Stigmatisiere ich mein Kind, wenn ich sage es sei High Need?

Seinem Kind ein Label aufzupressen, bedeutet es zu stigmatisieren? Es gibt immer wieder Menschen, die Probleme mit Labeln haben. Aber ich muss hier grundsätzlich erstmal festhalten, dass eine Benennung oder Kategorisierung nicht automatisch zu einer Stigmatisierung führt.
 
 
 
 
Stigmatisierung bedeutet, dass eine Gesellschaft eine bestimmte Eigenschaft nutzt, um darüber weitere Eigenschaften zuzuschreiben und dieses Gedankengebilde ist dann die Legitimation, um die betroffenen Menschen auszuschließen. Deswegen sagt die Fachwelt auch, dass ein Stigma eine Zuschreibung ist mit sozial exkludierenden Folgen.
 
Exkurs
Ein Beispiel für stigmatisierende Argumentation, das ich wegen seiner Häufigkeit, Aktualität und der Dringlichkeit, sie zu entlarven, hier erwähne: „Schwarze Menschen sind impulsiv, animalisch, gefährlich, oft kriminell, weniger intelligent und deshalb ist es nur natürlich, dass sie an den Rand unserer Gesellschaft gedrängt werden und kaum Teilhabe haben. Ihnen fehlen die Fähigkeiten, außerdem müssen die unschuldigen Weißen vor ihnen geschützt werden! Aber dafür können sie ganz toll singen und tanzen.“
 
Wie ihr seht, wird da eine durchaus wahrnehmbare Differenz in der Hautfarbe dazu genutzt wie in einen Eimer lauter weitere Eigenschaften hineinzuschütten, die überhaupt nichts mit schwarzen Menschen zu tun haben, aber als Ursache dafür herhalten müssen, dass die Stigmatisierten eingekerkert und in Slums verdrängt werden.
Außerdem werden die eigentlich rein zugeschriebenen Eigenschaften so zu einem Stereotyp, das immensen Druck auf die Stigmatisierten ausübt. Es gibt viele Beschreibungen, wie schwer es ist, sich gegen solche Zuschreibungen zu wehren, beispielsweise bei Kübra Gümüsay in diesem Interview mit dem Deutschlandfunk.
 
Wenn wir jetzt so tun, als würde die Hautfarbe gar nicht existieren, dann ist das ein völlig verfehlter Versuch die Stigmatisierung zu beheben. Wir tabuisieren damit vielmehr die Diskussion über das Stigma und machen es den Betroffenen so noch schwerer, sich gegen die Zuschreibungen zu wehren. Rassismus ist natürlich viel, viel mehr als Stigmatisierung und ich könnte Beispiele von weiteren sehr stark stigmatisierten Gruppen ergänzen, wie behinderten Menschen, Alleinerziehende, kranken Menschen, dicken Menschen, etc. Es gibt zu diesem Thema einen sehr aufschlussreichen Blogpost von Raul Krauthausen, der dieses Argumentationsprinzip sehr verständlich entlarvt.
 
Exkurs Ende
 
Eltern von Kindern, die nicht in die von der breiten Gesellschaft als akzeptierte Norm passen, werden allenthalben ausgeschlossen. Das geht schwarzen Eltern mit ihren schwarzen Kindern so. Das geht Eltern von behinderten Kindern so, und dass geht auch Eltern von High Need Kindern so.
 
Die viele Zuwendung, die High Need Kinder brauchen, stört die gewohnten Abläufe und deshalb möchten sich jene, die nicht betroffen sind, damit nicht auseinander setzen. Sie möchten von den Problemen und sogar von den Gedanken daran, dass diese Probleme existieren, verschont werden. Und die soziale Aufgabe des „Geschont werdens“ sollen bitteschön diejenigen Personen übernehmen, die vom Stigma betroffen sind.
 
Ein selbstgewähltes Label ist kein Stigma, denn das Stigma wird von der Gesellschaft zugeschrieben und nicht vom betroffenen Individuum. Selbstverständlich benennen die Eltern damit ihr Kind, womit eben ein gewisses Machtgefälle vorliegt. Jedoch ist High Need ja nun ein Phänomen, das vornehmlich in den ersten Lebensjahren von Kindern auftritt, in einer Zeit, da sie selbst das Benennen und Kategorisieren erst erlernen. Dennoch sind die Kinder und auch ihre Eltern betroffen von dem Stigma, das die Andersartigkeit des Kindes nach sich zieht. Eben weil andere Eltern sie stigmatisieren, egal ob es dafür ein Label gibt, oder nicht.
 
Betroffene haben ganz verschiedene Bedürfnisse bezüglich der Benennung ihrer Stigmatisierung. Manche empfinden Label als Last, anderen bringen sie große Erleichterung. Niemand hat den Betroffenen gegenüber Definitionsmacht darüber, ob und welches Label sie verwenden dürfen.
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Es tut mir leid Baby

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