Ich hätte dich fast verloren. Brief an mein Baby

Mein liebstes Baby: ich möchte dir heute etwas erzählen. Etwas, das ich noch niemandem erzählt habe. Etwas, das mich an schlechten Tagen nach wie vor verzweifeln lässt. Etwas, das ich dir im wirklichen Leben niemals sagen werde...

 

"Auf der Intensivstation" - Bildrechte: 2KindChaos

 

Drei Kinder wollte ich immer haben, und dann lernte ich deinen Papa kennen -- er war von dieser Idee sofort angetan. Drei Kinder, Geschlecht egal, auch wenn ich mich eher als Jungs-Mutter fühlte. Es dauerte lange, bis ich auf einem Schwangerschaftstest zwei Streifen bewundern durfte: ein Wunder laut meinem Gynäkologen, der mir jegliche Hoffnung auf eine natürliche Schwangerschaft bereits genommen hatte. Wir erwarteten deine grosse Schwester sehnlichst. Dann war sie da, und jegliche Begeisterung fiel von uns ab; ein »high need«-Kind, das überwiegend schrie, uns an den Rand des Leistbaren brachte -- und deutlich darüber hinaus. Ich machte (und mache) mir viele Vorwürfe, fühlte mich unfähig und ungeliebt. Ich war einsam und elend, gemeinsam waren wir unglücklich, und rückblickend, so traurig es ist, war diese Zeit eine der schlimmsten meines Lebens.

 

Meine süße Tochter,

mit dem Thema Kinder war ich durch, final und so richtig. Mir war das eine schon zu viel -- die Idee, drei Kinder haben zu wollen, erschien mir völlig absurd. Ich lebte nicht mit meinem Kind, ich lebte für es, und nichts hatte daneben noch Platz. Dein Papa war nicht mehr mein Partner und Vertrauter und Sexgott und Held, sondern der, der mir abends das schreiende Baby abnahm, damit ich nach zehn Stunden Dauergeschrei mal etwas Zeit für mich hatte. Deine Schwester war etwa 20 Monate alt, als du gezeugt wurdest. Es war das erste Mal, dass dein Papa und ich uns einander näherten, nähern konnten -- seit ihrer Geburt und eigentlich noch länger. Sicher, wir hätten verhüten sollen. Alle unsere Kondome hatten das Haltbarkeitsdatum lange überschritten, und neue zu kaufen war umständehalber nie ein Punkt auf unserer Liste gewesen. Ich stillte deine Schwester noch viel, hatte die Diagnose PCO, am ersten Kind hatten wir monatelang »gebastelt« -- wir liessen es darauf ankommen.

 

Meine hübsche Maus,

schon am nächsten Morgen war ich mir sicher, dass du dich auf den Weg zu uns gemacht hattest. Wie dein Papa über mich lachte! Er hatte recht. Natürlich hatte er recht! Und doch wusste ich es. An jenem Abend streichelte ich das, was einmal du werden sollte, durch meinen Bauch hindurch und flüsterte leise »Hallo, mein Baby«. Den Test machte ich zwei Tage vor NMT. Er war blass positiv, aber positiv. Ich war nicht überrascht -- dein Papa hingegen sehr. Ich musste so früh testen, denn ich bin nicht gesund und muss bei Einsetzen einer Schwangerschaft sofort auf Medikamente eingestellt werden. Der Spießrutenlauf begann, die Übelkeit, die ich aus der ersten Schwangerschaft bereits kannte, setzte ein. Angst machte sich breit: deine Schwester gab sich schwierig, ich schleppte mich durch den Tag und stellte mir die bange Frage: wie soll ich das bloss mit zweien schaffen? Eine Schmierblutung in der 6. Schwangerschaftswoche liess mich aufgescheucht zum Arzt rennen; nicht ungewöhnlich, kann mal vorkommen, machen Sie keine Panik. Alles gut. Ein schlagendes Herzchen im Ultraschall, der Mutterpass in meiner Hand: wir sehen uns in vier Wochen wieder.

 

Mein Baby,

als dein Papa mich in der 11. Schwangerschaftswoche nachts um halb 10 mit Sturzblutungen in die Klinik fuhr dachte ich, alles sei verloren. Das Blut, das mir die Beine herablief, das meine Hose durchtränkte, die unsagbaren Schmerzen im Unterleib -- ich weinte. Der diensthabende Arzt sprach nicht viel, er sah ernst drein und setzte mir vorsichtig den Ultraschallkopf auf die Bauchdecke. Ich sah nicht hin, tränenblind. »Es winkt«, sagte er, ermunterte mich, auf den Bildschirm zu schauen, und dann sah ich dich -- ein Köpfchen mit Stupsnase, zwei fuchtelnde Beinchen, zwei winkende Ärmchen, ein kleiner draller Bauch. So klein. So Mensch. Es war das erste Mal, dass ich dich so sah, und es war überschattet davon, dass du mich mit hoher Wahrscheinlichkeit verlassen würdest. Ich blieb stationär, war somit das erste Mal von deiner Schwester getrennt, und nun hiess es: abwarten.

Du hast mich Geduld gelehrt, Süße. Ich habe nie wirklich mit jemandem über das gesprochen, was dann begann: die Blutungen ließen manchmal nach, aber gingen nie ganz weg. Manchmal war es weniger, aber nie war es nichts. Ich hatte immer Schmerzen -- so wie sehr starke Regelschmerzen -- und immer Blutungen, meist wie eine starke Periode, oftmals aber noch viel mehr. Die Ärzte hätten mich bis zur Geburt am liebsten stationär gesehen, aber da war auch deine Schwester, keine zwei Jahre alt, die die Welt nicht verstand. Ein Auf und Ab der Gefühle, die ständige Angst, das viele Blut. Es war in der 19. Schwangerschaftswoche: deine Schwester schlief schon, in einem Moment saß ich gemütlich auf der Couch und im nächsten lag ich schmerzverkrümmt davor. Dein Papa war noch unterwegs. Ich verstand nicht, was da passierte, kroch halb besinnungslos vor Schmerzen zum Telefon und rief die Rettungsstelle. Dann deinen Papa. Er und der Krankenwagen trafen quasi zeitgleich ein. Ich erinnere mich nicht an viel, mir wurde noch vor deinem Wickeltisch liegend eine Infusion gelegt, ich wurde verladen, wand mich vor Schmerzen. Blut. Das viele Blut. Und Fruchtwasser, sagten sie.

 

Mein Schatz,

weisst du, wie gering die Überlebenschance im Falle eines so frühen Blasenrisses ist? Sie ist vernichtend gering.

Vor Beginn der Lebensfähigkeit des Kindes (ab ca. der 24. Schwangerschaftswoche) führt ein vorzeitiger Blasensprung meist zu einer Fehlgeburt. Vor der 20. Schwangerschaftswoche sollte die Schwangerschaft zum Schutz der Mutter vor Infektionen bei schlechter Prognose des Kindes aktiv beendet werden. Quelle: Wikipedia

In der Klinik wurden mir in beide Arme Zugänge gelegt; man ging davon aus, noch in der Nacht notoperieren zu müssen. Es wurde uns nahegelegt, uns einen Namen für dich zu überlegen, denn du würdest keine Überlebenschance haben. Ich machte mich mit dem deutschen Recht vertraut. Es gab mir das Gefühl, wenigstens ein klein wenig Kontrolle über die Situation zu behalten. Ich würde dich sehen und halten wollen, ganz gleich, wann du zur Welt kämst. Ich würde dich eintragen und bestatten lassen wollen. Ich verzweifelte über diesen Gedanken und konnte doch kaum an etwas anderes denken. Ich war aufgedunsen und vertrug die Medikation schlecht; ich brauche blutverdünnende Medikamente, da mein Thrombose- und Embolierisiko 80 mal so hoch ist wie bei einem gesunden Menschen. Bei starken Blutungen sind solche Medikamente jedoch kontraindiziert, was wiederum ein hohes Risko für mich darstellte. Im Ultraschall war quasi kein Fruchtwasser mehr zu erkennen -- aber ich sah dich. Und du hast mir gewunken. Bei jedem CTG hast du dich versteckt -- oder kräftig getreten.

 

Meine Süße,

in dieser Nacht habe ich lange mit dir geredet. Ich hatte ein Einzelzimmer mit dir, so dass sich niemand an meinem Schluchzen und Flüstern stören konnte, und ich streichelte dich, wodurch du sofort ruhiger wurdest, und erzählte dir -- von deiner Schwester und deinem Papa, meiner Unsicherheit und meiner Angst. Ich bat dich, bei mir zu bleiben. Ich sagte dir aber auch, dass ich dich gehen lassen würde, wenn du nicht bleiben wolltest. Dass ich deine Gründe zwar nicht kenne, aber die Tatsachen zu akzeptieren versuche. Und dann bat ich dich, zu gehen, wenn du gehen wolltest, und es nicht noch länger hinauszuzögern. Ich erzählte dir, dass ich ein psychisches Wrack bin und diesem Auf und Ab nicht mehr standhalte. Dass ich dich lieber gewinne mit jedem Tag, den du mir in die Rippen trittst. Und dass es mit jedem Tag nur unsagbar schwieriger wird, dich noch gehen zu lassen. Wir schliefen beide ein, wir waren beide ganz ruhig. Als ich aufwachte wusste ich: du bist noch bei mir. Mehr als zwei Wochen blieb ich stationär, und entlassen wurde ich von verblüfften Ärzten, die mir nur sagen konnten: das Leck hat sich verschlossen, das Fruchtwasser ist aufgefüllt. Eine ganz normale Schwangerschaft. Sozusagen. Ein Wunder.

Doch die Blutungen blieben, ich musste wöchentlich zur Kontrolle. Mit B negativ habe ich die zweitseltenste Blutgruppe, und in allen Kliniken im Umkreis waren vorsorglich Konserven angefordert worden. Es waren Hämatome, die abbluteten, Randsinusblutungen der Plazenta, oft ließ es sich überhaupt nicht eingrenzen. Viele Nächte verbrachte ich wach, mit dem Smartphone in der Hand und deiner friedlich schlafenden Schwester im Arm; wach, weil ich davon überzeugt war, morgens nicht mehr aufzuwachen, wenn ich jetzt einschliefe. Ich hatte Todesangst. Auch heute, über ein Jahr später, könnte ich bei der Periode durchdrehen, bringt sie doch genau jene sorgsam verdrängten Gefühle wieder an die Oberfläche. Doch ganz gleich, wie schlecht es mir ging -- du warst zu jeder Zeit fit, zappeltest herum, entwickeltest dich altersgerecht und prächtig. Ich lebte nur noch für den Tag: einen Tag nach dem anderen herumbringen. Nicht an morgen denken, nicht an das denken, was noch kommen könnte.

Im Nachhinein sagten mir viele, wie naiv das gewesen sei -- für mich war es die einzige Art zu überleben. Der Blasensprung kam bei 30+0, und ich wusste direkt: die Schwangerschaft ist zu Ende. Wieder stationäre Aufnahme. Wieder Medikamente, wieder Nebenwirkungen. Wieder warten. Du hattest keinen Platz mehr, dich zu bewegen, das Fruchtwasser war weg, ich konnte dich nicht mehr spüren. Die Spritzen für die Lungenreife schafften wir noch, dann musstest du geholt werden -- du saßest in Beckenendlage, die Risiken einer normalen Geburt wollte niemand eingehen. Und dann war mein Bauch weg. Und du warst weg, einfach so. Niemand stupste mich mehr. Kein Baby neben mir. Ich war allein im Zimmer, mit einer riesigen Operationswunde und Schmerzen und Wochenfluß-Stau und du auf Neo-Intensiv.

Ich hatte Angst um dich. Ich hatte Angst vor dir. Du warst so winzig und zerbrechlich, so bildhübsch und so fremd. Nachdem sich in den letzten Monaten alles darum gedreht hatte, dich möglichst unbeschadet auf der Welt landen zu lassen, sah ich mich nun einem Problem ausgesetzt, das ich vollständig verdrängt hatte: dass ich gar kein zweites Kind hatte haben wollen. Dass ich mich der Verantwortung nicht gewachsen fühlte. Dass ich bei dem Geräusch von Babyweinen sofort verzweifle. Und auf der Intensivstation gab es so viel davon -- nicht nur von dir. Ich saß beinahe ständig bei dir, und nachts schlief ich zwischen dem Stillen manchmal im Sitzen ein, mit meinem Kindle auf dem Schoß und einer Hand im Wärmebettchen. Ich erlebte es sozusagen live, als ein kleiner Kämpfer wie du im Nebenzimmer es nicht schaffte. Die Hektik. Die Alarme. Die Gesichter des Personals. Und ich hielt deine Hand, die so groß war wie mein Daumen und dunkelblau von den fehlgeschlagenen Versuchen, dir eine Infusion zu legen. Ich hatte den Eindruck, ich würde wahnsinnig werden, jetzt und hier. Ich musste mir viel anhören. Wie unausgeglichen ich sei. Wie schlecht ich für euch Kinder bin. Und dass ich selbst an der komplizierten Schwangerschaft und der viel zu frühen Geburt schuld sei -- weil ich so unsicher war, wie meine Hebamme sagte. So zwiegespalten. Und Kinder merken das, sagte sie. Kinder holen sich die Aufmerksamkeit, die ihnen zusteht. Zur Not auch auf die radikale Art.

 

Mein Baby,

stimmt das? Ich habe nie gewollt, dass du nicht zu uns uns kommst, ich habe nie an dir gezweifelt -- nur an mir. So sehr. So sehr, dass ich mich der Verantwortung, euch beiden gerecht zu werden, auch heute oft nicht gewachsen fühle. Es dauerte lange, so lange, bis ich einigermaßen zurechtkam. Und es tut mir so leid, so unsagbar leid -- alles. Von uns allen hast du, die am wenigsten dafür konnte, sicher am meisten gelitten. Und du hast mir gezeigt, was kämpfen bedeutet. Ich hatte oft Angst, dich nicht genug lieben zu können -- weil ich mir nicht vorstellen könnte, überhaupt jemanden auch nur ansatzweise so verrückt liebzuhaben wie deine große Schwester. Nun befürchte ich manchmal, dich mit meiner Zuneigung zu erdrücken. Die Balance, die ich über so viele Monate hinweg verloren habe -- ich hoffe, ich finde sie eines Tages wieder. Ich beobachte dich, wenn du versuchst, dir eine Socke auf den Kopf zu legen. Manchmal schlingst du deine Ärmchen um meinen Hals und gibst mir das, was du dir unter einem Kuss vorstellst. Du kannst »Mama!« quietschen, kuschelst dich vertrauensvoll an mich und strahlst mich mit deinen Augen an, die meine sind. Und neuerdings winkst du mir. Wie damals, per Ultraschall. Ein Wunder.

Wie bereite ich mein Kleinkind auf das Geschwister...
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