Identitätskrise als Mama - gibt es mich noch da drin?

Ich bewundere ja immer die Mütter, die so richtig aufgehen in ihrer Mutterrolle - zum Beispiel Ami ist so eine, die ganz selbstbewusst sagen kann, dass sie nicht mal das Ausgehen vermisst. Ich will meine Identitätskrise jetzt nicht über Ausgehen oder nicht definieren, dazu geht sie nämlich deutlich weiter... da schaue ich in den Spiegel und frage mich, wer ich überhaupt bin. Und ob ich diese Person sein möchte, die ich sehe.

 

 

Früher war ich ein ganz anderer Mensch

Klar kann man sagen, wenn man Mutter oder Vater wird, muss man irgendwie erwachsen werden oder doch zumindest auf der Ebene, auf der man die Verantwortung für andere Lebewesen übernehmen muss. Das ist sicher nicht mein Problem, denn auch beruflich habe ich immer Verantwortung für andere Menschen getragen - ich arbeitete im sozialen Sektor, vor allem mit Kindern und Jugendlichen. Aber da gab es einen großen Teil in meinem Leben, der nur mir gehörte - es gab Platz für meine Gedanken, meine Hobbies, meine Unsicherheiten, meine Wünsche, meine Musik, meinen Partner. Liste beliebig fortsetzbar. Und jetzt beschränkt sich das, was ich für mich machen kann, auf ein Minimum. Meist ist das sogar das Bloggen, vielleicht auch ein Grund, weshalb ich es so oft und gern praktiziere. Es bewahrt mich davor, mich endgültig im Mama Sumpf zu verlieren.

Tja, wer war ich früher? Ich war auf jeden Fall deutlich egozentrischer, hatte viel mehr Spaß, mehr oberflächliche Bekannte und Freunde. Ich war mal lustig, verdammt. Mir war Ausgehen wichtig, wenn ich samstags zuhause blieb, kam ich mir total langweilig vor und hatte das Gefühl, was zu verpassen. Ich kümmerte mich gern um mich, also Klamotten, Schminke, Sport - und kam mir trotzdem immer nicht gut genug vor, also in so fern hat es auch was Heilsames, darauf zu scheißen, wie ich aussehe und sowieso keine Zeit zu haben oder zu krank für Sport zu sein. Musik war für mich ein ganz wichtiger Teil meines Lebens, schon immer. Musik ist für mich pure Emotion und hat mir geholfen, Stimmungen auszudrücken und zu leben. Ich fühle mich regelrecht amputiert, weil ich kaum noch welche hören kann. Und nein, Rolf Zuckowski ist kein adäquater Ersatz. Ich vermisse mich, und ich würde einiges darum geben, mal wieder einen Tag ich selber sein zu können, nicht nur "die Mama von".

 

Unsicherheiten in der Schwangerschaft und das totale Chaos mit Baby und Kleinkind

Ich würde ja sagen, dass es für mich (!) schon irgendwie traumatisch war, schwanger zu sein, das erste Mal zumindest. Ich war so so unsicher, und ich fand es vor allem gegen Ende regelrecht gruselig, so aufgedunsen zu sein, mich kaum bewegen zu können, dass mein Busen ein Eigenleben entwickelt und so weiter. Ich musste wochenlang liegen und fühlte das erste Mal in meinem Leben die nackte Angst, mein Kind könnte sterben. Ich hatte noch nie so eine Angst gehabt vorher, vielleicht noch nie so richtig überhaupt. Ganz schlimm war es für mich, dass sich so viele Menschen einmischten in mein Leben und Sein, und sie konnten mich regelrecht angreifen, weil ich so unsicher war. An den Wunden habe ich immer noch, und das reichlich.

Ich fühlte mich durch die erste Geburt entwürdigt und entmündigt und danach nur wund und ekelhaft und es dauerte Monate, bis ich keine Schmerzen mehr hatte. Natürlich gab es auch diese magic moments mit der Verliebtheit zum ersten Kind und nein ich hatte keine postnatalen Depressionen. Ich hatte einfach "nur" damit zu kämpfen, starke Schmerzen zu haben, keinerlei Selbstbestimmung und absolute Fremdbestimmung zu erleben und dabei permanent von außen angegriffen zu werden. Das Gefühl, so richtig am Boden zu liegen und von allen getreten zu werden, da bleibt kein Raum mehr für das oberflächliche Ich, das ich mir all die Jahre lang aufgebaut hatte.

 

Wenn nur noch ein Gerüst vom eigenen Ich übrig bleibt - und man stark wird

Es dauerte bestimmt länger als ein Jahr, bis ich mich wieder ansatzweise fühlte wie ein richtiger Mensch. Dank meiner high need Tochter führte ich das Leben eines Babys; ich musste sie jede Sekunde ihres Lebens an oder auf mir tragen, sie wollte kaum eigenen Raum explorieren und klammerte nur auf meinem Arm, etwas, das sich übrigens erst jetzt langsam bessert. Im zweiten Jahr gab es auch noch viele ängstliche Phasen, wo ich schon befürchtete, dass sich das nie ändert und ich auch mit einer Grundschülerin auf dem Schoß nachts urinieren muss. Auch Autofahren war kaum möglich, und so war unser sozialer Radius extrem eingeschränkt - inklusive komplettes Unverständnis aller Menschen, die weiter weg wohnten.

Was das mit den meisten Beziehungen gemacht hat, brauche ich wohl nur ansatzweise erwähnen. Auch meine Partnerschaft ist ziemlich am Ende gewesen, und das sehr oft, immer mal wieder. Was soll da auch übrig bleiben, wenn man kaum eine Minute hat, in der man sich auch nur unterhalten kann? Oder nur ganz spät abends, wenn man zu müde ist, um auch nur zu reden? Wenn es regelrechte Familienkriege gibt, die zwischen einem stehen? Es ist einfach zu viel, um es in epischer Länge und Breite zu erzählen. Aber vielleicht ansatzweise vorstellbar, dass einfach alles aus dem Ruder lief. Und darüber hinaus habe ich mich selbst verloren.

Aber genauer hingeschaut ist es vielmehr so, dass man (sich selbst) auf den Kern der Persönlichkeit reduziert - überleben, lieben, beschützen, großziehen. Man hat keine Chance mehr, sich mit den leeren Hüllen zu umgeben, die man erschaffen hat über all die Jahre, man ist nur noch das rohe Ich. Und wenn man es irgendwann schafft, sich selbst vom Boden aufzukratzen, stellt man fest, dass man viel stärker geworden ist. Vielleicht wirklich erwachsen, vielleicht auch nur eine wirkliche Persönlichkeit geworden, vielleicht einfach die Energie da hin gerichtet, wo sie nicht nur dem Erhalt von Oberflächlichkeiten dient. Vielleicht einfach wirklich eine Mutter (oder Vater) geworden - und damit auch ein stückweit mehr man selbst.

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