Die Würde ist unantastbar, aber das gilt nicht für Mütter. Gedanken unter dem Eis

Lest diesen Text nicht. Er ist nur für mich. Und er wird auch nicht schön. Auch nicht geordnet. (Anm.: Mo war mit Coco im Krankenhaus und wurde dort mehrere Tage festgehalten wegen Verdacht auf Kindesmisshandlung. Coco hat ein gebrochenes Bein, denn ihre Schwester hat sie fallen lassen. Nach mehreren unauffälligen Untersuchungen konnte nur eine Anwältin sie herausholen - und jetzt droht dennoch das Jugendamt mit weiteren Schritten.)

 

 

Was alles nicht zählt.

Es zählt, dass Kinder gut behandelt werden. So gut, wie man es eben nach Schema F beurteilen kann. Es zählt nicht, ob das Kind geferbert wird, ob es gelernt hat zu funktionieren, ob sein Willen immer und immer gebrochen wird. Es zählt nicht, ob es Freude am Leben haben darf, Liebe und Geborgenheit erfährt, ob seine Eltern zu ihm halten, auch wenn es schwierig ist. Diese Gedanken gehen mir durch den Kopf, während ich hier sitze und überall Fallstricke sehe, aus denen das Jugendamt etwas machen kann. 

Ob die Krippenfiguren aus dem Knastladen mit speichelfestem Lack bearbeitet wurden? Dass es für schmale Steckplätze einer Mehrfachsteckdose keinen Steckdosenschutz gibt. Dass sich Kabel auf dem Boden befinden, die scharfe Babyzähnchen sicher durchbeißen könnten. Dass die Große mit Hilfe eines Stuhls auf die Arbeitsplatte klettern könnte und sich ein Glas angeln, das sie der Kleinen auf den Kopf hauen könnte, selbst wenn sich die Kleine in einem Laufstall befände (den wir ablehnen), während ich gerade auf Toilette bin.

 

Ich bin nur noch paranoid.

Weil ich zu unrecht beschuldigt werde und jede Logik und alle Fakten nichts dagegen ausrichten konnten. Und mir ist alles zuviel. Maple spürt das und tickt nur noch aus. Jedes kleine Bisschen ist mir zuviel, ich bin sofort überlastet und habe Fluchtgedanken. Als wir vor anderthalb Jahren mit Maple in der Schmerzklinik waren, ich hochschwanger und dann ja auch (stressbedingt) zu früh gebärend, erklärte uns die Psychologin, dass es eine Obergrenze an Stress gibt, die man erträgt. Geht der Stress höher, tickt man aus.

Sie zeichnete eine X- und Y-Achse und parallel zur X-Achse eine Linie, keine gerade, sondern eine wackelige, weil das Leben ja mal mehr und mal weniger anstrengend ist. Irgendwo oberhalb der Linie zeichnete sie noch eine Linie, die bei der das Fass zum Überlaufen kommt. Das heißt, wenn es einen heftigen Ausschlag nach oben gibt, kommt die Überlastung, die Überforderung. Bei uns war es aber so (durch Maples Schmerzstörung und alles, was vorher schon war), dass die zackige Grundbelastungslinie, auf der sich unser Leben bewegt, viel höher lag als normal, dass also ein sehr geringer Ausschlag nach oben ausreicht, um die obere Linie zu erreichen, bei der das Fass überläuft.

Das fand ich total logisch, und es entsprach auch exakt meinem Gefühl.

Dank der Zeit im Deutschen Kinderschmerzzentrum und vor allem auch dank der Traumatherapie, die ich endlich etwa ein halbes Jahr danach beginnen konnte, nämlich vor einem knappen Jahr, sank unsere Grundbelastungslinie spürbar. Sie sank fast auf Normalmaß, würde ich sagen. 

 

 

Verdacht auf Kindesmisshandlung

Nach dem, was uns nun mit dem Verdacht auf Kindesmisshandlung widerfahren ist, ist die Grundbelastungslinie wieder auf dem Level aus der Zeit von Maples Schmerzstörung (die wir inzwischen ganz gut im Griff hatten). Alles mühsam Erarbeitete ist futsch.

(Zur Erinnerung: Die Schmerzstörung ist entstanden, weil Maple mit ihren monatelangen Schmerzen nicht behandelt wurde.)

Nicht nur unsere Belastungslinie ist wieder viel höher durch den enormen psychischen Druck, der auf uns ausgeübt wurde und wird. Nein, auch Maples Schmerzstörung ist wieder in vollem Gange. Großer psychischer Stress triggert das an, und schon geht die Schmerzspirale wieder los. Das bedeutet, dass Maple wirklich Schmerzen hat. Und wir uns, von ihrem Leid mal abgesehen!, uns darum auch noch kümmern müssen, sie extrem ablenken, möglichst Stress von ihr fernhalten.

Keine leichte Aufgabe, wenn man ohnehin keine Ressourcen hat und jedes umgeschüttete Glas einen Ausschlag über die Toleranzgrenze bedeutet. 

 

Warum trifft uns das so?

Sollten wir nicht lieber nach vorn schauen, uns freuen, dass wir aus dem Krankenhaus entlassen sind, dass sie nichts gefunden haben?

Ist das Euer Ernst? Es ist das Mindeste und eine Selbstverständlichkeit. Dafür bin ich nicht dankbar.

Ich will nicht wegschieben und sagen: Ist ja jetzt egal, wir schauen nach vorne. 

Ich muss es erst ansehen.

Meine Traumatherapeutin hat mir erklärt, dass unsere Seele wie eine Bibliothekarin funktioniert. Wenn sie ein rumliegendes Buch (= ein Erlebnis) findet, will sie es einsortieren. Wenn es aber nicht vollständig kategorisiert und bezeichnet ist, wo es hinkommt, kann sie es nicht einsortieren. Es muss rational und emotional verarbeitet sein, damit sie es wegsortieren kann. Solange das nicht der Fall ist, bleibt es draußen. Und das ist der Fall.

Ich will außerdem auch, dass hingesehen wird, welches Unrecht uns da getan wurde und wird. Das ist das Geringste. Ich werde mich nicht einfach anderen Dingen zuwenden, und dann ist gut.

Das hätten die wohl gerne. Aber so läuft das nicht.

Friss oder stirb.

Die können alles mit mir machen und ich soll dann einfach an was Schönes denken, damit es mich nicht belastet?

Nein.

Aber darauf zu beharren, was nützt mir das? 

Es nützt meinem Gerechtigkeitsgefühl.

Meine Seele ist nicht so gestrickt, dass sie alles wegstecken kann, was sie nicht ändern kann. 

Ein ordnungsliebender Mensch gibt sich nicht damit zufrieden, dass er weiß, wie es zu etwas gekommen ist. Ein ordnungsliebender Mensch fragt nach dem Warum.

 

 

Drei Aspekte meines alten Traumas

... habe ich bereits bearbeitet, noch mal in aller Deutlichkeit nachempfunden, bin voll durchgegangen. Erst dann konnte ich es gut sein lassen. Und dann wurde es auch gut.

 

Das waren

1. das schreckliche Leid Maples, das ich täglich mitansehen musste,

2. die schreckliche Ohnmacht, Entwürdigung und Ungerechtigkeit, dafür die Schuld zugeschoben zu bekommen,

3. die schreckliche, perfide Psychotour meiner Eltern, die mir das Gefühl geben, ich sei einfach zu doof.

 

Alles drei konnte ich gut in ersten Schritten abschließen, es fühlte sich friedlich an, auch wenn es jedes Mal noch schmerzhaft weiter in mir arbeitet, wenn es angetriggert wird, z. B. mit Vorwürfen nach dem Motto „Du willst Dir ja auch nicht helfen lassen, dann brauchst Du Dich auch nicht zu wundern“. Das Gehirn arbeitet, es ist ein weiterer Verarbeitungsschritt.

Aber das war jetzt einfach zu viel. Das war nicht nur ein Trigger, das war eine Wiederholung der ersten beiden Trauma-Punkte.

Sie haben Coco furchtbar leiden lassen, und ich musste es mitansehen.

Wir waren die Schuldigen, wegen derer dieses Leid nötig sei.

Keinerlei Wiederherstellung der Gerechtigkeit, Entschuldigung oder ähnliches, stattdessen geht es auf Jugendamtsebene weiter

Gestern sagte mir eine Freundin, die sich sowohl medizinisch als auch mit Jugendamt furchtbar gut auskennt, die wahnsinnig klug und empathisch ist und die ich äußerst auf Twitter vermisse, dass man in meiner Situation wahrscheinlich jetzt alles aufs Jugendamt spiegele. Und genau so ist es.

Dass ich schon wieder (schlechtes Zeichen, typisch bei Kindesmisshandlung) die Arztpraxis wechseln muss, weil unsere Kinderärztin aus einer Gemeinschaftspraxis heraus eine eigene eröffnet hat. Dass es so dreckig bei uns ist und ich lieber fürs Jugendamt putzen sollte, als bloggend Seelenhygiene zu betreiben. Dass es kein gutes Licht auf mich wirft, dass Karl mit den Kindern zu seiner Mutter gefahren ist, damit ich Ruhe habe, weil ich nicht mehr kann (obwohl außer extremer Trotzphase nichts war). Dass wir am Weihnachtsbaum Halterungen für echte Kerzen dran haben, auch wenn wir nicht dazu kamen, welche reinzustecken. Dass sich in unserem Kühlschrank noch Alkoholreste von Silvester befinden. Und wenn sie erst wüsste, dass ich mich relativ vegan ernähre! Gott bewahre! Schnell noch Käse, Eier und Wurst einkaufen, bevor die Tussi vom Jugendamt kommt.

 

In was für einer Welt leben wir eigentlich?

In einer Welt, in der für jede unserer schwächenden Katastrophen mit Ausnahme der acht Monate dauernden Hyperemesis, die mich nur noch wünschen ließen, ohnmächtig zu werden oder das Kind zu verlieren, Ärzte verantwortlich sind. Dass wir solche Wracks sind, ist ein Ergebnis ärztlichen Versagens. Denn ohne die Tortur mit Maples Bauch keine Schmerzstörung, ohne Schmerzstörung keine überlastete Schwangerschaft, ohne überlastete Schwangerschaft keine Frühgeburt.

Ich könnte noch ergänzen, dass wenn jemand meinen seitlich versetzten Schwangerschaftsbauch mit Maple entdeckt hätte, Maple keine Achsenverschiebung gehabt hätte und damit auch nicht der Gaumen vollständig schief gewesen wäre, was bedeuten würde, dass sie hätte vernünftig aus der Brust trinken können ohne diese himmelschreienden Schmerzen, die mich fast zum Abstillen gebracht hätten (das waren die drei seligen Wochen nach Maples Geburt, als der Bauchhorror noch nicht angefangen hatte; ging natürlich länger, das mit der Brust.) Und wenn die angeblichen Frakturen (die ja offenbar doch nicht so superselten sind, wenn man von der großen Schwester fallengelassen wird, siehe unten) auf dem Röntgenbild in Wirklichkeit Wachstumsfugen sind, dann schlägt es dem Fass den Boden aus. Und wenn das Jugendamt dann trotzdem weiter ermittelt, doppelt.

Warum trifft mich das eigentlich so? Die Zimmernachbarn hatten ein Baby mit Gipsbein. Ich: „Was ist passiert?“ Vater: „Die große Schwester hat sie auf den Arm genommen und fallen gelassen, und jetzt stehen wir unter dem Verdacht der Kindesmisshandlung.“ Klar hat die das auch angefressen, und ich blicke auch nicht hinter die Fassade. Aber trotzdem habe ich das Gefühl, dass es für mich irgendwie härter ist.

 

Weil ich hochsensibel bin? 

Vielleicht. Das ist sicher ein Grund. (Und zwar kein pathologischer!!!)

Vielleicht aber ist es bei uns einfach zu viel.

Andere haben auch ganz furchtbar unter einer Hyperemesis gelitten. Aber vielleicht hatten sie danach keine neunmonatige Foltertortur des Babys. Vielleicht auch keine Schmerzstörung.

Es gibt auch andere mit Schmerzstörung. Aber vielleicht hatten die keine Hyperemesis oder keine Frühgeburt oder auch einfach eine respektvolle Intensivstation.

Vielleicht hatten Eltern mit schrecklichen Intensivstationen keinen Verdacht auf Kindesmissbrauch.

Vielleicht ja, vielleicht nein. Es ist einfach zu viel bei uns.

Wir kommen einfach nicht dazu, uns zu erholen. Immer wenn wir uns ein bisschen erholt haben, kommt der nächste Klopper. Karl sagte gestern, das ist wie Sysiphos (weiß nicht, wie der sich schreibt). Der immer wieder den Felsbrocken den Berg hinaufrollen muss, um ihn runter rollen zu lassen, und dann von vorne. Als Lebensaufgabe.

 

Ich will diese Lebensaufgabe nicht.

Ich will mein altes, unbeschwertes Leben zurück. Gar nicht mal das ganz unbeschwerte. Sondern das unbeschwerte, das wir kurzzeitig hatten, nachdem Maples Schmerzen vorbei waren und sie so langsam, sehr langsam in der Welt ankam, mit etwa anderthalb Jahren. Dieser Moment, in dem wir uns für ein zweites Kind entschieden. Kaum war ich schwanger, begannen die ständigen, unerklärlichen Schmerzen. Nach einem halben Jahr wieder und wieder „Sie hat nix“ (auch da hat sich das Trauma schon wiederholt) haben wir dann das Kinderschmerzzentrum gefunden und dann die Diagnose. Kaum war die Diagnose da, und wir begannen, eine Woche lang damit zu leben und klarzukommen, kam Coco zu früh auf die Welt, und sie und wir wurden auf der Intensivstation seelisch misshandelt (anderes Krankenhaus übrigens).

Ich habe aber auch Glück gehabt. Unter den Geburten selbst hat mich oder mein Kind niemand körperlich misshandelt, bei der ersten Geburt auch nicht psychisch.

Ist ja schon mal was.

Aber soll ich Euch was sagen? Das reicht mir nicht. 

Es reicht mir einfach nicht.

 

 

Ich will wieder die werden, die ich mal war.

Voller Kraft, voller Liebe, voller Begeisterungsfähigkeit. Voller Geduld, Toleranz, Klugheit und Großzügigkeit. Voller Empathie und Zuversicht. In mir, ganz weit unten, unter dem Eis, ist eine ganz wunderbare Mutter vergraben.

Und ich kann sie nicht sein. Weil Fremde mich gegen jedes Recht und gegen jede Gerechtigkeit meiner Ressourcen berauben. 

Die Würde ist unantastbar, aber das gilt nicht für Mütter.

Ich fordere Anerkennung. Nichts anderes will ich. Ich habe eine ungestillte Sehnsucht nach Anerkennung dessen, dass ich eine Mutter bin, die gegen jede Logik, Grenze und Möglichkeit ihre Kinder geschützt hat, wo das System hundertmal versagt hat. Ich will Anerkennung von denen, die mir, meinen Kindern und meiner Familie geschadet haben.

Ich will keine gute, tragische Romanvorlage werden. 

Ich will ein Happy End.

Leserinterview #12 - NeuMama Katharina
Sind die pflegeleichten Kinder fair verteilt auf E...

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