Ich bin Jenny und 28 Jahre alt, verheiratet und Mama von zwei High-Need-Jungs

Alles war perfekt geplant, sogar der Geburtsmonat sorgfältig ausgesucht, aber niemand hat mir erzählt, was die ersten Monate auf mich zukommen wird. Dabei hätte mir in der Schwangerschaft schon auffallen müssen, dass diese Geschichten doch alle einen Haken haben. Wo war meine rosarote Brille? Sollte ich nicht auf Wolken schweben? Stattdessen nur Übelkeit und Stress und andere Wehwehchen.
 
 
 
 

Der kleine Mann kam natürlich dann auch erst mal zwei Tage zu spät.

Gut, muss er vom Vater haben. Ich hasse schließlich Unpünktlichkeit. Die Geburt war alles in allem völlig in Ordnung. Keine Schmerzmittel, keine großen Verletzungen, Kind wohlauf.
Ich habe in einem stillfreundlichen Krankenhaus entbunden, bedeutet:  Es gibt kein Kinderzimmer, die Kinder bleiben im Beistellbett bei der Mutter im Zimmer. Im Nachhinein betrachtet fing es genau dort schon an. Man fragte mich, nachdem wir aus dem Kreißsaal kamen, Baby gestillt und glücklich, wo ich den Schatz denn haben wollte, weiter bei mir zum Kuscheln oder im Bettchen.
 
Da ich sehr fertig von der Geburt war und natürlich Angst hatte, dass ich ihn im Schlaf verletzten könnte, bat ich darum, ihn ins Bettchen zu legen. Aber der Kopf hatte das Bett noch nicht berührt, und schon war er wach. Gut, er verbrachte die Nächte (und auch die Tage) also auf Mamas Brust. Drei Tage blieben wir und alles klappte wunderbar, nur fiel uns auf, dass er den Kopf stets zur einen Seite legte und auch nicht so ganz gerne an der rechten Brust trank. Wir sollten dies aber zunächst beobachten.
 
 

Die erste Nacht zu Hause war dann der reinste Alptraum.

Ich bekam Milcheinschuss und meine in natura eh schon nicht wirklich kleinen Brüste explodierten. Ich sollte diese riesengroßen prallgefüllten Dinger auch noch irgendwie ins Kind bekommen, das keine Sekunde still hielt. Äh? Irgendwie hatte ich mehrere Hände zu wenig. Der Kleine schrie von 21 bis 2 Uhr durch. Ich wusste überhaupt nicht, was er wollte. Er dockte an, zog zweimal, ging ab von der Brust, schrie, wieder dran und von vorne. Ich lief, sang, schaukelte ihn, nichts half. Damals hatte ich natürlich auch keinen Schnuller im Haus, da wir „sowas“ gar nicht einführen wollten. Haha.
 
Die Hebamme kam am nächsten Tag, und ich erzählte ihr von dieser furchtbar schlimmen Nacht, die mich an allem zweifeln ließ. Sie meinte, Kinder schreien halt, bloß keinen Schnuller. Das war irgendwie nicht, was ich mir erhofft hatte. Ich machte also einfach weiter, es war ja scheinbar alles ganz normal. Stillte nach Bedarf, das heißt, ich saß einfach die ersten vier Monate komplett oben ohne da. Einen Takt, von dem scheinbar die ganze Welt natürlicherweise profitierte, gab es nämlich nicht. Mal zehn Minuten, mal 40 Minuten.
 
Nachts kamen wir sogar mal auf  zwei Stunden. Nicht sonderlich hilfreich war dabei allerdings, dass er nach jeder Mahlzeit sofort alles wieder in die Windel entlud. Also wieder Stillen oder Tragen. Schlafen klappte eh nur mit Stillen oder Tragen (leider waren wir bis zum achten Monat zu doof, uns ein Tragetuch zu besorgen). Blieb ich mit ihm sitzen, schlief er bis zu drei Stunden, musste ich auf Toilette, hatte ich verloren.
 
 

Prinzipiell sah ich das Bad nicht mehr all zu häufig.

Regelmäßig musste ich meine Duschgänge abbrechen, weil Sohnemann just in dem Moment, in dem ich mich eingeseift hatte, den Hungertod erlitt. Richtig besser wurde es erst mit vier Monaten. Nach Osteopathie wegen des Verdachts auf Kiss -Syndrom und natürlich Koliken. Ich weiß nicht, ob er  als Schreikind diagnostiziert würde, aber für mich war es so. Häufig genug sind wir nachts gelaufen, mit Kinderwagen um vier Uhr früh um den Block, weil gar nichts mehr ging. Im Nachhinein betrachtet habe ich das Gefühl, dass er nie richtig zufrieden, satt und glücklich war. Er war von  Anfang an sehr schreckhaft und weinte häufig bei lauten Geräuschen, und noch heute vermeidet er Situationen mit z.B. Baustellenwerkzeugen. Auch das Schreien seines Bruders kann er stellenweise nur sehr schlecht ertragen.
 

 

Gegessen hat er dann mit sechseinhalb  Monaten

(die ersten Zähne hatte er mit 5) das erste Mal. So lange habe ich voll gestillt. Insgesamt dann auch nur ein Jahr, weil es ab da dann auch richtig schmeckte. Mit einem  Jahr schlief er dann im eigenen Zimmer. Mama musste immer noch lange kuscheln oder tragen, singen etc., bis er schlief, und er wurde natürlich nachts noch häufig wach. Wann er richtig durchschlief, kann ich nicht sagen, da er heute mit drei immer noch ein paar Mal die Woche zu uns ins Bett kommt. Ich glaube mit eineinhalb Jahren haben wir uns den ersten freien Abend gegönnt. Also so von 20 bis 23 Uhr.
 
 

Gelaufen ist er erst mit 18 Monaten.

Dafür aber sofort perfekt und ohne hinfallen. Gesprochen hat er erst nach dem zweiten Geburtstag. Dafür hatte er aber motorisch schon einiges drauf. Er ist sehr interessiert an Farben, Formen, Buchstaben und Zahlen, so wie aktuell an der Uhr. Er kann mit seinen dreieinhalb Jahren seinen Namen, Mama, Papa und den Namen seines Bruders auswendig schreiben und alles andere, wenn man es ihm diktiert. Zurzeit weiß ich auch eigentlich gar nicht, was ich ihm noch beibringen soll, zumal er jetzt auch noch in den Kindergarten geht.
 
 

Ach ja, der Kiga.

Mittagsschlaf macht er, seit er eineinhalb ist, nicht mehr, und ich hatte ein bisschen gehofft, dass er durch den Kiga wieder das Bedürfnis hat, aber nein. Dafür war die erste Zeit dort schwierig. Also prinzipiell hat er kein Problem, sich auf andere (Erwachsene) einzulassen. Er hat nie gefremdelt und war auch im Kindergarten sehr begeistert. Er fragte viel und musste alles anfassen und ausprobieren und war insofern einfach von den ganzen Eindrücken erschlagen! Am nächsten Morgen klagte er dann auch prompt über Bauchschmerzen. Kiga war ab da die Hölle. Mit sehr viel Feingefühl und der ewigen Option, da zu bleiben bzw. ihn wieder mitzunehmen, haben wir es geschafft, dass er gerne geht. Seine Beziehungen in der Gruppe beschränken sich allerdings ausschließlich auf ein Kind und die Erzieher.
 

 

Was mir noch aufgefallen ist, ist die Dusch-Situation.

Noch heute ist es fast unmöglich, ihm die Haare zu waschen. Eine Zeit lang schrie er, als würden wir ihn mit heißer Lava waschen (im Allgemeinen gibt es nur heiß und kalt, und nichts dazwischen. Essen wird ausschließlich kalt zu sich genommen, Hände waschen etc. alles mit kaltem Wasser). Auch Haare schneiden war bis vor kurzem nicht möglich. Prinzipiell ist es einfach so, dass man ihn zu nichts zwingen kann. Schnuller, trocken werden, alles ging nach seinem Tempo oder halt eben gar nicht.
 
 

Und jetzt haben wir Nummer zwei.

Mein Mann und ich hatten ein wirklich ernstes Gespräch geführt, da wir damals echt sehr an unsere Grenzen kamen, aber wir haben beschlossen, schlimmer geht nimmer. Naja, die Schwangerschaft war noch schlimmer. Zur Übelkeit kamen noch Schambein- und Steißbeinschmerzen. Mein Mann musste viel arbeiten, und der Große hatte wenig von Mama, war aber sehr verständnisvoll. Leider haben wir auch so gut wie gar kein soziales Netz, aber es klappt ja immer irgendwie.
 
Also, Sohn Nummer zwei kam sechs Tage zu spät, wir waren es ja schon gewohnt. Beistellbett hätte man sich sparen können. Er schlief nur auf oder neben Mama. Auch hier wieder: Stillen nach Bedarf, kein Takt, tragen, tragen, tragen (diesmal aber im Tuch, man lernt ja dazu). Wieder Verdacht auf Koliken, wieder erste Zähne mit  fünf Monaten.
 
Mittlerweile  ist er sechs Monate alt und ziemlich fit, fordert aber immer noch einiges. Wir stillen immer noch voll und nachts alle zwei Stunden. Essen möchte er nicht. Spielzeug wird ihm schnell langweilig. Je später es wird, desto  weniger darf ich mich von ihm entfernen bzw. die Augen abwenden. Gott sei Dank macht sich Nummer eins gerne zum Hampelmann und kümmert sich sehr aufopferungsvoll um ihn.
 

 

Die Einschlafsituation empfinde ich bei ihm als schwieriger.

Er kann überhaupt keine Reize abstellen. Er ist noch nicht einmal beim Stillen eingeschlafen, außer nachts. Soll er schlafen, braucht er es dunkel, ich trage ihn und halte den Schnuller fest, da er diesen sonst ausspuckt. Er wehrt sich (prinzipiell ist das ganze Kind, vor allem die Beine, den ganzen Tag in Bewegung), wirft sich nach hinten, aber ich befürchte, er würde sonst überhaupt nicht schlafen. Ich denke, zweimal 45 Minuten am Tag sind nicht wirklich viel für so einen kleinen Wurm, zumal der Große scheinbar echt ein Problem damit hat, wenn der Kleine schläft und dann mächtig Krach macht.
 

Autofahren ist bei Nummer zwei übrigens auch eine sehr lange Zeit mehr als unmöglich gewesen. Leider musste er aber morgens mit zum Kiga. Jeden morgen zehn Minuten lang Geschrei. Man fährt nicht eine Sekunde länger, als man muss, und nimmt auch mal Fußwege in Kauf, die man selbst für Geld eigentlich nicht laufen wollte.

Insgesamt klappt es aber prima mit den beiden, und Nummer 2 ist auch ein großer Strahlemann.


Der Mann hat seit der Geburt ein eigenes Zimmer.

Der Kiwa ist eingestaubt, da wir nur das Tuch benutzen. Der Haushalt kommt mehr als zu kurz, und ja, es ist manchmal dreckig, aber die Kinder gehen vor. Ich habe mich nach zehn Jahren von meinen 1,10 Meter langen Haaren getrennt und radikal auf kurze Haare umgestellt, einfach, weil ich keine Zeit fürs Kämmen opfern will.

Ich liebe nichts mehr als meinen Schlaf, aber der kommt bestimmt irgendwann auch wieder. Ich schaffe es manchmal nur, alle vier Tage zu duschen, weil ich sonst schreiende Kinder und dadurch eine noch schlechter gelaunte Mutter riskieren würde. Zudem habe ich noch so bescheuerte Ansprüche wie wenig fernsehen und frisch gekochtes Essen. Und ja, ich bin so verrückt und will ein drittes Kind nicht ausschließen (der Mann allerdings schon), einfach auch, weil ich sehe, was für ein wunderbarer großer Bruder mein ältester ist.
 
Mein Mann meint übrigens, dass unsere Kinder nicht anders sind als alle anderen, sondern dass wir einfach nur zulassen, dass sie ihre Bedürfnisse erfüllt bekommen, sie quasi verwöhnen. Wenn ich ihm dann aufzeige, dass es ihm nicht mal möglich ist, den Kleinen in den Schlaf zu bekommen, meint er, dass das schon irgendwann, irgendwie gehen würde, wenn es müsste. Vielleicht hat er auch etwas recht, denn oft denke ich mir, welches Kind ist hier eigentlich nicht normal? Das, welches ganz doll seine Mama braucht, oder das, welches nach dem Stillen sofort weggelegt werden will und dann Mobile-guckend einschläft.
 
 

High-need-Kinder verlangen viel, aber sie verlangen auch nur, was ihnen zusteht.

Der Große ist seit der Schwangerschaft sehr auf Papa fixiert und mir fehlt das Kuscheln mit ihm sehr. Ich genieße es wirklich sehr, den Kleinen Tag und Nacht bei mir zu haben. Einfach weil es mir richtig erscheint und es das gute Recht des Kindes ist.
Wir verwöhnen unsere Kinder nicht, wir machen nichts falsch, wenn wir auf ihre Bedürfnisse eingehen. Vielleicht sind Eltern von High-need-Kindern einfach nur extrem sensibel, so dass es ihnen gar nicht möglich ist, die Bedürfnisse des Kindes zu ignorieren, es schreien zu lassen, oder es auf irgendein Programm trimmen zu wollen. Vielleicht geben wir unseren Kindern einfach die Chance so geborgen und sicher aufzuwachsen, wie die Natur es vorgesehen hat.
 
Ja sie verlangen viel, aber was sie verlangen ist LIEBE, und wer will ihnen diese nicht gewähren.
 
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