Ausgegrenzt als Mama mit High Need Baby

Nachdem ich Esme's Artikel über High Need und Stigmatisierung gelesen habe, fielen mir so viele Situationen ein, in denen ich mich stigmatisiert fühlte. Und zwar völlig ohne, dass ich das Label High Need verwendet hatte, das ich noch gar nicht kannte zu dem Zeitpunkt. Ich möchte euch heute erzählen, wieso ich überhaupt zum Bloggen kam - denn niemand verstand mich so wirklich. Als Mama mit einem Kind, das eben nicht alles easy mitmacht, ist man immer der Outsider.
 
 
 

Frischgebackene Mama - das Chaos stürzte über mir zusammen

Ich hatte es ja auch in dem Artikel über die 12 Kriterien für High Need Kinder nach Dr. Sears erzählt: ich war eigentlich die meiste Zeit ziemlich überfordert damit, das Leben eines Babys zu führen. Ich konnte nichts mehr machen, denn ich hatte ein Baby auf dem Arm, dessen Bedürfnisse gestillt werden mussten (im wahrsten Sinne des Wortes). Eigentlich hing sie mir die meiste Zeit des Tages am Busen, und wenn ich auf die Idee kam, sie irgendwo abzulegen - zum Beispiel den liebevoll drapierten Stubenwagen oder die süße flauschige Babydecke - dann gab es sofort Protestgeschrei. Peanut wollte nur auf Mama oder Papa sein. Tags und nachts.
 
Dazu kam, dass sie wirklich einen grauenhaften Schlafrhythmus hatte - sagt man das so, Clusterschlafen? Sie schlief immer mal wieder kurz und war dann länger wach. Schlafen, wenn das Baby schläft, war echt ein Ratschlag, der mir eher wie ein Mittelfinger erschien. Ich war sozusagen out of order. Völlig übermüdet, umnachtet, voller Schmerzen (Brust, après Geburt, Rücken!!!) versuchte ich alles, um den Tag irgendwie zu meistern.
 
Peanut war von allem überreizt. Kam kurzer Besuch, schlief sie zwar, aber danach schrie sie den Rest des Tages und war auch kaum zu beruhigen für den Nachtschlaf. Ähnliches, wenn wir unterwegs mit ihr waren. Den Rückbildungskurs besuchte ich tapfer und wanderte auch da mit weinendem Baby umher. Autofahren war eine Qual, mein Baby krümmte sich im Sitz zusammen und brüllte wie am Spieß - nicht nur so ein Weinen, sondern ein Gebrüll, das durch Mark und Bein geht und den Eltern signalisiert: ich sterbe gleich, rette mich! Im ersten Lebensjahr wachte sie auch meist nachts so auf, dass sie von jetzt auf gleich schrie, dass ich Herzrasen bekam und aufsprang - ich nannte es Fliegeralarm. 
 

Überleben heißt die Devise. Nicht Forderungen erfüllen

Könnt ihr euch ansatzweise vorstellen, wie mein Tag und mein Zustand waren? Irgendwann, da war Peanut drei Monate, kam ich erst auf die Idee, es mal mit einer Tragehilfe zu probieren. (Vorher waren meine Arme die Tragehilfe.) Dann verbrachte ich mit Peanut vor dem Bauch den ganzen Tag und die halbe Nacht. Immer in Bewegung. Ich weiß noch, wie ich einmal tränenüberströmt mit meinen Eltern skypte, den Laptop auf einen hohen Tisch gestellt (Telefonieren war mir zu anstrengend), damit ich währenddessen auf und ab wippen konnte. Ich war einfach nur am Ende mit den Nerven. Mein Rücken brach gefühlt durch, und trotzdem musste ich dann nachts auch immer wieder raus, Kind stundenlang herumtragen. 
 
Warum ich das so ausführlich beschrieben habe? Um euch den Kontrast zu den anderen Baby Mamas und den Forderungen des Umfelds zu verdeutlichen. Als High Need Mama ist man in einer ganz anderen Welt. Man ist froh, wenn man den Tag überlebt. Und dann trifft man sich zum Beispiel mit dem ehemaligen Schwangerschaftskurs, alle sitzen da, selig lächelnd mit ihren Babys, teilweise schlafen die Kleinen im Maxi Cosi, während die Mamas lässig frühstücken. Und ich, wippend mit Peanut vor dem Bauch, schiele neidisch auf Kaffee und Brötchen. Und noch neidischer auf die ausgeschlafenen, zufriedenen Mamagesichter, die so strahlen, wie ich auch gern strahlen würde. Denn glücklich über mein Baby bin ich ja. Aber ich habe einfach keine Kraft mehr. 
 
Nie vergessen werde ich auch meinen ersten Babymassage Kurs. Peanut war 4 Monate alt, die anderen Babys gerade mal 4 Wochen. Peanut ließ sich gerade mal kurz ablegen, voll der Fortschritt. Ich fand es ganz süß, sie zu massieren, aber sie brüllte sofort los und ließ sich nicht mehr beruhigen, wenn eines der Babys weinte. Und dann verbrachte ich den Rest des Kurses auf dem Flur. Irgendwann rief mich die Leiterin mal zuhause an und meinte, mir mit ihren Ratschlägen helfen zu können. Ich solle sie auch mal weinen lassen, nicht immer nur hoch nehmen und raus gehen. Ich habe offenbar ein Problem, und sie würde mich gern coachen, sie sei in einer Marte Meo Ausbildung und würde mich gern als Fallstudie nehmen. Es würde mich auch nichts kosten. Sie würde mich dabei filmen, wie sie mich coacht, es mit meinem Baby besser zu machen. BÄM! Ohne Worte.
 
Leider hatten auch viele andere kein Verständnis für mich. Nicht ganz so nahe Verwandte waren tiefenbeleidigt, weil wir nicht stundenlang mit dem Auto herumgurken wollten, um das Baby zu zeigen. (Auch nicht, als das Baby ein Kleinkind war und immer noch brüllte, als würde man es gerade foltern.) Wir würden es den anderen doch schulden. Man selbst habe auch schreiende Kinder gehabt, das müsse man halt mal durchziehen. Oder in jeder Krabbelgruppe, in der ich war, war ich diejenige, die ihr Baby / Kleinkind verängstigt auf dem Schoß hatte, während die anderen zufrieden durcheinander krabbelten und spielten. Die anderen schauten mich an, als stimme etwas mit mir nicht, und redeten kaum mit mir. Ich war komisch, mein Kind war komisch. Mir war oft zum Heulen zumute.
 
Irgendwann begann ich, zu bloggen. Über mein chaotisches Mamadasein. Und dann fand ich heraus, dass es andere Babys und Kinder gibt, die genauso sind. Dass es nicht meine Schuld ist, weil ich alles falsch mache. Dass es sowas wie Attachment Parenting gibt. Und dass es High Need Kinder gibt. Ich traf großartige Menschen wie Mo und Karl, die mich einfach besuchten und wir verstanden uns sofort. Nicht nur wegen der gemeinsamen Erfahrungen, sondern, weil wir keine Forderungen aneinander hatten. Wenn wir uns trafen, war es völlig ok, dass die eine Familie länger bleibt, die andere schon geht, weil es zu viel für das Kind war. Und so weiter. Das tat so gut, es heilte so viel. Und auch die Rückmeldungen von anderen Etern, virtuell, heilte so viel. Und manchmal bekomme ich eine Mail, in der steht, dass jemand so froh ist, zu lesen, was ich geschrieben habe. Weil sie sich ausgegrenzt und unverstanden fühlen. Da schließt sich dann der Kreis wieder.
 
Und was ist die eigentiche Botschaft dieses Artikels? Lasst euch nicht fertig machen! Ihr gebt euer Bestes, und alle anderen können nicht beurteilen, was ihr leistet und was eure Familie braucht. Sucht euch Leute, die euch verstehen, zur Not virtuell - denn daraus kann auch eine echte Freundschaft entstehen.
 
Love & Peace,
 
eure Frida
 
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