Gesucht: Gebrauchsanweisung für den Alltag

Monatelang haben wir abgewogen und waren uns am Ende ganz sicher: Ich bleibe ab Juli ein gutes Jahr zu Hause. Obwohl Maple schon 5 ist und Coco bald 3 wird. Also das Alter, in dem man eigentlich wieder arbeiten gehen könnte. Und ich, ich höre damit auf. Und nun?
 
 
Quelle: aus dem Abreißkalender 2017: Seelen-Quickies für jeden Tag. Von Veit Lindau
 
 
 
Wir hatten uns zu viel nach „Ach, wird schon“, „Machen doch alle“, „Warum denn auch nicht?“ und „Immer positiv denken – entspannte Eltern, entspannte Kinder!“ gerichtet. Wir hatten saugute Pläne. Elternzeit für alle, Intensivzeit mit dem kleinen Menschlein erst ein Jahr für Mama, dann ein Jahr für Papa, der andere Elternteil Vollzeit in Arbeit. Weil wir beide gern arbeiten und gerne viel Zeit mit unseren Kindern verbringen. Dann kam es anders.
 
Bei Maple war Betreuung mit 1 nicht möglich. (Gut, ihr erstes Jahr war auch eine Katastrophe, die ich nicht absehen konnte, als ich ganz zu Beginn nur ein Jahr Elternzeit beantragt hatte.)
Bei Coco war Betreuung mit 1 nicht möglich. (Wofür ich immer noch keine Erklärung gefunden habe, die diese offensichtliche Funktionsstörung im kindlichen Maschinenraum erklären würde.)
Bei Coco war Betruung mit 2 nicht möglich. (Erklärung: siehe oben.)
Bei Coco war Betreuung mit 2,5 nicht möglich. (Erklärung: siehe oben.)
 
In allen vier Situationen haben wir Flexibilität bewiesen, mussten sie beweisen, denn „nicht möglich“ heißt „nicht möglich“. Es heißt nicht: Ach, das ist mir jetzt zu viel/zu anstrengend/doch nicht ganz so toll wie gedacht.
 
Flexibilität haben auch unsere Arbeitgeber bewiesen, und dafür bin ich unendlich dankbar. Ich weiß nicht, was wir sonst gemacht hätten. Zig Änderungsverträge habe ich unterschrieben, zig neue Anträge gestellt, zigmal davon zurücktreten müssen, zigmal wegen irgendwelcher Ausnahmesituationen um Verständnis gebeten und mich deshalb scheiße gefühlt. Zigmal hat Karl seinen Job aufs Spiel gesetzt, und all das war richtig und gut so, weil alternativlos, und wir haben es irgendwie hinbekommen. So, dass unsere Kinder (hoffentlich) relativ unbeschadet oder so unbeschadet, wie es eben in unserer Macht stand, hindurch gekommen sind und sich nun prächtig davon erholen in einem Leben, das ihnen gut tut.
 
 

Unser Sharing-Modell

Diese Flexibilität hat bedeutet, sich tage- und auch stundenweise mit Arbeiten abzuwechseln (sodass immer der jeweils andere für Betreuung sorgt), dabei jeweils 30 km zu pendeln, aktuell vier verschiedene ständige Betreuungssituationen zu haben (Kindergarten/Elternteil/Oma/Freundin), mit Coco im Auto eine Staffelübergabe zu machen – 30 km hin, 30 km zurück, über Mittag mit der Herausforderung, dass sie nicht einschläft.
 
Vielleicht ist es wahnsinnig aufgeklärt und emanzipiert, dass wir es unter den teils doch Extremumständen geschafft haben, beide berufstätig zu bleiben. Aber es fühlt sich nicht so an. Null. Es fühlt sich nach „nix Halbes und nix Ganzes an“. Die vier Tage (Samstag, Sonntag, Montag, Dienstag), die ich arbeitsmäßig pausiere, werden in meinem Gehirn komplett mit Kinderterminen, Arztterminen, Kita-Verabredungen, Haushaltsgedöns, Kinderturnen und irgendwie ab und zu mal Quality Time mit den Kindern verbringen völlig vereinnahmt. Wenn ich nach den vier Tagen ins Büro komme, ist meine Job-Festplatte im Gehirn leer. Ich weiß nicht mehr, an welchen Projekten ich dran bin, wie der Stand ist, was zu tun ist, welche neuen Entwicklungen sich ergeben haben, einfach nichts. Das macht mir die Arbeit schwer und schwächt verständlicherweise meine Position im Team. Und: Es ist furchtbar anstrengend, sich jede Woche neu einzuarbeiten. Das war nicht immer so krass, aber es ist immer mehr so geworden.
 
 

Black Box im Kopf

Genauso umgekehrt: In den 2,5 Tagen (Mittwoch, Donnerstag, Freitagvormittag), in denen ich eine Pause vom Familienalltag nehme, weil ich auf der Arbeit bin, vergesse ich alles, was in diesem anderen Lebensbereich wichtig war. Ach du je, Kita-Vorstand heute Abend? Fest vereinbartes Spiel-Date? Wie lief der erste Zahnarzttermin für Coco? Oder auch dass Coco 6 Stunden allein ist mit der Oma, während Karl ins Büro fährt, findet eigentlich kaum Beachtung bei mir. Ich befasse mich damit nicht, denn mein Kopf wird in der Zwischenzeit komplett von der Arbeit beansprucht, ich verpasse es schlicht. Ich weiß nicht mehr, dass ich ans Freundebuch denken soll, welche Klamotten in Maples Kindergarten-Fach fehlen, ob sie eine Matschhose dort hat, und wo ist eigentlich ihre Jeans, die ich vor 3 Tagen gewaschen habe und jetzt brauche? Da ist wie eine zeitliche Black Box dazwischen.
 
Trotzdem denke ich jeden Tag auf der Arbeit sehr, sehr viel an meine Kinder und an meine Familie und freue mich, wenn ich zwischendurch Nachrichten bekomme, was sie so machen. Ich mag und möchte daran teilhaben, egal, ob Karl mir ein zuckersüßes Foto von Coco schickt, die gerade im Kochtopf rührt, oder sich niedergeschlagen auskotzt, dass alles scheiße ist und nichts läuft. Ich mag daran teilhaben. Dann sehe ich die Nachrichten oder lege den Hörer auf und frage mich, was ich auf diesem Bürostuhl mache. Wo ich so austauschbar bin. Während ich das Gefühl habe, zu Hause zu fehlen. Nicht dass ich denke, Karl kriegt das nicht hin, im Gegenteil. Aber ich fühle mich am falschen Ort. Wie eine Wüstenforscherin auf Polarexpedition, während in der Sahara ein Wüsten-Weltkongress stattfindet.
 
Vereinbarkeit? Nicht meine Stärke
 
Ich bin so was von überfordert damit, meine beiden Aufgabenbereiche parallel voll wahrzunehmen. Sie sind so unterschiedlich. Ich habe auch das Gefühl, ich verliere mein Kurzzeitgedächtnis. Ganz oft weiß ich nicht mehr, was gestern war.
 
„Ich habe mein Leben im Griff“ – das ist genau das Gegenteil von dem, was ich fühle.
 
Ich kann mich auf beide Dinge voll und ganz einlassen. Jeweils. Ich kann eine sehr gute Mutter sein und ich war einmal eine sehr gute Arbeitskraft. Aber die Reibungsverluste sind derart hoch, ich bin dafür vielleicht einfach nicht gemacht. Ich brauche es, mich fokussieren zu können.
 
Karl geht es ähnlich, mit der zusätzlichen Erschwernis, dass er sogar jeden Tag arbeitet (an einen meiner beiden Vollzeit-Arbeitstage arbeitet er am Vormittag im Homeoffice, während eine Freundin da ist, um mit Coco zu spielen, am anderen Tag ist er von 10 bis 14:30 Uhr weg  und fährt ins Büro). Er wird keiner Seite so richtig gerecht, besonders an diesen Tagen nicht, ist immer abgehetzt, nie ganz bei der Sache.
 
Für uns ist diese Aufteilung von Arbeits- und Familienzeit kein gutes Modell. Wenn ich davon erzähle, merke ich selbst, dass es doch eigentlich ein ganz schöner Luxus ist und alles unter einen Hut bringt. Am Ende des Tages habe ich aber Kopfschmerzen, weil dieser Hut viel zu eng ist. Ich will ihn nur noch herunterreißen.
 

 

Der Countdown läuft: Ich werde „Hausfrau“

Das tun wir nun. Es ist so weit. Morgen ist mein letzter Arbeitstag. Was kommt dann?
 
Endlich ankommen?
Überblick bekommen?
Mich fokussieren können?
Mein Leben im Griff haben?
Gar Flow?
Oder schnell Überforderung, weil ich dann eben jeden Tag die Kinder habe?
Werde ich mich nach den überschaubaren Büro-Tagen zurücksehnen?
Und wie wird es für Karl sein, die Kinder weniger zu sehen?
 
Wenn ich ganz ehrlich bin, habe ich bis heute keine Routine im Alltag. Die Vormittage sind kurz, es ist ein Gehetze, dass wir pünktlich im Kindergarten sind. Gefrühstückt haben wir dann noch nicht. Zurück nach Hause, frühstücken, Coco will spielen. Ist das nicht ihr gutes Recht? Vielleicht wäre sie beschäftigungsmäßig mehr auf ihre Kosten gekommen, wenn sie in der Zeit mit anderen Kindern spielen könnte, aber das ist ja nun mal nicht möglich gewesen. Wir haben es versucht, wir haben es WIRKLICH versucht. Es ist halt nicht so, sondern sie ist zu Hause bei mir. Dann will ich auch nicht, dass sie die ganze Zeit nur nebenher funktionieren muss, während ich versuche, dem Chaos in unserer Wohnung zu begegnen. Ich versuche täglich, eine Balance zu halten, und scheitere.
 
Gut geht es, wenn ich mich ganz aufs Hier und Jetzt einlassen kann und denke: Wie lange wird Coco noch so klein sein? Jetzt ist die Zeit, mit ihr zu spielen. Sie schafft es nicht so gut, sich alleine zu beschäftigen, und wenn: Will ich darauf zurückgreifen? Dass mein zweijähriges Kind, das sich alleine beschäftigen kann, sich maximal lange alleine beschäftigt, damit ich einigermaßen den Haushalt machen kann? Ist das meine Vorstellung von Kindheit und Familie?
 
Nein. Also spiele ich mit Coco und bin so angesteckt von diesem kindlichen „Alles für den Moment“. Das ist auch der Grund, warum es bei uns so aussieht, wie es aussieht –  bis es einen Punkt erreicht hat, an dem ich das Gefühl habe, vor Chaos nicht mehr atmen zu können. Und dann kann ich damit auch nicht mehr sinnvoll umgehen, weil es meine Grenzen des Aushaltbaren sprengt, und werde doof und ungeduldig, genervt und ungerecht.
 
 

Wie geht das eigentlich, Leben mit Kindern?

Vielleicht sollte ich lieber weiter arbeiten gehen. Um wenigstens mein aufgeräumtes Büro zu haben. Eine Komplexität, die ich gut händeln kann und die mich zur Ruhe kommen lässt.
 
Das hieße, weiter so wie bisher. Und nein, das will ich nicht. Dieses ständige Herumorganisieren, Logistik am Anschlag und nie Regelmäßigkeit. Ich will auch für Cocos Eingewöhnung im Kindergarten ab Ende August Zeit haben, einfach unlimitiert, weil ich verfügbar bin ohne Deadline im Nacken. Mir nicht wieder tausend Extrawürste erbetteln müssen, dass ich Arbeitstage tausche, unbezahlten Urlaub nehme oder gleich bezahlten (den ich nicht mehr hätte dann), was wieder eine öffentlich zu machende Perspektive erfordern würde („Bis wann brauchen Sie frei?“), die mich und Coco wieder unter Druck setzen würde mit der Eingewöhnung.
 
Nein, das will ich nicht mehr.
 
Deshalb hoffe ich, dass ich es irgendwie schaffe, mein Leben zu organisieren. Ich hätte gern feste Abläufe und glaube gerade selber nicht, dass ich das schreibe. Denn früher konnte ich alles spontan machen und habe es geliebt. Vielleicht liegt das daran, dass ich immer wieder in eine Grundordnung zurückkehren konnte.
 
Niemand hat mich eingearbeitet ins Elternleben, und ich habe das Gefühl, ich konnte nie wirklich hineinwachsen. Es war eher so: „Hey, Ausbildung abgeschlossen? Herzlich willkommen als Pressesprecherin des gerade explodierten Atomkraftwerks Fukushima. Du kannst sofort anfangen, alle anderen haben gekündigt.“
 
Ich weiß nicht, wie Alltag mit Kindern geht. Oder ist das eine Illusion? Ist meine Vorstellung absurd? Bei manchen von Euch habe ich den Eindruck, sie wissen, wie der Hase läuft.
 
Ich kann nur Ausnahmesituation
 
Was ich gelernt habe, ist Krisenintervention. Ich kann in Extremsituationen meine Kinder beschützen. Das kann ich. Obwohl es immer wieder sehr anders und auch triggernd war, hatte ich dafür einen klaren Kompass, der kam von selbst, aus meiner Intuition. Für den Alltag aber fehlt mir jede Intuition. Meine Intuition sagt mir: Hey, gerade ist alles gut? Super, was kostet die Welt? Jetzt machen wir all das, was vorher nicht möglich war!
 
"Die Mühen der Berge haben wir hinter uns, vor uns liegen die Mühen der Ebenen“, sagte Brecht, und vielleicht ist es genau das.
 
Für praktische Tipps bin ich dankbar. Ich schreibe das deshalb so ausdrücklich, weil mir meist mit emotionalem Beistand mehr geholfen ist. Und falls es jemanden unter Euch gibt, die oder der sagt: Du, ganz ehrlich, ich hab auch keinen Plan, dann ist es für mich leichter. Ist immer ein gutes Gefühl, nicht der einzige Alien zu sein ...
 
Und wenn jemand sagt, also ich mache das so und so, dann … tja ehrlich gesagt, dann wäre ich dankbar.
 
Inzwischen gucke ich morgens auf den Speiseplan des Kindergartens und koche dann für Coco und mich dasselbe. Ich brauche das gerade, dass mich jemand anleitet.
 
Ich hätte so gern einen Plan. Nicht nur einen Essensplan. Sondern so einen „How to Alltag“. Um dann auch gerne davon abzuweichen. Aber den Plan hätte ich gerne.
 
Also danke, falls Ihr einen habt und ihn mit mir teilen möchtet!
 
Eure Mo 
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Die müde Mutterrolle

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