Rike hat eine hochsensible Tochter, der sie mehr "Ungehorsam" wünschen würde

Ich bin Rike, 30 Jahre alt, verheiratet seit 2012. Wir haben zwei Kinder, unsere Tochter J. (geb. Januar 2014) und unseren Sohn N.(geb. August 2016). Das Kind, um das es mir hier geht ist meine Tochter.
 
 
 
 

Wie war die Babyzeit mit deinem Kind? Welche Besonderheiten gab es im Vergleich zu anderen Babys? Was empfandest du besonders schwierig?

J. war eigentlich ein ausgeglichenes Baby. Aber nur unter der Voraussetzung, dass wir uns ihren Bedürfnissen angepasst haben. Das hieß viel Tragen, Nähe, Ruhe. Vertraute Umgebung (Urlaub mit 9 Monaten war der Horror, den haben wir abgebrochen), vertraute Menschen. Sie ließ sich kaum von anderen halten und hat sich in ungewohnter Umgebung entweder in Rage geschrien oder weggeschlafen. Was ging, waren Babykurse. Wenn wir ein paar mal da waren war es ihr irgendwann vertraut und sie wurde entspannter. 
Abends hatte sie ihre Schreistunden und brauchte viel Nähe, um den Tag zu verarbeiten, aber war sonst fröhlich.
 
Sie hatte eine sogenannte Gedeihstörung, stillen klappte nicht, weil sie ohnehin nicht trinken wollte und mit Arbeit verbunden dann erst recht nicht. Die Flasche gaben wir ihr am besten in Ruhe und auch nur mein Mann oder ich. Sie war nie eine besonders begeisterte Esserin und das ist sie auch bis heute nicht.
 
Schlafen ging bei ihr einigermaßen. Die ersten drei Monate schlief sie nur auf der Brust meines Mannes oder im Tuch, es wurde aber besser. Schwieriger wurde es erst wieder ab dem ersten Geburtstag, da lag J. wegen eines Unfalls für eine Woche im Krankenhaus und seitdem schläft sie nicht mehr durch und auch schwer ein.
 
Ich glaube nicht, dass J. ein Schreibaby war, auch wenn die allgemeine Definition auf sie zutrifft. Sie reagierte einfach sehr empfindlich auf äußere Reize und musste ihre Eindrücke wieder loswerden. Eine Regulationsstörung hatte sie denk ich schon.
 
Die wirklich anstrengende Phase dauerte nur die ersten drei Monate, danach kam es immer wieder auf. Wir haben sie viel getragen, ihr viel Ruhe gegeben und respektiert, wenn sie nicht zu jemandem wollte. Auch, wenn das für ihren Großvater bspw. sehr schwierig zu akzeptieren war.
 
Tatsächlich würde ich sie dennoch als freundliches, fröhliches Baby bezeichnen. Sie hatte halt ganz wenige Bezugspersonen, bei denen sie sich wohl fühlte, aber mit denen hatte sie dann viel Spaß. Vom Temperament her war sie eher ruhig, kein wildes Kind. Sie tat sich selten weh und probierte ungern Dinge aus, die sie nicht konnte. 
Ihre engsten Bezugspersonen waren mein Mann, ich und meine Schwester.
 
Sie war schnell überreizt, sehr sensibel. Wenn die Stimmung nicht gut oder angespannt war merkte sie es sofort und auch wenn wir mit Leuten in Kontakt waren, mit denen wir unterschwellig Konflikte hatten, merkte sie das sofort.
 
Etwas mit ihr zu unternehmen war oft schwierig und auch Besuch reizte sie sehr, so dass wir die Abende bei Freunden oft abbrechen mussten, weil sie so brüllte. Zudem schlief bzw. schläft sie nicht woanders, was sie als Baby natürlich zusätzlich reizbar machte und auch heute manchmal schwierig für uns ist.
 
Mein Umfeld hat eigentlich positiv auf J. reagiert, weil sie sehr niedlich und „lieb“ war. Unverständnis kam nur auf, wenn sie genug hatte und sich eingebrüllt hat. Als Baby haben wir das aber oft mit Zahnen, Müdigkeit oder Fremdeln erklärt und das haben fast alle verstanden. Nervig fanden es Freunde und Familie, dass sie nicht woanders schlief und wir daher immer früh fahren mussten bzw. sie kommen mussten. Da ernteten wir oft Unverständnis, „Babys schlafen überall“.
 
Am Anstrengendsten für mich waren die Schreiabende und nicht mal länger irgendwohin zu können. Bei den Abenden hat es mir geholfen, dass mein Mann und ich uns abgewechselt haben. Aber interessanterweise fand ich die Babyzeit gar nicht so anstrengend, ich hab mich halt darauf eingestellt und damit ging es. Vielleicht aber auch, weil ich sie verstehen konnte, ich bin selber hochsensibel.
 
 

Wie war die Kleinkindzeit mit deinem Kind? Welche Besonderheiten gab es im Vergleich zu anderen Kindern? Was empfandest du als besonders schwierig?

J. ist ja noch keine drei Jahre alt, deshalb ist sie noch mitten im Kleinkindalter. Sie ist ein sehr fröhliches, schlaues Kind. Sie tobt gern, singt, tanzt, klettert. Aber sie traut sich wenig zu, braucht viel Bestätigung und Unterstützung, viel Zuspruch.
 
Sie ist oft müde und erschöpft, nachmittags nach der Kita was mit ihr zu unternehmen ist schwierig. Sie hatte dann dort schon so viele Eindrücke, dass sie einfach nicht mehr kann.
 
Sie kann sehr wild sein, ist aber häufig, wenn andere dabei sind, ängstlich und bleibt bei uns. Sie redet nicht mit Fremden oder nicht gut bekannten Personen und beschwert sich häufig, wenn Fremde sie z.B. beim einkaufen anlächeln.
 
Gruppen mag sie nicht gern, auch das Spielen mit mehr als einem Kind liegt ihr nicht so. Maximal zwei dürfen es sein und dann geht es auch nur, wenn kein Kind zu dominant ist.
 
Wenn ein Kind sein Spielzeug nicht teilen möchte akzeptiert sie das und setzt sich auf meinen Schoß, sie würde dann niemals mit den Sachen spielen oder darum streiten. Wir und die ErzieherInnen der Kita haben lange mit ihr geübt, dass sie „nein“ sagt und sich wehrt bzw. wenigstens Bescheid gibt, wenn sie gehauen wird oder man ihr etwas wegnimmt. Mittlerweile klappt es immer besser.
 
Mit Besuch redet J. oft erst nicht, es sei denn, sie mag denjenigen sehr gern. Wenn man sie in Ruhe lässt und sie das Tempo bestimmen lässt taut sie meistens irgendwann auf. Manchmal auch nicht, aber sie weiß, dass das ok ist.
 
Beim Essen ist sie wählerisch, sie isst zum Beispiel kein Fleisch. Mal hat sie Phasen, in denen sie gut isst, in der Regel isst sie aber nicht so viel oder auch nichts. Wir lassen sie damit auch in Ruhe, weil wir keine Machtspiele beim Essen wollen.
 
In den Schlaf muss sie mein Mann begleiten, ich darf sie nicht ins Bett bringen. Er bleibt bei ihr liegen, bis sie tief schläft und steht dann wieder auf. Nachts wird sie irgendwann wach und kommt meistens weinend zu uns ins Schlafzimmer, wobei es in letzter Zeit auch mal vorkommt, dass sie durchschläft oder zumindest nicht weint, sondern einfach in unser Bett kommt. Manchmal möchte sie nachts auch noch was essen. Wir vermuten, dass sie nachts einfach mehr Ruhe dazu hat. 
 
Wenn ich J. mit anderen Kindern vergleiche ist sie ein besonders freundliches Kind. Schüchtern, aber sehr wortgewandt und witzig und in der Kita bei ErzieherInnen und Kindern extrem beliebt. Ich glaube, dass es daran liegt, dass sie sehr umgänglich ist, da sie negative Gefühle nur bei ihren engsten Bezugspersonen zeigt. Wutanfälle hat sie erst seit Kurzem in der Kita, ist dort aber schon seit 15 Monaten.
 
J. ist extrem aufmerksam und fürsorglich. Sie macht sich viele Sorgen um mich oder ihren kleinen Bruder, fragt mich täglich, wie es mir geht (es ging mir in der Schwangerschaft oft sehr schlecht). Sie fühlt sich für ihren Bruder zuständig, es hat lange gedauert, bis wir sie davon überzeugen konnten, dass sie bspw. nachts nicht mit aufstehen muss, wenn er weint. Dass sie uns die Verantwortung überlassen kann und wir uns um ihn kümmern. 
 
Wenn es jemandem schlecht geht merkt sie es sofort und wenn die Stimmung irgendwie angespannt ist ebenfalls. Generell ist sie einfach wechselhaft, was es manchmal schwierig macht, sie einzuschätzen. 
 
J. geht seit sie 18 Monate alt ist in die Kita. Die Eingewöhnugn dauerte zwei Monate, wir haben aber das große Glück, dass die Kita wirklich toll ist. Die ErzieherInnen gaben ihr die Zeit, die sie brauchte und ich blieb so lange dabei, wie sie es brauchte.
 
J. hat immer mal Phasen, in denen es ihr nicht so gut geht, sie viel Zuwendung und Nähe braucht und dort ist es so, dass ihre Bezugserziehern sich mit ihr auch mal zwei Stunden auf's Sofa kuschelt, wenn sie das gerade benötigt und sie sehr geduldig sind, wenn J. tobt. Dass sie dort mittlerweile auch mal tobt sehe ich als großen Fortschritt, auch dass sie dort jetzt ganz normal redet. Im ersten halben Jahr dachte man dort fälschlicherweise, sie könne noch nicht sprechen...
 
In letzter Zeit lasse ich sie auch häufig mal zu Hause, sie brauchte nach meiner schwierigen zweiten Schwangerschaft viel Zeit, um das zu verkraften und sich wieder richtig sicher zu fühlen. Ich war häufiger plötzlich im Krankenhaus, nach der Entbindung viel in der Kinderklinik etc und das hat sie sehr mitgenommen. Auch unsere Sorgen um den Kleinen hat sie natürlich bemerkt und sich mitgesorgt. Dadurch traute sie sich anfangs auch nicht, Eifersucht zu zeigen, das kam erst einige Wochen später und ich war heilfroh darum.
 
Langsam geht es ihr wieder besser, sie isst wieder, schläft besser und klammert nicht mehr so sehr.
 
Mein Umfeld reagiert grundsätzlich sehr positiv auf J. Allerdings haben viele kein Verständnis dafür, dass wir nur bedingt was mit ihr unternehmen können und z.B. am Wochenende immer einen komplett freien Tag für sie einplanen müssen. Auch Nachmittage müssen in der Regel frei bleiben.
 
Ihre Schüchternheit wird häufig nicht akzeptiert, ich muss auch mal vehementer darauf bestehen, dass ihre Grenzen gewahrt werden und man J. in Ruhe zu lassen hat.
 
Es treten auch Situationen auf, in denen ich nicht ernst genommen bzw. als Glucke betrachtet werde. Mein Sohn muss bspw. zur Physiotherapie und ich kann J. nicht mitnehmen, da sie es nicht erträgt, dass er bei den Übungen brüllt. Die Therapeuten sind der Ansicht, dass sie bockt oder ich übertreibe, aber sie hält es einfach nicht aus, dass er „gequält“ wird und ich ihm nicht „helfe“. 
 
Mich strengt oft an, dass ich selten etwas mit ihr unternehmen kann und dass sie außerhalb unserer Wohnung oft viel Fürsorge braucht. Generell hilft es mir aber, dass ich sie gut verstehen kann und oft genau weiß, was sie braucht. Weil ich es als Kind eben auch gebraucht hätte.
 
Ich glaube aber, am meisten strengt mich an, dass ich sie so gut verstehe. Ich würde ihr so gern mehr Leichtigkeit geben, mehr Mut, mehr Übermut. Mehr „Ungehorsam“ (sie macht eigentlich nie etwas, was verboten ist und fragt mich selbst auf Familienfeiern, ob sie Schokolade essen darf. Bei jedem Riegel auf's Neue.). 
 
Ich weiß, wie wunderbar sie ist und wer ihr nahe steht und wem sie sich zeigt, der ist sofort schwer verliebt. Aber sie muss nicht immer gefallen, sie darf auch „nein“ sagen, unbequem sein. Sich nicht kümmern und nicht immer Rücksicht nehmen. Das ist das, was wir ihr momentan beizubringen versuche, es wird auch schon besser.
 
Und ich wünsche ihr, dass sie irgendwann vielleicht besser mit den Schwingungen in ihrem Umfeld umgehen kann und nicht so schnell erschöpft ist. Sie muss sich nicht wohl in Gruppen oder in fremder Umgebung fühlen, aber es wäre toll, wenn sie sich irgendwann nicht mehr ganz so unwohl fühlen würde.
 
Geholfen hat uns insgesamt, sie so sein zu lassen, wie sie ist. Ihr ihre Zeit zu lassen, immer Nähe zu geben, wenn sie sie braucht. Sie nicht zu drängen und ihre Bedürfnisse auch vor anderen zu verteidigen. Das ist zwar anstrengend, hilft ihr aber und somit auch uns als Familie.
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