Lotta - Vom Schreibaby zum High Need Kleinkind

Meine Tochter Lotta kam an einem warmen, nicht zu heißen Sommernachmittag 2015 in der Geborgenheit eines Geburtshauses zur Welt. In der Nacht war die Fruchtblase geplatzt und da ich noch keine Wehen hatte, vereinbarte unsere sehr entspannte Hebamme mit uns ein Treffen am nächsten Mittag im Geburtshaus. Die Geburt verlief entspannt und ohne jede Hektik und ich hatte das Glück, meine kleine Tochter nach wenigen Stunden in den Armen zu halten. So schön und sorgenfrei wie dieser Tag verlief, stellten wir uns auch das erste Lebensjahr mit diesem wunderbaren kleinen Wesen vor.
 
 
 

 

Doch alles sollte ganz anders kommen...

Ich verlor viel Blut, zu viel und plötzlich wurde alles ganz hektisch. Schließlich wurde ich ins Krankenhaus gebracht und sofort operiert, die Plazenta hatte sich nicht vollständig gelöst und ich hatte ungefähr 2 Liter Blut verloren. Während ich operiert wurde, wartete der Papa mit Lotta im Flur und schließlich sollte er nach Hause fahren und unsere kleine Maus musste die erste Nacht ihres Lebens, übrigens eine heftige Gewitternacht, ganz alleine auf der Säuglingsstation verbringen. Wir verbrachten eine Woche voller Bluttransfusionen und Infusionen im Krankenhaus, ich pumpte und pumpte in der Hoffnung, irgendwann Milch zu bekommen. Aufstehen durfte ich nicht, Lotta wurde fast rund um die Uhr von meinem Mann betreut und schlief auch auf seinem Bauch.
 
Schließlich durften wir nach Hause und endlich kam auch meine Milch, sodass ich Lotta doch noch stillen konnte. Ganz langsam erholte ich mich und je besser es mir ging, desto unruhiger wurde Lotta. Plötzlich schlief sie nicht mehr einfach ein, sie schrie viel und kam schlecht zur Ruhe. Ablegen ließ sie sich kaum mehr. Die Hebamme empfahl uns, ein Tragetuch zu kaufen und so trugen wir Lotta tagsüber und oft auch nachts. Lotta schlief nur, wenn wir uns mit ihr im Tuch bewegten, kaum stand oder saß man ein paar Minuten bewegungslos, wachte sie auf und schrie. Wir waren ratlos, die Hebamme riet uns abzuwarten und der Kinderarzt tat es mit den üblichen Dreimonatskoliken ab.
 
 

Nach einem Monat endete die Elternzeit meines Mannes und ich war plötzlich allein mit Lotta.

Ich las viel über Schreibabys, ging stundenlang mit Lotta im Tuch spazieren. Den Kinderwagen hatte sie nie wirklich akzeptiert und nach mehreren erfolglosen Versuchen haben wir das Ganze auch abgebrochen. Je verzweifelter wir wurden, desto mehr gutgemeinte Tipps erhielten wir von Freunden und Verwandten: Kein einziger hat geholfen. Abstillen, noch mehr stillen, tragen, pucken, Osteopath aufsuchen, im Kinderwagen ruckeln, auf den Bauch legen zum Schlafen, wärmer anziehen, kühler anziehen... Jeder wusste ganz genau, warum Lotta schrie und wie man es “abstellen” konnte.
 
Nach drei Monaten waren wir körperlich und nervlich völlig am Ende. Ohropax war unser täglicher Begleiter, anders hätten wir das fast durchgehende Geschrei kaum ertragen. Familiäre Unterstützung hatten wir keine und wenn Besuch kam, schrie Lotta nur. Einkaufen war unmöglich mit ihr, eigentlich alles, was damit zu tun hatte, das Haus zu verlassen, um etwas anderes zu tun, als in ruhiger Umgebung spazieren zu gehen. Entspannt war Lotta nur im Tuch oder wenn ich sie stillte und so verbrachte sie einen Großteil des Tages an der Brust.
 
 

Schließlich bekamen wir einen Termin in der Schreibabysprechstunde und bei Lotta wurde eine “schwere frühkindliche Regulationsstörung” diagnostiziert.

Sie war offenbar ständig reizüberflutet. Da es trotz zahlreicher Hilfestellungen zu keiner Besserung kam, wurden wir für einen Monat stationär dort aufgenommen und Lotta “lernte” dort das Schlafen. Sie wurde gepuckt in ein Bettchen gelegt und wir legten nur die Hand auf ihren Bauch, rüttelten oder trugen sie aber nicht mehr. Das Ganze war natürlich zunächst mit sehr sehr viel Geschrei verbunden, aber schließlich gewöhnte sie sich einigermaßen daran und wenn sie erstmal eingeschlafen war, schlief sie ruhiger und länger als zuvor. Wir schafften es auch, sie an den Kinderwagen zu gewöhnen. Sie schlief nun auch darin. Wach mochte sie allerdings weiterhin nicht gerne darin liegen und so trugen wir sie immer noch viel.
 
Die folgenden Monate waren extrem anstrengend: Lotta vertrug immer noch wenig Reize. Wir verreisten nur wenig mit ihr, denn Autofahren hasste sie schon immer. Die Familie redete das Ganze klein, Lotta sei nur langweilig, wir müssten sie mehr “bespaßen”. Für eine Weile bekam ich Unterstützung durch eine Haushaltshilfe, um mich selbst ein bisschen zu erholen.
 
 

Kurz vor Weihnachten schlief Lotta nach dem Stillen plötzlich zwischen uns im Bett ein, ganz friedlich und ohne eine Träne.

Was für eine unendliche Erleichterung! Ab diesem Tag ließen wir sie immer bei uns im Elternbett einschlafen und legten sie nachts in ihr eigenes Bettchen. Tagsüber war Lotta oft unzufrieden, sie schrie immer noch viel - aus Frust. Der Oball lag zu weit weg, das Robben klappte nicht so, wie sie es sich vorstellte. Um nicht die ganze Zeit mit Lotta zu Hause verbringen zu müssen, begann ich, Mutter-Kind-Kurse mit ihr zu besuchen. Anfangs war Lotta oft noch überfordert und ich musste alles genau timen: So sollte Lotta auf dem Hinweg im Kinderwagen schlafen, um die Kursdauer von anderthalb Stunden gut überstehen zu können. Auf dem Rückweg schlief sie dann auch wieder.
 
Als Lotta 10 Monate alt war, zogen wir in die Heimatstadt meines Mannes und hatten seitdem auch familiäre Unterstützung. Lotta verbrachte am Wochenende oft einige Stunden bei Oma und Opa, was von Anfang an super funktionierte. Mein Mann und kamen endlich ein zur Ruhe. Je älter Lotta wurde und je weniger Schläfchen sie tagsüber machte, desto entspannter wurde es für uns. Lotta fing kurz vor ihrem ersten Geburtstag an zu sprechen und lief mit 13 Monaten frei.
 
 
 

Seit Herbst arbeite ich wieder für 20 Stunden pro Woche und Lotta geht zu einer Tagesmutter.

Mir tut es gut, nach dieser wahnsinnig anstrengenden Zeit wieder etwas anderes zu tun und Lotta spielt gerne mit den anderen Kindern bei der Tagesmutter. Sie ist sehr interessiert an Menschen und extrem kontaktfreudig. Heute, mit 17 Monaten redet sie Zwei- und Dreiwortsätze und fühlt sich am wohlsten, wenn viel los ist. Sie geht offen auf Besuch zu und bei großen Familientreffen lacht sie viel und genießt die Aufmerksamkeit. Oma und Opa sagen immer, Lotta sei ein richtiges “Rudeltier”.
 
Wenn ich Lotta von der Tagesmutter abhole, ist sie oft sehr unzufrieden. Sie ist immer noch sehr fordernd und schreit viel, wenn ich etwas im Haushalt mache, oder sie in den Kinderwagen muss. Sie ist sehr temperamentvoll und hat eine niedrige Frustrationstoleranz. Andererseits liebt sie es, auf meinem Schoß zu sitzen und könnte dort stundenlang Bilderbücher anschauen. Sie tanzt und “singt” gerne und genießt es, wenn man mit ihr Kniereiter macht. Lotta sagt inzwischen selber, wenn sie müde ist und in die “Heia” will und lässt sich dann in der Regel gut ins eigene Bett bringen. Durchschlafen ist allerdings immer noch ein Fremdwort.
 
Lotta ist jetzt fast anderthalb Jahre und ich muss ehrlich sagen, dass vor allem ihr erstes Lebensjahr das schwerste in meinem Leben war und Lottas und meine Beziehung immer noch durch die lange Schreizeit sehr belastet ist. Ich hadere oft mit der Situation und wünsche mir manchmal, einfach ein ganz “normales” Kind zu haben, dass auch mal 5 Minuten alleine spielt und nicht jedes mal nach gefühlten 3 Sekunden einen Wutanfall im Kinderwagen oder Autositz bekommt. Ich bin gespannt, wie sich Lotta in den nächsten Jahren entwickeln wird, ob sie so fordernd bleibt oder ob es mit dem Alter besser wird.
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