Sanfte Hände, Jeans und himmlisches Pressen: Geburtsbericht Maple Teil 3

Vier Stunden nach Platzen der Fruchtblase und damit Geburtsbeginn bin ich am Krankenhaus angekommen. Ich liege brüllend seitlich auf den drei metallenen Hockern direkt hinter der Hauptpforte und gebe ein für Sanitäter offenbar sehr eindrückliches, weil lautes Akustikbild ab. Die Wehen haben mich voll im Griff, wie Ihr in Teil 2 nachlesen könnt.

 

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Zur selben Zeit kommt eine Frau in Jeans und einer cognacfarbenen Lederjacke rein. Sie sieht mich und hat mich offenbar schon von weitem gehört, rennt zum Empfang, kommt mit einem Rollstuhl zurück, hilft mir rein, dann mit mir im Laufschritt zu den Personalaufzügen, für die man einen Schlüssel braucht. Offenbar ist sie eine Ärztin, die gerade den Dienst beginnt. Im Aufzug habe ich noch eine Wehe (man hört mich also bereits kommen), dann bin ich im Kreißsaal. Selbst in dem Moment finde ich es faszinierend, wie jeder Handschlag sitzt. Die Kreißsäle sind alle belegt, ich komme ins Liegezimmer, und in den paar Sekunden vom Durchschreiten (Durchrollen) der Kreißsaal-Eingangstür bis zum Zimmer haben mehrere Hebammen bereits alles vorbereitet. Zack, das drauf, das drunter, das ran, das drüber usw. Es sieht aus wie ein Boxenstopp bei der Formal eins, nur eindrucksvoller. Und ich kann endlich wieder liegen und mich auf die Seite rollen, bereit, die nächste Wehe rauszubrüllen.

 

Sanfte Hände

Ich weiß ja, dass ich Schmerzen nicht gut aushalten kann, weswegen ich sehr froh über die Erfindung der PDA bin – es ist klar, ich bin eine glasklare PDA-Kandidatin. Und ich muss auch zugeben, das sind Schmerzen, die kann ich nicht länger aushalten. Die ganze Zeit war die Perspektive: Es ins Krankenhaus schaffen, denn da gibt es eine PDA. Endlich habe ich es geschafft. Ich brülle noch eine Wehe weg, danach sagt die Dienst habende Hebamme wirklich total lieb und einfühlsam zu mir: „Ich möchte nur einmal kurz nach dem Muttermund tasten.“ Sie tastet nach dem Muttermund, und selbst in dem Moment bemerkte ich, wie sanft sie das tut, dass es nicht das geringste bisschen weh tut. Danach schaut sie mich in einer unglaublichen Ruhe an und sagte: „Ja. 10 Zentimeter.“

In diesem Moment überkommt mich ein gewaltiger Stolz. Ich habe die komplette Eröffnungsphase alleine gemeistert. Ok, nicht unbedingt höchst souverän und auch nicht allzu leise, aber ich habe sie geschafft. Allzu viel Zeit bleibt mir für diese Freude allerdings nicht, denn die nächste Wehe überrollt mich mit aller Wucht, die ich ja nun schon kenne. Während der Wehe öffnet Maya die Tür. Sie ist da. Meine Hebamme. Alles in mir fällt von meinen Schultern. Ich weiß, jetzt wird alles gut. Maya trägt wie immer in der Hebammenpraxis eine sehr coole Jeans, sehr coole Sneaker, ein schwarzes, enges Oberteil und eine bunte Filzbrosche. Einmal mehr wünsche ich mir, mit Mitte 50 auch so megacool zu sein und toll auszusehen, aber viel dominanter ist das Gefühl: Sie sieht aus wie immer, sie ist so vertraut. Hier ist keine Krankenhaus-Atmosphäre.

Ich frage sie sofort: „Maya, krieg ich jetzt ne PDA?“

Maya: „Du kriegst jetzt keine PDA, Du kriegst jetzt Dein Kind!“

Ich: „Ich will sofort ne PDA!“

Maya: „Bis die PDA wirkt, ist Dein Kind schon auf der Welt.“

Mir bleibt keine Zeit zu diskutieren, denn die nächste Wehe erwischte mich. Ich schreie. Maya lässt mich in aller Ruhe. Danach sagte sie: „Guuuuut. Und entspannen. Und Luft holen. Kraft schöpfen.“ Es ist komisch – allein dadurch, dass sie das sagt, gelingt es besser. Sie lacht mich an. Es ist das unvergleichliche Maya-Lachen. Ich bin zu Hause.

 

Die Erlösung: Pressen

Sie sagt: „Du hast hier oben sehr viel Kraft“ und legt ihre Hand auf meinen Brustkorb. „Aber da nutzt sie weder Dir noch Deinem Kind etwas. Versuch mal, bei der nächsten Wehe entweder, diese ganze Kraft nach unten in Deinen Bauch zu bringen, oder Du presst.“

Mir ist sofort klar, dass ich pressen will. Diese Wehen brauchen schon lange ein Ventil. Die Wehe kommt, und ich presse, so voller Erlösung, dass ich es endlich darf, dass mir die Äderchen im Gesicht nur so platzen. Es ist so unglaublich wohltuend! Natürlich anstrengend, aber es entspricht meinem Gefühl zu hundert Prozent, diese Kraft, die da in mir wirkt, weiterzugeben. Ich liege auf der rechten Seite, Maya hält meinen Fuß an ihre Taille, und ich drücke meinen Fuß gegen sie. Das gibt mir so viel Halt, es ist einfach wunderbar. Ich brauchte Halt, Geborgenheit, Heimat und Unterstützung, um mein Kind zur Welt zu bringen.

Nach dem ersten Pressen kann ich mich auch viel besser entspannen, Kraft schöpfen. Auf einmal fühlte es sich nicht mehr an wie ein schmerzhafter Stillstand ohne Sinn und Perspektive, sondern wie ein sehr aktives, kraftvolles, liebendes, stolzes Gebären. Ich presse noch einmal mit ganzer Kraft, und Maya sagte: „Super, Mo, super! Da hat sich jetzt ganz viel getan!“ Beim nächsten Pressen ist der Kopf zu sehen. Maya will ihn mir im Spiegel zeigen, aber es gelingt mir nicht, mich so zu verrenken, um hineinzuschauen, und es interessiert mich auch nicht besonders. Ich brauche keine Motivationum weiterzumachen. Ich bin ganz bei mir, in größtem Selbstbewusstsein. Mit der nächsten Wehe gebäre ich Maples Kopf, und sie fängt prompt an zu quäken. So ein Neugeborenen-Qäken. Ich glaube, Karl fällt vor Liebe fast in Ohnmacht, und ich helfe Maple mit der nächsten Wehe auf die Welt. Es ist 20 nach acht morgens. Vierzig oder fünfzig Minuten habe ich auf diesem Bett gebraucht, um mein Kind zu gebären. Ohne PDA. Ich bin, zugegebenermaßen, sehr stolz.

Und da liegt es nun, das kleine fremde Wunderding, auf mir. Es ist komisch. Es ist nicht Liebe auf den ersten Blick, sondern alles neu und fremd. Dann irgendwann kommt die Nachgeburt, ich kann mich kaum erinnern. Es ist nicht der Rede wert.

Ich frage Maya: „Bin ich gerissen?“, und sie sagt „Ein kleines bisschen.“ Da ich mich im Liegezimmer befinde, werde ich in einem kleinen Nebenraum mit Gynäkologenstuhl genäht, und auch das (Dammriss zweiten Grades) tut kein bisschen weh.

Irgendwie war die Geburt hundertmal besser als die Schwangerschaft.

Dass ich so spät im Krankenhaus war, liegt meiner Einschätzung nach daran, dass in der kurzen Zeit der Muttermund rasend schnell aufgegangen ist, weil ich mich so tief entspannt habe. Ein Verdienst, den ich eindeutig dem Hypnobirthing zuschreibe.

Erst bei Cocos Geburt habe ich bemerkt, dass das späte Kommen einige für mich gute Konsequenzen hatte: Maya hatte keine Zeit mehr, sich umzuziehen. Sie hatte auch keine Zeit mehr, mir Blut abzunehmen. Und es wurde kein CTG mehr gemacht.

Es war einfach nur: Geburt purOhne störende Kranenhauskomponenten. Mit meiner wunderbaren Beleghebamme und niemandem sonst. Außer Karl. Und Maple. Und mir als stärkste Frau, die ich bis dahin je war.

 

Teil 4 folgt bald!

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