Verweichlichen? Ich mache gern einen "Affentanz" um meine Kinder

Habt ihr das mitbekommen? Durch die Social Media ist ein Text geteilt und kommentiert worden, dass die Tasten nur so geglüht haben: "Liebe Eltern: Hört auf eure Kinder zu verweichlichen". Man ahnt es schon: ein flammendes Plädoyer gegen vermeintliche Helikopter Eltern (oder schlicht gegen all jene, die ihren Kindern zu viel Gutes wollen). Ich sage: Lecko Mio, Frau Hoffmann, total fail auf allen Ebenen...

 

 

Was geht mit unserer Gesellschaft?!

Das Schlimme ist ja nicht (nur) dieser total bekloppte Text, sondern auch die Reaktionen darauf. Wie viele fanden das toll, wie viele klatschen regelmäßig Beifall bei solchen flammenden Reden zur Abhärtung zarter Kinderseelen? Ach, so ein kleiner Klaps, der hat ja nicht geschadet und so. Nee. Obwohl es moderne Erkenntnisse in der Bindungstheorie gibt, dass es Kinder nur stärkt, wenn man ihnen eben nicht den Willen bricht, schreit unsere Gesellschaft immer wieder und mit einer obskuren Regelmäßigkeit nach vermeintlicher erzieherischer Kompetenz. Nein soll man sagen, Grenzen setzen, bloß nicht zu oft knuddeln und nachgeben. Den Kindern könnte es ja gut gehen, schlimmer noch, sie könnten denken, sie hätten irgendetwas zu sagen in der Welt. Soll denen ja genauso gehen wie einem selbst, der auch nur auf die Finger gekriegt hat und nichts durfte und dem nie zugehört wurde...?

Ähnlich klingt es auch in oben erwähntem Text. Die Autorin empört sich über Eltern, die ihre Kinder trösten, auch wenn "nichts ist", ihnen Bio Essen geben oder sie nicht in fremder Leute Nikotinhände drücken wollen. Sie selbst sei mit "grausamer" 80er Jahre Pädagogik groß geworden; Zwangsurinieren auf dem Töpfchen, Milchschnitten - Enteignung im Kindergarten, oralem Petersilieneinlauf bis zum Erbrechen und einem besoffenen Reitlehrer, der seine Schützlinge mit Angst und Peitsche vorantrieb. Das sei nicht nur Abhärtung gewesen sondern auch die Gewöhnung an die Realität, etwas, das wir unseren Kindern heute vorenthielten und ihnen nachträglich auch schaden würde... 

 

Pädagogen haben die schlimmsten Kinder?

Unsere Tochter war von Anfang an ein sensibles Kind, das oft ängstliche Phasen hatte, viel auf den Arm wollte und schnell gefremdelt hat. Wir haben ihr immer einen Rückzugsort geboten und sie zu nichts gezwungen, auch nicht zum Essen oder Verwandte zu küssen. Mittlerweile ist sie in der Autonomiephase und hat recht obskure Anwandlungen wie zum Beispiel dass sie wochenlang nur dasselbe Tütü anziehen möchte und anfängt zu brüllen, wenn es dreckig wird - aber in der Waschmaschiene gewaschen werden darf es auch nicht, das dauert ja zu lange. Oder abends zwingen wir sie nicht, stundenlang im Dunkeln zu liegen, wenn sie nicht schlafen kann, wir nehmen es mal mehr oder weniger geduldig an, dass sie ewig wach ist, weil sowieso nichts hilft (bevor jemand auf die Idee kommt, Ratschläge wie "Ey macht doch mal ein Abendritual" anbringt: alle schon gehört und oder durchgeführt). Kurzum: wir machen also einen Affentanz. Und ach ja, wir sind beide Pädagogen, also der Papa und ich. Sind also vermutlich selber schuld an dem ganzen Dilemma und viel zu verweichlicht, um uns um unser Güteklasse A Kind richtig zu kümmern...

 

Man kann seine Kinder nicht zu viel lieben

Ich finde es schon richtig traurig, dass immer die Eltern dumm angemacht / belächelt / beratschlagt werden, die (zu?) liebevoll mit ihren Kindern umgehen. Wie oft habe ich gehört, was ich hätte besser machen können, ohne dass die Situation ansatzweise richtig beurteilt wurde? Währenddessen sehe und höre ich immer wieder, wie Kinder herumgezerrt werden, angeschrien, verbal herabgesetzt und gedemütigt oder sogar geschlagen werden und da mischt sich keiner ein. Wieso eigentlich? Ist das die stille Billigung dieser Erziehungsmethoden? Meist ist es ja auch die ältere Generation, die sich ungefragt einmischt, aber wie die Reaktionen auf Artikel wie den von Frau Hoffmann zeigen, betrifft es eben doch alle Altersgruppen. Wovor habt ihr denn Angst, Leute? Dass eure Kinder euch mal auf der Nase herumtanzen, euch nicht respektieren? Mal ehrlich, wen respektiert ihr eher: jemanden der euch gleichwertig behandelt oder jemanden, der euch nur anschreit?

Unsere Tochter übrigens ist mittlerweile garnicht mehr ängstlich, sondern wird immer mehr zu einem selbstbewussten Kleinkind, das genau weiß, was es will und was nicht und das auch sehr empathisch und liebevoll mit anderen Personen und Lebewesen umgeht...

 

Eine tolle und kritische Auseinandersetzung mit dem o.g. Artikel findet ihr übrigens bei dem Blog "Das gewünschteste Wunschkind"

... und eine geniale Satire findet ihr bei "Andrea Harmonika"

 

 

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