Alleinerziehend im Studium? Schwierig aber machbar! Ein Mama Interview

Vany ist eine ganz normale Studentin Anfang 20, glücklich verliebt und mit "spießigen" Plänen vonwegen fertig studieren, heiraten, Kinder kriegen. Stattdessen wird sie ungeplant schwanger und findet kurz vor der Entbindung heraus, dass ihr Freund sie betrogen hat. Sie trennt sich und findet ihren Weg allein. Eine starke Frau und ein starkes Interview.

 

Bildrechte: V. Vollmert

 

Liebe Vany, danke dass du dich zu diesem Interview bereit erklärt hast! Du bist alleinerziehende Studentin – wolltest du im Studium schwanger werden? Und wie kam es zur Trennung von Bens Vater?

Liebe Frida, es ist mir eine Ehre! Ich habe schon oft von studierenden Eltern gehört/gelesen, dass für sie das Studium einfach der ideale Zeitpunkt für die Familiengründung war. Ich schäme mich nicht, zu sagen, dass das absolut nicht meine Idealvorstellung war. Ben’s Papa und ich haben in der Tat vor meiner Schwangerschaft bereits über gemeinsame Kinder sinniert – allerdings oberspießig: Studium beenden, Referendariat absolvieren, heiraten, bestenfalls verbeamtet werden und ab geht die Post! Aber so läuft das im Leben nun einmal selten.

Auch hätte ich mir niemals im Leben ausgemalt, einmal alleinerziehend zu sein. Meine Vorstellungen waren immer rosarot. Noch wenige Monate vor dem positiven Schwangerschaftstest sprach ich mit meiner Mutter darüber, dass ich vor dem Kinderkriegen unbedingt verheiratet sein will. Ich bin ein Mensch, der mit ganzem Herzen liebt und wollte nicht, dass irgendein fader „Beigeschmack“ vorhanden ist. Erst die Liebe, das Aneinander-Wachsen und dann die Krönung der Beziehung.

Nun ja. Die Schwangerschaft hat diese Traumblase zerspringen lassen, aber die Hoffnung blieb. Leider nicht beim Papa. Er fühlte sich nicht bereit, war innerlich zerrissen und saß zwischen den Stühlen, da seine Familie ganz klar gegen das Baby war. Irgendwann schien es, als hätten wir uns wieder einigermaßen zusammengerissen und ich war frohen Mutes – bis er fünf Wochen vor der Geburt mit einer anderen gesehen wurde. Die Beziehung ging zu diesem Zeitpunkt schon mehrere Monate. Ja, genau. Nicht Seitensprung, sondern Beziehung.

 

Wie sieht euer Verhältnis heute aus – ist dein Ex ein Teil eures Lebens und wenn ja, wie regelt ihr eure Elternschaft? Zieht ihr an einem Strang und welche Probleme gibt es?

Zur Zeit ist es noch schwierig. Die Wogen sind geglättet und die Trennung verarbeitet. Wir gehen wieder respektvoll miteinander um und versuchen, die Situation in unserem Ermessen zu bewältigen. Das klappt leider noch lange nicht so, wie ich es mir für Ben wünschen würde, aber ich gebe die Hoffnung noch nicht auf. Nichtsdestotrotz hoffe ich, dass wir uns auch weiterhin immer respektvoll begegnen werden und Ben nie gegeneinander aufspielen werden.

Ich habe das alleinige Sorgerecht inne – das haben wir damals gemeinschaftlich beschlossen. Ich habe ihm klargemacht, dass ich ihm damit keine Bedeutung nehmen möchte und alle wichtigen Entscheidungen trotzdem mit ihm gemeinsam fällen werde, es für mich aber einfach eine höhere Flexibilität bedeutet und ich nicht für alles hinter seiner Unterschrift herrennen möchte. Das hat er ohne zu zögern eingesehen und wir leben sehr gut damit und haben uns irgendwie arrangiert.

 

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Ich weiß, wie schwierig die erste Zeit mit Baby ist – wie hast du das allein hinbekommen? Wer hat dir in dieser Zeit geholfen und wann hast du mit dem Studium wieder angefangen?

Ohja, du steckst ja gerade wieder voll mitten drin! In den ersten Wochen war ich bei meiner Familie und das hat mir unglaublich gut getan. Durch die große Entfernung war dies die einfachste Lösung. Sie konnten mir zwar nicht allzu viel direkt mit Ben helfen, was das Stillen und damit die Nachtschichten betraf, aber ich musste mir keine Gedanken um den Einkauf, meinen Hund und den Haushalt machen. Trotz dessen war ich oft mit den Nerven am Ende und habe nachts teilweise selbst leise mitgeweint, wenn Ben einfach nicht zu beruhigen war. Ich möchte gar nicht wissen, wie es mir ohne diese Stütze ergangen wäre.

Mein Studium habe ich erst vergangenen Oktober wieder aufgenommen – da war Ben 14 Monate alt.

 

Zum Thema Vereinbarkeit: wie finanzierst du euer Leben, wie klappt das mit dem Studieren und wie regelst du Bens Betreuung?

Wie die meisten Studierenden, die von der Familie nicht ausreichend unterstützt werden können, erhalte ich ein Darlehen. Dieses deckt allerdings gerade so Miete, Strom/Gas, Telefon/Internet und Versicherungen. Für den Rest erhalte ich Unterhalt von Ben’s Papa, Kindergeld und gehe arbeiten. Da kommt zwar auch nicht allzu viel bei rum, seit ich das Studium wieder aufgenommen habe, aber wir kämpfen uns so durch. Kleinere „Zuschüsse“ der Familie erreichen uns auch regelmäßig, für die ich unglaublich dankbar bin.

Seit Ben 13 Monate alt ist, besucht er eine KiTa des Studentenwerks. Das war unser erster Versuch und wir haben gleich einen Platz bekommen. „Dringlichkeitsstufe 1“ – hat also auch gelegentlich Vorteile, das Alleinerziehenden-Dasein! Leider kennen die meisten KiTa-Kind-Mütter das Leid: das erste Jahr ist das Schlimmste! War mein Baby vorher durchgehend quietschfidel und kerngesund, suchen uns seit KiTa-Beginn sehr regelmäßig diverse Bakterien und Viren heim. Das erschwert mein Studium ungemein, da es überwiegend aus Seminaren mit Anwesenheitspflicht besteht.

Da meine Familie weit weg ist, sich der Freundeskreis sehr dezimiert hat und die Familie väterlicherseits zwar in der Nähe wäre, Ben aber bisher nicht kennen lernen wollte, sprinte ich regelmäßig aus dem Seminar, um mein fieberndes Kind abzuholen.

 

Wie sieht dein Studentenalltag mit Kind aus? Kannst du regelmäßig zu allen Vorlesungen, nimmst du Ben vielleicht sogar manchmal mit? Gibt es Studentenpartys für dich oder bleibst du eher zuhause?

Mein Alltag ist fast schon minutiös geplant. Bis 16 Uhr muss ich Ben abgeholt haben; also muss ich bis dahin all meine Kurse und die Arbeit einbringen. Letztes Semester hat das besser geklappt, aber momentan habe ich zwei reine Unitage, nur einen reinen Arbeitstag und zwei Mischtage – das ist am nervigsten. Ich fahre knapp 15km zur Arbeit, kann nicht so viele Stunden abreißen und muss genug Rückfahrzeit einrechnen um wieder pünktlich in Braunschweig an der Uni zu sein.

Da ich mir eine Pause vom Studium gegönnt habe und Ben dann einfach schon zu aktiv und fordernd war, habe ich ihn noch nie mitgenommen. Ich habe nur wenige Vorlesungen, in denen das schon eher vorstellbar wäre. Aber ich kenne mein Kind sehr gut und weiß, dass ich vom Stoff so gut wie nichts mitbekommen würde, wäre er dabei – und meine Kommilitonen wohl auch nicht.

Studentenparties gab es früher schon wenige – wir haben lieber kleinere WG-Parties oder gemütliche Trinkgelage bei mir gehabt. Aber ich habe mich bisher noch nicht mit der Idee eines Babysitters anfreunden können und die „Freunde“, mit denen ich vor meiner Schwangerschaft gefeiert habe, sind nun nicht mehr Bestandteil meines Lebens. Um aber nicht vollends auf dem Sofa festzuwachsen, genieße ich es sehr, in der Heimat mit meiner besten Freundin losziehen zu können, während ich meinen Sohn in der liebevollen Obhut meiner Eltern weiß.

 

 

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Gibt es einen Mann in deinem Leben? Hast du überhaupt Zeit für die Liebe?

Ja, gewisserweise gibt es da jemanden, aber wie würde Facebook sagen? Es ist kompliziert. Zeit ist so eine Sache. Die ist natürlich im Alltag rar, aber es gibt noch die Abende und Wochenenden – das ist bei „normalen“ Paaren ja oft nicht anders. Man muss sie nur intensiv erleben.

Viel mehr fällt es mir schwer, einen Mann zu integrieren. Genug Liebe habe ich in meinem Herzen und ich teile gerne Momente. Aber ich komme als Mama nur sehr schwer aus meiner Rolle heraus. Ich bin eine ziemliche Glucke und zugleich sehr selbstständig. Mir fällt es schwer, Aufgaben abzutreten und Hilfe anzunehmen. Das ist für Männer oftmals abschreckend und wird als Ablehnung gedeutet – so ist es aber in der Regel nicht gemeint. Ich komme einfach nicht aus meiner Haut.

 

Welche Tipps hast du für andere, die ebenfalls im Studium schwanger werden, speziell Alleinerziehende?

Puh, ich verstehe mich weniger als Ratgeberin und die Lebensmodelle sind auch in dieser Nische sehr vielfältig und unterschiedlich. Aber aus meinen eigenen Erfahrungen kann ich nur ganz pauschal sagen: man darf sich nicht hängen lassen!

Und doch wird es passieren. Immer und immer wieder. Ich befinde mich selbst ständig im Auf und Ab und würde manchmal am Liebsten den Kopf in den Sand stecken. Aber mein Sohn, der mir ja kurioserweise eine Menge meiner alten Energie genommen hat, gibt sie mir gleichzeitig wieder. Er ist meine größte Motivation. Mein Ansporn, meine große Liebe, mein Sinn des Lebens. Ich kann keine allgemeingültigen Tipps geben, um Tiefpunkte zu vermeiden. Aber ich habe gelernt: die Liebe zum eigenen Kind katapultiert dich auch wieder aus dem tiefsten Loch! Ich genieße unsere Zeit in vollen Zügen, lasse ihn nichts von meiner gelegentlichen Traurigkeit und Verzweiflung spüren und schiebe die Sorgen auf den Abend, wenn er schläft. Auch, dass das Geld bei Weitem nicht so locker sitzt, bekommt er nicht zu spüren. Ich spare lieber an banalen Dingen, um nicht auf Ausflüge in den Zoo oder ins Schwimmbad verzichten zu müssen.

Es ist immer blöd, Ratschläge zu geben, an die man sich selbst zu wenig hält, aber: nehmt euch jede Unterstützung, die ihr kriegen könnt und seid euch dafür nicht zu schade. Seid dankbar für das, was ihr habt, denn es ist das Größte. Vergesst euch aber auf keinen Fall selber! Seid auch mal egoistisch oder gönnt euch etwas, was ihr euch sonst verkneifen würdet. Und dann: stürmt stolz auf euren Erfolg nach der Uni auf den Arbeitsmarkt und glänzt bei euren zukünftigen Chefs mit Belastbarkeit, hoher Flexibilität und Organisationstalent. Denn wenn wir das nicht haben, wer dann? 

 

Vany bloggt übrigens auf Place for memories - Alleinerziehend im Studium

24 Stunden Kitas - familienfeindlich oder notwendi...
Wie das Elternsein einen einsam machen kann

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