Essen und Kinder und Werte – ein Blick ins Chaos

Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll.  Es hat so viele Dimensionen, und ich entscheide mich nach reiflicher Überlegung für diese: Am wichtigsten ist mir, dass meine Kinder eine gute und genussvolle Einstellung zum Essen haben.  Dass sie Nahrungsmittel schätzen und nicht verschwenden, dass sie wissen, dass das ein Wert ist. Dass sie genießen können. Damit tun sich naturgemäß Mütter, deren Kinder gute Esserinnen und Esser sind, leichter als die, deren Kinder nicht gern essen oder nur sehr ausgewählt.

 

 

Wir haben das Glück, dass unsere beiden Töchter sehr genussvoll essen, und das macht mich sehr glücklich.

Mir ist wichtig, dass sie sich dabei von ihrem Gefühl leiten lassen, vom Appetit, vom Sättigungsgefühl. Nicht von Konventionen. Ich achte bewusst darauf, bestimmte Lebensmittel nicht als gesund oder ungesund zu kategorisieren. Ich finde es toll, dass Maple Gurken am Stück isst, voller Genuss, und gestehe ihr genauso zu, Schokolade zu lieben. Coco liebt Avocado über alles, und Maple Gurken und Oliven – und alles Tierische. Und zack, steh ich da. Noch vor relativ kurzer Zeit wäre es für mich unvorstellbar gewesen, vegan zu leben. Auch aus Unkenntnis. Ich kannte mal eine Veganerin, die aß immer Salat (wenn ich sie in der Mittagspause sah). Ich liebe Salat, aber nur? Das macht doch nicht satt. (Keine Berührungspunkte eben. Keine Ahnung.)

Ich habe mit 19 eine Dokumentation zu Ostern über Schafe und Lämmer, meine damaligen Lieblingstiere, gesehen, die mich so getroffen hat, dass ich seitdem kein Fleisch mehr esse. Bald 18 Jahre. Ich vermisse das auch nicht. Ich esse sehr gern Gemüse und war schon immer der Beilagen-Typ. Fleisch musste ich immer eher herunterwürgen.

Karl, mein Mann, isst ab und zu ganz gerne mal Wurst, aber ausschließlich bio. Sein Spielraum wird immer enger, es ist eine Entwicklung, auf die ich keinen Einfluss nehme, es geht mir da wie der ÖkoHippieRabenmutti. Von mir aus kann jeder, der möchte, Fleisch essen. (Solange es kein blutiges Steak vor meiner Nase ist. Und mit dem Essen von Tierkindern tu ich mich extrem schwer. Lamm, Kalb … wenn ich ehrlich bin, kann ich das nicht tolerieren. Ich halte es dann aus und versuche, nicht daran zu denken.) Inzwischen ekelt Karl sich vor Fleisch am Stück und isst eigentlich nur noch demeter-Qualität.

 

Dann kam Maple.

Ich weiß gar nicht, wann sie das erste Mal etwas Fleischiges aß. Von mir sicher nicht. Ich muss dazu sagen, dass Maple lange Zeit gravierende Darmprobleme hatte und deshalb vieles nicht essen durfte. Keine Lactose (das lässt sich noch ganz gut händeln, an bio braucht man dabei allerdings nicht zu denken), möglichst keinen Zucker, möglichst kein Fett und, wie ich fand, am schlimmsten: kein Gluten. Sie war so tapfer und hat immer das fiese glutenfreie Brot gegessen (sie kannte ja anderes auch nicht) und das, was sie halt durfte. Feierten andere ihren ersten Geburtstag mit Muffins, gab es für sie (selbstverständlich liebevoll gestaltete) Reiswaffel-Obstbrei-Gesichter-Torte. Sie hat so tapfer entbehrt, und ich gönnte ihr von Herzen alles, was sie durfte. Ich erinnere mich noch an ihre erste Schokolade, natürlich Zartbitter. Sie strahlte vor Glück. Und vielleicht war es damals auch so, dass ich ihr das Probieren von (Bio-)Wurst einfach gönnte und mich mit ihr freute, weil sie ihr so schmeckte.

Sie weiß nicht, was Wurst ist. Das ist auch nicht ihre Aufgabe. Sie kam zur Tagesmutter, die überwiegend vegetarisch kochte, für Maple lactose- und glutenfrei. Dazu war und ist es die beste und einfühlsamste Tagesmutter der Welt. Ich bin überzeugt, bei niemand anderem hätte Maple mit ihrer Geschichte die Ablösung und das Wurzelnschlagen so gut gepackt. Die Tagesmutter kauft keine Bio-Wurst. Bio-Lebensmittel sind auch eine Frage des Geldes. Und zumindest der Prioritäten. Und wenn es nicht ihre Priorität ist und sie auch nicht im Geld schwimmt, kann ich nicht von ihr verlangen, das zu kaufen. Mir war wichtiger, dass sie für die Seele meiner Tochter die Richtige war. Anfangs habe ich gesagt, ich besorge gern, was Du sagst, in Bio-Qualität. Es ließ sich nicht durchhalten. Sie kochte dann auch für weitere Kinder, und ich war so dankbar, dass sie den ganzen Zirkus mit Gluten und Lactose mitmachte. Wir mussten abwägen, und ich würde mich immer wieder so entscheiden.

 

Wir kaufen alle tierischen Produkte in Bio-Qualität.

Wenn schon Nutztiere, dann wenigstens artgerechte Haltung. Dann hörte ich vor vielleicht einem halben Jahr zum Tag der Milch eine Sendung auf WDR 5. Ich war auf dem Weg, Maple von der Tagesmutter abzuholen. Es war, als hätte mir jemand den Füßen unter den Boden weggezogen. Derselbe Fall: Keine Ahnung, nie drüber nachgedacht. Ich war immer davon ausgegangen, dass Bio-Milch von Kühen gemolken wird, die zusätzlich ihre Kälber stillen. Mir war nicht klar, dass das gerade mal auf 5 Prozent aller demeter-Betriebe zutrifft. Ansonsten heißt es: Trennung von Mutter und Kind, also von Kuh und Kälbchen, nach Tagen oder im Idealfall sehr wenigen Wochen. Eine Anruferin erzählte, sie wohne gegenüber eines Milchbetriebs, und sie höre sowohl die Kühe als auch die Kälber die ganze Nacht schreien.

Kühe sind keine Menschen, aber sie haben ein ausgeprägtes Mutterherz, bauen Bindung auf, sind sehr fürsorglich. Ich brauche nicht zu erwähnen, wie sich die Angst anfühlt, es könnten einem die Kinder weggenommen werden. Das war damals nicht aktuell, aber wer sich da mal einfühlen möchte, kann sich ja mal als der Kindesmisshandlung verdächtig beim Jugendamt melden. Und bei den Kuhmamas und -babys ist das ständige Wirklichkeit. Geschwängert, zur Welt gebracht, getrennt. Weil wir meinen, wir bräuchten die Muttermilch der Kuh dringender.

Es riss mir das Herz raus. Nicht nur, weil ich selbst Milch produziere, aber deswegen vielleicht umso mehr. Wer einmal selbst Milch abgepumpt hat und weiß, wie mühsam das ist, wem mal ein abgepumptes Fläschchen Milch umgefallen ist, kann das vielleicht nachvollziehen. Muttermilch ist unglaublich kostbar. Ich ernähre mein Baby davon, ein eigenes Lebewesen, das nur davon lebt und sein ganzes Leben noch vor sich hat.

 

Die Anruferin erzählte, die Kälbchen würden verzweifelt an allem saugen, was sie im Kälber-Stall finden können.

Hervorstehende Metallstifte und ähnliches. Ich stand an der Ampel an der Kreuzung und es schüttelte mich vor Tränen. Hinter mir saß Coco, die in sagenhafter angeborener Kompetenz selbst meine Milch, die ich für sie und nur für sie und nur wegen meiner Schwangerschaft und Geburt extra für sie produzierte, aus meiner Brust saugen konnte und damit all ihre Bedürfnisse stillte und mich damit zum glücklichsten Menschen der Welt machte.

Ich stellte mir vor, wie es wäre, wenn sie nicht mehr an meine Brust dürfte, schlimmer noch, kurz nach der Geburt von mir getrennt würde, was uns beiden das Herz herausreißen würde. Ich stellte mir vor, wie ich zigmal am Tag abpumpen müsste und wie diese Milch, egal, ob mal ein paar Flaschen umfallen oder nicht, dann halt nochmal abpumpen, für einen Schleuderpreis beim Discounter verkauft würde. Wie Leute meine Milch – COCOS MILCH! - kauften, einen Rest schlecht werden ließen und hinterher wegschütten würden, man kann ja neue kaufen, kostet ja nix. Nur Coco würde es die seelische Gesundheit kosten und mich auch. 

All das geschah in meinem Kopf und Herzen während einer einzigen Ampelphase, und ich beschloss, dass ich mich an diesem lebensverachtenden Wahnsinn nicht mehr beteiligen würde. Genau wie damals, beim Fleisch. 

Überhaupt dachte ich zum ersten Mal darüber nach, dass es irgendwie ziemlich komisch und pervers (?) sein könnte, die Muttermilch der Babys einer fremden Art zu trinken, als Erwachsene. Dann fiel mir ein, dass wir eigentlich naturgemäß lactoseintolerant sind. Nach ein paar Jahren, die die Natur fürs Stillen vorgesehen hat, verlieren wir das Enzym Lactase, das Lactose, den Milchzucker, spaltet. So ist es in Asien immer noch verbreitet. Nur aufgrund von zufälligen Mutationen ist es in Europa so normal, Milch zu vertragen – sicher kein Nachteil in schlechten Zeiten, als man wenig hatte.

Das ist für mich der Punkt, auch beim Fleisch essen. Ich meine, wir sind ja eigentlich Allesfresser, also Pflanzenfresser und Fleischfresser. So haben wir überlebt. Aber als es noch ums Überleben ging, da jagte oder schlachtete man ein Tier, weil man es zum Leben brauchte. Nicht weil man es im Vorbeigehen noch für 0,99 Euro aus dem Kühlpack mitgriff. Ich hätte auch überhaupt kein Problem damit, Milch zu trinken, wenn ich wüsste, dass es nicht zulasten von Kuh und Kälbchen ginge.

 

Der demeter-Hof, wo wir Milch, Käse, Quark und Eier für Karl und Maple kaufen, hat mir erklärt, dass ein Zusammenleben von Kuh und Kalb über vier Wochen hinaus nicht wirtschaftlich ist.

Ich glaube es der Bäuerin – zu den Bedingungen, die heute Wirtschaftlichkeit bedeuten. Wer würde schon mehr Geld für Milch ausgeben? Ist ja schließlich kein Wein, sind ja schließlich keine Pralinen. Oder gar Whisky! Ebenso mit Eiern: Kann man bei Euch irgendwo Eier aus der Initiative Bruderhahn oder einer ähnlichen kaufen? Das sind Initiativen, bei denen die männlichen Küken nicht lebend geschreddert oder vergast werden, weil sie als nicht-eierlegend unwirtschaftlich sind. Sondern da dürfen sie leben. Kostet aber pro Ei 4 Cent oder so mehr, sagen mir hier die Bioläden. Das seien die Verbraucher nicht bereit zu bezahlen. Ach so. 4 Cent für ein Leben.

Zurück zu Maple. Ihr Lieblingsessen ist Toast mit Butter, Käse und Wurst. Danach will sie noch einen Toast mit Wurst. Und irgendwann kam der Punkt, an dem sie ein Nein nicht mehr einfach so hinnimmt, sondern wissen will, warum. Sie weiß, dass ich kein Fleisch esse. Sie denkt, ich mag das nicht, was ja auch nicht falsch ist. Sie weiß auch, dass es Mama-Käse und Mama-Butter und Mama-Milch bzw. Reis- und Sojamilch gibt. Sie sagt inzwischen auch Kuh-Milch. Aber warum darf sie keinen zweiten Toast mit Wurst?

Weil für Wurst Tiere sterben müssen, sagte ich, und als ich ihr versteinerte Gesicht sah, dachte ich direkt: Scheiße! Das verkraftet sie nicht! Also schob ich schnell hinterher: Also wenn man viel Wurst isst, dann müssen Tiere sterben. Dass ich ihr da was Falsches erzähle, weiß ich selbst. Aber ich hab mich auf meinen Mutterinstinkt verlassen und eine Notlüge gewählt, die für sie verträglich und für mich gangbar war. Ich meine, sie ist 3, bald 4 Jahre alt. Es geht mir darum, dass sie weiß, dass das kostbar ist und nicht unendlich verfügbar.

Bei der Gelegenheit hab ich ihr auch gleich erzählt, warum wir nicht so viel Käse essen und warum ich keine Kuhmilch trinke: Weil sonst für die Kälbchen nichts übrig bleibt. Das ist zwar schon wieder gelogen (für die bleibt sowieso nichts übrig über die kurze Zeit am Anfang hinaus), aber siehe oben. 

 

Coco hat noch nichts Fleischiges bekommen. Ich sehe keinen Anlass.

Wenn sie das probieren möchte, werden wir es ihr geben. Derzeit liebt Coco Avocado über alles. Nicht gerade ein regionales Gemüse, ich weiß. Es ist leider wie so oft und wie zum Beispiel bei der Tagesmutter. Bis in letzte Konsequenz kann ich meinen eigenen Ansprüchen nicht standhalten. Der Versuch, das zu tun, hat mich an den Rande der Hilflosigkeit und Verzweiflung gebracht. Am Ende bleibt eigentlich immer nur: autark leben, oder, wenn man weiterdenkt, alle Zelte abreißen und Brunnen bauen in Afrika.

Das ist der Punkt, wo alles über mir zusammenbricht. Jeder muss so seine persönliche Grenze finden und entscheiden, was er für vertretbar hält. Meine habe ich hier beschrieben. 

Und statt des zweiten Toasts mit Käse gibt es dann eben Schokostreusel drauf. Zartbitter.

Eure Mo

 

P. S. Ich halte das mit der Milch übrigens nicht ganz durch. Was es so schwer macht, ist die Tatsache, dass ungefähr überall Milch drin ist. Da ich Süßigkeiten liebe, müsste ich mir jedes KinderCountry, jedes  Snickers usw. selbst herstellen. Das kann ich nicht. Das ist ein Punkt, der mich an der Vegan-Industrie massiv ankotzt. Ich will nicht asketisch leben, ich gehöre nicht zu denen, die nur Gesundes essen, und es wird aber kaum Verarbeitetes hergestellt. Es gibt Tage, die überstehe ich nur mit einer Zehnerpackung Prof. Rino (oder wie sie inzwischen heißen: Kinder Choco Fresh). Das gehört auch zur Wahrheit. Da hab ich einfach keine Kraft, über den Tellerrand zu schauen, weil ich damit beschäftigt bin, im eigenen Teller nicht zu ertrinken. Da hat Frida mir die Last von den Schultern genommen, als sie (mein Vegan-Vorbild) sagte: „Stress dich nicht. Jeder vegane Teller ist ein Gewinn.“ 

P. P. S. Getauft sind meine Kinder übrigens (weil die ÖkoHippierabenmutter das erwähnte und verglich). Das hat den Grund, dass ich erstens möchte, dass sie in einer Geborgenheit, in einer Gemeinschaft voller Werte wie Toleranz, Wertschätzung, Verschiedenartigkeit und Frieden aufwachsen (deshalb alt(ernativ)-katholisch, aber das sprengt hier den Rahmen). Zweitens möchte ich, dass, wenn sie sich später für oder gegen kirchliche Gemeinschaft entscheiden, das kennen, wofür oder wogegen sie sich entscheiden können. 

 

Bullshit - Bingo: Alltag mit kranken Kindern
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