Sieh mich an

Siehst Du den Penner dort? Der auf der Bank sitzt, mit der billigen Weinpackung in der einen Hand und einer selbstgedrehten Kippe in der anderen. Vor ihm ein Hund, abgemagert, dreckig. Genau wie der Penner. Er stinkt, redet mit sich, trinkt, beschimpft andere. Was für ein widerlicher Mensch, oder?
 
Sieh ihn an und hör seine Geschichte:
Er kommt aus einer kaputten Familie. Seine Mutter hat ihn rausgeschmissen, da war er 14. Er landete auf der Straße, wurde Drogenabhängig, ging auf den Strich um sich Drogen und Essen zu besorgen. Er kam wieder auf die Beine, ging in eine Klinik, wurde Clean und bekam sogar einen Job. Er lernt eine Frau kennen, sie heiraten, doch sie können keine Kinder bekommen. Die Frau bringt sich um vor Verzweiflung. Und er fängt in seinem Schmerz an zu trinken. Verliert erst den Job, dann die Wohnung und zuletzt den Halt. Jetzt sitzt er da, wärmt sich am billigen Fusel, raucht eine Kippe, die er halb ausgetreten gefunden hat und wartet nur noch auf seinen Tod.
 
 
 

Siehst Du die Frau da auf dem Spielplatz? Die Kinder spielen, rufen sie, doch sie reagiert nicht, sie sitzt nur am Handy. Wie kann sie nur, was für eine furchtbare Mutter. Die armen Kinder, oder?

Sieh sie an und hör ihre Geschichte:

Ihr Mann hat sie vor Kurzem verlassen. Für eine Jüngere. Sie ist bereits schwanger von ihm, hat sie gehört. Sie haben sich gerade ein Haus gekauft und er hat ihr die Schulden hinterlassen. Mehrere hunderttausend Euro. Er ist unauffindbar und sie schaut auf den Kontostand, ungläubig und fragt sich, wo sie das Geld für Essen herbekommen soll. Sie hat schon seit zwei Tagen nichts mehr gegessen, damit die Kinder satt werden. Sie kann vor lauter Sorgen nicht mehr schlafen und hat Angst. Angst, auf der Strasse zu landen mit den Kindern, Angst, nichts mehr zu Essen kaufen zu können, Angst ihre Kinder zu verlieren. Sie hat gerade keine Augen für die Kinder, denn ihre Augen sind blind vor Sorge. Und Angst.
 
 

Siehst Du das laute Kind dort? Der Bengel, der andere Kinder schubst, sie beleidigt, haut und ihnen alles wegnimmt? Wo sind die Eltern, wie kann es sein, dass das Balg so unerzogen ist? Geht gar nicht, oder?

Sieh ihn an und hör seine Geschichte:

Er ist 8 Jahre alt und hat eine jüngere Schwester, sie ist 5. Heute morgen hat er herausgefunden, dass sein Vater der Schwester sehr wehgetan hat. So, wie er ihm immer wehtut. Nachts, wenn die Mama arbeiten ist. Er hat gehofft, er lässt die Schwester in Ruhe, doch das tut er nicht. Er ist laut, weil er seinen Schmerz und seine Verzweiflung raus schreien muss. Er kann nicht sagen, wie das heisst, was der Vater macht. Aber es tut so weh und danach blutet er immer für ein paar Tage, weint, wenn er auf die Toilette muss, weil der Schmerz unerträglich ist. Niemand glaubt ihm. Aber er fühlt, dass er etwas tun muss, bevor er die Schwester auch noch kaputt macht. Die ganzen Gefühle in ihm überwältigen ihn, sie müssen raus. Aber er weiss nicht wie. Also prügelt er los, er schreit und hofft, jemand sieht ihn endlich und kann ihm helfen.
 

 
Siehst Du die Frau dort, mit dem kleinen Hund? Die ist immer so aufgebrezelt und hält sich für was besseres. Immer perfekt geschminkt und manikürt, immer arrogant und von oben herab. Eingebildete Kuh, oder?

Sieh sie an und hör ihre Geschichte:

Sie hat Geld. Sehr viel sogar. Doch sie würde jeden einzelnen Cent eintauschen, wenn sie könnte. Denn er ist ein gewalttätiges, prügelndes Arschloch. Weisst Du noch, als sie erzählt hat, sie waren gerade ein paar Wochen auf den Malediven? Das war gelogen. Sie war im Krankenhaus, weil er sie so schwer verprügelte, dass sie sogar ihr Kind verlor. Sie war im 5ten Monat und es war ein absolutes Wunschkind gewesen.

Sie ist immer perfekt geschminkt, damit man die blauen Flecken nicht sieht. Sie redet deshalb kaum, weil sie angst hat, etwas falsches zu sagen und dann wieder im Krankenhaus zu landen.
 

 
Siehst Du da diesen Mann, er schaut aus wie ein Ausländer. Ist er bestimmt auch. Er klaut bestimmt, ist ungewaschen und prügelt Frauen. Bestimmt zockt er das System ab und ist vielleicht sogar ein Terrorist...

Sieh ihn an und hör seine Geschichte:

Er verteilt gerade Brote an Arme. Er kommt selber aus sehr armen Verhältnissen und hat in den letzten Monaten jeden einzelnen Cent gespart, um aus seinem Land zu fliehen. Er kam an Schlepper und auf der Überfahrt starb seine schwangere Frau. Sein kleines Kind, was sie dabei hatten, wurde über Bord geworfen, weil es nicht aufhörte zu weinen. Er wollte hinterher, doch sie hielten ihn auf. Er wollte seine Familie schützen und in Sicherheit bringen und hat sie dabei umgebracht. Jetzt sitzt er in einem Land fest, das ihn nicht haben will, alleine und mit der Schuld, die ihn zu erdrücken droht. Deshalb musste er etwas tun, also verteilt er nun Brote an Menschen, die es brauchen. Und unter den kritischen und teilweise hasserfüllten Blicken von den Menschen, die noch alles haben. Er setzt sich zu dem Obdachlosen mit dem billigen Wein und dem verlottertem Hund auf die Bank, gibt ihm ein Brötchen und hört sich seine Geschichte an.

 

Denn jeder Mensch hat seine Geschichte und wir sehen nur einen winzigen Teil davon. Also sollten wir aufhören über diesen Teil, den wir sehen, zu urteilen. Denn jeder Mensch ist so viel mehr als das.

 
Schaut hin.


In Liebe,

eure Anne
 
 
 
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Ihr Lieben,

wie ihr vielleicht mitbekommen habt, bin ich (whohoooo) im Finale vom Scoyo Eltern Blogaward mit diesem Artikel.
Er ist, nicht nur deshalb, mittlerweile ein echter Herzenstext von mir. Ich finde es einfach wichtig, auch mal über den Tellerrand und hinter die Fassaden zu schauen.

Ich freue mich, wenn ihr den Artikel lest und vielleicht ein wenig davon mitnehmt. Und natürlich freue ich mich auch über eure Stimme beim Award. Abstimmen könnt ihr hier (https://www-de.scoyo.com/eltern/scoyo-lieblinge/blog-award/eltern-blog-award-2017-voting).
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