-mobbing-in-der-familie-geschwister-gefaehrden-die-gesundheit-1.1698149 Dieser Artikel wird auch verlinkt auf der Homepage der von dradiowissen zu dem Vortrag von Prof. Wolke. Was Wolke jedoch im Vortrag dazu sagt, ist m.E.n. aussagekräftiger, als dieser Artikel.

[4] Hint für alle Schlauberger: Demokratie ist nicht, wenn zwei Dummköpfe mehr zu entscheiden haben, als ein  intelligenter Mensch. Das nennt man Mehrheitsentscheidung. So ein Verfahren KANN in einer Demokratie von sehr großen Gruppen sinnvoll sein. Aber in so kleinen Gruppen, wie einer Familie ist das Quatsch. Welche Verfahren in der Schule angewandt werden, steht zur Diskussion und kann sich durchaus entwickeln. Kennzeichen von modernen Demokratien sollte es immer sein, dass es explizite Schutzmechanismen gibt für benachteiligte und marginalisierte Personen. Mit der dumpfen Mehrheit gegen z.B. Homosexuelle vorzugehen, hat viel mit Missbrauch von konkreten demokratischen Verfahren zu tun und es ist eine Herausforderung für die Politik und die Politikwissenschaft diese Probleme in den Griff zu bekommen.

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