Über Respekt, Ironie und Höflichkeit

Das Internet ist ein offener Ort, ohne Gästeliste, ohne Eintrittskarte. Kein von mir favorisiertes geschlossenes Forum, in dem sich Menschen aufhalten, von denen man weiß, dass sie bestimmte Grundanforderungen wie Respekt, Toleranz und grundsätzliche Wertschätzung erfüllen. In dem offenen Raum liegen auch Chancen. Viele, viele tolle Menschen sind da versteckt in diesem Internet, die ich nur kennengelernt habe, weil ich mich selbst in offenen Räumen bewegt habe, obwohl ich währenddessen auch schon sehr verletzt worden bin.

 

 

Funktion von Höflichkeit

Wo die Beziehung zueinander ungewiss ist, ist Höflichkeit am funktionalsten für die Interaktion, habe ich mal gelernt. Kennt man sich sehr, sehr, sehr gut, kann man auch mal sagen: „Du Arsch!“ und weiß, dass man einander trotzdem liebt, auf welcher Ebene auch immer. Kennt man sich hingegen gar nicht, ist es für die Zukunft, die in einer Minute beginnt, ebenso egal, ob man ausfällig, unhöflich oder respektlos wird und wie man sich zueinander verhält – man sieht sich nie wieder. So ist es auch zu erklären, dass Autofahrer einander anschreien, beschimpfen, ebenso beim Anrempeln auf der Straße etc. Im Wartezimmer sieht das schon anders aus. Wenn ich weiß, ich verbringe die nächste halbe Stunde oder Stunde mit diesem Menschen in einem Raum, wird es mir schon schwerer fallen zu sagen: „Gib sofort die Auto-Bild her, ich hab zuerst den Arm danach ausgestreckt!“ Da steckt man höflich zurück. Noch wichtiger wird Höflichkeit, wenn die Beziehung zueinander in einem entstehenden Stadium ist – man weiß nicht, was das wird: Bekanntschaft? Freundschaft? Liebe? Hass? Alles ist offen, und ebenso viel Handlungsautonomie gesteht man dem anderen zu. Er liebt Katzen, ich Hunde? Hm, erst mal Klappe halten, ist ja nicht so wichtig, dass ich Katzen ätzend finde. Erstes Date: Komm, wir hören Mozart – au ja, gerne! Muss ja auch nicht immer Punk sein wie sonst immer.

Und im Internet, in sozialen Netzwerken? Man kennt sich selten wirklich, häufig eher kaum, aber begegnet einander häufiger. Man tauscht sich aus, auch kontrovers. Ich habe selten gelesen „Dich alte Schlampe hab ich dazu nicht gefragt“ oder ähnliches. Irgendwie ist es so eine unsichere Beziehung, die Höflichkeit braucht, um zu funktionieren. (Warum Facebook da aus dem Rahmen fällt, wäre mal eine Promotion wert.)

 

Segen und Fluch: Smileys

Und dann sind da die Smileys. Früher gab es keine, da hat man sich auch so verständigt. Heute wird Zeit immer knapper, und man braucht nur ein Symbol „Daumen rauf“ einzufügen und spart zwei Minuten und zwei Tweets. Ich gebe zu, ich bin den Smileys auch verfallen. Manchmal können sie auch sehr elegant understatementmäßig ausdrücken, wozu es sonst vieler Worte bedarf. Mein Lieblingsbeispiel brachte neulich @Sahnelinchen, als sie mal den Begriff „Wahrheit“ mit dem Markenkürzel „TM“, hochgestellt dahinter, benutzte. Es gibt aber einen Smiley, mit dem ich regelmäßig Probleme habe, weil er in meinen Augen auch missbraucht wird: der augenzwinkernde Smiley. Ich habe schon so manche Übergriffigkeit, Grenzüberschreitung und Frechheit gelesen, wo sich jemand (immer: meinem Empfinden nach) mit einem zwinkernden Smiley dahinter die Legitimation rausgenommen hat, etwas, was der Respekt verbietet, eben doch zu schreiben. Hey, ist ja ein Smiley dahinter! Dieses Muster kenne ich noch aus der Jugend: „XY-Beleidigung – Nein, Spaß!“ Es war damals schon nicht schön.

 

Das Ende der Ironie

Wirklich vollends jede Grenze überschreiten aber Menschen, die Anschuldigungen und dann noch von höchstem Kaliber, nämlich die Anschuldigung einer Straftat, in den Raum stellen und diese Anschuldigung meinen, entschärfen oder legitimieren zu können, indem sie dahinter *duck* schreiben. Ja, was denn jetzt? Steht man zu der Anschuldigung oder nicht? Es ist keine Verharmlosung, nicht im Geringsten. Es ist auch nicht ironisch oder gar lustig.

Mir wird ja gerne vorgeworfen, ich sei so ernst. Oh ja, ganz schlimm. Denn das Leben ist doch schließlich ein lustiges Spiel oder Quiz, und wir sind die Kandidaten, nicht wahr? Irgendwann war ich von diesem Vorwurf mal so entnervt, dass ich geantwortet habe: „Dann sag mir doch einfach mal was, was man nicht ernster nehmen kann, als es gemeint war.“

 

Ernst aber glücklich

Lachen ist was Wunderbares. Es geht mir nicht darum, den Miesepeter zu spielen. Aber wo es um den Schutz der Würde, um persönliche Überzeugungen geht, da,  allerspätestens da hört der Spaß auf.

Da will ich keine Ironie. Da will ich keine Zwinkersmileys. Da will ich Respekt und das Zugeständnis, dass jedem Menschen ein eigener, selbstbestimmter, gut begründeter Handlungsspielraum, zusteht, der zu tolerieren ist – ganz egal wie ich den inhaltlich finde.

Menschen, die vorsätzlich und wohl wissend, dass sie damit verletzen, zündeln, herabsetzen, beleidigen, unterstellen und in Zweifel ziehen, auf die kann ich, so lustig sie im Real Life sein mögen, verzichten. Da umgebe ich mich lieber mit den bierernsten Respektvollen, die, wenn’s ans Eingemachte geht, mit offenen Armen dastehen. 

 
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