Eine gute Hausfrau

Meine Schwiegermutter ist eine gute Hausfrau. Eine richtig gute. So eine, die Entspannung darin findet, einen Berg Wäsche zu bügeln. Die total gerne Fenster putzt und sich anschliessend darüber freut, dass sie sauber sind. In ihrem weiss gefliesten Badezimmer könnte ich bedenkenlos vorm Klo ein Picknick abhalten, ganz ohne böse Überraschungen oder anschliessende Infektionen.

 

 

Wir haben keine weissen Fliesen, nirgends. Und das nicht nur deshalb, weil weiss für mich keine wirkliche Raumfarbe ist, mir zu kalt wirkt und zu steril; sondern auch meiner rein pragmatischen Denkweise entsprechend, dass auf weissen Fliesen jedes Stäubchen direkt zu einer optischen Sandburg mutiert.

Meine Schwiegermutter hat einen festen Putz-Tag, an dem sie mit hochrotem Gesicht durchs gesamte Haus fegt, Böden putzt, Flächen wischt und Schlieren entfernt. Neiderfüllt denke ich darüber nach, während ich die Krümelschublade des Toasters, den verkrümelten Frühstückstisch und die Butterkeks-verzierten Klamotten der Kleinen reinige - mit dem Staubsauger. Überhaupt ist der Staubsauger mein persönliches Haushalts-Batman-Cape - es gibt nicht viel, was man nicht staubsaugen kann.

Das Wäsche-System meiner Schwiegermutter ist ausgefeilt und wohl durchdacht: Feinwäsche, Handwäsche, Bettwäsche, Seide, Baumwolle, farblich sortiert und mit nach aussen gedrehten Taschen, luftgetrocknet - ich verspüre diesen Hauch von Unzulänglichkeit, während ich meinen  Wäschehaufen "hell" betrachte und "dunkel" ungeachtet der Beschaffenheit der Textilien aus dem Trockner zerre, in dem sich - seufz! - mal wieder ein Taschentuch in kleine weisse Flusen aufgelöst und jedes Sieb verstopft hat.

Neulich prahlte ich mit meiner wunderbaren neuen Bettwäsche, und auch meine Schwiegermutter zeigte sich begeistert: Farbgebung und Muster fand sie geschmackvoll, und sie hob hervor, wie leicht diese Art Textilie sich doch bügeln liesse. Ich brachte es nicht übers Herz, ihre Illusion zu zerstören, und liess sie in dem Glauben, ich würde Bettwäsche bügeln - beziehungsweise: ich würde überhaupt bügeln. De facto bin ich schon froh, wenn frische Wäsche den Weg in den Schrank findet. Was nicht immer der Fall ist.

Was ich in Sachen Sauberkeit mittels technischer Hilfsmittel, blauer Chemie und lauter Musik an meinen Fensterscheiben vollbringe, das macht sie mit zwei Baumwolltüchern (alte Spannbettlaken, selbst gesäumt) und einem Stück Zeitung - nur viel ordentlicher und etwa doppelt so schnell.

Der Garten meiner Schwiegereltern ist eine Oase, weitläufig, gepflegt, mit blühenden Beeten und Obst und Gemüse jeder Art. Da wird Sand in den Rasen massiert, Moos entfernt, Unkraut gerupft, gedüngt und gesät. Unser Garten ist im Vergleich dazu eine maßstabsgetreue Rasen-Briefmarke, und wenn ich im Zickzack mit dem Rasenmäher alles-grösser-gleich-drei-Zentimeter plattfahre - ja, dann habe ich manchmal den Eindruck, ich müsse das alles anders machen, besser, schöner, anders.

Doch dann ist da dieser magische Moment, in dem meine Schwiegermutter mir aus heiterem Himmel ein Küsschen auf die Wange gibt, mich kurz drückt und mir sagt, dass sie mich bewundert - dafür, wie ich, wenn vielleicht auch hier und da mit unkonventionellen Methoden, einen sehr umfangreichen Haushalt, zwei relativ kleine Kinder und einen Job wuppe. Denn sie hatte damals keinen Job, die Hälfte an Wohnfläche - und viel Hilfe von aussen.

Nach den Maßstäben der 50er Jahre bin ich keine gute Hausfrau - wir haben aber auch 2016. Und damit tröste ich mich, während ich mit einem Feuchttuch den Herd säubere und die Waschmaschine bis zum Limit mit "hell" befülle.

Ich tue, was ich kann. Mein Vorsatz für 2016: damit sollte ich endlich mal zufrieden sein. 

 
 
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