Warum es in Ordnung ist, ein "High Need Kind" zu haben (und es so zu nennen)

Uns erreichte vor einiger Zeit eine Leser Email, in der eine High Need Kind Mama uns eine Rückmeldung schrieb. Sie fände die Bezeichnung "High Need" problematisch. Da auch Dr. Sears schreiben würde, dass gerade diese Kinder viel zurück geben würden, fände sie es schön, wenn die Kinder "High Need High PayOff" genannt würden. Auf den ersten Blick klingt der Vorschlag ganz schön, aber wieso es wenig Sinn macht - dazu gibt euch Esme eine ausführliche Antwort.
 
 
 
 

High Need ist kein Stigma sondern eine Zuschreibung

Ich finde ihre Definition problematisch. Diese ganze Diskussion um das Label ist problematisch. Nicht das Label selbst. Die Diskussion dreht sich um das Stigma. Und es ist eine typische Eigenschaft von Stigmen, dass den Stigmatisierten mit all den negativen Zuschreibungen auch einige positive Zuschreibungen zugemutet werden. Blinde haben einen 6. Sinn. Schwarze können gut tanzen. Dicke sind lustig. Etc. Anders als bei "Normalen" werden diese positiven Eigenschaften genutzt, um die Stigmatisierten zusätzlich einzuengen und mit Erwartungen zu belasten.
 
Und ihre Definition ist besonders utilitaristisch. Und schwammig. Was geben sie zurück? Und angenommen sie geben nicht mehr zurück? "Sie geben so viel zurück" wird auch oft über behinderte Menschen gesagt. Und es zwängt sie in eine Position besonders dankbar, freundlich und bemüht zu sein, für die Gesellschaft etwas zu leisten.
 
Ich denke, man sollte das lassen. Man sollte die Kinder einfach in ihrer Individualität respektieren, ganz genauso wie alle anderen Kinder. Ohne im Label schon festzuschreiben, dass sie mehr geben (müssen).
 
Es ist mEn ein typischer Mechanismus des Stigmas die ganze Zeit darüber zu reden, dass man dieses Label "High need" nicht verwenden sollte, weil es bedeutet, dass die Kinder eine Last für die Gesellschaft sind und sie deshalb abgestempelt werden. Alle möglichen Menschen haben besondere Bedürfnisse, die dazu führen, dass mehr Arbeit und/oder mehr Kosten entstehen (Kranke, behinderte Menschen, Ältere und Neurountypische, etc.)
 
Weil die Würde des Menschen unantastbar ist, sollte das keine Rolle spielen. Es stehen genug Ressourcen zur Verfügung das zu leisten. Wir müssten sie nur fair verteilen.
 
Kein Mensch sollte sich schämen müssen, weil er (zeitweise oder lebenslang) mehr Unterstützung braucht. 
 
Man sollte sich schämen, wenn man Menschen zum eigenen Vorteil ausbeutet, wenn man gemein und grausam ist, etc.
 
Mich erinnert die Diskussion, die um High Need geführt wird grade an all die Versuche nicht dick oder fett zu sagen, weil das beleidigend sei. Es ist doch nur beleidigend, weil wir in einer Gesellschaft leben, die sagt es ist furchtbar und ganz schlimm fett zu sein. Und dann sehen wir dicke/fette Menschen an, wir nehmen sie so wahr, aber sprechen es nicht aus, sondern umschreiben es. Gleichzeitig behalten wir die negativen Zuschreibungen bei. Wegen denen es beleidigend ist fett zu sein.
 
Wäre es einfach okay wäre dick oder dünn, klein, mittel oder groß zu sein, etc. dann wäre dick/fett auch keine Beleidigung.
 

 

Nachtrag - die wissenschaftliche Sicht

Die Leserin macht damit sicherlich einen gut gemeinten Vorschlag, damit wir in unserer Sicht auf High-Need-Kinder die ganzen positiven Impulse, die diese Kinder auch geben, nicht aus den Augen verlieren und mehr beachten und besonders als Eltern/Betreuungsperson darauf positiv reagieren.
 
Die entwicklungspsychologische Forschung zum Thema hat gezeigt, dass es ein Risiko für High-Need-Kinder ist, dass die Eltern auf positive Impulse seitens der Kinder tendenziell weniger reagieren, als Eltern bei Kindern der Kontrollgruppe.
 
Ich denke dies ist der erhöhten Belastung geschuldet, der diese Eltern ausgesetzt sind. Wenn man völlig erschöpft und übermüdet ist, dann hat man einfach weniger Energie auf die Interaktionsangebote seiner Kinder einzugehen. Das kennen wohl alle Eltern aus längeren Familien-Krankheitsphasen: Die Begeisterungs- und Kommunikationsfähigkeit nimmt ab.
 
Deshalb empfehlen die Forscherinnen und Forscher zum Thema auch den Eltern umfassende Hilfsangebote zur Verfügung zu stellen. Es würde mich sehr interessieren, was für institutionelle Hilfsangebote Ihr Eltern von High-Need-Kindern Euch wünscht? Haushaltshilfe? Therapeutische Angebote? Kinderbetreuung durch speziell geschultes Personal? Selbsthilfegruppen? Schulungen für Personal in pädagischen Einrichtungen? Spezialisierte Eltern-Kind-Kurangebote? Was fällt Euch ein?"
 
Ich habe die Forschungsliteratur zum Thema gesichtet und finde es schwierig dazu was zu schreiben. In der Forschung wird es eben als Risikofaktor untersucht und das bringt Eltern keinen Schritt weiter und schürt nur Ängste.
 
Positiv ist, dass die Forschung ganz klar sagt: Das Verhalten der Eltern ist NICHT die Ursache. Die Eltern sind weniger entspannt, weil das Kind unentspannt ist und nicht umgekehrt. Alle Verhaltensratschläge sind für die Katz. 
 
Was wohl als Maßnahme hilfreich ist, sind Kurse über die Entwicklung von Babys und Kleinkindern und zur bindungsorientierten Erziehung. Aber das gilt wohl für alle Eltern, nur der effektive Output ist eben bei High-Need-Kindern größer. 
 
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